Zeitgeschichte
Ein Volk in der Zeitmaschine
Guido Knopp, der Starhistoriker des ZDF, organisiert Pauschalreisen in die NS-Vergangenheit. Seine Ausflüge sind beliebt. Das Fernsehpublikum fühlt sich bei ihm vor allem Bösen gut beschützt

Von Peter Kümmel


Die Vergangenheit ist überfüllt. Etwa 106 Milliarden Menschen (plus/minus ein paar Milliarden äffischer Übergangswesen) haben auf der Erde schon ihr Leben verloren. Diesen Toten stehen nur sechs Milliarden lebender Menschen gegenüber. Die Toten verhalten sich zu den Lebenden wie Bewohner einer gigantischen Vierten oder Fünften Welt, Eingeborene einer aufgegebenen Zeitkolonie, zu ein paar ahnungslos glücklichen Zeitmillionären.
Was treibt uns, die noch Lebenden, dazu, die armen Toten gedanklich zu besuchen? Trauer? Nachgetragenes Mitgefühl? Der Philosoph Odo Marquard hat eine ernüchternde Erklärung. In unserer rastlos sich wandelnden Welt, so Marquard, sei der Mensch in der Lage eines Kindes, das verzweifelt versuche, Zusammenhänge zu begreifen. Allein in der Beschäftigung mit der Vergangenheit könne der „unerwachsene Mensch“ so etwas wie Ersatzerwachsensein erlangen. Ebenfalls sachlich sieht Ortega y Gasset die Situation: „Warum ist es niemandem eingefallen, daß wir mit jedem Tun eine Zukunft verwirklichen? Selbst wenn wir damit beschäftigt sind, uns zu erinnern. Wir ,tun Erinnerung‘ in diesem Augenblick, um im nächsten etwas zu erreichen, und wäre es nur das Vergnügen, ein Vergangenes zu erwecken.“
In Deutschland ist in den vergangenen Jahren ein Mann zu Ruhm gekommen, der größtes Vergnügen daran hat, die Vergangenheit zu erwecken und seinem Publikum das Gefühl der Ersatzerwachsenheit zu geben. Es ist Guido Knopp, der Leiter der Redaktion Zeitgeschichte des ZDF. Knopp ist der populärste deutsche Historiker nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Fachwelt ist er umstritten. Seine Kritiker werfen ihm vor, er beute die Vergangenheit aus wie eine Kolonie und betreibe „Geschichtspornografie“ (so der New Yorker Historiker Wulf Kansteiner). Andererseits: Seine Sendungen (Hitlers Helfer, Hitlers Krieger, Hitlers Kinder und viele mehr) werden in 42 Ländern gezeigt, und seine Methode ist stilbildend. Am 2. März beginnt im ZDF seine neue, vierteilige Serie Sie wollten Hitler töten. Sie befasst sich mit Widerstandskämpfern wie Georg Elser und Graf von Stauffenberg.

Der Schlaf eines Kindes

Knopp geht in die Vergangenheit mit dem Behagen des Autorenfilmers. Er hat in ihr gefunden, was Science-Fiction-Autoren in der Zukunft finden: den Stoff der größten Erzählung. Während die Sci-Fi-Denker sich im Cyberspace austoben und Cyberpunk machen, ist Guido Knopp eher dem gegenläufigen Genre zuzuordnen, dem Steampunk. Steampunk ist eine angelsächsische Methode der alternativen Geschichtsschreibung, die sich auf Jules Verne und H. G. Wells beruft und heute vor allem in den USA blüht. Man wirft sich mit der gestalterischen Fantasie von heute auf die Vergangenheit (etwa auf die Dampfmaschinenzeit, welcher die Gattung ihren Namen verdankt); man erlebt sie gleichsam im Rollenspiel. Natürlich verfälscht Knopp keine geschichtlichen Daten, wie es die Steampunk-Autoren tun. Aber er hat den unerschrockenen Gestaltungswillen und die Vergangenheitsbesessenheit des Steampunkers. Er zeigt die Vergangenheit als Director’s Cut. Er ist ein Historiker des Schneidetischs.
Knopps stilistische Markenzeichen sind: Spannungsmusik, schnelle Schnitte, ein saugendes Gemisch von historischem Filmmaterial, Zeitzeugeninterviewsplittern und so genannten rekonstruierten Spielszenen. Die Zeitzeugen haben nie länger als 20 Sekunden am Stück das Wort; sie dienen zur Demonstration des zeitlichen Abstands von der Katastrophe. Es sind, zynisch gesagt, Verwitterungselemente. Der Einsatz der Musik und der Geräusche folgt den Regeln des Suspense-Kinos. Regen prasselt, Hufe trappeln; man hört immerzu die Nachtigall der Erkenntnis durch die deutsche Geschichte trapsen.
Im Thriller sind es meistens Klänge, die das Böse ankündigen. Ein tönendes Windspiel im Kinderschlafzimmer bedeutet Alarm. Der Bösewicht hat die Balkontür aufgebrochen, gleich beugt er sich übers Bettchen des Jüngsten. Nach diesem Schema funktioniert die Tonspur der Knoppschen Filme. Sie sind gesättigt mit warnenden Geräuschen, die leider von den Handelnden nicht vernommen werden. Um im Bild zu bleiben: Bei Knopp ist das ganze deutsche Volk jenes Kind, in dessen Schlafzimmer sich das Böse herumtreibt. Dem Volk ist in Knopps Darstellungen oft eine Aura der Unschuld, der schützenden Unreife gegeben. Es ist „geblendet“ und „verführt“ worden, die Bösewichte (die seltsam konturlos bleiben) sitzen „ganz oben“, im kontaminierten Umkreis Hitlers.
Und nun: das Böse. Den „Führer“ lässt Knopp nie still durch seine Filme laufen. Trommeln und schrille Geigenstriche begleiten seine Bewegungen, eine in Klang übersetzte Adrenalinausschüttung. Gern wird das Böse auch mit ruckender Kamera und schnellen Schnitten angekündigt, das entspricht den heftigen Lidschlägen des Zeitzeugen. In solchen Momenten benehmen sich Knopps Filme wie Lebewesen – als seien sie selbst die vorkognitiven Wahrnehmungsapparate, denen das alles zustößt. Man fühlt sich als Zuschauer nicht ein in die Mitläufer von damals, man ist momentweise selbst einer; man ist im Raum, durch den das Böse gleitet. Man ist dabei und bleibt doch, mit Himmlers fürchterlichem Wort: anständig.
Amerikanische und deutsche Kritiker haben Knopp vorgeworfen, seine Filme funktionierten wie Rollenspiele, mit deren Hilfe sich die Deutschen mit ihren Großvätern versöhnen könnten. Die Filme hätten das „Wir“-Gefühl ins deutsche Erinnern gebracht. Zu emphatisch, zu wohlwollend werde der Alltag im „Dritten Reich“ gezeigt.
Den Deutschen im „Dritten Reich“ sind vor allem zwei Unterlassungen vorgeworfen worden: ihr Schweigen und ihr Wegsehen. Wie zur Kompensation dieses Umstandes schweigt das Knopp-TV nie, seine Passion ist das Betexten und das Hingucken. Verheerend ist, dass es den Knopp-Filmen die tumbe Bildlegenden-Sprache nie verschlägt, dass sie nie aus ihrem Magazin-Rhythmus fallen. Die Technik des Allesverbindens und Allesüberblendens führt zu einer Simulation von Zusammenhang, zu einem Geschichtsbewusstsein des Hörensagens, zur Zerstäubung aller Kausalität. Den Deutschen im „Dritten Reich“ wurde vorgeworfen, sie hätten aus Selbstschutz eine Lebensform des Halbwissens kultiviert. Aber verhält sich nicht geradezu komplementär zum Verdrängten und halb Gewussten der Nazizeit das raunend „Halbgeschehene“ der Knopp-Filme? Die Rekonstruktion ungesehener Vorgänge nach dem Schema von XY – Ungelöst?
Geschichts-TV am Originalschauplatz: Die Kamera von heute folgt den Spuren der großen Toten mit der Neugier eines Welpen. Die Spuren sind noch warm. Der Zuschauer an der Leine wird sicher durch den Schlamassel gezogen. Knopps Bewältigungsdramaturgie siegt über jeden Stoff. Seinem Schneidetisch ist nichts Menschliches fremd. Was wir auch sehen, hier ist es schon verschmerzt.
Gesprochen wird im ewigen Präsens der Sportberichterstattung, und die Erzählerstimmen kennt man aus dem Kino. Christian Brückner, die deutsche Stimme Robert De Niros, hat viele Knopp-Filme geprägt; die neue Serie spricht Robert Redford, Pardon!, sein Synchronisator Rolf Schult. Die Sprecherwahl suggeriert, dass unsere Vergangenheit nicht nur fürchterlich, sondern auch bedeutend sein muss, Lernstoff und allergrößtes Kino. So wird die deutsche Geschichte zu einer Welterzählung von Tragik, Verstrickung, Läuterung und Auferstehung.

Das Fliegenpapier

Guido Knopp erwähnt in Interviews oft den sprichwörtlichen kleinen Angestellten, der abends frustriert nach Hause kommt, den Fernseher einschaltet und Unterhaltung will. Für den mache er seine Filme. Der soll hängen bleiben. Könnte es sein, dass der kleine Mann gerade deshalb bei Knopp hängen bleibt, weil ihm so viel fehlt? Weil das Fernsehen ihm hier das verträgliche Maß an fremdem Schicksal liefert, an erspartem Schmerz?
Der kleine Mann bleibt für 45 Minuten hängen an einem Phänomen, zu dem Robert Musils Prosa-Miniatur Das Fliegenpapier das erzählerische Vorbild liefert. „Verstrickung“ ist das oberste Motiv, und „Geschichte“ ist das Fliegenpapier, an dem sie alle kleben. Deshalb die Musik, die das Verkleben spürbar macht. Deshalb die nachgedrehten Szenen, Großaufnahmen von Händen, die Schriftstücke unterzeichnen, von Händen, die Bomben montieren: Momente des Einsinkens; man sieht, wie die Insektenfüßchen kleben bleiben.
Man hat Knopp den Marcel Reich-Ranicki des Geschichtsfernsehens genannt. Da ist etwas dran. Wo Reich-Ranicki uns vor der Literatur beschützt (er fängt den Schund ab und rodet den Dschungel für uns), sorgt der chefärztlich seriöse Knopp dafür, dass uns unsere Vergangenheit nichts mehr tut. Er hat sie sediert. Sie wird nicht mehr ausbrechen.
Im ersten Film der neuen Serie, Der einsame Held (2. März, 20.15 Uhr) geht es um Georg Elser. Der härteste Satz, der darin über das deutsche Volk gesprochen wird, lautet: „Die Mehrheit der Deutschen lässt sich blenden.“ Wir haben begriffen: Das Knopp-Erinnern ist das schonendste Erinnern, das wir kriegen können. Wenn wir schon an die Vergangenheit gefesselt sind, dann bitte in den Wollfesseln des Guido Knopp.
Man erinnert sich, um zu vergessen, lautet eine These Freuds. Da eine solche Strategie für die Deutschen nicht statthaft ist, wählen sie gern eine Art der Erinnerung, die dem Vergessen nahe kommt. Es ist die Erinnerung als Zerstreuung.
Am Ende des zweiten Films der neuen Serie, Verpasste Chancen (9. März) versucht Rittmeister Eberhard von Breitenbuch, den „Führer“ zu erschießen. Aber er wird zu Hitler nicht vorgelassen. Wolken jagen über den Obersalzberg. Und Robert Redford spricht das Schlusswort: „Schon bald wird ein neuer Plan entstehen, Hitler zu töten.“
Vielleicht klappt’s ja in der nächsten Folge. Ein Vorschlag ans ZDF: Lasst das Publikum abstimmen. Liebe Zuschauer, soll Hitler nächste Woche einem Attentat zum Opfer fallen? Wir sind gespannt.

(Quelle: DIE ZEIT Nr. 10 vom 26.02.2004)