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Thema: Charlotte Rampling

  1. #1
    laertes
    Gast

    Charlotte Rampling

    die wunderbare britische schauspielerin charlotte rampling (stardust memories, unter dem sand, swimmingpool) hat vor kurzem folgendes interview in der ZEIT gegeben:



    Kino
    „DIE BILDER SIND STÄRKER ALS ICH“
    Charlotte Rampling, geboren 1945 in England, ist Tochter eines Nato-Offiziers. Anfang der sechziger Jahre arbeitete sie als Model, spielte erste Filmrollen und avancierte wegen ihres Sex- Appeals zur Kultfigur. In Filmen von Woody Allen, Liliana Cavani und Luchino Visconti bildete Rampling ihr Image der rätselhaften, verstörenden wie verstörten Verführerin. Nach privaten Krisen zog sie sich von der Leinwand zurück und feierte vor zwei Jahren in François Ozons Film „Unter dem Sand“ ein triumphales Comeback. In Ozons neuem Film spielt sie als frustrierte, zickige englische Krimiautorin, die souverän über allen Drehbuchfinten thront, gegen ihr eigenes Image an.

    Die Zeit: In Stardust Memories liefert Woody Allen seine ganz eigene Definition vom Glück: Glück ist, an einem warmen New Yorker Nachmittag eine Louis-Armstrong-Platte aufzulegen und Charlotte Rampling zu betrachten.

    Charlotte Rampling: Diese Szene war ein echtes Geschenk. Ich blättere gedankenverloren in einer Zeitschrift, während er in einem wunderbaren inneren Monolog von seiner Liebe spricht. Er inszenierte mich in der Rolle der Dorrie wie eine laszive Katze, die auf dem Boden liegt. Als Inbegriff der Schönheit und Verführung. Und doch hat mir diese Einstellung auch Angst gemacht, weil ich mich von Woody Allens Blick überfordert fühlte.

    Zeit: Die rätselhafte Dorrie aus Stardust Memories hat Ihr Image des unnahbaren Vamps verfestigt. Haben die Filmemacher das Mysterium stets in Sie hineinprojiziert, oder sind Sie wirklich so verschlossen?

    Rampling: Ich denke, mein Rollenbild hängt durchaus mit den Abgründen in mir selbst zusammen. Und was das Spiel mit der Erotik betrifft: Mir lag immer daran, dass meine Filme etwas Aufrüttelndes, Aufklärerisches haben. Gerade in sexueller Hinsicht, so albern sich das anhören mag.

    Zeit: Denken Sie an Nagisa Oshimas Film Max, mon amour, in dem Sie eine Affäre mit einem Schimpansen haben?

    Rampling: Auch diese Liebesgeschichte hat ihre Normalität. Und mit einem Affen als Gegenüber spielt es sich auch nicht so viel anders als, sagen wir, mit Paul Newman.

    Zeit: Was meinen Sie mit Aufklärerisch? In Liliana Cavanis Skandalfilm Der Nachtportier spielten Sie eine Holocaust-Überlebende, die nach dem Krieg eine sadomasochistische Beziehung mit einem SS-Offizier eingeht. Wollen Sie zeigen, dass es mehr Formen der Normalität gibt, als sich normale Leute vorstellen können?

    Rampling: Oder dass es eine normale Unnormalität gibt.

    Zeit: In seinem Film Acht Frauen spielte der junge Regisseur François Ozon mit den Images seiner acht Starschauspielerinnen. In seinem neuen Film Swimming Pool haben Sie die Rolle einer verhärmten englischen Krimischriftstellerin. Wollten Sie gemeinsam mit Ozon das Bild der coolen Verführerin brechen?

    Rampling: Man könnte sagen, dass er es schon lange vor den Dreharbeiten für mich gebrochen hatte. Ozon hat die Rolle der Krimiautorin Sarah Morton für mich geschrieben, und sie hat mich ungemein amüsiert. Die extreme Britin zu spielen war eine Art geistige Gymnastik für mich.

    Zeit: Im Film fährt Sarah Morton nach Südfrankreich, um sich im Haus ihres Verlegers zu erholen. Dort wird ihre Ruhe durch dessen Tochter gestört, eine sinnenfrohe Französin. Die frustrierte Britin und die erotomane Französin. Was halten Sie von diesen Typisierungen? Immerhin leben Sie seit 25 Jahren in Frankreich.

    Rampling: Das Spiel mit kulturellen Klischees macht natürlich den Reiz dieses Films aus. Ich bin selbst ein wenig wie Sarah Morton. Ich bin sehr englisch und hatte eine sehr strenge Erziehung. Als Tochter eines Offiziers ließ man mir nichts durchgehen, Disziplin war alles. Später schickte man mich auf eine Klosterschule bei Fontainebleau, und das war auch kein Zuckerschlecken. Wäre mein Leben ein wenig anders verlaufen, dann wäre ich wahrscheinlich eine zickige und verklemmte Engländerin geworden. Aber da ich schon so lange in Frankreich lebe, habe ich glücklicherweise einen etwas freieren Lebensstil und einige französische Manierismen und Marotten angenommen.

    Zeit: In Swimming Pool entspinnt sich zwischen Ihnen und Ludivine Sagnier eine Art Duell der Lebensformen. Beide Frauen kämpfen um den Blick eines jungen Mannes. Geht es hier auch um die Konkurrenz zwischen zwei Schauspielerinnengenerationen?

    Rampling: Sarah Morton ist eine Art Vampirin, die ihr junges Gegenüber für ihre Bücher aussaugt. Ich weiß, dass es unter Schauspielerinnen ähnlich gnadenlose Beziehungen gibt. Aber ich selbst verspüre ein unglaubliches Vergnügen, wenn ich mir junge Menschen anschaue. Ich empfinde eine echte Sinnlichkeit dabei. Ich habe das Gefühl, meine eigene Jugend zu betrachten, denn wenn man selbst jung ist, schaut man sich niemals wirklich an. Ich zumindest habe mich in meinen wilden Zeiten nie wirklich sehen können. Man weiß nicht, wer man ist, was man ist. Erst wenn man älter wird, ist man zu diesem anderen Blick imstande und kann die Jugend wirklich betrachten. Und wenn man keine Panik vor dem Alter hat, dann kann man diesen Blick tatsächlich genießen.

    Zeit: Es gibt in Swimming Pool eine wunderbare Szene, in der Sarah Morton während einer Spontanparty der Jüngeren mithalten will und einen ungemein ungeschickten Tanz hinlegt. Wenn man bedenkt, dass Sie in den Sechzigern der Mittelpunkt von Swinging London waren, hat diese Szene eine unterschwellige Komik.

    Rampling: Da musste ich gegen mich selbst anspielen, gegen mein Image. Es war unglaublich schwer, jemanden zu spielen, der nicht tanzen kann. Ich musste bestimmte Bewegungen „verlernen“. Das widerspricht tatsächlich dem Ruf, den ich damals errungen habe. Charlotte Rampling, die Partyqueen!

    Zeit: Warum sagen Sie das so ironisch?

    Rampling: Sehen Sie, ich war damals ein junger Hüpfer, der in diesen Strudel aus Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll hineinkatapultiert wurde. Ich versuchte eigentlich nur, mich einigermaßen gerade und möglichst wenig schwankend fortzubewegen. Und nicht auszuflippen. Denn wir waren ziemlich berauscht. Wenn ich mir heute Dokumentationen oder Fotos aus dieser Zeit ansehe, dann denke ich: „Wow, da war ich dabei, da habe ich mitgemischt. Ich war auch mal so.“ Irgendwie ist das alles sehr abgelöst, sehr fern, sehr distanziert von mir. Vielleicht bin ich einfach eine distanzierte Person.

    Zeit: Sie liefen damals in Mikrominiröckchen über die King’s Road, lebten mit zwei Männern zusammen und waren ständig in der Boulevardpresse. „Do you want to rample with me“ wurde zum geflügelten Wort. War dieser Lebensstil auch eine Art Rache an ihrem strengen Vater?

    Rampling: Keine bewusste. Vielleicht eine unbewusste. Aber Sie dürfen nicht vergessen: Es waren einfach wilde Zeiten, und es war völlig normal, unmögliche Dinge zu tun. Wir waren jung, wir waren in Chelsea, dem neuen Mittelpunkt der Popwelt, ich hatte genau das Alter und das Aussehen, und eh wir uns versahen, wurden wir zum Swinging London. Es bereitete mir manchmal diebische Freude, dass es für meinen Vater harte Zeiten in seinem Golfclub gewesen sein müssen.

    Zeit: Sie sprechen von Swinging London immer mit einem gewissen Understatement. Andere Leute sind stolz auf ihre wilden Jahre.

    Rampling: Ich denke einfach, dass der Tabubruch damals nicht immer eine individuelle Leistung war. Die normierte Überschreitung kann eben auch etwas Spießiges haben. Außerdem bin ich in dieser Beziehung furchtbar englisch. Ich war nie stolz auf etwas. „You don’t blow your own trumpet“, wie mein alter Vater zu sagen pflegte, „Rühme dich niemals selbst“. Bis heute konnte ich mich nicht von seinen Grundsätzen befreien: Bescheidenheit, Disziplin, Kontrolle.

    Zeit: Schwingt die Offizierstochter auch in Ihren Filmen mit? In Liliana Cavanis Der Nachtportier behalten Sie selbst als Masochistin die Kontrolle. Auch in Swimming Pool halten sie am Schluss alle Fäden in der Hand.

    Rampling: Ich scheine einfach für alle Zeiten ein Prototyp zu sein. Das Image des coolen Vamps werde ich jedenfalls nicht los. Egal, wie viele Neurotikerinnen ich spiele, ich bleibe diejenige, die die Kontrolle hat. Das ist umso erstaunlicher, als ich schlimme Krisen durchlebt und stets offen darüber gesprochen habe. Mir war wirklich nie am Bild des unnahbaren, überlegenen Stars gelegen. Aber die Leinwand hat auf ihre Weise recht. Die Bilder sind stärker als ich.

    Zeit: Manchmal gelingt es Ihnen aber auch, die Bilder zu besiegen: In Swimming Pool gibt es eine wirklich erstaunliche Szene. Sie liegen nackt auf dem Bett und scheinen doch nicht nackt. Eigentlich wirken Sie fast angezogen.

    Rampling: Das liegt an der Art der filmischen Repräsentation: Sarah Morton inszeniert diese Verführungsszene ja als regelrechte Theatervorstellung. Sie muss dem alten Gärtner den Kopf verdrehen, damit er sich nicht mehr für die Leiche im Garten interessiert. Ganz banal und buchstäblich lag ich natürlich nackt auf diesem Bett, und die Kamera fährt meinen Körper entlang. Und doch befinden wir uns schon in einer zweiten Realitätsebene.

    Zeit: Sie meinen, Sie spielen jemanden, für den die Nacktheit ein Spiel ist.

    Rampling: Genau. Und ich glaube, man sieht auf den Bildern tatsächlich, was in meiner Vorstellung geschieht. In meinem Kopf war ich nämlich nicht nackt.

    Zeit: Ist das für Sie die eigentliche Herausforderung: sich der Leinwand letztlich zu entziehen?

    Rampling: Denken Sie an meinen anderen Ozon-Film Unter dem Sand. Da hatte ich doch Liebesszenen.

    Zeit: Aber Sie haben beim Sex gelacht.

    Rampling: Vielleicht kann ich die Liebe im Kino tatsächlich nicht todernst nehmen. Jedenfalls nicht die reine, ungebrochene Liebe.

    Zeit: Andererseits ist Ihr liebstes Kinoliebespaar Humphrey Bogart und Lauren Bacall. Weshalb haben Sie sich auf der Leinwand nie eine große Liebesgeschichte mit einem ordentlichen Happy End gegönnt?

    Rampling: Es waren einfach nicht die Zeiten. Das „engagierte“ Kino war en vogue. Wir wollten direkt in die Köpfe der Leute vorstoßen. Ich wollte Filme machen, die provozierten. Liebesfilme, pah, darauf schaute ich herab. Ich wollte gehört werden. Und zwar auf möglichst unterirdische Weise. Ich spiele am liebsten von hier [sie beugt sich herab und zeigt unter das Sofa]. Und von da unten können dann die Geheimnisse heraufsteigen. Dinge, die ich gar nicht mehr artikulieren muss, weil ich sie stumm, nur mithilfe der Kamera ausdrücken kann.

    Zeit: Noch ein Satz der Offizierstochter: „Ein Schauspieler ist verantortlich für die Wahrhaftigkeit der Gefühle, die er auf die Leinwand bringt.“ Ist das Ihr Berufsethos?

    Rampling: Ja, bis auf wenige Ausnahmen habe ich nur Rollen ausgesucht, bei denen ich an jedes Wort glauben konnte. Ich versuchte dem, was ich für die Wahrheit hielt, so nah wie möglich zu kommen. Ja, es ist ein Moralcode. Moral ist wichtig, gerade für Schauspieler.

    Zeit: Ein Schauspieler braucht den Blick der anderen. Bei Ihnen hat man das Gefühl, dass Sie sich durch diesen Blick eher bedroht fühlen.

    Rampling: Sogar sehr bedroht. Deshalb habe ich mich auch nie getraut, Theater zu spielen. Aber im September stehe ich in Paris mit Bernard Giraudeau auf der Bühne. 700 Menschen werden mich ansehen. Das ist entsetzlich. Aber einmal im Leben muss man es tun.

    Zeit: Und im Kino habe Sie weniger Angst vor dem Blick?

    Rampling: Ja, denn ich muss ja nicht ins Kino gehen. Wenn der Film anläuft und die Leute auf die Leinwand blicken, kann ich mich verstecken.

    Zeit: Was genau ist denn so schlimm daran?

    Rampling: Ich glaube, ich brauchte Tage, um diese Frage zu beantworten. Das ist etwas sehr Persönliches. Es hängt mit der Kindheit der Offizierstochter zusammen. Ich habe Angst. Angst, dass mich mein Image gefangen nimmt, dass es mich erwischt und mich versteinert. Albern, nicht wahr?

    Zeit: Als Schauspielerin kann man Ihnen weiß Gott keinen Narzissmus vorwerfen.

    Rampling: Wenn das ein Kompliment sein soll, dann muss ich es jetzt als Offizierstochter wieder entkräften: Vielleicht habe ich einfach nur Angst vor meinem Narzissmus.


    Das Gespräch führte Katja Nicodemus

    (Quelle: (c) DIE ZEIT 14.08.2003 Nr. 34)


    btw:
    wird zeit, ihr mal einen platz in der 'stars'-liste zu widmen (sind eh viel zu wenig frauen dabei, insb vermisse ich neben rampling auch isabelle huppert und juliette binoche)

  2. #2
    Zuschauer
    Registriert seit
    17.11.2003
    Beiträge
    6

    Re: Charlotte Rampling

    Rampling sehe auch ich als Ausnahmeerscheinung unter den Schauspielerinnen an. Ich finde ihr Spiel - trotz ihres aussergewöhnlichen Talents- manchmal ziemlich beängstigend.Ich hatte vor ein paar Monaten das Glück, beim Zappen durch die Kanäle, zufällig auf ARTE "Sous le Sable" sehen zu können (lief ja nur zwei lausige Wochen im Kino).Der Film macht einen sowieso schon halb wahnsinnig, mit der drückenden Stille, die in sämtlichen Szenen vorherrscht, und dann auch noch Ramplings psychopathischer Ausdruck im Gesicht...

    Tja, zum Thema Binoche werd ich mich am besten raushalten.Meinen Geschmack trifft sie mit ihren Rollen so gut wie nie.Allenfalls in "Die Liebenden von Pont-Neuf" kann sie bei mir ein paar Sympathiepunkte erhaschen.

    Was Huppert angeht: Eine tolle Frau! Ich war begeistert und schockiert gleichermaßen, nachdem ich Haneke´s "KLavierspielerin" gesehen hatte.
    Auch von "Merci pour le chocolat" (Chabrol hat ja bekanntermaßen ein Faible für Madame Huppert) war ich sehr angetan.Nicht zu vergessen natürlich auch ihre wahnsinns-Rolle in "8 Frauen".Ich wär ja fast abgekratzt vor Lachen.

    Doch die Göttin des europäischen Kinos ist und bleibt für alle Zeit: Catherine Deneuve.

    Mon dieu,isch liebe diese Frau!

  3. #3
    laertes
    Gast

    Re: Charlotte Rampling

    juliette binoche spielt in der tat großartig in die liebenden von pont neuf. aber was hältst Du von ihr in die unerträgliche leichtigkeit des seins oder drei farben: blau? auch diese rollen vermag sie IMHO mit unglaublicher intensität und authentizität auszufüllen.
    isabelle hupperts spiel als beängstigend zu beschreiben, trifft meines erachtens die sache auf den punkt. insb in die klavierspielerin agiert sie mit einer dermaßen unterschwelligen aggression, dass es mich wirklich geschaudert hat.

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