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Thema: Satire durfte alles (Tucholsky, aktualisiert)

  1. #1
    laertes
    Gast

    Satire durfte alles (Tucholsky, aktualisiert)

    Ich maße mir an dieser Stelle an zu behaupten, den Islam in seiner alltäglich-praktischen Ausprägung, also in seinem tatsächlichen Gelebtwerden zu kennen. Auf diese Weise lernt man den Islam nur kennen, wenn man mit denjenigen kommuniziert, die ihn leben, deren Religion er ist und für die ALLAH der eine und einzige ist.
    Gerade diese Menschen, männlich und weiblich, alt und jung, waren es, die mir einen wunderbaren Aufenthalt in meinem Gastland Ägypten ermöglichten. Ich habe immer noch zu Ihnen Kontakt, über mail, Telefon, Messenger. Und ich habe vor, bald wieder nach Ägypten zu fahren, zu einem kürzeren Besuch und um die Sprache und meine Kenntnisse über die Religion weiterhin zu vertiefen (ein großes Projekt).
    Ich respektiere den Islam und die Muslime. Ich habe fast ausschließlich herzliche, liebenswerte, aufrichtige und authentische Menschen kennengelernt.


    ABER!:


    Eine Religion, die so dermaßen viel Toleranz benötigt und auch einfordert wie die islamische, muss mit Kritik und Satire umgehen können. Ihre Mitglieder müssen in der Lage sein, verbale und künstlerische Angriffe auf derselben Ebene zu beantworten. Und sie müssen verstehen, dass in anderen Gesellschaften und Staaten andere Werte, andere Gesetze gelten, und dass die Meinungs- und Pressefreiheit kein weniger wichtiges Grundrecht ist als die Glaubensfreiheit. Das Bilderverbot des Islam gilt innerhalb des Islam und nur für Muslime. Es gilt nicht für Nichtmuslime: Christen, Juden, Agnostiker, Atheisten.
    Deshalb finde ich es anmaßend, wie die Araber auf die Muhammad-Karikaturen in der dänischen und norwegischen und mittlerweile auch in der französischen und deutschen Presse reagieren: mit Humorlosigkeit und blankem intolerantem totalitärem Hass. So ist ein Zusammenleben einfach nicht möglich!
    Während deutsche Behörden den Bau von Moscheen zulassen und Stadtviertel, in denen ostanatolische Frauen kein Wort Deutsch zu sprechen brauchen, ja sogar fragen: "Wozu brauchen wir die Deutschen?", während die Stellung des Islams zu Homosexualität und zur Rolle der Frau weiterhin eine der Erniedrigung ist, darf der westliche Beobachter nicht seine Sicht der Dinge - auch in Form der Karikatur - mitteilen? So weit darf es nicht kommen. Toleranz muss von beiden Seiten kommen. Um es mit Ulrich Speck zu sagen:

    "Wenn Muslime in Europa Glaubensfreiheit, Meinungsfreiheit, Assoziationsfreiheit und Demonstrationsfreiheit in Anspruch nehmen, müssen sie auch respektieren, dass diese Freiheiten von anderen genutzt werden. Ansonsten sägen sie an dem Ast, auf dem sie auch selbst sitzen - der liberalen Ordnung."

    Was den Islam so ungeheuer stark macht: sein einer und einziger Gott, sein unantastbarer QUR'AN, sein Aufbauen auf einigen wenigen Grundprinzipien, die Gleichheit seiner Glaubenden, gleich welchen Standes sie auch sind, nicht zuletzt seine Kompromisslosigkeit - all dies macht den Islam leider auch gefährlich.



    p.s.:
    Die einzige angemessene Reaktion auf die ganze Situation, gefunden natürlich bei titanic-magazin.de:


  2. #2
    laertes
    Gast

    Re: Satire durfte alles (Tucholsky, aktualisiert)

    Hier der Titanic-Startcartoon von heute:



    Reaktionen darauf gibt es auch, zB diese - Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella lässt die aktuelle Diskussion kalt, die Satirezeitschrift arbeitet weiter mit ihren humoristischen Mitteln, so sein Statement im Inforadio:

    "Dieser islamische Fundamentalismusquatsch ist ja nur eine von den ganz neuen Dummheiten, die uns jetzt auch noch beschäftigen müssen - sie sollen sich halt melden. Ich glaube, einmal kam so eine Bombendrohung: "Wir werden euch alle töten." Nicht mal das halten sie ein... Also Angst vor Repressalien haben wir nicht, unsere Auflage in den arabischen Staaten ist gering und wenn da der ein oder andere muslimische Abonnent zurücktritt, weil wir seine religiösen Gefühle beleidigt haben, dann muss er halt kündigen. Ich glaube, so viele sind es in der Tat aber nicht."
    (Interview von Claudia Ulferts, tagesschau.de)

  3. #3
    Regisseur
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    2.133

    Re: Satire durfte alles (Tucholsky, aktualisiert)

    Es ist erstaunlich, wie schwer es im Internet an diese Karikatur ranzukommen.
    Aber da sieht man mal wieder wie empfindlich die Reibefläche von Westlicher und Islamischer Welt ist. Jetzt ist schon eine Karikatur(!) ein ehrlich gesagt lächerlicher Anlass für Boykott und ähnliche Agressionen.

  4. #4
    Regisseur
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    07.07.2005
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    Re: Satire durfte alles (Tucholsky, aktualisiert)

    Die "Lächerlichkeit" löst aber ganz schöne Turbulenzen aus. In Frankreich zittern sie vor neuen Unruhen, in Gaza schließt die EU sicherheitshalber eine Vertretung. Da spiralt sich was zusammen!
    Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

  5. #5
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    Re: Satire durfte alles (Tucholsky, aktualisiert)

    Ich würde mich freuen, wenn die Gemäßigten die Radikalen mal zur Ordnung rufen würden, und sagen: "Leute, lasst mal die Kirche im Dorf, und euch nicht immer von irgendeinem dahergelaufenen Marktschreier aufhetzen."

    Gibt es unter uns einen Moslem, der mal sagen könnte wie er darüber denkt?

  6. #6
    Regisseur
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    Re: Satire durfte alles (Tucholsky, aktualisiert)

    hm.. bin da etwas zwiespältig. Laertes' Ausführungen find ich richtig und gut. Die islamische Welt muss auch mit der westlichen Kultur und unseren Freiheitsbegriffen umgehen können. Auf der anderen Seite bin ich aber auch nicht sicher, inwiefern man das genau trennen kann, wer nun den Propheten Mohammed darstellen darf. Verstehe die Argumentation, weshalb es eigentlich kein Problem sein sollte.. andererseits würde ich persönlich dazu neigen, den Wunsch der Moslems (wenn ich den mal so interpretieren darf) zu respektieren und das Thema in dieser Art und Weise unangetastet zu lassen.

    Sehe diesen Aufruhr allerdings auch mit sehr gemischten Gefühlen. Agitation und Aktionismus, dieses scheinbar blinde Ausrasten, was man so oft dann in Nachrichten sehen kann, wenn z.B. Palästinenser ihre eigenen Regierungsgebäude stürmen und vom Dach wild in die Luft schiessen (wobei im Übrigen immer wieder Menschen getötet und verletzt werden, die Kugeln kommen ja auch wieder runter..) sind mir sehr fremd. Ist ein allgemeines Mentalitätsproblem und ich wäre extrem vorsichtig mir ein Urteil anzumaßen über diese doch tief verwurzelten Kulturverschiedenheiten. Auch wenn ich es mitunter zum Schreien lächerlich, oder besser ob der Ernsthaftigkeit der Angelegenheit, abartig finde, wenn im Namen der "Ehre" aus einem Streit eine Messerstecherei hervorgeht (gut, ist mehr südländisch als speziell moslimisch diese unerfreuliche Neigung).. ist das ja doch aus meinem Blickwinkel betrachtet und wenn ich da eine Absolutheit vertreten wöllte, müsste ich damit auch die westliche Mentalität als Höherwertig ansehen.

    Langer Rede fehlender Sinn, Verständnis sollte von beiden Seiten ausgehen, allerdings muss man auch in Betracht ziehen, welche Seite zu verständnisvollem Umgang in welchem Themenbereich eher in der Lage ist.


    @ Stewart: Das Dumme ist halt, dass man aus einer Menge Menschen immer nur die lautesten Schreier heraushört und diese allzu schnell dann als repräsentativ ansieht.

  7. #7
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    Re: Satire durfte alles (Tucholsky, aktualisiert)

    Ja, leider!

    Kann zum Nahostkonflikt jemand ein Buch empfehlen?
    Juden gegen Araber/Palästinenser. Ursachen, Geschichte, Hintergründe, eine Chronik der Ereignisse oder ähnliches.

    Danke!

  8. #8
    laertes
    Gast

    Re: Satire durfte alles (Tucholsky, aktualisiert)

    @joewolff:
    die karikaturen gibt es hier.

    @stewart:
    ich empfehle zum einstieg dringend "europa und der islam - geschichte eines missverständnisses"; von franco cardini. der nahostkonflikt wird in diesem buch zwar auf nur wenigen seiten abgehandelt, aber!: das buch liefert das nötige vorwissen - es schildert die entstehung des islams und sein verhältnis zu europa -, um die situation des "land ohne volk für ein volk ohne land" überhaupt verstehen zu können.
    zur (knappen) vertiefung speziell des nahostkonflikts empfehle ich "der nahostkonflikt"; von rolf steininger.

  9. #9
    Regisseur
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    Re: Satire durfte alles (Tucholsky, aktualisiert)

    Ich selbst als freier Journalist bin sehr zwiegespalten. Auf den einen Seite finde ich es fahrlässig, in Zeiten von Missverständnissen und gegenseitigem Misstrauen auch noch mit solchen Karrikaturen zu provozieren, weswegen ich die Verbreitung zurzeit auch eher skeptisch sehe. Einen "Heiligen Krieg" anzuzetteln, nur um die Pressefreiheit zu verteidigen, ist ein hoher Preis. Da sollte besser die Vernunft siegen. Auf der anderen Seite muss klar sein, dass prinzipiell solche Karrikaturen erscheinen dürfen. Christian Ströbele von den Grünen, dessen Meinung ich selten teile, den ich aber als Menschen und Politiker sehr schätze, hat es finde ich sehr treffend auf den Punkt gebracht. Laut SPIEGEL-Online hat er gesagt, er würde "solche Karikaturen nicht veröffentlichen", aber "dafür kämpfen, dass man es tun kann".
    Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

  10. #10
    Hauptdarsteller
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    Re: Satire durfte alles (Tucholsky, aktualisiert)

    Klingt salomonisch positionsfrei.
    Reicht mir aber nicht. Entweder ich esse die Torte oder ich behalte sie. Entweder ich bin schwanger oder nicht. Ein bisschen geht nicht.

    Ich stehe auf der Seite der Dänen.
    Auf der Seite der dänischen Bevölkerung (zu denen auch Muslime gehören), die unschuldig Diffamierungen von Reaktionären mit gefährlichem Halbwissen über sich ergehen lassen müssen.
    Auf der Seite jener, die sich für Meinungsfreiheit einsetzen. Meinungsfreiheit - nicht Propaganda!

    Eine Zeitung, die anscheinend Reaktionen provozieren will, aber nicht weiß was sie tut, sollte sich entschuldigen.
    Bei denen, die nun unschuldig in Verruf geraten sind, und jenen, die sich wirklich im Glauben gestört fühlen.

    Die Radikalen, die beim Fahnenverbrennen ihren blinden Hass aufschaukeln, sollten sich entschuldigen.
    Für ihre dummen Pauschalurteile, die sie fällen über Menschen, die sie nicht kennen.



    P.S.: In London schrie jemand bei einer Demonstration aus Anlass des Konflikts: "Nieder mit der Meinungsfreiheit!"...

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