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Thema: 'Die Schere in der muslimischen Welt öffnet sich...'

  1. #1
    laertes
    Gast

    'Die Schere in der muslimischen Welt öffnet sich...'

    "Die Schere in der muslimischen Welt öffnet sich..."
    Interview mit Dr SILVIA TELLENBACH

    Silvia Tellenbach wurde 1950 in Freiburg geboren, siedelte 1963 nach Italien über, legte 1969 an der Deutschen Schule Rom das Abitur ab, entschied sich vor der Wahl zwischen vergleichenden Sprachwissenschaften und Jura für die Rechtswissenschaften, betrieb aber während des Jurastudiums weiter Italienisch, Spanisch und Russisch (Zwischenprüfung in Slawistik).
    Nach dem Studium in Göttingen, Tübingen und Freiburg legte sie 1974 das Erste und 1976 das Zweite Juristische Staatsexamen ab. Während der Referendarzeit trat sie als Wissenschaftliche Hilfskraft ins Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht ein und begann, Arabisch zu lernen.
    Nach dem Zweiten Juristischen Staatsexamen schloß sie ein Zweitstudium der Islamwissenschaft (mit den Sprachen Arabisch, Persisch und Türkisch) in Freiburg und Kairo an, das sie 1984 mit einer Promotion über die Verfassung der Islamischen Republik Iran abschloß. Gleichzeitig baute sie im Max-Planck-Institut das Referat Türkei / Iran / Arabische Länder auf. Seit 1984 ist sie Referatsleiterin am Max-Planck-Institut.
    laertesdd sprach mit ihr über ihre Tätigkeit am MPI und über das Strafrecht im arabischen Raum und in der Türkei.



    Frau Dr Tellenbach, guten Tag und vielen Dank, dass Sie sich diesem Interview stellen. Sie arbeiten als Leiterin des Referats Türkei / Iran / Arabische Länder am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg im Breisgau. Wie sind Sie dazu gekommen?

    Eigentlich durch Zufall! Ich habe mich immer sehr für Sprachen interessiert; da ich in Italien aufgewachsen war, hatte ich einen guten Zugang zu romanischen Sprachen, habe neben Italienisch auch Spanisch und Portugiesisch getrieben. Auf der Universität habe ich dann intensiv Russisch und auch ein bischen längst vergessenes Kroatisch und Polnisch gelernt.
    Als ich mit dem Max-Planck-Institut in Kontakt kam, lautete das Angebot kurzgefaßt: Wollen Sie nicht auch noch Arabisch, Persisch, Türkisch lernen und dann bei uns Referentin werden? Mitte der 70er-Jahre war dieses Angebot das große Los für eine Frau, die gern Wissenschaft treiben wollte.
    Daß eine Frau etwa in einer juristischen Fakultät Professorin werden könnte, wie es heute landauf landab propagiert wird, darauf ist damals niemand gekommen.
    Ich habe dann nach dem juristischen Assessorexamen zunächst als wissenschaftliche Hilfskraft am Max-Planck-Institut gearbeitet und gleichzeitig ein Zweitstudium der Islamwissenschaft angehängt und mit der Promotion abgeschlossen. Daraufhin bekam ich die Referentenstelle.

    Wie sieht Ihre Tätigkeit am MPI konkret aus? Woran arbeiten Sie gerade?

    Unsere zentrale Tätigkeit ist die wissenschaftliche Arbeit. Dabei gibt es Gemeinschaftsprojekte des Instituts, bei denen die einzelnen Referenten mit Landesberichten beteiligt sind. So ist zB derzeit ein Projekt in der Veröffentlichungsphase, bei dem ich einen Landesbericht Türkei verfaßt habe. Daneben gibt es aber auch Einzelarbeiten, zB habe ich gerade einen Aufsatz über Ehrenmorde an Frauen in der arabischen Welt publiziert (wuquf Bd. 13).
    Ferner werden wir von Gerichten, Anwälten, Menschenrechtsorganisationen ua um Rechtsauskünfte zum Recht unserer Referatsländer gebeten. Je nach betreuten Referatsländern und nach dem wissenschaftlichen Werk, das ein Referent aufzuweisen hat, fallen weitere Aufgaben an, einmal mit Vorträgen oder Abhalten von Seminaren, dann aber auch in Bereichen, die in Richtung Politikberatung gehen oder bei der man in anderer Weise Expertenwissen einbringen kann.
    So war ich zB im vergangenen Herbst zu einer Anhörung des Bundestagsausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe zum Thema islamisches Recht und Menschenrecht als Expertin geladen und war als Mitglied der EU-Delegation bei der letzten Runde des Iran-EU-Menschenrechtsdialogs beteiligt. Eine Aufforderung bei einem Projekt in Afghanistan mitzuwirken, habe ich gerade aus Termingründen abgelehnt.
    Eines steht jedenfalls fest: es ist nie langweilig, und der Tag ist immer zu kurz.

    Welche Sprachen beherrschen Sie?

    Ich beherrsche nur deutsch, aber bei meiner wissenschaftlichen Arbeit kann ich Texte in neun Fremdsprachen benutzen.

    Wann haben Sie diese Sprachen gelernt? Und wo?: Haben Sie dort Studienzeit verbracht?

    Die orientalischen Sprachen habe ich vorwiegend in Deutschland gelernt. Allerdings war ich ein halbes Jahr in Kairo und viele Male in der Türkei, wenn auch jeweils nicht länger als höchstens zwei Wochen am Stück.

    Ist Studentinnen und Studenten der Rechtswissenschaft zu raten, anstelle der Standardsprachen Englisch und Französisch oder neben diesen einen Blick über den Tellerrand auf die von vielen als exotisch empfundenen Sprachen Arabisch und Türkisch zu werfen?
    (Die oft gehörte Bezeichnung ?exotisch? bezieht sich hierbei meines Erachtens auf die Fremdheit der arabischen Schrift. Arabisch ist jedenfalls nicht exotisch im Sinne einer Minderheiten-Sprache: Schließlich wird die arabische Sprache wird von über 280 Millionen Menschen (!) genutzt und ist damit eine Weltsprache. Die arabischen Schriftzeichen sind in anderen Sprachen wie Persisch, Paschtu, Urdu und Sindhi enthalten. Grob gesehen erstreckt sich der arabische Sprachraum damit in einem breiten Gürtel von Marokko über den Iran bis nach Indonesien. Überdies ist Arabisch die heilige Sprache für über 900 Millionen Muslime auf der ganzen Welt (Quelle: http://www.unhchr.ch/udhr/lang/arz.htm ). Dass Türkisch alles andere als exotisch ist, sondern bspw in Berlin-Kreuzberg sogar Kommunikationsvoraussetzung, sollte klar sein.)

    Anstelle der Standardsprachen Englisch und Französisch keinesfalls, aber daneben ist es durchaus denkbar.
    Türkisch mag in erster Linie für die zahlreichen jungen Juristen türkischer Herkunft interessant sein, die häufig längst besser deutsch als türkisch sprechen. Schließlich ist die türkische Rechtssprache ? wie jede Fachsprache ? eine Sache für sich.
    Man sollte aber auch durchaus prüfen, ob nach Interesse, Zeit und Begabung auch ostasiatische Sprachen in Frage kommen.

    Besteht ein praktischer Nutzen neben der Arbeit am Max-Planck-Institut?

    Wenn Sie mit praktischem Nutzen neben der Arbeit am MPI andere Berufe meinen, so gibt es schon Möglichkeiten, aber jeder Berufsweg ist hier höchst individuell und muß mit mit großem Engagement und manchmal auch Umwegen gesucht werden.

    Sprechen wir zunächst über die Türkei: Sie haben unter anderem das türkische Strafgesetzbuch ins Deutsche übersetzt (Silvia Tellenbach, Das Türkische Strafgesetzbuch [Türk Ceza Kanunu], edition iuscrim, 2. Auflage, Freiburg im Breisgau 2001.), und eine Einführung ins türkische Strafrecht ist vor kurzem erst erschienen (Silvia Tellenbach, Einführung ins Türkische Strafrecht, edition iuscrim, Freiburg im Breisgau 2003.). Wie ist Ihre Erfahrung mit dem Strafrecht in der Türkei?: Das türkische Strafrecht ist ja stark an das italienische angelehnt, mithin sehr europäisch. Besteht trotzdem noch Verbesserungsbedarf?

    Das türkische Strafgesetzbuch ist ursprünglich eine Übernahme des italienischen Strafgesetzbuchs von 1889, das seinerzeit als das modernste seiner Zeit galt. Trotz zahlreicher Änderungen hat das türkische Strafgesetzbuch aber mit der europäischen Entwicklung nicht Schritt gehalten. Darüber besteht auch in der Türkei Einigkeit, und man diskutiert seit Jahren wechselnde Fassungen eines Entwurfs für ein neues Strafgesetzbuch, das jetzt erstmals ernsthafte Chancen auf baldige Verabschiedung hat.
    Im jetzigen Strafgesetzbuch ist zB das Maßregelsystem kaum entwickelt, es fehlt eine Definition der Fahrlässigkeit, zahlreiche Rechtfertigungsgründe sind nur durch Lehre und Rechtsprechung entwickelt worden, der Verbotsirrtum ist im Gesetz nicht anerkannt (Art. 44 StGB: ?Unkenntnis des Gesetzes ist kein Entschuldigungsgrund"), es gibt noch einige Fälle objektiver Verantwortlichkeit, um nur Einiges herauszugreifen. Ein besonderer Strafmilderungsgrund für den Mann, der seine Frau, Tochter oder Schwester beim Ehebuch ertappt und sie und/oder ihren Liebhaber verletzt oder tötet ist gerade erst gestrichen worden

    Wie stark ist noch der Einfluss des Islams auf das türkische Strafrecht seit der Kemalisierung?
    (Mustafa Kemal Pasa [1881 ? 1938; genannt ?Atatürk? - Vater der Türken] veranlasste den türkischen Unabhängigkeitskrieg und leitete anfang der 20er Jahre umfassende politische und gesellschaftliche Reformen ein. Unter ihm wurde 1922 das Sultanat abgeschafft und wurden schließlich Religion und Staat getrennt (à Laizismus). Zudem gestand Atatürk Frauen mehr Rechte zu, ersetzte die arabische Schrift durch das lateinische Alphabet und förderte die Einführung westlicher Kleidung.)

    Auf das türkische Strafrecht hat der Islam überhaupt keinen Einfluß mehr, auch nicht auf das sonstige staatliche türkische Recht.

    Was denken Sie über einen Beitritt der jetzigen Türkei in die Europäische Union? Ist unter Erdogan eher eine Verschlechterung der Verhältnisse zu erwarten? Die bisherigen Maßnahmen ließen ja in vielerlei Hinsicht hoffnungsfroh stimmen...
    (Schon unter der Regierung Ecevit kam es unter anderem zur Abschaffung der Todesstrafe in Friedenszeiten und zu einigen Änderungen von Gesetzen, die die freie Meinungsäußerung eingeschränkt hatten. Nach Antritt der AKP im November 2002 brachte die neue Regierung eine Reihe von Rechtsreformen auf den Weg, die zentrale Fragen wie Folterungen, Straflosigkeit und das Recht auf freie Meinungsäußerung betrafen. Trotzdem dokumentiert amnesty international weiterhin extralegale Hinrichtungen, Folterungen und Misshandlungen, Lang andauernde Polizeihaft ohne Kontakt zur Außenwelt, Straflosigkeit sowie Unterdrückung von Minderheiten und Menschenrechtsverteidigern:
    http://www2.amnesty.de/internet/deall.n ... enDocument )


    Soweit man es nach etwas über einem Jahr der AKP-Regierung sagen kann, haben sich die Verhältnisse besser entwickelt als man damals meist erwartete. Das größte Problem für einen Beitritt der Türkei in der EU liegt meines Erachtens im wirtschaftlichen Bereich. Die Türkei hat eine Bevölkerung von ca 65 Millionen mit raschem Bevölkerungswachstum, aber die Wirtschaftskraft liegt noch weit unter dem Durchschnitt der EU.
    Ein solches Land ist natürlich viel schwerer zu integrieren als ein wirtschaftlich schwacher Staat, der nur drei bis vier Millionen Bürger in die EU einbringt.

    Besteht in der Türkei überhaupt die Möglichkeit, durch Recht und Gesetz tradierte Gesellschaftsformen wie zum Beispiel im Fall der Ehe zu ändern? Hält sich ein Familienvater in einem kleinen Dorf in der östlichen Türkei an staatlich verordnetes Familienrecht?

    Sie spielen wohl auf den Fall der Imamehe an: eine Ehe, die nur vor dem Imam, aber nicht vor den staatlichen Behörden geschlossen wird. Es gibt sie zwar heute noch, ihre Zahl ist aber in den letzten Jahrzehnten stetig zurückgegangen. Die Rezeption eines Rechts in einem Land ist oft eine Frage langer Zeiträume, wenn sie überhaupt gelingt.

    Ein besonderes Thema im Zusammenhang mit der Türkei ist die Unterdrückung der Kurden: Müsste sich die Türkei Ihrer Meinung nach wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit am kurdischen Volk vor dem IStGH verantworten?

    Das kurdische Volk besteht aus einer großen Anzahl von Stämmen, von denen der weit überwiegende Teil in Frieden mit dem türkischen Staat gelebt hat, und in den Führungsspitzen von Staat und Gesellschaft (bis hin zu Ministern) finden sich zahlreiche Kurden.
    Öcalan, der aus der gewaltbereiten türkischen Nach-68er-Szene stammte und 1984 den Krieg im Südosten anfing, hat es aber dank einer sehr guten Propaganda verstanden, sich und die PKK international als die Repräsentanten des kurdischen Volkes darzustellen. Gewiß hat es beim Kampf gegen die PKK Übergriffe gegeben, die strafwürdig sind. Aber sie sind nicht gegen das kurdische Volk als solches gerichtet.
    Was im Übrigen die Frage nach dem IStGH angeht, so sei darauf hingewiesen, dass die Türkei das Rom-Statut nicht unterzeichnet hat.? Auf einem anderen Blatt steht, daß heute noch Kurdisch nicht als Schulsprache zulässig ist. Das ist ein altmodischer und überholter Nationalismus, der aber keine türkische Idee ist; man denke nur an das Deutsche im uns benachbarten Elsaß, das bis in die jüngste Zeit weder in Kindergärten noch in Schulen verwendet werden durfte.

    Lassen Sie uns als nächstes zu den arabischen Staaten kommen: Wie sieht es dort ? im kurzen Überblick ? mit einheitlichen und vor allem bestimmten Strafrechts-Kodifikationen aus? Wird allgemein weiterhin nach den vier Quellen Qu?ran (Sammlung der göttlichen Offenbarungen des Propheten Mohammed), sunna (Verfahrensweise des Propheten), idschma? (Konsens: übereinstimmende Meinung aller in einer bestimmten Periode anerkannten muslimischen Rechtsgelehrten über eine Rechtsfrage), qiyas (Analogie bzw ?logische Deduktion?; systematische Ableitung einer Regel aus dem Qu?ran, der sunna oder einem durch Konsens entschiedenen Fall) verfahren? Wer macht in diesen Ländern das Recht: die Imame/Kalifen und sonstigen Geistlichen?

    Die meisten arabischen Staaten haben heute ein im üblichen Gesetzgebungsverfahren erlassenes Strafgesetzbuch, das sich direkt oder indirekt am französischen Recht, vor allem dem Code Napoléon, orientiert; vereinzelt gibt es auch italienische (zB Libyen) oder englische (zB Sudan) Einflüsse.
    Islamisches Strafrecht ist in Mauretanien, Libyen, Sudan, Jemen gesetzlich kodifiziert, aus Mauretanien und Libyen sind aber keine Anwendungsfälle bekannt.
    In Saudi-Arabien ist islamisches Strafrecht nicht kodifiziert, wird aber von den Gerichten angewendet, die sich dabei nach der hanbalitischen Rechtsschule richten. Dabei spielen bestimmte Werke meist mittelalterlicher Autoren bis heute eine wichtige Rolle.

    Die Araber haben unter anderem in den Bereichen der Medizin, Mathematik, Astronomie und auch in der Kunst weit vor der europäischen Kultur Erkenntnisse gewonnen, diese genutzt und fortentwickelt; sie waren weiter und fortschrittlicher als wir.
    Welchen Zweck aber versprechen sich die heutigen arabischen (und auch persischen) Rechtsgelehrten von vorsintflutlichen Hadd-Strafen, also diversen Hinrichtungs-, Verstümmelungs- und Foltermethoden? In welche Richtung geht der Trend: Beibehaltung, Verschärfung oder Abschaffung?


    Der weitaus größte Teil der Rechtsgelehrten verspricht sich nichts von den Körperstrafen. Aber soweit sie im Koran festgelegt sind, können sie nicht einfach abgeschafft werden wie ein Gesetz, das nicht mehr zeitgemäß erscheint.
    Die meisten Gelehrten versuchen, im Wege unterschiedlichster Interpretationen des Gesetzes eine Anwendung dieser Strafen im konkreten Fall wo irgend möglich für unzulässig zu erklären.
    Die Fälle in den letzten Jahrzehnten, in denen der Trend zur Verschärfung ging, zB Numairi in den 80er-Jahren im Sudan, hatten häufig Hintergründe politischer und nicht religiöser Art. Bezeichnend war, daß die Gesetze, die im Sudan im September 1983 die islamischen Strafen wieder einführten, im Volksmund rasch nur noch die ?Septembergesetze? hießen, man also sehr rasch sah, daß es hier eigentlich nicht um eine religiöses Anliegen ging.

    In welchen Staaten ist Apostasie strafbar? Steht darauf die Todesstrafe?

    Heute ist die Apostasie im Sudan, im Jemen, in Saudiarabien strafbar, überall ist mit der Todesstrafe zu rechnen.
    Im (persischen, Anm. des Interviewers) Iran gibt es keine eindeutige Strafvorschrift im Strafgesetzbuch. Es hat aber einige Urteile nach anderen Strafvorschriften gegeben, bei denen sich der Verdacht aufdrängte, dass der Verurteilung letztlich der Apostasie-Vorwurf zugrunde lag.

    Gibt es ?Vorreiter-Staaten?, die sich von der Religion zu lösen versuchen? oder wird letztendlich alles religöser? Ist die Verbindung von Religion und Recht von vornherein als negativ zu beurteilen oder gibt es auch positive Erfahrungen?

    Im Strafrecht spielt das islamische Recht in den arabischen Staaten insgesamt eine geringe Rolle. Bedeutung hat islamisches Recht vor allem im Familien-und Erbrecht. Als Vorreiter-Staat im Zivilrecht ist seit den 50er-Jahren Tunesien zu betrachten (abgesehen natürlich von der laizistischen Türkei).

    Wie beurteilen Sie als Frau den extremen Sexismus der muslimischen Welt, der sich ja nicht nur gesellschaftlich, sondern auch und im besonderen rechtlich niederschlägt?: Für uns Europäer ist es immer wieder schockierend zu hören, dass man bspw arabische Frauen bestraft, wenn Sie vergewaltigt worden sind und Frauen allgemein härter bestraft werden als Männer... Ist die Frau im arabisch-muslimischen Raum ein Rechtsobjekt? Welche Rolle spielt in diesem Kontext der sog ?Ehrenmord??

    Die Behauptung, daß Frauen schwerer bestraft würden als Männer, dürfte weitgehend an den Ehebruchsparagraphen anknüpfen, der in vielen Gesetzen in etwa besagt, daß eine Frau bei einem Ehebruch immer bestraft wird, ein Mann nur, wenn er den Ehebruch in der ehelichen Wohnung begeht oder ein öffentlich bekanntes Verhältnis pflegt. Dieses Gesetz kommt aber aus dem französischen Recht, nicht aus dem islamischen.
    Daß eine Frau bestraft wird, wenn sie vergewaltigt worden ist, ist in einer Konstellation in den Ländern möglich, in denen islamisches Strafrecht herrscht. Eine Sexualstraftat muß nämlich durch Geständnis oder durch mehrere Zeugen bewiesen werden. Wenn eine vergewaltigte Frau jetzt den Vergewaltiger anzeigt und nicht die nötigen Tatzeugen beibringen kann (was naheliegenderweise der Normalfall sein wird), wird sie wegen übler Nachrede mit dem Inhalt einer Sexualstraftat (qadhf) bestraft. Bei Straftaten wie Diebstahl oder Betrug wird die Frau keineswegs von vornherein schärfer bestraft.
    Problematischer ist die Situation dagegen im außerstaatlichen Bereich. Die Ehre eines Mannes hängt von den Frauen ab, für die er verantwortlich ist und zwar weniger von ihrem Verhalten als von ihrem Ruf. Mit anderen Worten: Es reicht aus, daß eine Frau ins Gerede kommt, um ihre Ehre zu verlieren und die Ehre des für sie verantwortlichen Mannes zu zerstören. Das führt dazu, daß Frauen einer strengen sozialen Kontrolle unterworfen werden, damit nicht einmal Gerede entstehen kann.
    In manchen arabischen Regionen, zB Jordanien, Palästina, Syrien, Irak kommt es in extremen Fällen zu sogenannten Ehrenmorden, bei denen eine Frau meist von ihrem Bruder, in geringerem Maße von ihrem Vater oder seltener von ihrem Ehemann ermordet wird, weil sie tatsächlich oder nur scheinbar in irgendeiner Weise gegen die Verhaltensnormen im sexuellen Bereich verstoßen hat. Die meisten dieser Taten scheinen in sehr armen Vierteln zu geschehen.
    Es läßt sich überhaupt in der arabischen Welt - und nicht nur dort - beobachten, daß die Stellung der Frau sehr stark von ihrem sozialen Status abhängt. Ein arabisches Mädchen aus einer städtischen Familie der oberen Mittelschicht kann selbstverständlich Ärztin, Journalistin, ja Universitätsprofessorin werden. Und noch ein wichtiger Punkt: wir Westler stellen uns unter der Frau meist die junge Frau vor und fragen nach ihren Lebenschancen. In der arabischen Welt aber steigt das Ansehen der Frau mit ihrem Alter. Die junge Frau hat wenig Ansehen. Die Mutter oder gar die Großmutter nimmt dagegen eine sehr wichtige Position ein und hat auf Söhne und Enkel einen Einfluß, den deren Ehefrauen kaum je erreichen.
    Das hat einerseits emotionale Gründe, andererseits aber auch materielle. Mein Doktorvater Roemer sagte im Seminar augenzwinkernd: ?Im Nahen Osten ist die Großmutter der Ersatz für die Sozialversicherung?. Und dann mußten wir Studenten erklären, warum. Die Großmutter hat nämlich häufig Vermögen. Sie hat nach dem komplizierten islamischen Erbrecht immer wieder mal etwas geerbt ? zwar nur halb so viel wie ein Mann gleicher Erbenordnung, aber während der Mann sein Vermögen zum Unterhalt der Familie einzusetzen hat, ist die Frau dazu nicht verpflichtet, sondern kann ihr Vermögen verwenden wie sie will ? und wenn sie klug ist, legt sie es gut an.
    Ferner hat sie eine Morgengabe bekommen. Schließlich hat ihr der Ehemann ein ganzes Eheleben lang das für die Haushaltsführung Nötige zukommen zu lassen, und wenn sie gut wirtschaftet, kann sie Einiges für sich zur Seite legen. Und wenn dann in der Familie ein Notfall eintritt, sind es oft die alten Frauen, die helfen können....

    Gibt es Möglichkeiten für uns Europäer, auf Ungerechtigkeiten (nach unserem Verständnis) Einfluss zu nehmen, ohne die Araber in ihrem Selbstverständnis zu verletzen? Laufen in dieser Hinsicht bereits Projekte?

    Wichtig wäre es vor allem, den Bildungs- und Ausbildungsstandard von Frauen zu heben. Dabei kommt es nicht darauf an, den Anteil von Frauen an den Universitäten und womöglich in anschließenden Karrieren zu erhöhen, sondern den Frauen aus den einfachen Schichten Hilfen zu bieten, angefangen bei elementaren Dinge wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Gesundheitsfürsorge. Diesbezügliche Projekte laufen, aber der Weg wird noch lang sein.

    Wie sieht die Zukunft aus, insbesondere seit dem 11. September?: Rücken Orient und Okzident zusammen oder bewegen sie sich voneinander weg?

    Man hat seit Jahren den Eindruck, daß sich die Schere innerhalb der muslimischen Welt immer weiter öffnet: Auf der einen Seite eine zunehmende Verwestlichung - wenn Sie wollen, können Sie auch Modernisierung sagen - auf der anderen Seite die Re-Islamisierung.
    Ein kleines Beispiel: Vor 25 Jahren hätten Sie im Stadtbild von Istanbul kein händchenhaltendes Pärchen gesehen - sie gingen steif wie die Ölgötzen nebeneinander her ?, aber auch keine Frau mit Kopftuch. Heute sehen Sie beides.
    Ich meine, die Entwicklung ist offen, und es ist wichtig, sie weiter zu verfolgen.

    Frau Dr Tellenbach, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

  2. #2
    laertes
    Gast

    Re: 'Die Schere in der muslimischen Welt öffnet sich...'

    ich wollte hiermit noch freundlichst darauf hinweisen, dass sich das interview (und andere interviews und texte) mittlerweile, sich stetig vermehrend, auf meiner homepage befinden. wer mag, kann ja mal reinschauen und vielleicht ab oktober 2005 hin & wieder einen blick in mein kairo-weblog werfen. ich würde mich freuen

  3. #3
    Admin Avatar von Matt
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    19.05.2001
    Beiträge
    21.679

    Re: 'Die Schere in der muslimischen Welt öffnet sich...'

    Sehr schöne Seite!
    If it can be written, or thought, it can be filmed. (Stanley Kubrick)

  4. #4
    laertes
    Gast

    Re: 'Die Schere in der muslimischen Welt öffnet sich...'

    danke! *freu*

  5. #5
    laertes
    Gast

    Re: 'Die Schere in der muslimischen Welt öffnet sich...'

    man beachte im übrigen auch meinen ersten film (sic!):



    (ich habe mich übrigens kubrick-zitat-mäßig bei Dir bedient, @matt. sieh's mir nach.)

  6. #6
    Admin Avatar von Matt
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    19.05.2001
    Beiträge
    21.679

    Re: 'Die Schere in der muslimischen Welt öffnet sich...'

    Das ist mir sehr schnell aufgefallen, aber da habe ich natürlich nichts gegen einzuwenden, denn jeder darf es natürlich verwenden! Ist ja auch, wie ich finde, ein sehr schönes Zitat, das wahrhaftig ist.
    If it can be written, or thought, it can be filmed. (Stanley Kubrick)

  7. #7
    Regisseur Moderator Avatar von Anne
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    3.513

    Re: 'Die Schere in der muslimischen Welt öffnet sich...'

    Mußte natürlich direkt das Gästebuch auf Deiner Seite vergewohltätigen...

  8. #8
    laertes
    Gast

    Re: 'Die Schere in der muslimischen Welt öffnet sich...'

    was ich natürlich sofort bemerkt habe. danke! übrigens danke auch für die art & weise, wie Du Deinen namen geschrieben hast: hättest Du nur 'anne' geschrieben, hätte ich überlegen müssen, welche von den 8,5, die ich kenne, es ist. so aber war klar: es ist [b]die[/i] anne. es kann nur eine geben!

    grusz. l. und danke nochmals für den eintrag. matt, wo bleibst Du?

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