Napoleon auf Eis

Das französische Kino droht, seine Mitte zu verlieren: In der Branche hat insgeheim eine neue Zeitrechnung begonnen

VON GERHARD MIDDING


Zu den vergnüglichsten Filmen, die man in den letzten Monaten auf französischen Leinwänden sehen konnte, gehören die Trailer, mit denen Alain Resnais' neuer Film Pas sur la bouche beworben wird. Der Schauspieler André Dussollier, seit zwei Jahrzehnten nicht mehr wegzudenken aus den Filmen des altgedienten Avantgardisten, stellt jeweils in einer launigen Conférence Besetzung und Handlung von Resnais' verblüffend werkgetreuer Operettenverfilmung vor und versäumt bei keiner Gelegenheit, darüber zu klagen, dass er diesmal nicht mitspielt. Dass Audrey Tautou eine der Hauptrollen bekommen hat, scheint den Verschmähten besonders zu verdrießen. Aber deren Name, so habe ihm ein Produzent versichert, öffne halt den amerikanischen Markt.
Auf dem eigenen hingegen herrscht momentan ein Klima der Verunsicherung und des bangen Zögerns. Zwei Jahre, nachdem der französische Film dank Amélie & Co daheim den besten Marktanteil seit Ende des Zweiten Weltkriegs erzielte, scheint sein Schicksal mehr denn je vom Wohlwollen des Fernsehens abhängig zu sein. Bewährte Allianzen werden neu überdacht. In der Branche hat insgeheim eine neue Zeitrechnung begonnen: "après Canal", markiert durch die Weigerung des mächtigen Bezahlsenders, Geld in ambitionierte Autorenfilme zu investieren. Renommierte Regisseure wie Jacques Doillon und Jean Claude-Brisseau mussten zusehen, wie vordem willkommene Projekte kurzfristig abgelehnt wurden.
Arnaud Desplechin verschob die Dreharbeiten zu seinem Ensemblefilm Rois et reines (mit zwei Dutzend Hauptfiguren!), weil sein Produzent ihm nur ein Budget garantieren konnte, das dem seines halblangen Kinodebüts La vie des morts vor 13 Jahren entspricht.
Regisseur Olivier Assayas bezeichnet die Situation als eine "ökologische Katastrophe": "Canal + war eine Kraft, die das Gleichgewicht zwischen Autorenfilm und Mainstream regulierte. Anfangs gab es da Leute, die sich wirklich für das Kino interessierten und den Sender auch europaweit zu einem wichtigen Co-Produzenten gemacht haben."
Die Gründung des Senders war in der Ära Mitterrand auch Resultat eines politischen Willens, das eigene Kino zu protegieren. Er verpflichtete sich, 20 Prozent seiner Umsätze durch Vorkäufe und Investitionen in die Finanzierung von Filmen zu stecken, davon fast die Hälfte französische. Bis vor kurzem tauchte der Name des Senders im Vorspann von 80 Prozent aller heimischen Produktionen auf und kam für rund ein Viertel des gesamten Produktionsvolumens auf. In diesem gedeihlichen Klima konnte eine im europäischen Vergleich florierende Industrie mit einem vitalen, unabhängigen Kino entstehen. Es ist ein brüskes Erwachen aus einem behaglichen Traum, das die französischen Filmemacher momentan erleben, eine schmerzliche Erinnerung an die mulmige, zweifache Patronage des europäischen Kinos: Zufallsprodukt zu sein des Fernsehens und der Förderung.
Canal + rechtfertigt sein desinvestissement hauptsächlich damit, dass die Anzahl der in Frankreich produzierten Filme sich in den letzten Jahren nahezu verdoppelt hat. Tatsächlich ist jedoch nicht nur der Prozentsatz der mitfinanzierten Projekte zurückgegangen, sondern auch deren absolute Zahl. Die Situation des Senders ist freilich augenblicklich wirklich prekär. Er muss die Krise des Mutterkonzerns Vivendi-Universal parieren, ihm ist überdies durch die mittlerweile 16 Kinokanäle, die über Kabel und Satellit zu empfangen sind, eine große Konkurrenz zugewachsen. Gleichzeitig hat das Interesse seiner Abonnenten an Spielfilmen spürbar nachgelassen: Warum sollten sie ein Jahr auf einen Film warten, wenn sie ihn schon nach sechs Monaten auf DVD sehen können?

Das System treibt Blüten

Das Abkommen des Senders mit den französischen Produzenten wird alle fünf Jahre novelliert. Philippe Carcassonne, der Filme von Benoit Jacquot, Patrice Leconte und Claude Sautet produziert hat, kennt dessen Verhandlungsstrategien: "Bei den Klagen über die aktuelle Krise unterschlagen die Repräsentanten geflissentlich, dass die Konkurrenz weitgehend hausgemacht ist, denn Canal + betreibt einen Großteil der Spielfilmkanäle und ist zugleich der größte DVD-Produzent Frankreichs."
Tatsächlich investiert der Sender noch immer viel Geld ins Kino. Wie sehr dieser Markt inzwischen jedoch einer Fernsehlogik gehorcht, belegt Tais-toi, die neue Komödie von Francis Veber, die stolze 28 Millionen Euro gekostet hat und sich durch die Kinoauswertung allein nicht rentieren wird. Die inflationären Gagen für Stars wie Gérard Depardieu, deren Zugkraft an der Kinokasse längst nicht mehr garantiert ist, nimmt man in Kauf, weil sie im Fernsehen nach wie vor hohe Quoten bringen. Das System treibt Blüten, die an unselige bundesdeutsche Zeiten erinnern: die Kinoeskapaden von TV-Komikern, deren Humor außerhalb des Heimatlandes kaum exportierbar ist, lassen sich mit "lachhafter Mühelosigkeit" (Assayas) finanzieren.
Bei der 2004 anstehenden Novellierung des Abkommens zwischen Canal + und der Filmwirtschaft wird eine Selbstverpflichtung des Senders für Konflikte sorgen, die clause de diversité, eine Garantie der Vielfältigkeit, die in guten Jahren großzügig zu Gunsten von Autorenfilmen ausgelegt wurde. Im neuen Programmschema des Senders sind diese mittlerweile an den Katzentisch verbannt. Ambitionierte, spröde Projekte haben es dementsprechend auch im Kino schwerer. Sie müssen den Zweifel widerlegen, nur künstlich beatmet worden zu sein. Philippe Carcassonne warnt vor den langfristigen Folgen dieser Weichenstellung: "Das Kino, das Frankreich weltweit repräsentiert, war seit der Nouvelle Vague stets eines für ein Minderheitenpublikum. Es sind gerade die Autorenfilme mit mittlerem Budget, deren Berechtigung auf dem eigenen Markt fragil sein mag, die sich exportieren lassen. Wenn wir den Zug verpassen, brauchen wir 20 Jahre um ihn wieder einzuholen."
Ein paradoxer Schwelleneffekt hat sich eingestellt: Filme mit großen oder ganz kleinen Budgets lassen sich vergleichsweise leicht auf die Beine stellen, das Mittelfeld jedoch droht wegzubrechen. "Vor ein paar Jahren habe ich einen kleinen Film wie Irma Vep noch komplett durch den Vorverkauf an Canal + finanzieren können", berichtet Olivier Assayas. "Heute würde ich mit dem Film vor verschlossenen Türen stehen. Es sei denn, er hätte ein Budget von 30 Millionen." Sein neues Projekt Clean hat er vorsichtshalber komplett aus internationalen Quellen finanziert. Eine Zeit ist angebrochen, in der Improvisationstalent gefordert ist, in der die Aufrichtigkeit des Wunsches auf die Probe gestellt wird, Filme zu machen. Patrice Chéreau beispielsweise musste sein lang gehegtes Napoleon-Projekt auf Eis legen, nachdem der durch Canal + bekannt gewordene Darsteller Antoine de Caunes zum gleichen Thema mit Monsieur N. einen kapitalen Flop inszeniert hatte. Stattdessen drehte Chéreau kurzerhand, zum Teil mit eigenem Geld, Sein Bruder. Die forcierte Rastlosigkeit seiner früheren Filme weicht darin einem kammerspielhaften Innehalten, das den Figuren erstmals ihren Lebensrhythmus lässt: Der Lückenfüller entpuppte sich als eine auch künstlerische Erneuerung.

(Quelle: frankfurter rundschau vom 13. 01. 2004)