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Thema: "Menschenrechte sind einfach etwas Neues..."

  1. #1
    laertes
    Gast

    "Menschenrechte sind einfach etwas Neues..."

    hier ein kleines interview, das ich vor kurzem geführt habe, und das vielleicht eine kleine ergänzung zu den topics Der Herr und die Seinen und qantara.de - Brücke zum Islam sein kann... um kommentare wird gebeten!

    ---

    Menschenrechte sind einfach etwas Neues...
    Interview mit Abdurrahman Kavasoglu

    Abdurrahman Kavasoglu, 33, geboren in Afsin (Türkei), studierte von 1989 bis 1993 Rechtswissenschaften in Istanbul. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem zivilrechtlichen Lehrstuhl an der Juristischen Fakultät der Universität Istanbul. Zur Zeit forscht er für sechs Monate als DAAD-Stipendiat in Deutschland am Lehrstuhl von Prof Dr Lüke an der Juristischen Fakultät der TU Dresden.
    laertesdd unterhielt sich mit ihm über Recht, Politik & Menschenrechte in der Türkei und die Bedeutung einer Mitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union.



    Merhaba.

    Merhaba.

    Herr Kavasoglu, was bedeutet Ihr Name? Ihr Vorname ist ja arabischer Herkunft, aber der Nachname ist türkisch...

    Genau, Oglu in meinem Nachnamen bedeutet Sohn, und Kavas ist ungefähr mit dem deutschen Wort Polizist oder Soldat der Osmanen zu vergleichen. Und, ja, mein Vorname ist arabisch - es gibt viele arabische Namen und Begriffe in der Türkei...

    Abdurrahman ist ?der Diener Gottes?...

    Ja. So kann man das sagen.

    Zur Religion kommen wir noch, zurück zur Person: Womit beschäftigen Sie sich zur Zeit?

    Mein Tätigkeitsschwerpunkt liegt im Zivilprozessrecht. Im Jahr 2000 habe ich mit der Arbeit an meiner Dissertation zu zivilprozessualen Fragen begonnen, und jetzt möchte ich sie fertig stellen. Ich bin hier in Deutschland, um deutsche Literatur zu meinem Thema zu sammeln. Der Titel meiner Doktorarbeit lautet ?Stellvertretung im türkischen und deutschen Zivilprozess?.

    Also eine rechtsvergleichende Arbeit?

    Ja, größtenteils. Mir geht es darum, die Praxis des deutschen Zivilprozesses kennen zu lernen, insb die Stellung des Richters und des Anwalts.
    Mein zweites Ziel ist es, das deutsche akademische Leben kennenzulernen. Wie funktioniert das Leben eines Akademikers, der in Deutschland lebt? Was bekommt er? Wie läuft die Arbeit an der Uni? ZB kann ein Professor nebenbei auch eine Richterstelle haben. Oder man kann neben der akademischen Laufbahn auch als Rechtsanwalt oder Insolvenzverwalter arbeiten.
    Insgesamt möchte ich also lernen und Erfahrungen sammeln. Und diese Erfahrungen möchte ich in der Türkei nutzen, auch um dort Änderungen zu erwirken in Lehre und Forschung.

    Wieso haben Sie Ihren juristischen Tätigkeitsschwerpunkt gerade nach Deutschland verlegt? Fühlen Sie sich hier wohl?

    Professor Ernst Hirsch, der an meiner Fakultät gelehrt und geforscht hat, war mein Lehrer in der Türkei. Er hat 1956 unser HGB geschrieben, das vom deutschen und schweizerischen Handelsrecht beeinflusst ist. Dieses HGB ist 1977 in Kraft getreten.
    Viele juristische Entwicklungen in der Türkei kommen aus Deutschland und der Schweiz. Deswegen wollte ich in die Schweiz oder eben nach Deutschland gehen.
    Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich in Deutschland arbeiten kann. Insb danke ich Herrn Prof Dr Lüke und seiner Mannschaft. Sie sind sehr nett und behilflich. Wenn ich Wünsche habe, werden sie verwirklicht: ein gutes Arbeitsklima!

    Hatten Sie schon Probleme mit Ausländerfeindlichkeit?

    Nein, bisher nicht. Ich habe nur davon gehört. Wissen Sie: jedes Haus hat eine Toilette. Und viele verschiedene Zimmer. In der Türkei kommt auch Schlechtes gegenüber Ausländern vor, genau wie hier und in allen Ländern. Aber mir ist das noch nicht passiert.

    Wann haben Sie Ihr Studium beendet?

    Ich habe im Jahr 1993 meine juristische Ausbildung an der juristischen Fakultät zu Istanbul abgeschlossen.

    Wie ist die juristische Abschlussprüfung in der Türkei geregelt? Gibt es ein staatliches Examen wie bei uns?

    Früher gab es kein Staatsexamen, aber um Rechtsanwalt zu werden, muss man nun an einer Staatsprüfung teilnehmen. Aber es gibt schon immer eine Prüfung, um Richter zu werden.

    Wieso haben Sie Jura studiert? Damit verbunden ist für mich auch die Frage, welches Ansehen Juristen in der Türkei genießen.

    Mein Bruder, er ist vier Jahre älter als ich, hat Jura studiert. Und ich hatte ebenfalls Interesse, das Fach zu studieren, und habe das dann auch getan. Um Wissenschaftler zu werden.
    Wie in Europa, so haben Juristen und die Rechtswissenschaft auch in der Türkei ein gutes Ansehen. Der Beruf des Rechtsanwalts ist ein guter Beruf. Viele nennen deswegen als ersten Wunsch das Jurastudium, aber nach dem Gymnasium muss man eine allgemeine Prüfung ablegen, sonst ist der Zugang zum Studium verwehrt. Diese Prüfung ist mit dem deutschen Abitur vergleichbar. In der Türkei gibt es ungefähr 30 juristische Fakultäten...

    ...so viele...

    ...ja, so viele. Früher gab es das in der Tat nicht, aber seit etwa fünf Jahren haben wir ungefähr 30 Fakultäten in der Türkei.

    Wollen Sie als Rechtsanwalt praktizieren? Oder wollen Sie an der Universität bleiben?

    Ich bin zwar Mitglied einer Istanbuler Anwaltskanzlei, aber ich möchte nicht als Rechtsanwalt arbeiten. Mein Ziel ist es, an der Universität als Professor, als Wissenschaftler, zu arbeiten.

    Lassen Sie mich trotzdem eine Frage stellen zu den Rechtsanwälten, also zur Rechtspraxis in der Türkei: Wie effektiv ist die Arbeit von Rechtsanwälten in der Türkei? Man hört und liest darüber eine ganze Menge von Menschenrechtsorganisationen wie zb amnesty, und in den arabischen Ländern - ohne den direkten Vergleich ziehen zu wollen, aber die Türkei hat ja vor allem arabische Nachbarn -, in den arabischen Ländern hat man als Rechtsanwalt keine großen Chancen, Rechte durchzusetzen... Wie ist das in der Türkei?

    In der Türkei versuchen wir, den Rechtsanwalt als gleichberechtigte (Verhandlungs-)Partei zu etablieren. Wie es eine richterliche Seite gibt, so gibt es zB auch eine Verteidigerseite. Und seit zwei Jahren haben wir ein neues Gesetz die Rechtsanwälte betreffend, mit dem wir versuchen, ein dem europäischen Rechtsanwalts-Recht ähnliches Recht zu schaffen. Als Kandidat oder sogar Mitglied in der Europäischen Union ginge das noch besser und schneller. Wir müssen viele Wege übertreten bzw verlassen und neue beschreiten...

    ...zum Beispiel?...

    ...zum Beispiel müssen Rechtsanwälte zuerst gut ausgebildet und organisiert werden - in jeder Hinsicht. Noch vor kurzem gab es zB keine Rechtsanwaltskammern, und auch das neue Gesetz, von dem ich gerade sprach, ermöglicht es den Rechtsanwälten jetzt, zusammenzuarbeiten. Aber trotzdem müssen wir noch viel tun, zB für die Menschenrechte.
    Wir sind jetzt Kandidat für die Europäische Union. Deswegen haben wir viele neue Gesetze verabschiedet. Beispielsweise haben wir die Todesstrafe abgeschafft. Abgesehen davon wurden die Todesurteile in der Türkei seit 1984 nicht mehr vollstreckt. Aber trotzdem sind Menschenrechte einfach eine Neuigkeit in der Türkei. Und das Wichtigste: Nach den Gesetzen muss auch die Umsetzung in die Praxis folgen, das fehlt noch in der Türkei. Richtlinien, die das Festhalten von Personen und Vernehmungen betreffen, müssen erst noch akzeptiert und realisiert werden.

    Also sind viele Normen zwar bereits da, aber sie werden nicht umgesetzt...

    Ja, genau.

    Wie ist die Staatsorganisation in der Türkei geregelt? Gibt es Gewaltenteilung auch in der Realität?

    In der türkischen Verfassung ist die Gewaltenteilung festgelegt. Sie sind Gesetzgebungsgewalt, Rechtsprechungsgewalt und vollziehende Gewalt.
    Wir haben in der Türkei ein dem Bundestag vergleichbares Parlament, und nach der letzten Wahl wurde Erdogans Partei als stärkste Partei hineingewählt. Und unter ihrem beherrschenden Einfluss hat das Parlament ein neues Gesetz, eine Art Menschenrechtegesetz, verabschiedet.

    Erwarten Sie unter Erdogan eine Verschlechterung der Verhältnisse? Oder besteht Hoffnung?

    Er hat viele Schwierigkeiten. Aber er hat fast 370 Abgeordnete, die Oppostion ist sehr schwach und kann deswegen nicht viel machen. Seit der letzten Wahl ist die AKP die stärkste Partei. Dem türkischen Volk geht es unter dieser Partei gut, unserer Wirtschaft geht es auch gut. Er arbeitet auf den Beitritt zur Europäischen Union hin, und will diese Möglichkeit für unser Land einfach wahrnehmen.

    Über die EU können wir noch sprechen. Zunächst würde mich noch die Türkei an sich - die inneren Angelegenheiten - interessieren. Thema Menschenrechte, Thema Kurden - ein guter Freund erzählte mir folgende Begebenheit: In Braunschweig gibt es einen alten Mann, der in sich gekehrt durch die Straßen geht und dabei jede Straßenlaterne einmal umrundet. Als mein Freund ihn ansprach und nach dem Grund für sein Verhalten fragte, erwiderte der alte Mann nur: "Kein Kontakt!, kein Kontakt!", und plötzlich hielt ein Auto mit quietschenden Reifen neben den beiden, vier Junge Männer stiegen aus, umringten meinen Freund und forderten ihn auf, den alten Mann in Ruhe zu lassen. Es stellte sich heraus, dass der alte Mann Kurde ist und in einem türkischen Foltergefängnis war. Dort war er unter anderem in eine vollkommen verdunkelten Zelle zusammen mit anderen Gefangenen gesperrt worden. Erst nach einiger Zeit fand er heraus, dass es sich bei den anderen um Tote handelte, er neben und auf Leichen lag... Ein allzu reales Beispiel für den nicht gerade rechtsstaatlichen Umgang der Türkei mit ihrer kurdischen Minderheit.

    Ja, das ist leider ein wichtiges Problem in der Türkei. Jedoch kennen viele nicht die ganze Wahrheit; man muss immer alle Seiten zusammen hören. Die Menschen kennen die Zeitungen, in denen so etwas steht, aber die Wirklichkeit ist etwas anderes: Die Kurden leben im südöstlichen Teil der Türkei. Sie sind sehr arm, keine gute Lage. Eine vorteilhafte wirtschaftliche Entwicklung in der Türkei könnte dazu beitragen, dass es allen Bevölkerungsschichten in der Türkei gut geht. Das ist das erste und wichtigste Problem.
    Zu beachten ist: Die Kurden möchten keinen eigenen Staat. Sie möchten in der Türkei weiterleben. Man muss nur ihre wirtschaftliche Situation verbessern. Sind wir in der EU, können wir wirtschaftlich alles verbessern...

    Aber die Kurden wurden und werden doch vom türkischen Staat gewaltsam unterdrückt. Und das geschieht meines Erachtens unabhängig davon, ob es ihnen wirtschaftlich gut oder schlecht geht.

    Das sehe ich nicht so. Das ist einfach politische Propaganda. Unser ehemaliger Staatsminister, Özal, hat eines Tages zugegeben, kurdische Ursprünge zu haben. Und es gibt überhaupt viele Abgeordnete, zB unseren Innenminister, Aksu, der aus Diyabakir kommt und auch Kurde ist. Das, was Sie gerade gesagt haben von der Unterdrückung, stimmt nicht. Es ist nicht wahr.

    Aber wie gesagt: mein Freund hat diesen Mann getroffen in Braunschweig...

    ...ja, vielleicht ist das wahr. Aber fragen Sie auch danach, was dieser Mann getan hat. Womöglich hatte er eine Straftat begangen. Fragen Sie immer nach beiden Seiten, wir sind hier immerhin an einer juristischen Fakultät. (lacht). Jedenfalls: Das erste und ernste Problem ist die wirtschaftliche Lage. Wenn es uns wirtschaftlich gut ginge, würden alles besser laufen.

    Das zweite Stichwort zum Thema Inneres, ist die Frage, welche Geltung das gesetzte Recht in der Türkei hat. Gibt es Unterschiede zwischen den Städten im Westen und dem eher dörflich besiedelten Osten der Türkei? Konkret: Eltern in Ostanatolien wird das kürzlich liberalisierte Scheidungsrecht wenig interessieren, wenn sie ihrer Tochter einen Mann aufzwingen...

    Das ist in der Tat ein echtes Problem. Diese Regeln stehen zwar im Gesetzbuch, aber sie funktionieren nicht einfach so im Leben. Die Leute sind - wie ich gesagt habe - sehr arm. Sie möchten ihre tradierten kulturellen Gewohnheiten fortsetzen. Das Gesetz kann da nicht einfach so eingreifen. Das sind Gewohnheiten, die in den Dörfern seit langer Zeit gelebt werden. Der Vater möchte einfach, dass seine Tochter den von ihm gewählten Kandidaten heiratet, und dieser Wunsch wird respektiert. Schlichte Gewohnheit eben. Sie müssen verstehen, dass wir etwas anderes sind - wir sind Morgenland, Sie sind Abendland. Daher rühren viele kulturelle Unterschiede. Tradition und Brauch funktionieren bei uns einfach so, da kann man mit dem Gesetz nicht viel ausrichten. Zum Beispiel ist das von Ihnen Angesprochene eigentlich gesetzlich verboten...

    ...aber wenn das staatliche Recht keine faktische Geltung hat...

    ...müssen wir in erster Linie den Menschen eine gute Bildung geben, dann wird es akzeptiert werden. Es gibt viele Dörfer, in denen es keine Grundschulen gibt. Wir müssen viele Grundschulen einrichten, viele Lehrer in diese Gebiete schicken. Darüber hinaus müssen wir auch der Gesundheit dienende Institute wie zB Krankenhäuser, Krankenversicherung und überhaupt eine Sozialversicherung für alle schaffen. Das ist - noch - das wahre Problem.

    Und die Diskriminierung von Frauen würde dann einfach so aufhören?

    Ja, durch Bildung würde auch die Diskriminierung beseitigt werden. Bildung und Erziehung sind sehr wichtig. Viele Kinder können nicht einfach so in die Schule gehen wie hier...

    ...vor allem Mädchen...

    ...auch Jungen! Die können genausowenig wie Mädchen eine geschlossene Grundschule besuchen.

    Mit sexueller Diskriminierung hängt meine nächste Frage zusammen. Nicht mit dem Zivilrecht allerdings, sondern mit dem Strafrecht: Namus (dt Ehre) ist ein wichtiger Begriff im türkischen Strafgesetzbuch. Erst vor kurzem wurde § 462 TürkStGB gestrichen, in dem die sogenannte "Provokation" geregelt wurde. Danach konnte in einem solchen Fall ein Richter das Strafmaß bspw einer Körperverletzung oder sogar eines Mordes bis auf ein Achtel hinabsetzen.
    Den "Ehrenmorden" an vergewaltigten türkischen Frauen durch ihre Familien ging nach gefestigter Rspr stets eine Provokation voraus. Problematisch ist jedoch: § 51 TürkStGB wurde nicht geändert. Dieser regelt auch und immer noch Fälle der Provokation.


    Vorweg: Das ist eigentlich nicht mein Fach. Ich habe das Strafrecht das letztemal im Jahr 1992 studiert. Deswegen kenne ich die einzelnen Paragraphen nicht mehr so genau. Aber ich möchte sagen, dass unser StGB nicht sehr gut, nicht sehr gerecht ist. Es fehlen einfach viele Neuerungen.
    Die von Ihnen angesprochenen Strafminderungen gibt es immernoch, ja. Ich glaube aber - das habe ich schon vorher angedeutet -, dass wir als EU-Kandidat ein gutes StGB schaffen können. Zur Zeit wird in der Türkei jedenfalls über den Namus-Begriff diskutiert...

    ...aber Ihr StGB kommt ja ursprünglich aus dem ? faschistischen ? Italien und ist damit eigentlich schon eine europäische Konstruktion...

    ...ja, richtig. Auch unser HGB ist europäischen Ursprungs, und unser altes BGB haben wir aus der Schweiz übernommen. Die moderne Türkei hat im Jahr 1923 vieles aus westlichen Ländern übernommen.
    Das StGB haben wir mittlerweile zwar schon geändert, aber es muss eindeutig noch mehr verändert werden.

    Jedenfalls sind die Frauenrechte im türkischen Strafrecht immernoch massiv eingeschränkt...

    Ja, genau.

    ...und es gibt Unterschiede zwischen verheirateten und unverheirateten Frauen...

    Meines Wissens gibt es diese Unterscheidung nur zwischen Prostituierten und "normalen" Frauen. Eine Straftat gegen eine Prostituierte wiegt weniger schwer. Das ist selbstverständlich falsch und muss geändert werden.

    Welche Rolle spielt - insb natürlich im Strafrecht, aber auch in den anderen Rechtsgebieten - die Religion? Die Türkei hat ja eigentlich den Anspruch, ein laizistischer Staat zu sein, also das Geistliche und das Staatliche zu trennen. Durch die westeuropäische Presse geistert aber immer wieder - mehr oder weniger begründet - das Stichwort Scha?ria, wenn es um Staaten geht, in denen der Islam eine Rolle spielt. Auch hier wieder: Unterschiede zwischen westlicher und östlicher Türkei?

    Nein, da gibt es keine Unterschiede. Wir kennen richterliche Unabhängigkeit, die Richter sind frei in ihrer Urteilsfindung. Das ist in unserer Verfassung festgelegt. Osten und Westen unterscheiden sich überhaupt nicht. Das Gesetzesrecht betrifft alle in der Türkei, ob Ost oder West. Der Qu'ran spielt dabei keine Rolle - weil in der Türkei Laizismus absolut funktioniert.

    Emil Michel Cioran hat gesagt, wir Europäer würden seit 2000 Jahren dafür bestraft, dass Jesus Christus nicht auf dem Sofa gestorben ist. Mittlerweile konnten wir uns von der Knechtschaft insb der katholischen Kirche mehr oder weniger befreien.
    Die Türkei ist - obgleich ein laizistischer Staat - jedenfalls mehr von der Religion geprägt als bspw Deutschland oder Frankreich. Das macht vielen Europäern angst. Ist der Islam eine Bedrohung westlicher Werte, wie man immer hört? Gibt es überhaupt den gefürchteten "Islam an sich"?


    Laut Bevölkerungsstatistik sind 99% der Türken Muslime. Jedoch ist der Islam eine Religion, die nicht nur von der Türkei vertreten wird - es gibt viele islamische Länder. Die Türkei ist durchaus ein moderner, ein westlicher Staat. Nach der von Atatürk initiierten Revolution im Jahr 1923 wurde ein freier, demokratrischer Rechtsstaat geschaffen. Es fehlt noch ein wenig. Aber viele Länder haben solche Probleme.
    Ich glaube jedenfalls, dass der Islam keine Bedrohung ist. Deshalb müssen wir einen Kompromiss finden, eine Brücke schaffen, einen großen Dialog führen mit dem Westen, damit er versteht: der Islam ist keine Bedrohung für westliche Werte.
    Die Türkei kann insoweit auch eine Vermittlerrolle einnehmen zwischen der islamisch-arabischen und der westlichen Welt. Eine gute Möglichkeit eines Dialogs zwischen Islam und westlicher Seite!

    Zum Thema Westen und Islam: Sie haben sicherlich die deutsche Debatte um das Kopftuch verfolgt. Das - freundlich formuliert - zurückhaltende Urteil des BVerfG hat die Problematik, die ja vor allem eine gesellschaftliche und keine rechtliche ist, nicht entschärft.
    Wie bewerten Sie das Kopftuch? Ist es - um mit Alice Schwarzer zu sprechen - Zeichen der Unterdrückung der Frau durch den männlichen Islam oder ist es religiöses Identifikationssymbol?


    Ich have davon gehört. Meiner Meinung nach ist das Kopftuch weder Symbol männlicher Bedrohung noch ist es ein einfaches Identitätssymbol. Vielmehr ist das Kopftuch ein Befehl Gottes, der im Qu'ran festgeschrieben ist. Wenn eine Frau ein Kopftuch tragen möchte, kann sie das tun. Wenn sie es nicht möchte, trägt sie es eben einfach nicht. In der Türkei ist in vielen Universitäten und Behörden das Tragen des Kopftuchs ohnehin verboten. Bei uns darf eine Lehrerin auf keinen Fall in der Schule mit Kopftuch unterrichten...

    ...in Deutschland darf sie es in einigen Bundesländern...

    ...ja, Deutschland ist ein Rechtsstaat, hier dürfen in manchen Bundesländern die Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichten. In der Türkei dürfen in manchen Schulen und Universitäten nicht einmal Schülerinnen und Studentinnen das Kopftuch tragen. Man muss freiheitlicher mit dieser Angelegenheit umgehen, demokratischer. Ich glaube, dass das Kopftuchverbot Unrecht ist. Denn es ist göttlicher Befehl und kein Terroristensymbol oder Zeichen von Männerherrschaft oder Unterdrückung.

    Das Kopftuch ist also ein göttlicher Befehl. Ist Gott männlich?

    Sie meinem im Sinne der Artikel "der, die, das"? Diese Frage stellen Sie aus Sichtweise der Grammatik. Wir glauben, Allah ist einfach Allah. Allah stammt von niemandem ab, und niemand stammt von Allah ab. Allah wäre nicht Allah, wäre Allah von jemandem geboren oder hätte Allah jemanden geboren. Man muss den Begriff Allah oder Gott interpretieren. Allah hat kein Geschlecht.

    Ist Allah überhaupt eine Person?

    Nein. Allah ist Allah.

    Nochmal zurück zum Kopftuch: Mustafa Kemal ("Atatürk") forderte schon in den 20ern westliche Kleidung auch für Frauen. In der Türkei - zumindest in den großen Städten - verzichten in Atatürks Sinne viele junge Frauen auf Kopftuch, gleichwohl sehen sie sich als Muslima...

    Das Gebot ist eine Regel des Islam, und die jungen Frauen missachten diese Regel selbständig. Niemand fragt: ?Wieso trägst du kein Kopftuch?? Das ist ihre eigene Entscheidung. Ich glaube, das ist eine Prüfung, Herr laertesdd. Der Qu'ran enthält viele Ge- und Verbote. Wenn jemand die Gebote befolgt und die Verbote achtet, bekommt er eine Belohnung. Wenn jemand die Gebote missachtet oder die Verbote verletzt, bekommt er eine Bestrafung.

    Also ist Allah ein strafender Gott...

    Aber erst nach dem zweiten Leben erfolgt die Strafe. In der Welt ist das nicht zulässig. Niemand darf fragen: "Wieso trägst du das nicht?" oder "Warum trägst du das?". Aber Allah straft. Nach dem zweiten Leben im Paradies oder in der Hölle. Das ist die Sicht des Islam. Ich akzeptiere das einfach als eine Prüfung.

    Aber für Männer gibt es keine vergleichbare Pflicht, oder? Eine Pflicht, die nur sie erfüllen müssen...

    (überlegt) Nur Männer... oh je... (lacht) es kann sein, aber ich bin kein Islam-Experte, ich bin ein einfacher Muslim... ich weiss, dass es keine Kleiderregelung für Männer gibt, jedoch haben sie andere Regeln, die nur sie erfüllen müssen: zB Muss ein Ehemann für den Unterhalt seiner Familie sorgen. Die Frau kann arbeiten, wenn sie möchte. Aber sie muss es nicht.

    Lassen Sie uns zur EU kommen - das europäische Nachbarland Griechenland ist schon 1981 Mitglied der Europäischen Union geworden. Die Türkei wird es sobald nicht. Was denken Sie in anbetracht des soeben festgestellten über einen Beitritt der jetzigen Türkei zur Europäischen Union? Ist er notwendig für die Türkei? Würde sich die Türkei dadurch nicht noch weiter von Ihren arabischen Nachbarn entfernen/entfremden?

    Als Griechenland der EU beigetreten ist, war in der Türkei das Militär an der Macht, nach dem letzten Putsch von 1980. Wir sind mittlerweile Beitritts-Kandidat, aber wir müssen vieles schaffen und verändern, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Unsere Bevölkerungszahl - wir sind 65 Millionen - ist wesentlich größer als die Griechenlands. Das ist etwas problematisch für die EU, glaube ich. Wir müssen uns auf den Beitritt vorbereiten. Wenn wir der EU beitreten, bekommen wir viel Gutes, zB eine Verbesserung der Menschenrechtssituation und der Wirtschaft.
    Die Situation mit unseren arabischen Nachbarn wird sich jedenfalls nicht verschlechtern. Wir werden einfach zur europäischen Grenze zu Arabien. Zur äußersten östlichen Seite der EU. Es gibt jetzt schon viele Araber, die in der Türkei leben. Eine positive Entwicklung der Türkei brächte übrigens auch eine positive Entwicklung für die Araber. Wäre die Türkei in der EU, ginge es zB auch den Menschen im Iraq besser, denn sie bekämen schneller humanitäre Hilfe und Informationen, vor allem würde sich der Handeln intensivieren.

    Gibt es in rechtlicher Hinsicht etwas, was Ihrer Meinung nach in der Türkei besser gelöst wird als in Deutschland? Und anderes, was in Deutschland besser gelöst wird als in der Türkei?

    Das aktuelle deutsche Insolvzenrecht eine sehr gute Einrichtung. Damit werden viele Unternehmen saniert. In der Türkei steckt diese Entwicklung noch in den Kinderschuhen. Wir haben ein paar neue Paragraphen im VergleichsGB geschaffen, aber was wir brauchen, ist ein echtes Insolvenzrecht. Das machen die deutschen richtig gut. Wir brauchen so ein Gesetz.
    Eigentlich ist das deutsche Rechtssystem besser als das türkische. Aber natürlich kann das in einzelnen Punkten anders sein.

    Tesekkür ederim! (Vielen dank!)

    Bir sey degil! (Gern geschehen!)

  2. #2
    Nebendarsteller
    Registriert seit
    22.02.2003
    Beiträge
    416

    Re: "Menschenrechte sind einfach etwas Neues..."

    hmm also doch einige Recht interessante Aspekte, die behandelt wurden, allerdings erfährt man nicht wirklich Neues.(es sei denn, das Thema ist einem vollkommen neu)
    Aber das Interview ist ansonsten wirklich gelungen.
    Wie bist du darauf gekommen bzw. aus welchem Anlass?

    Einige Fragen in Richtung der starken Rolle des türkischen Militärs wären evtl. noch sinnvoll gewesen und natürlich aus aktuellem Anlass etwas über den Terror.

    ach 2 Sachen störten mich etwas, erstens deine bekannte Hetze gegen die Katholiken (weil es nur Sinn gemacht hätte, wenn du einen echten Bogen zum Islam geschlagen hättest und das hast du m.E. nicht wirklich, also hättest du deinen Cioran lassen können) und das zweite sind Begrüßung und Verabschiedung in Landessprache. Für mich persönlich ist sowas immer leicht anbiedernd und ein bißchen auch diskriminierend des Gesprächspartners (da man sein Ausländersein extra herausstellt)

    Aber obwohl die Kritik den meisten Platz in meinem post einnimmt, bleibt ein überaus positiver Gesamteindruck!

    mal so nebenbei: wann soll eigentlich die jur.Fakultät in Dresden geschlossen werden?

  3. #3
    laertes
    Gast

    Re: "Menschenrechte sind einfach etwas Neues..."

    Zitat Zitat von Gerd.Pansen
    "[...] störten mich etwas [...] Begrüßung und Verabschiedung in Landessprache. Für mich persönlich ist sowas immer leicht anbiedernd und ein bißchen auch diskriminierend des Gesprächspartners (da man sein Ausländersein extra herausstellt) [...]"
    interessanter aspekt. wer sieht das genauso? für mich ist begrüßung und verabschiedung in landessprache alles andere als anbiederung, sondern vielmehr ein zugehen auf den gesprächspartner, ein signalisieren der freundschaft zu seiner sprache und damit seiner kultur.
    aber falls andere hier auch so denken; bitte teilt es mir mit!

  4. #4
    Regisseur
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    1.206

    Re: "Menschenrechte sind einfach etwas Neues..."

    Nun, ich habe das bisher so gehandhabt wie laertes und habe bisher auch nichts negatives von den jeweiligen Gesprächspartnern gehört.
    “Don‘t part with your illusions. When they are gone you may still exist, but you have ceased to live.”
    (Mark Twain)

  5. #5
    Regisseur
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    3.830

    Re: "Menschenrechte sind einfach etwas Neues..."

    Ich habe da auch keine Probleme mit.
    Weiß zwar nicht, ob ich das selbst so machen würde, aber - warum nicht?


    Interessantes Gespräch übrigens, laertes.

  6. #6
    Regisseur
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    Re: "Menschenrechte sind einfach etwas Neues..."

    Einige interessante Aspekte in dem Interview.
    Ich persönlich finde die Begrüßung in Landessprache kann sowohl als freundlich sowie diskriminierend wirken. Es kommt eben auf die Situation an und wie man es rüberbringt. Bin mir sicher, dass du es absolut freundlich und sympatisch rübergebracht hast laertesdd von daher geht das für mich absolut in Ordnung.

    Zum Inhalt:
    Ich finde es interessant, dass Herr Kavasoglu der Meinung ist, dass die Probleme mit dem Menschenrecht durch den Beitritt in die EU gelöst werden könnten. Das seh ich komplett anders ohne eine Lösung dieser Probleme im Vorherrein sollte es der Türkei komplett unmöglich sein in die EU zu kommen und dass imho zu recht. Außerdem fasst er die Kurdenproblematik recht kurz an und so scheint es mir: er möchte sie recht simpel unter den Teppich kehren. Ich weiß nicht ob du aus höflich deinen Gast nicht zu verärgern darauf nicht weiter eingegangen bist, jedenfalls verdreht er hier doch schon ein paar Tatsachen oder? Ich habe zwar nur bescheidene Kenntnisse was die Türkei und die Kurdenproblematik angeht, aber die Kurden wollen doch durchaus einen eigenen Staat der Gebiete des Nordiraks und der Südöstlichen Türkei umfassen sollen oder sehe ich das falsch? So oder so wirken seine Aussagen auf mich hier ein wenig beschwichtigend und wie soll ich sagen auch ein wenig heuchlerisch. Es wirkt ebenso als wenn er sein Land verteidigen wolle, was man sicherlich verstehen kann aber eben nicht 100% der Wahrheit entspricht. Zum Problem mit dem Kopftuch: Dazu höre ich immer wieder unterschiedliche Auslegungen in den Medien. Da ich mich selber nicht so mit dem Islam befasse muss ich eben auf Sekundärquellen zurückgreifen. Man hört zu einem es ist eine Pflich für eine Muslime ein Kopftuch zu tragen zum anderen habe ich eben auch gehört, dass das Kopftuch erst seit der Revolution im Iran in den 70er eingeführt wurde. Also nach letzter Aussage steht das Kopftuch wohl kaum für den Islam und streng religöse Pflichten empfinde ich als Atheist sowieso als recht antiquiert und dogmatisch. Zum Kopftuch Problem in Deutschland: Ich bin ganz klar gegen das tragen eines Kopftuches einer Lehrerin meiner Meinung nach hat es nichts mit individueller Freiheit und Religionsfreiheit zu tun sondern die Trennung von Staat und Kirche und die Religiöse Unabhängigkeit der staatlichen Institutionen sind wesentlich wichtiger. Wenn man einen Mönch, Priester, Rabbi oder anderen Glaubensvertreter hohlt der den Religionsunterricht durchführt, dann ist es etwas anderes. Aber das tragen solcher Trachten sollte nur im Religionsunterricht gestattet sein.

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