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Thema: Lyrik

  1. #1
    laertes
    Gast

    Lyrik

    es ist zwar sehr intim, doch trotzdem (oder gerade deswegen) würde ich mich sehr freuen, wenn Ihr gedichte und allgemein lyrik posten könntet, die Euch sehr viel bedeutet (wer mag, kann ja gern noch dazuschreiben, weshalb dem so ist).

    ich fange hiermit an, kommentarlos:


    ---


    Mein Glück


    Ich sehe mein Glück genau an und ich bemerke:
    Seine Haut hat schon Risse auf dem Rücken und hinter dem Kopf
    Es windet und es krümmt sich als hätte es Krämpfe
    Ich muss keine Angst haben dass es krank ist und stirbt
    Ich kann mich beruhigen: Es entwickelt sich ganz natürlich weiter:
    Es streift nur die Hülle ab die ihm zu eng ist
    wie die Nymphenhaut der Libelle die Puppe dem fertigen Falter
    Es nimmt seine wahre Gestalt an: Endlich mein Unglück


    (Erich Fried)

  2. #2
    laertes
    Gast

    Re: Lyrik

    Brandmal (aus Mohn und Gedächtnis)


    Wir schliefen nicht mehr, denn wir lagen im Uhrwerk der Schwermut

    und bogen die Zeiger wie Ruten,
    und sie schnellten zurück und peitschten die Zeit bis aufs Blut,
    und du redetest wachsender Dämmer,
    und zwölfmal sagte ich du zur Nacht deiner Worte,
    und sie tat sich auf und blieb offen,
    und ich legt ihr ein Aug in den Schoß und flocht dir das andre ins Haar,
    und schlang zwischen beide die Zündschnur, die offene Ader -
    und ein junger Blitz schwamm heran


    (Paul Celan)

  3. #3
    laertes
    Gast

    Re: Lyrik

    War einmal ein Bumerang...


    War einmal ein Bumerang;
    War ein Weniges zu lang.
    Bumerang flog ein Stück,
    Aber kam nicht mehr zurück.
    Publikum – noch stundenlang –
    Wartete auf Bumerang.


    (Joachim Ringelnatz)

  4. #4
    Regisseur Moderator Avatar von Anne
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    Bonn
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    3.513

    Re: Lyrik

    Wunderschöne Idee für ein Topic, Leartes.

    Wenn ich Gedichte lese
    (sebst wenn ich sie nicht verstehe)
    komme ich mir vor,
    als ob ich lange in einem Garten sitze.
    Danach
    dufte ich selbst ein wenig
    nach Blumen.


    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    Sie sagte:
    Ich gehe weg. Ich will eine andere Liebe finden,
    eine schöne, eine glückliche.
    Ich war oft unglücklich, aber häßlich nie
    antwortete die Liebe böse und verschwand



    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    Clown

    Geh.
    Geh schon!
    Komm aber wieder,
    sagte mir lächelnd
    die göttliche Traurigkeit
    und schubste mich sanft in die Manege.


    (Giorgos Krommidas)

    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


    Der Panther
    Im Jardin des Plantes, Paris

    Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
    so müde geworden, dass er nichts mehr hält.
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.

    Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
    der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
    ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
    in der betäubt ein grosser Wille steht.

    Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
    sich lautlos auf--. Dann geht ein Bild hinein,
    geht durch der Glieder angespannte Stille--
    und hört im Herzen auf zu sein.


    (Rainer Maria Rilke)

    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    Astern

    Astern - , schwelende Tage, alte Beschwörung, Bann,
    Die Götter halten die Waage eine zögernde Stunde an.

    Noch einmal die goldenen Herden der Himmel, das Licht, der Flor,
    Was brütet das alte Werden unter den sterbenden Flügeln vor?

    Noch einmal das Ersehnte, den Rausch, der Rosen du - ,
    Der Sommer stand und lehnte und sah den Schwalben zu,

    Noch einmal ein Vermuten, wo längst Gewissheit wacht:
    Die Schwalben streifen die Fluten und trinken Fahrt und Nacht.


    (Gottfried Benn)

    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben

    Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben
    Tote Menschen - nakt sollen sie eins werden
    Mit dem Mann im Wind und im westlichen Mond;
    Wenn die Knochen saubergepickt sind und die sauberen Knochen verschwunden,
    Sollen sie Sterne haben an Ellbogen und Fuß;
    Wenn sie irr werden soll'n sie die Wahrheit seh'n,
    Wenn sie sinken im Meer soll'n sie auferstehn,
    Wenn die Liebenden fallen, die Liebe fällt nicht;
    Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.

    Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
    Unter den Windungen des Meeres
    Sollen die, die lang leben, nicht leicht leben;
    Verdreht auf der Folterbank, wenn die Sehnen reißen,
    Auf ein Rad festgeschnallt sollen sie nicht brechen,
    Wenn die Hoffnung in ihren Händen entzwei bricht;
    Und das Böse sie überrennt;
    Wenn alle Enden gespaltet wurden, sollen sie nicht brechen;
    Und dem Tod soll keine Reich mehr bleiben.

    Niemals wieder sollen Möven neben ihren Ohren schreien
    Oder Wellen laut an Meeresküsten brechen;
    Wo einst eine Blume blühte, soll fortan keine Blume mehr
    ihren Kopf in den Regen erheben;
    Und wenn sie auch verrückt sind und tot wie Nägel
    So dringen ihre Köpfe durch wie Gänseblümchen;
    Brechen auf in der Sonne bis die Sonne niederbricht,
    Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.


    (Dylan Thomas)

  5. #5
    laertes
    Gast

    Re: Lyrik

    @anne:
    danke. für das lob und die texte. wie ich eben (hinterher) erst bemerkt habe, ist das topic so ganz nebenbei durchaus auch eine gute einstimmung auf den film poem.
    übrigens: hast Du den dylan-thomas-text im original? die übersetzung klingt zwar gut, aber gerade dylan thomas finde ich im american english noch wesentlich intensiver und überwältigender.

  6. #6
    laertes
    Gast

    Re: Lyrik

    The Aliens (from The Last Night Of The Earth Poems)


    you may not believe it
    but there are people
    who go through life with
    very little
    friction of distress.
    they dress well, sleep well.
    they are contented with
    their family
    life.
    they are undisturbed
    and often feel
    very good.
    and when they die
    it is an easy death, usually in their
    sleep.

    you may not believe
    it
    but such people do
    exist.

    but i am not one of
    them.
    oh no, I am not one of them,
    I am not even near
    to being
    one of
    them.
    but they
    are there

    and I am
    here.


    (Charles Bukowski)



  7. #7
    Regisseur Moderator Avatar von Anne
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    Re: Lyrik

    Auf Laertes Wunsch hier im Original:

    And death shall have no dominion

    And death shall have no dominion.
    Dead men naked they shall be one
    With the man in the wind and the west moon;
    When their bones are picked clean and the clean bones gone,
    They shall have stars at elbow and foot;
    Though they go mad they shall be sane,
    Though they sink through the sea they shall rise again;
    Though lovers be lost love shall not;
    And death shall have no dominion.

    And death shall have no dominion.
    Under the windings of the sea
    They lying long shall not die windily;
    Twisting on racks when sinews give way,
    Strapped to a wheel, yet they shall not break;
    Faith in their hands shall snap in two,
    And the unicorn evils run them through;
    Split all ends up they shan't crack;
    And death shall have no dominion.

    And death shall have no dominion.
    No more may gulls cry at their ears
    Or waves break loud on the seashores;
    Where blew a flower may a flower no more
    Lift its head to the blows of the rain;
    Though they be mad and dead as nails,
    Heads of the characters hammer through daisies;
    Break in the sun till the sun breaks down,
    And death shall have no dominion.


    (Dylan Thomas)

  8. #8
    Regisseur Avatar von PennyLane
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    Re: Lyrik

    Topor

    Mitten im Krieg fährt ein Zug voller Juden
    quer durch Frankreich Richtung KZ.
    Volle Waggons, dichtgedrängt steh'n Menschen,
    kein Sitz, keine Bank und kein Bett.
    Der Vater hält sein Kind,
    und mit leiser Stimme singt er:
    "Schlaf, Kindchen, schlaf
    auf deinem gelben Stern,
    schlaf, Kindchen, schlaf
    auf deinem gelben Stern."

    Wir sind Engel mit nur einem Flügel,
    wir können nur fliegen,
    wenn wir einander umarmen.
    Engel mit nur einem Flügel,
    komm flieg mit mir -
    umarme mich.

    Plötzlich hält der Zug auf offener Strecke,
    weil ein Gegenzug ihn passiert.
    Und der hält auch, weil in jedem Krieg
    das Chaos regiert.
    Der Vater schaut hinüber,
    und drüber sieht er ein fremdes Gesicht
    und Augen, die versteh'n,
    ein fremdes Gesicht,
    aber Augen, die versteh'n.

    Wir sind Engel mit nur einem Flügel,
    wir können nur fliegen,
    wenn wir einander umarmen.
    Engel mit nur einem Flügel,
    komm flieg mit mir -
    umarme mich.

    Und der Vater weiß genau, dass am ender der Reise
    nur der Tod sie erwarten kann.
    Und er winkt dem Gesicht im anderen Zug.
    Er öffnet das Fenster, und dann
    wirft er sein Kind
    durch die Luft
    zu dem fremden Gesicht,
    denn hier ist das Dunkel
    und da drüben,
    da drüben ist vielleicht das Licht...

    Wir sind Engel mit nur einem Flügel,
    wir können nur fliegen,
    wenn wir einander umarmen.
    Engel mit nur einem Flügel,
    komm flieg mit mir -
    umarme mich.

    (Konrad Beikircher)
    "I'm dark and mysterious and I'm PISSED OFF!"

  9. #9
    laertes
    Gast

    Re: Lyrik

    @penny: ist das ein lied-text?

  10. #10
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    Re: Lyrik

    Einige meiner Lieblingsgedichte:

    ---------------

    Amen von Georg Trakl

    Verwestes gleitend durch die morsche Stube;
    Schatten an gelben Tapeten; in dunklen Spiegeln wölbt
    Sich unserer Hände elfenbeinerne Traurigkeit.

    Braune Perlen rinnen durch die erstorbenen Finger.
    In der Stille
    Tun sich eines Engels blaue Mohnaugen auf.

    Blau ist auch der Abend;
    Die Stunde unseres Absterbens, Azraels Schatten,
    Der ein braunes Gärtchen verdunkelt.

    -----------------

    Abendlied von Georg Trakl

    Am Abend, wenn wir auf dunklen Pfaden gehn,
    Erscheinen unsere bleichen Gestalten vor uns.

    Wenn uns dürstet,
    Trinken wir die weißen Wasser des Teichs,
    Die Süße unserer traurigen Kindheit.

    Erstorbene ruhen wir unterm Holundergebüsch,
    Schaun den grauen Möven zu.

    Früblingsgewölke steigen über die finstere Stadt,
    Die der Mönche edlere Zeiten schweigt.

    Da ich deine schmalen Hände nahm
    Schlugst du leise die runden Augen auf,
    Dieses ist lange her.

    Doch wenn dunkler Wohllaut die Seele heimsucht,
    Erscheinst du Weiße in des Freundes herbstlicher Landschaft.

    -----------------------

    Müdigkeit von Paul Celan

    Jenes Licht, die Welt der Käfer
    stürzt vorbei an meiner Hand.
    Meine Freunde, meine Schläfer:
    wohin sinkt mein rotes Land?

    Du, Versunkenheiten alle
    sammelnd in dem großen Krug
    sieh nicht hin, wie ich zerfalle
    in die Tiefe, die mich trug.

    In der Welt aus Rausch und Reben,
    der ich dien und nicht mehr taug,
    bleibt dein braunes Haar mein Leben,
    und mein Tod dein grünes Aug.

    --------------------

    Durch jede Stunde von Gottfried Benn

    Durch jede Stunde, durch jedes Wort
    blutet die Wunde der Schöpfung fort,
    verwandelnd Erde und tropft den Seim
    ans Herz dem Werde und kehret heim.
    Gab allem Flügel, was Gott erschuf,
    den Skythen die Bügel dem Hunnen den Huf -
    nur nicht fragen, nur nicht verstehn;
    den Himmel tragen, die weitergehn,
    nur diese Stunde ihr Sagenlicht
    und dann die Wunde, mehr gibt es nicht.
    Die Äcker bleichen, der Hirte rief,
    das ist das Zeichen: tränke dich tief,
    den Blick in Bläue, ein Ferngesicht:
    das ist die Treue, mehr gibt es nicht,
    Treue den Reichen, die alles sind,
    Treue dem Zeichen, wie schnell es rinnt,
    ein Tausch, ein Reigen, ein Sagenlicht,
    ein Rausch aus Schweigen, mehr gibt es nicht.

    -----------------------

    Der Spinnerin Lied von Clemens von Brentano

    Es sang vor langen Jahren
    Wohl auch die Nachtigall,
    Das war wohl süßer Schall
    Da wir zusammen waren

    Ich sing und kann nicht weinen
    Und spinne so allein,
    Den Faden klar und rein
    So lang der Mond wird scheinen

    Da wir zusammen waren
    Sang süß die Nachtigall
    Nun mahnet mich ihr Schall
    Daß du von mir gefahren

    So oft der Mond mag scheinen,
    Gedenk ich dein allein,
    Mein Herz ist klar und rein,
    Gott wolle uns vereinen

    Seit du von mir gefahren
    Singt stets die Nachtigall
    Ich denk bei ihrem Schall
    Wie wir zusammen waren

    Gott wolle uns vereinen,
    Hier spinn ich so allein,
    Der Mond scheint klar und rein,
    Ich sing und möchte weinen.

    -----------------------

    The Wind Will Take Us von Forugh Farrokhzad (aus dem Persischen von Ahmad Karimi Hakkak)

    In my small night, ah
    the wind has a date with the leaves of the trees
    in my small night there is agony of destruction
    listen
    do you hear the darkness blowing?
    I look upon this bliss as a stranger
    I am addicted to my despair.

    listen do you hear the darkness blowing?
    something is passing in the night
    the moon is restless and red
    and over this rooftop
    where crumbling is a constant fear
    clouds, like a procession of mourners
    seem to be waiting for the moment of rain.
    a moment
    and then nothing
    night shudders beyond this window
    and the earth winds to a halt
    beyond this window
    something unknown is watching you and me.

    O green from head to foot
    place your hands like a burning memory
    in my loving hands
    give your lips to the caresses
    of my loving lips
    like the warm perception of being
    the wind will take us
    the wind will take us.

    --------------------------

    What shall I do with this body they gave me? von Ossip Mandelstam (aus dem Russischen von A.S. Kline)

    What shall I do with this body they gave me,
    so much my own, so intimate with me?

    For being alive, for the joy of calm breath,
    tell me, who should I bless?

    I am the flower, and the gardener as well,
    and am not solitary, in earth’s cell.

    My living warmth, exhaled, you can see,
    on the clear glass of eternity.

    A pattern set down,
    until now, unknown.

    Breath evaporates without trace,
    but form no one can deface.

    --------------------

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