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Thema: Wie sieht für euch eine ideale Filmkritik aus?

  1. #1
    Regisseur
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    Wie sieht für euch eine ideale Filmkritik aus?

    Mich würde mal interessieren, wie für euch eine gute Filmkritik aussieht, was sie ausmacht, was sie enthalten muss, wie sie aufgebaut sein sollte und was sie keinesfalls enthalten darf...

    Es gibt für mich zwei große Arten von Kritiken, die eine ist für VOR DEM FILM, die andere für NACH DEM FILM geeignet. Ich bevorzuge meist Erstere, da mich SPOILER etc. stören, wenn ich die Filme sehe; oft ertappe ich mich dabei, dass ich dann auf die in den Kritiken beschriebenen Szenen warte und dabei unaufmerksamer den Film verfolge...
    Solche Kritiken sind beispielsweise die aus dem Filmdienst und epdFilm oder Janis' Klassiker-Review-Serie, die ich alle drei äußerst schätze...
    Die anderen sind die MovieMaze-, Roger-Ebert- oder Zeitungskritiken (überregional)...
    Ich für meinen Teil bevorzuge Kritiken aus Wochenzeitungen etc., wie eine davon unten aus dem Merkur zu sehen ist, weil sie mir erzählen, ob ich mir einen Film anschauen sollte, ob er mir gefallen könnte, kuzum, sie vergegenwärtigen mir den Film. Danach bin ich in der Lage mich für oder gegen den jeweiligen Film zu entscheiden. Diese 'idealen' Kritiken sollten auch nicht allzu lang sein, wie ich finde, sondern schnell und ohne Probleme lesbar sein, sie sollten also auch und vor allem interessant geschrieben sein und sich nicht im Detail verlieren...
    Wenn mir ein Film gefallen hat und er mich nachher noch beschäftigt, dann lese ich die anderen Kritiken, die so genannten Filmanalysen. Dafür sind sie IMO perfekt geeignet oder auch, wenn ich mir den Film sowieso nicht anschauen werde oder nicht kann, weil er z.B. hier nicht läuft...

    So kann ich gleichzeitig aus euren Antworten schließen, was ich an meinen Reviews verbessern könnte/sollte/müsste. Und für die anderen Autoren dürften sich eure Kommentare ebenfalls als durchaus nützlich erweisen.


    Ich habe folgenden interessanten Artikel im Rheinischen Merkur Online - http://www.merkur.de gefunden.
    Mit freundlichem Gruss von Tobias

    (Nr. 01, 02.01.2003)


    NEU IM KINO / Bedrohlich leise: das Psychodrama One Hour Photo


    Die Kamera sieht alles


    Autor: GERNOT GRICKSCH


    Anonyme Wahlen, die Unverletzlichkeit der Wohnung, der Datenschutz,
    das Arzt-, Anwalts- und Bankgeheimnis das sind Grundpfeiler der freien
    Weltordnung. Und doch opfern wir fast alle immer wieder bereitwillig
    unseren Anspruch auf Privatsphäre. Denn wenn wir unsere Filme zum
    Entwickeln ins Fotolabor bringen, betrachten und bearbeiten wildfremde
    Menschen die Intimität unseres Daseins. Sie wissen, wohin wir in
    Urlaub fahren, wie es in unseren Häusern aussieht, wer unsere Freunde
    sind, wie wir feiern, mit wem wir sprechen, lachen und schweigen. Und
    wenn sie über eine gewisse Kombinationsgabe verfügen, dann wissen sie
    auch, was wir lieben, wovon wir träumen, wie unser Leben funktioniert.

    Sy Parrish (Robin Williams) arbeitet in solch einem Fotolabor. Kein
    echtes Labor nur eine abgetrennte Ecke in einem riesigen Supermarkt.
    Sy ist ein stiller, in seiner Freundlichkeit fast devoter Mensch. Eine
    jener Kreaturen, die man kaum registriert. Und wenn, dann nimmt man
    solch ein scheues, kauziges Kerlchen nicht wirklich ernst. Nur
    manchmal blitzt ein Hauch von Temperament bei Sy durch etwa dann, wenn
    sich der Techniker weigert, die Labormaschine auf eine
    Hundertstelsekunde helleres Licht zu justieren. So was macht Sy
    wütend. Denn Sy ist ein Perfektionist. Da er selbst keine Freunde,
    keine Familie, kein echtes Leben hat, ist er fest entschlossen,
    zumindest die Abbilder fremder Existenzen in makelloser Qualität
    anzufertigen. Das ist die einzige wirkliche Rechtfertigung seines
    Daseins.

    Drehbuch- und Regiedebütant Mark Romanek, der bislang nur mit
    Musikvideos von sich reden machte, präsentiert mit seinem Kinoerstling
    die außergewöhnlich präzise und eindringliche Studie eines Mannes,
    dessen Einsamkeit und soziale Inkompetenz schleichend zur krankhaften
    Obsession mutieren. Jeden Tag sieht er die Fotos wildfremder Menschen
    und weil auf Fotos fast immer gelacht wird, weil man seine Kamera in
    den lustigen, feierlichen, ausgelassenen und entspannten Momenten des
    Daseins zückt und nicht in den Augenblicken der Trauer, Verzweiflung,
    Wut und Angst, erscheint Sy sein eigenes Leben noch erbärmlicher, als
    es tatsächlich ist.

    Zu Sys Stammkunden zählt die Familie Yorkin Mutter, Vater und
    zehnjähriges Kind. Deren Leben scheint, so suggerieren es die Fotos,
    ein einziger riesiger Spaß zu sein. Langsam, aber sicher steigert sich
    Sy immer mehr in die Wahnvorstellung hinein, er wäre ein Bestandteil
    dieser absoluten Idylle. In seinem Kopf wird er zum lieben Onkel Sy,
    den alle mögen, der immer gut drauf ist, den das Yorkin-Kind bewundert
    und der für deren Eltern der beste aller denkbaren Kumpel ist. Sy wird
    zum Voyeur, beobachtet die Yorkins und drängt sich dann erst kaum
    spürbar, dann immer vehementer in ihr Leben. Als er herausfinden muss,
    dass auch die Yorkins Fehler, Geheimnisse und dunkle Seiten haben,
    dreht Sy durch.

    One Hour Photo ist kein Thriller, sondern ein psychologisches Drama,
    das erst in seinem letzten Drittel elegant und effektiv die Kurve zum
    Spannungskino nimmt. Ohne billige dramaturgische Knalleffekte und in
    bedrohlich leisem Tonfall schildert Regisseur Romanek den
    schleichenden Zerfall seines tragischen Protagonisten.

    Ex-Komödienstar Robin Williams, der kürzlich bereits mit dem
    paranoiden Thriller Insomnia Schlaflos seinen Abkehrwillen vom
    humoristischen Fach demonstrierte, gibt als Sy die vielleicht
    eindrucksvollste Vorstellung seiner Karriere. Ohne Manierismen,
    sondern mit einer fast anrührenden Zerbrechlichkeit und einer
    außergewöhnlichen schauspielerischen Sensibilität schleicht er durch
    den Film. Sys mentale Wanderung von ausufernder Phantasie bis zum
    beängstigenden Wahnsinn ist kaum spürbar.

    Kameramann Jeff Cronenweth (Fight Club) kleidete die Geschichte zudem
    in spartanische, kalte und exakt abgezirkelte Bilder, die die
    Verlorenheit des fanatischen Fotolaboranten ebenso spürbar machen wie
    die traurigen, kargen Klanggemälde des deutschen Filmkomponisten
    Reinhold Heil (Lola rennt). Es ist eine ästhetisch, psychologisch und
    emotional fast makellose Arbeit. Das Hollywood-Produkt One Hour Photo
    ist kaum zu glauben, aber wahr ganz große Filmkunst.
    “Don‘t part with your illusions. When they are gone you may still exist, but you have ceased to live.”
    (Mark Twain)

  2. #2
    Regisseur
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    3.830

    Wie sieht für euch eine ideale Filmkritik aus?

    Ich gebe dir insofern recht, als dass Filmkritiken prinzipiell in zwei "Lager" einzuteilen sind: Die reine Kritik und die Analyse.
    Ich für meinen Teil gebe auf die erste Form recht wenig, da sie mich selten zu einem besseren Verständnis und einer intensiveren Betrachtungsweise des Films heranführen kann. Je nachdem, über welche sprachlichen Fähigkeiten der Autor verfügt (wie das zum Beispiel bei Roger Ebert auf ganz außergewöhnliche hochwertige Weise der Fall ist), kann es ihr gelingen, eine Vorstellung des Films, quasi ein "Bild" im Leser zu erwecken - zumeist geht sie aber nicht über den vorwiegend wertenden und knapp deskriptiven Charakter hinaus. Diese Kritiken kümmern sich zwar in der Regel um das "Was?", weniger aber schon um das "Wie?" und praktisch gar nicht mehr um das "Wozu?". Das Detail wird hierbei also oftmals aufgrund dieser unsäglichen "Spoiler-Panik" ausgeblendet. Ich selbst schere mich nicht großartig um Spoiler und bin der festen Überzeugung, dass man einen wirklich guten Film auch dann vollständig genießen kann, wenn man eine Ahnung davon hat, was passieren wird.
    Aber dahingehend muss natürlich jeder selbst entscheiden, was ihm wichtiger ist: Eine ausführliche, analytische Kritik, die dafür häufig "Spoiler" enthält, oder eine knappe, wertende Kritik, die nicht zu viel verrät.


    Meine Klassiker-Rezensionen zum Beispiel richten sich in diesem Sinne vorwiegend (wenn auch nicht ausschließlich) an Leute, die die entsprechenden Filme schon einmal gesehen haben. Bewusst versuche ich, auf bestimmte Szenen näher einzugehen, wenn sie für das Verstehen des Films, oder für eine Bestimmung seiner besonderen Eigenschaften essentiell sind. Auch habe ich keine Hemmungen, das Ende explizit darzustellen, wenn sich in ihm, wie jüngst bei "Die Ehe Der Maria Braun", quasi die Quintessenz des Films verbirgt, oder es einen herausragenden gestalterischen Höhepunkt darstellt.

  3. #3
    Statist
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    Wie sieht für euch eine ideale Filmkritik aus?

    Wenn ich über Filme schreibe, so lasse ich grundsätzlich den Inhalt weg. Die Handlung an sich ist uninteressant, da ich sowieso für diese Leute schreibe, die den Film schon kennen.
    Ich versuche meine Gedanken hineinzubringen, meine Gefühle zu beschreiben, die ich bei einem Film hatte.

    Das was ich tue hat natürlich nichts mit einer Filmanalyse oder einer Kritik zu tun. Ich schreibe einfach meine Gedanken nieder. Wobei ich gerne auch Filme analysieren würde. Dazu fehlt mir aber die Zeit, da es ratsam wäre sich für eben solche Artikel, die den Film bis ins kleinste Detail zerlegen, den Film öfter anzusehen. Zur Zeit stehen noch über 100 Filme bei mir im Regal, die ich noch nicht gesehen habe. Daher habe ich nicht wirklich Zeit mir Filme öfter anzusehen und gebe mich vorerst mit den Gedanken dazu zufrieden. Wenn das Abi aber mal vorbei ist, werde ich versuchen die 100 Filme anzugucken und dann bestimmte Filme analysieren (nachdem ich sie mir öfter angesehen habe). Deshalb bin ich ja auch auf der Suche nach Büchern, die mir die Analyse ein wenig näherbringen und mir vielleicht ein wenig dabei behilflich sein können, auf was ich da achten soll.

    Wenn ich Kritiken lese, so überspringe ich immer den Punkt Inhaltsangabe, da ich sie nicht lesen will, bevor ich den Film sehe und es mich nicht mehr interessiert wenn ich den Film schon gesehen habe. Für mich ist dann definitiv das wichtig, das den Film erklärt.
    "Der Film ist der beste Lehrmeister, denn er lehrt nicht nur durch das Gehirn, sondern durch den ganzen Körper." - V.I. Pudovkin

  4. #4
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    Wie sieht für euch eine ideale Filmkritik aus?

    Ich unterscheide da zwischen der "öffentlichen" Kritik, wie man sie in Zeitschriften oder Zeitungen findet und der "persönlichen" Kritik.

    Es kommt darauf an mit welch einer Erwartung ich an eine Kritik rangehe. In einer Zeitschrift wie z.B. TV-Spielfilm erwarte ich eine kurze Analyse des Filmes mit abschließender Bewertung, so dass ich mir ein Bild von dem Film machen kann. Natürlich wird man dort einiges lesen, was einem schon den Spaß verderben kann, wie in der Kritik von Reign of Fire, die einem klar macht, das man von der Weltzerstörung und dem ganzen Drumherum nichts mitbekommt.

    Für mich ist eine Kritik eine Analyse eines Filmes, welche von einer Person geschrieben ist, die den Versuch startet dem Leser den Film aus seiner Sicht darzustellen.
    Es liegt dann an dem Kritiker an welchen Punkten er ansetzt: Kamera, Darsteller...
    Es schwierig zu unterscheiden wann jemand objektiv über ein Film spricht oder einfach aus dem Bauch heraus, da die Übergänge fließend sind.

    Also meine Antwort auf die Frage: Wie sieht für euch eine ideale Filmkritik aus?
    In einer Filmkritik erwarte ich den Film aus den Augen des Schreibers zu "sehen". Ich will seine Betrachtungen und natürlich seine Schlussfolgerungen lesen und sie dann mit meinen eigenen Erfahrungen vergleichen.
    Ich wünsche Euch ewiges Leben

  5. #5
    Admin Avatar von Matt
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    AW: Wie sieht für euch eine ideale Filmkritik aus?



    Life in Hell © 1985, Matt Groening
    If it can be written, or thought, it can be filmed. (Stanley Kubrick)

  6. #6
    Moderator Moderator Avatar von TheCrow
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    AW: Wie sieht für euch eine ideale Filmkritik aus?

    Daily Type!

    Also, ich finde, dass es mehr als 2 Arten gibt. Denn abgesehen vom Unterschied zwischen Kritik (oder, was mir lieber ist, Review - schliesslich lasse ich als Autor einer Kritik den Film in meinem Kopf Revue passieren) und Analyse, ist ein sehr wichtiger Punkt auch die Tatsache, ob der Text subjektiv oder objektiv verfasst wurde.

    Ich persönlich bleibe bei Reviews, denn ähnlich wie es bei Kubrick (dem User hier, nicht dem Regisseur - übrigens viel Glück: meine Matur liegt schon Jahre zurück, aber aus den 20 ungesehenen Filmen sind inzwischen gut 330 geworden ) der Fall ist, habe ich zu wenig Zeit, immer eine Analyse zu machen. Das kommt zwar auch immer wieder vor, aber meist doch eher verbal unter 4 Augen (wobei meistens auch Mr. Bad Cop der Gesprächspartner ist). Und bei meinen Reviews versuche ich bei meinen MM-Texten möglichst objektiv zu bleiben (aber eben: das gelingt nicht immer...und eine 100%-ig objektive Review/Kritik kann es in meinen Augen gar nicht geben), und bei dem MovieCops-Gequatsche darf es so subjektiv sein, wie nur möglich..."vom Konsumenten für den Konsumenten" quasi. Allerdings beides immer ohne Anspruch auf unbedingte Richtigkeit, denn es geht ja immer um ein subjektives Filmerlebniss, welches innerhalb eines bestimmten Rahmens halt objektiv aufgearbeitet werden muss.
    "Stop breathing!" - The Man in Black
    MovieCops - Filme im Kreuzverhör #80 ist online! (12.11.2017)

  7. #7
    Hauptdarsteller Avatar von Zonk
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    AW: Wie sieht für euch eine ideale Filmkritik aus?

    Ich bin der Meinung, es sollte demjenigen einfach spaß machen. Es sei denn natürlich, es würde auf irgendeine gewerbliche Ebene stattfinden und/ oder berulichen Nutzen als auch wirtschaftlichen Erfolg erzielt werden. Da seien dann gewiss Richtlinien, Heiligtümer der Film-Kritiker oder vielleicht auch gesetzliche Parapraphen, gerne zu beachten, die die Langjährige Ausbildung/ Bildung zum Autor in dem Fall Film-Kritiker nicht zum Spaß inne hat.

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