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Thema: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

  1. #1
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    "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Wage ich mich mal an ein Filmtagebuch. Nur um es auszuprobieren. Ob ich es aushalte bezweifele ich einfach mal. Aus dem Grund weil ich Diskussionen spannender und anregender finde. Auch in Hinsicht der Revision eigener Ansichten.

    Was mich dann letztlich doch dazu brachte, waren die wunderbaren Filmbilder, die Daniel in seinem Tagebuch gepostet hat (besonders die Bilderstrecke zur "Shawshank Redeption")

    Also fange ich mal mit einem Film an, den ich erst gerade im WDR gesehen habe. Zum zweiten Mal.
    Eigentlich ein fulminanter Auftakt.

    Badlands
    (USA 1973; Regie: Terrence Malick)



    In einem rauen Bildertableu bereitet Kinopoet Terrence Malick das Leben und Leiden eines auf der Flucht befindlichen Liebespaares im kargen Westen der USA auf. Ein unvergleichlich staubig-dahinraffender Film, der auch bei wiederholter Sichtung ein "mehr" an Faszination in mir zum Vorschein bringt.
    Vor allem Sätze wie "Ich fühlte mich so leer wie in einer Badewanne, aus der man das Wasser gelassen hat" trafen mich zutiefst. Dazu noch dieser unauffällige Soundtrack und die grenzenlos weiten Totalen all der kargen Felder. Da wird ein Lebens- und Jugendgefühl wiedergegeben, dem jeder Reiz von Sinnhaftigkeit entwichen zu sein scheint. Da gibt es nur noch naive Liebe, schonungslose Offenheit, die sich in Brutalität niederschlägt. Gefühle, die hervor schießen statt Berührung zu erzeugen. Und zugleich ist da die von Sissy Spacek so grandios verkörperte Holly, die all das an Schönheit und Unschuld bewahrt hat, nach dem Kit so wenig greifen und dass er dennoch zu lieben in der Lage ist.

    Insgesamt lässt sich sagen, dass "Badlands" ein hervorragendes Zeugnis amerikanischer Filmkunst-Kultur ist, dass intelligent und subtil funktionierend ein stellenweise unbegreifliches und auch wiederum wunderschönes "Amerika-Bild" schafft. Sehr empfehlenswert!

    9/10
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.
    Rainer Maria Rilke

  2. #2
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Tote schlafen fest (The Big Sleep)
    (USA 1946, Regie: Howard Hawks)



    Zum wiederholten Male gesehen und wieder mal als wunderbar altmodischen, aber keinesfalls veralteten, Filmgenuss empfunden.
    Eine hervorragende Genre-Mixtur aus bissiger Dialogwitz-Screwball-Comedy, undurchsichtig vertrackter Kriminalgeschichte mit doppeltem Boden, pessimistisch-düsterem Film Noir-Gemälde inklusive ständiger Regengüsse und nebeliger Straßenzüge, myteriöser Charakterzeichnungen und intelligent versponnener Thriller-Elemente.

    Humphrey Bogart als lakonischer Phillip Marlowe in Trenchcoat und mit Kippe scheint der einzige Held dieses düsteren Reigens um Figuren zu sein, die allesamt vorgeben etwas zu sein, was sie nicht sind.
    Ein sympathischer Anti-Held, ein bittersüßer Abgesang auf die amerikanische Mythenzeichnung vom aufrichtigen Gesetzeshüter. Phillip Marlowe ist nämlich interessanterweise nicht weniger skrupellos, als jene die er bekämpft.

    "The Big Sleep" ist ein unauffälliger kleiner Streich von einem Film-ganz in gewohnter Hawks-Tradition geht es hier um Verkleidungen und Maskerade. Und vor allem ist "Tote schlafen fest" auch DER Film, der das Traumpaar Bacall/ Bogart schuf. Denn auch wenn sie sich hinter dicken Nebelschwaden versteckt, erzählt Hawks' Film auch eine Liebesgeschichte...nur eben wieder maskiert als wenig ernst zu nehmendes Screwball-Techtelmechtel.

    Fazit: Ein famoser Klassiker der Schwarzen Serie. Lakonisch, stellenweise amüsant, immer spannend, bis zur Unverständlichkeit vertrackt, dicht erzählt und sehr atmosphärisch.

    7,5/10
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    Rainer Maria Rilke

  3. #3
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    The Hills Have Eyes
    (USA 2006; Regie: Alexandre Aja)



    Nach Aja's fulminanten Geheimtipp "High Tension", der es schaffte Splatter mit visueller Opulenz auszustatten, näherte sich das neu entdeckte Talent einem Klassiker aus dem Oevre der aufsehenerregnden 70er-Jahre-Slasher aus den USA. Aja reiht sich damit neben Markus Nispel, der durch sein Remake des "Texas Chainsaw Massacre" den Trend vorgab, in eine Reihe jener Filmemacher ein, die das Splatter-Genre im Mainstream bekannt machen wollen.
    Die Zutaten des Mainstream-Splatter-Films sind demnach auch Horror-Genre-typische Wendungen, die in ihrer professionellen Platzierung fast schon zu ausgewogen für ein ehemals so exzentrisches Genre wirken. Und gerade das ist auch das störende Charakteristikum des Aja-Films, der zwar deutlich aus dem Gros der neuen Splatter-Welle herausragt, aber dennoch leidlich um Effekte buhlen möchte. Es stellte sich mir wiederholt die Frage, warum eine Stunde dieses Films mit Andeutungen und Schreckmomenten verspielt wird, damit dann urplötzlich ein mehrminütiges Splatter-Ballett folgen muss. Doch statt nach der großartig verstörenden Wohnwagen-Sequenz konsequent am gleichen Niveau weiter zu arbeiten, verrennt sich der Film in eine wiederum viel zu wage gehaltene Mutanten-Stadt-Verschleppung.
    Ein weiterer, nicht minder schwer wiegender negativer Aspekt ist meiner Meinung nach die Optik des Films. Wo es Nispel gelang die Hochglanz-Ästhetik seiner Bilder clever mit den blutrünstig-perversen Momenten der Horror-Story zu brechen, gelingt Aja dieser Drahtseil-Akt nicht. Mag es daran liegen, dass Nispel ihm zuvor kam oder daran, dass Aja vielleicht nicht konsequent genug in beide Richtungen geschaut hat und seine Schmutz und Schönheit-Kombination zu unausgewogen in's Nichts verlaufen ließ.

    Dennoch geizt Aja nicht mit interessanten Meta-Verweisen auf das Konsumverhalten der Amerikaner, persifliert subtil und eher suggestiv nicht ausgesprochene Konflikte innerhalb einer US-Vorstadt-Familie, wie man sie nicht besser hätte treffen können.
    Darunter fallen sowohl Inzest und Begierde, als auch Scham und Selbstzerstörung. Die Erscheinung der beinahe schon archetypischen US-Familie scheint ein Blutbad derer zu rechtfertigen, auf deren Mutation der Nachkriegs-Wohlstand jener Vorzeige-Familie beruht.
    Zeitweise beschäftigt sich Aja auch sehr kulturpessimistisch mit den stetig zerfallenden Idealen von bürgerlicher Opposition, wenn z.B. die Mutter vor den Kindern leugnet mal ein Hippie gewesen zu sein und ebenso greift er den Konflikt zwischen linker Modernität (der Schwiegersohn) und rechter Restruktion (der Vater) auf und reflektiert ihn meist mit einem heftigen Augenzwinkern. Wenn der Vater schließlich an einem Baum hängend beinahe-gekreuzigt und mittelalterlich verbrannt wird, scheint das gar religiöse Aspekte aufgreifen zu wollen: Das Oberhaupt, der Vater, der Gott, der Präsident wurde hingerichtet, das System wurde durch Zerstörung der Physis dekonstruiert. Nun liegt es an der darauffolgenden Generation die Fehler des Atomzeitalters, des Dilemmas der Moderne, zu umgehen, zu verdrängen, zu zerstören.

    "The Hills Have Eyes" ist ein stellenweise konsequenter Slasher-Film, der den Traditionen seines Genres ebenso treu bleibt, wie er sie auch unerbittlich zugunsten eines schnelllebigen Spannungsaufbaus immer wieder in Frage stellt. Das hinterlässt zwar einen faden Beigeschmack, dennoch ist Aja's zweiter großen Regiearbeit eine angenehm subversive Note nicht abzusprechen.

    6,5/10
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  4. #4
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Anchorman-The Legend of Ron Burgundy
    (USA 2004, Regie: Adam McKay)



    Wenn man einen Film berechtigt als "absurd" bezeichnen möchte, dann auf jeden Fall "Anchorman", der vielleicht der heimliche König , zumindest zeitgenössischer, absurder Komödien ist. Das Team um Ferrell/Rudd & Co. ist denn auch wenig darum bemüht eine Story zu erzählen als beinahe ganz darauf zu verzichten oder zumindest ansatzweise etwas Ähnliches vorzugeben um es als Vehikel für deren brillante Unsinnigkeiten zu nutzen.
    So wirkt das Dekors, die Figuren, das Zeit-Kolorit, die manchmal konsequent fragwürdigen und pointenlosen Gags wie perfekt getimtes absurdes Theater, dass, zumindest mich, nach wiederholten Sehen immer wieder in seinen Bann zieht.

    7/10 (Edit: Hab die Bewertung noch mal bearbeitet; auch wenn "Anchorman" einmalig und an sich eigentlich gelungen ist, setzt das die Messlatte irgendwie automatisch zu hoch)
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  5. #5
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Das Parfum-Die Geschichte eines Mörders
    (Deutschland, Frankreich, USA, Spanien 2006; Regie: Tom Tykwer)



    Noch zieht Tykwers Film in mir seine Bahnen und ich kann nicht divergieren zwischen meinem kritisch-analytischen Blickwinkel und meinem emotional-ästhetischen Empfinden. Im ersten Fall müsste ich leidvoll zugeben, dass "Das Parfum" vielleicht zu oberflächlich, in der Charakterzeichnung nicht weit genug und in seiner Anwendung von Symbolik vielleicht ein wenig überfrachtet geraten ist.
    Höre ich jedoch auf mein reines Empfinden muss ich "Das Parfum" als makelloses Meisterwerk bezeichnen. Furios ausgestattet, episch erzählt, meisterhaft montiert und visuell bahnbrechend (wahrscheinlich einer der besten Kameraarbeiten aller Zeiten).

    Vielleicht ist es ja auch gerade das, was die Venedig-Kritiker so erzürnt hat: "Das Parfum" ist fast schon zu perfekt, zu durchdacht, zu ausgewogen in der Balance zwischen Abdeckung von Masseninteresse (die der Film absolut erfüllt) und künstlerisch-motivierter Tiefgründigkeit. Man könnte (aber nur wenn man böse ist) "Das Parfum" als einen sehr gefälligen Filme bezeichnen. Vielleicht könnte man sogar soweit gehen ihn als Hollywood-Film aus Europa zu bezeichnen. Und auch der Vorwurf, "Das Parfum" sei ergebnislos um Tiefe bemüht, scheint angesichts der Inszenierung nicht unberechtigt.

    Aber andererseits lassen sich all jene Vorwürfe auch in ihr Gegenteil verkehren: Mir hat es hochgradig zugesagt, dass Tykwer nicht den Fehler beging und "Das Parfum" als gediegen erzähltes Historienstück inszenierte sondern versucht hat mit allen Mitteln der modernen Erzähltechnik ein nachempfindbares Gefühl für jene vergangene Epoche zu kreiren.

    Ebenso positiv empfand ich die Bemühungen den Stoff nicht in den typisch-gering-messbaren Maßstäben europäischer 08/15-Produktionen zu adaptieren, sondern ihn in amerikanischen Maßstäben in Szene zu setzen. So wirkt "Das Parfum" nicht nur wie ein Big-Budget-Film, er fühlt sich fast genauso an und fügt dem Ganzen dennoch die nötige Spur an europäischem Arthaus-Anspruch bei, ohne dabei ein auf Unterhaltung pochendes Publikum verstören zu wollen. Man mag das vielleicht gemeinhin als gefällig bezeichnen, aber vielleicht ist es eben nur eine bessere Möglichkeit große Geschichten für ein großes Publikum zu erzählen.

    Die Effekte, die "Aha"-Erlebnisse in "Das Parfum" sind wahrlich nicht gerade spärlich, aber sie haben immer ihre Berechtigung, sie fügen sich als minitiöse Striche in ein geradezu berauschend ästhetisches Gemälde unvergleichlicher Schönheit ein. Tom Tykwer und Kameramann Frank Griebe ist vor allem ein Film gelungen, dessen Einzelbilder sich wohl mühelos als Ölgemälde in Kunstgallerien des Barock ausstellen ließen. Sehr viele Bilder im "Parfum" wirken so irreal berauschend weil sie von solch monumentaler Wucht, von so ästhetisch durchdachter Komposition und Lichtsetzung bestimmt sind. Tykwer und Griebe vorzuwerfen diese Herangehensweise bewirke Pathos, ist so als würde man David Lean, Anthony Minghella oder gar Sergio Leone des gleichen Verbrechens schuldig machen. Denn ähnlich wie jene drei großen Erzähler epischen und großformatigen Kinos weiß anscheinend auch Tykwer unter der Wucht seiner Bilder nicht unterzugehen. Er scheint vor allen Dingen die Geschichte, die er zu erzählen hat, nicht zu vergessen, was wohl am ehesten Verdienst seiner subtilen und unaufdringlichen Schauspielführung ist, der es gelingt das zurückgenommene Maß seiner Akteure reduziert zu dosieren, so dass sich die Schauspieler primär in einem Regisseurs-Film denn als Darsteller in einem Schauspieler-Film bewegen. Das ist es auch, was so konsequent und dicht den Kern des existenzialischen Grundgedankens dieses Stoffes frei legt, den weniger Ben Wishaw in seinem Spiel als Grenoille als viel mehr Tykwer mit Hilfe seiner Inszenierung gelingt frei zu legen. Und im Grunde (auch wenn ich das Buch leider nur zu Hälfte gelesen habe) ist doch gerade die Faszination an Patrick Süskinds Bestseller mehr noch die Welt, in der sich Grenoille bewegt als die Figur selbst, die nur Abbild ihrer ist. Tykwer scheint gerade das begriffen zu haben.

    Aber natürlich ist "Das Parfum" eben auch die Geschichte eines Mörders, wie der Untetitel andeutet und schon ähnlich wie es Jonathan Demme mit Anthony Hopkins in "Das Schweigen der Lämmer", Alfred Hitchcock mit Anthony Perkins in"Psycho", Martin Scorsese mit Robert DeNiro in "Taxi Driver" oder Steven Spielberg mit Ralph Fiennes in "Schindlers Liste" gelang, entpuppt sich die Besetzung eines absolut unbekannten Darstellers als perfekte Entscheidung um das (salopp gesagt) "Böse" ein anonymes und damit glaubwürdiges Gesicht zu verleihen. Ben Wishaw macht nicht den Fehler seine Rolle, seine Perversion im Spiel reflektieren zu wollen. In ihm sehen wir vor allen Dingen ein ebenbürtiges Gesicht, dass mit einem ähnlich existenzialischen Dilemma zu kämpfen hat, wie es im Film ebenso ein Held tun könnte.
    Wirkten Darsteller wie Sean Connery in einem Eichinger-Film wie "Der Name der Rose" oder Winona Ryder in "Das Geisterhaus" noch wie Stars, die man mühevoll versucht hat in ein auf international getrimmtes Werk einzuspinnen um das notwendige englischsprachige Publikum in die Kinos zu locken erweisen sich Dustin Hoffmann und Alan Rickman, anders als ihre Vorgänger, als alles andere als deplaziert.
    Hoffmann gibt seiner Rolle wieder den angenehm zurückgenommenen Touch des tragischen Versagers, den er seit "Die Reifeprüfung" so unnachahmlich etabliert hat und Alan Rickman beweist mit seiner gewohnt distanzierten Unnahbarkeit, wie ein regloses Gesicht zu sprechen in der Lage ist.
    Schauspielerinnen bleiben jedoch nur auf ihren Nutzwert reduziert. Sie sind zwar wunderschön anzusehen, aber ihr Spiel beschränkt sich allenfalls auf Schreien, Nackt-und Schön-sein und...na ja...Schreien. Auch hier könnte man wieder so weit gehen und das als Schwäche der Figurenzeichnung ansehen. Bei einem Potrait über einen Mörder, der Frauen jedoch als nichts anderes als Versuchskörper seiner Duft-Kreation betrachtet, macht es meiner Meinung nach jedoch Sinn, dass sie dermaßen wenig Innenleben haben und auf ihren nackten Körper beschränkt bleiben. Letztlich sind es ja gerade die Frauen, die in ihrer Nacktheit fleischliche Wolllust verkörpern, derer Grenoille zwar habhaft, deren Herz er jedoch nicht gewinnen kann. Die Schönheit wird für ihn zu einem Ästhetikum, dass er wissenschaftlich komprimieren will und die er dennoch nicht begreift weil gerade Schönheit, Obsession und Verlangen auch immer etwas mit Unnahbarkeit zu tun hat. Grenoille ist ein Opfer seiner Gabe weil er nicht die nötigen intelektuellen Fähigkeiten besitzt sie zu begreifen.

    Aber ich merke schon, dass meine Schreib- und Interpretationswut wahrscheinlich auf nichts anderes hindeutet, als meine Angst davor dem Film eine letztendliche Wertung zu geben. Während des Films dachte ich nämlich schon an eine 10, danach hielt sich die 10 und verflüchtigte sich dann vor ein paar Stunden zu einer 8 um jetzt zu einer...na gut...einer 9 (!) zu werden.
    Denn wischen wir mal all die störende Kritik meines Verstandes weg: Es gab in jüngster Vergangenheit kaum einen Film, der mich emotional vergleichbar ekstatisch überwältigt hat, ohne dabei den hohlen Ästhetizismus vor sich her zu tragen(wie zuletzt bei "2046"). "Das Parfum" ist zweifellos der "größte" (damit meine ich die erzählerische Bandbreite) Film eines deutschen Regisseurs seit "Das Boot" und einer der besten Hollywood-Produktionen, die nicht aus Hollywood stammen.

    9/10
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  6. #6
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Einer flog über das Kuckucksnest
    (USA 1975; Regie: Milos Forman)



    Was gibt es über diesen Film eigentlich noch zu sagen? "Einer flog über das Kuckucksnest" ist eine kongenial dokumentarische gehaltene Analyse des existenziellen Dilemmas der Moderne: Auf der einen Seite Freigeistigkeit erzeugend und auf der anderen Seite Freigeistigkeit unterdrückend.

    Subtil schafft es der Film innerhalb seiner wunderbar eingefangenen Anstaltsgemäuer ein furioses Kammerspiel aufzufächern, in dem MacMurphy zum aufmüpfigen Helden, zur Leitfigur einer neuen Dynamik wird, in dem er für das "Leben" und gegen die ausschließlich auf diktatorische Struktur und Disziplin versessene Antagonistin Rachett ankämpft.

    Man braucht eigentlich nicht mehr zu erwähnen, dass die Rolle des Randall MacMurphy wohl so etwas wie die ultimative Figur für Jack Nicholson gewesen ist. In Forman's Meisterstück gelingt es ihm Charme mit Raubeinigkeit, Rebellion mit Sturheit, Lust mit Aggression und Freiheit mit Dynamik zu verbinden.
    Die Räumlichkeiten der Psychatrie werden zu einer der lebendigsten Bühnen der Filmgeschichte, wenn Nicholson anbetungswürdig (spielerisch) brillant ein Baseball-Match nachstellt oder verzweifelt versucht ein Waschbecken aus dem Boden zu reißen um seine Kraft zu demonstrieren.

    Indes werden die Insassen zu Personifikationen, zu "verrückten" Abbildern unserer ohnehin "verrückten" Gesellschaft, in der nur die Tatsache einen Unterschied schafft auf welcher Seite der Medikamentenausgabe man nun steht. Im Grunde hat MacMurphy das Prinzip des gesellschaftlich ausgestellten Liberalismus begriffen indem er sich gegen die Prinzipien einer Ordnung stellt, die jenem Ideal wiedersprechen. Doch wie notwendig ist die Anstalt, das Wegsperren, das Verdrängen oder das zur Krankheit erklärte Verrückte "innerhalb" der Gesellschaft? Der Film gibt keine Antwort, denn er spielt, abgesehen von einer eher komischen Begegnung mit der Außenwelt, die nicht auf dem Festland sondern im "Versteck der Freiheit" (der See) ihren Platz einnimmt, immer am Rande der Gesellschaft und damit innerhalb der Mauern.
    Aber auch Draußen scheinen undefinierbare Häuserfassaden oder riesenhafte Berge, die es zu überwinden gilt, das "Dahinter" zu verbergen. Der Einzige, der es in der Lage ist zu sehen ist MacMurphy. Mehr noch: Er besitzt im Gegensatz zur regungslos gewordenen Oberschwester auch die Fähigkeit es aufzuzeigen.
    Forman will da nichts anderes sagen, als dass Freiheit immer gegen den Widerstand des Oppurtinismus erkämpft werden muss und dass es schon eines "Verrückten" bedarf, der alles andere als weggeschlossen werden sollte. Er scheint uns sagen zu wollen, dass Verrücktheit und Wagemut notwendig sind um Anpassung und Diktatur kampfbereit entgegen zu treten. MacMurphy wird zuletzt zum Märtyrer, während ein Stück weit die "alte Ordnung" immer existieren wird. Sie lässt sich nicht würgen, sie läuft nur rot an.
    Vielleicht ist ja auch gerade das Schlußbild des davon laufenden Indianers das Anzeichen dafür, dass Freiheit immer nur individuell ergreifbar sein kann, während sich die MacMurphys dieser Welt für jene opfern müssen um sie den Häuptlingen (den Anführern und zugleich Urahnen) dieser Welt begreiflich zu machen.

    Mehr noch, als dass es Forman gelungen ist eine hochinteressante Auseinandersetzung anzubieten, ist sein Film auch herrlich tragikomisch indem er äußerst dezent und niemals um einen billigen Effekt bemüht absurde Szenerien zwischen dem heterogen gehaltenen Schauspielensemble entwirft. Besonders jene Stimmung, in der alle aufgrund irriger Lappalien dem Chaos verfallen, sind mehr noch als Kommentare auf die Irrsinnigkeit der Gesellschaft auch einfach nur herrlich komisch.

    Gerade das "pure" Gefühl ist es, dass Forman mit seinem Film hinterlässt. Dadurch, dass wir lachen und zugleich betroffen sind gelingt es ihm eine Spur der glasklar erkennbaren Verrücktheit unserer Realität anzuerkennen. Das ist es wohl letztlich auch, was mir dieses Meistwerk immer schenkt, wenn ich den Abspann sehe und der Realität überlassen werde: Hoffnung.

    9/10
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  7. #7
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Uzala-Der Kirgise
    (UdSSR, Japan 1975; Regie: Akira Kurosawa)



    Eigentlich liebe ich ja Kurosawa und gerade das japanische Kino kommt mir in seiner geruhsamen Erzählweise sehr gelegen. Und auch Kurosawas mit dem Auslands-Oscar ausgezeichnetes Werk "Uzala" besitzt durch seine unaufdringlich langen Einstellungen eine äußerst attraktive Stimmung. Dennoch muss ich gestehen, dass mir seine Naturparabel einiges an Geduld gekostet hat.

    150 Minuten sieht man Uzala und "Captain" durch Schee, Matsch, Morast und Wasser hin- und herwaten. Immer im Kampf mit der Natur. Zwischendurch werden mal vereinzelt Worte gewechselt, die darauf verweisen, dass Uzala ein furioser Naturkundler ist, der ganz darin aufgeht Spuren zu suchen, Tiere zu jagen und gute Taten zu vollbringen. Außer dieser Motivation auf der Handlungsebene gibt es da noch die sich anbahnende, intensive Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Kulturen und einige beeindruckende Naturaufnahmen, welche die Rau- und Kargheit unterschiedlichster Landschaften einfangen. Indes gehört eine Sequenz, in der Uzala dem "Capitain" eine Höhle aus Stroh baut zu einer unglaublich intensiven Szene, die beide als Shilouetten vor der untergehenden Sonne abbildet. Diese Szenen sind es denn auch, die mich jene Aspekte des Kurosawa-Kunstkinos erkennen ließen, für die ich diesen Regisseur so wertschätze.

    Trotzdem: "Uzala" verlangt einiges an Geduld und Kraft. Auch wenn man sich des schnell-geschnittenen Multimedia-Zeitalters eigentlich erwehren möchte und obwohl ich Filme mit endlos langen Einstellungen liebe ("2001", "Elephant", "Dead Man" etc.), ist man dennoch zu stark von ihm geprägt, als dass die eigene Geduld den Film schadlos übersteht. Denn anders als bei vergleichbaren Filmen sind die Figuren und die Geschichte zu weit weg und Kurosawa gibt sich wenig Mühe eben diese Distanz dem Publikum zu Liebe aufzulösen. Das mag zwar beabsichtigt sein und entbehrt nicht einer gewissen Faszination, aber es ist eben auch verdammt anstrengend.

    "Uzala" ist vor allem eine stille Kamerafahrt durch die Natur ohne Musik und ohne Pathos. Durchaus kann man dem auch einiges abgewinnen...wenn man sich darauf einlässt.

    5/10
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  8. #8
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Die Reifeprüfung
    (USA 1967; Regie: Mike Nichols)



    Arthur Penns "Bonnie & Clyde", Michelangelo Antonionis "Blow Up", Stanley Kubricks "2001", Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod", Dennis Hoppers "Easy Rider" und Mike Nichols' "Die Reifeprüfung" waren jene Filme der ausgehenden 60er Jahre, dem ein neuer Zeitgeist inne wohnte, die eine neue Sprache sprachen, eine neue Gangart pflegten.

    Penn hatte mit seiner Gewaltballade das erste blutige Road-Movie geschaffen, Antonioni europäisches Arthaus-Kino mit der Beatnik-Bewegung überein gebracht, Kubrick den Science-Fiction-Film neu erfunden, Leone den wohl elegantesten Western aller Zeiten gedreht, Hopper Drogen- und Freiheitserfahrung zur amerikanischen Tugend erklärt und Mike Nichols hatte den ersten amerikanischen Film gedreht, in dem es ganz offen darum ging, dass ein junger College-Absolvent mit einer viel älteren, verheirateten, Frau in's Bett geht um am Ende mit deren Tochter zusammen zu kommen. Ein höchst skandalöses Thema. Gegenwärtig jedoch wäre "Die Reifeprüfung" ein harmloser Film. Jede Vormittags-Talk-Show oder Nachmittags-Soap wäre eine weitaus ordinärere Begegnung mit selbigen Thema.

    Abseitig seines hochinteressanten zeitlichen und filmhistorisch bedeutsamen Kontexts ist "Die Reifepüfung" eines der sensibelsten Meisterwerke über eine große Anzahl von Aspekten, die äußerst stimmig miteinander verwoben sind. Das ist es auch, was diesen Film in meinen Augen so unvergleichlich perfekt macht. Es ist eine Geschichte über einen, der irgendwie im "Dazwischen" gefangen ist und nicht so recht weiß ob sein Leben auch weiterhin streng in eine Richtung verlaufen soll. Es ist aber auch eine Persiflage und kritische Beäugung der Gesellschaft, die in ihrer Durchschnittlichkeit keine Optionen oder vielleicht sogar zu viele Optionen offen lässt. Hinter den Wohlstands-Fassaden lauern mittelmäßige Lebensentwürfe und mittelmäßige Floskeln ("Nur ein Wort: Plastik!"). Benjamin Braddock hat erkannt wozu seine Mitmenschen aufgrund ihres Luxus und ihrer Dekadenz nicht mehr in der Lage sind: Er hat erkannt wie sinnlos und leer das gesellschaftliche Versteckspiel bürgerlicher Lebens-, Wohn- und Wertevorstellungen verläuft.
    In einem Hotel wird er ständig für einen anderen gehalten und später gesteht er Elaine: "Ich komme mir vor als spiele ich irgendein Spiel dessen Regeln ich nicht verstehe. Sie kommen mir vor als wären sie von den falschen Leuten gemacht. Nein. Die macht ja Niemand, die scheinen sich selbst zu machen."

    Es ist gerade das tragisch-schmerzliche Gesicht von Dustin Hofmann, dass der Figur des Benjamin Braddock eine solche Desilliusion, eine solch unterdrückte Trauer verleiht. Wenn "Simon & Garfunkle" (einer meiner Lieblingsbands) erklingt und Benjamin Braddock einsam vor seinem Aquarium hockt, sich als der sympathisch-angepasste Querdenker nicht zu irgendeiner Entscheidung in der Lage sieht, dann sind das magische Augenblicke, in denen ich jedes Mal erstaunt bin wie großartig es Nichols gelungen ist gerade jenes Gefühl (auch gegenwärtiger) Lethargie und Orientierungslosgkeit visuell dezent und mitfühlsam auf den Punkt zu bringen.
    Ohnehin besteht Nichols Meisterwerk aus Sequenzen, welche Einsamkeit, Verlorenheit und Melancholie darstellen, wie es vielleicht erst wieder Sofia Coppola Jahrzehnte später mit "Lost in Translation" so kongenial gelungen ist.
    Einstellungen wie jene, als der unscharfe Fokus auf Elaines Gesicht plötzlich scharf wird und ihre Tränen offenbart werden, der einsame Gorilla während Braddock am Affengehege gelehnt ist, der Einsatz des Zooms im Flur vor Elaines' Zimmer als Mrs. Robinson Ben "Lebewohl" sagt, der Schnitt, als er auf seine Luftmatratze springt um auf Mrs. Robinson zu landen oder wie er ein dutzend Mal "Elaine" auf seinen Block schreibt und an die Decke starrt...jede Minute dieses Film ringt mir ein erstauntes Lächeln ab weil er so ungeheuer detailverliebt auf den ersten Blick banale aber dadurch umso wahrere Momente einfängt, die im Einklang mit den Figuren stehen. Über die Tatsache hinaus, dass der Film eine subtile Anklage gegen bürgerliche Idealvorstellungen und sensibeles Potrait eines angepassten Unangepassten ist, bietet Nichols aber auch einfach eine romantisch-schwelgerische Love-Story und die spannend inzenierte Darstellung einer Sexaffäre.

    Für mich ist "Die Reifeprüfung" in erster Linie ein schwelgerisch-schöner Film-Traum, mit dessen Protagonisten ich mich einfach einmalig identifizieren kann, der aber auch, wie bereits erwähnt, die unterschiedlichsten Genre-Zutaten stimmig zu vermischen weiß. Ein echtes Meisterwerk, der meine Höchstwertung voll verdient hat.

    10/10
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  9. #9
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    L'Auberge Espagnole
    (Frankreich, Spanien 2002; Regie: Cédric Klapisch)



    Höchstwahrscheinlich werde ich mich zu einem späteren Zeitpunkt noch Mal mit "L'Auberge Espagnole" beschäftigen müssen, denn er verdient eine größere Auseinandersetzung als jene, die ich im Rausch noch nicht verinnerlichter Gefühle zu verarbeiten wusste.
    Ohne Distanz einzuhalten lässt sich sagen, dass Cédric Klapisch ein unvergleich einfallsreicher, filmtechnisch dynamischer,hochgradig sensibeler und ungeheur wahrer Film über "unsere" (und damit meine ich orientierungslose, einigermaßen gebildete Studenten, die sich nicht so recht zu entscheiden wissen; die ihre "Ich will nicht Erwachsen-Werden"-Phase durch übermäßigen Alkohol- und Graskonsum abdecken um vor Büro-Jobs zu flüchten & die niemals den Roman zu schreiben, den sie eigentlich schon immer schreiben wollten) bzw. "meine" Jugendkultur gelungen ist.

    Vom subjektiven Blickwinkel aus betrachtet ist "L'Auberge Espagnole" damit für mich eigentlich der beinahe passendste Film. Die Partys bei denen man am Ende bei halben Bewusstsein "No Woman, No Cry" singt, eigentlich stimmt es was Xavier dazu sagt, dass das "nichts" sei. Aber vermutlich ist es ein sehr großes "Nichts". Ein "Nichts", dass der Film genau in jenen magischen Augenblicken einzufangen weiß, wenn man die Nacht über gefeiert hat und der neue Tag in den Morgenstunden anbricht. Berauscht, beseelt, befreundet, beliebt, betrunken, bekifft...

    Darüber hinaus weiß Klapisch das Ganze weniger melodramatisch zu inszenieren als es amerikanische Kollegen wahrscheinlich verhunzt hätten. Bei aller Romantisierung des Studentenlebens spart der Film nicht daran auch ernsthafte Aspekte seiner Thematik anzusprechen. Er ist also vollkommen jenseits amerikanisch-leichtfertiger High-School-Komödien á la "American Pie".
    Andererseits fällt es mir schwer zu sagen, dass der Film selbst in seinen tragischsten Momenten nicht selten zum "wohlfühlen" animiert. In gewisse Bereichen wagt er sich dann doch nicht allzu weit vor und bleibt innerhalb seines Millieus an oberflächlichen Klischees über internationale WG's kleben, eben nur auf einem sehr viel gehobeneren Niveau als in den Filmen aus den USA.
    Und auch wenn ich Reduktion in Filmen für das oberste Prinzip halte scheint es mir eher so, dass sich hinter gewissen Aspekten des Films, die nicht weiter ausgeführt wurden, eher eine gewisse Inkompetenz versteckt alles nicht ausreichend komprimieren zu können: So bleibt die Beziehung zwischen Xavier und seiner Mutter seltsam blass, Wendy's "Fremdgang" mit einem Amerikaner irgendwie unergiebig, manche WG-Bewohner wie die Spanierin im Hause scheint der Film fast zu vergessen, einige andere werden mir allzuoft in gewohnt stereotype Weise auf ihren Maruhana-Konsum oder ihre Gammel-Gewohnheiten reduziert, auch die Lesbe, in die sich Xavier zuerst zu verlieben glaubt, weiß man nicht so richtig einzuordnen und leider verschwendet der Film dann auch noch vollkommen die großartige Audrey Tataou (wobei die "Erste-Kuss-Szene" auf dem Bordstein einfach himmlisch schön ist).

    Doch trotz einiger bzw. mehrerer Kritikpunkt halte ich "L'Auberge Espagnole" für einen gelungenen, weil in manchen Augenblicken "magischen" Film, der es grandios schafft ein bestimmtes Lebensgefühl unserer modernen Jugend- und Zeitkultur wiederzugeben - und dass auf eine unverkrampft sympathische, manchmal auch wundervoll naive Weise, dass man den Film einfach nur mögen muss und mögen will.

    7/10 (Edit: Auch hier hab' ich noch mal Hand angelegt um die Messlatte etwas weiter nach hinten zu verschieben)
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.
    Rainer Maria Rilke

  10. #10
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Und Täglich Grüßt Das Murmeltier
    (USA 1993; Regie: Harold Ramis)



    Immer wieder ein Genuss: Harold Ramis weiß einfach auf hervorragende Weise komödiantisches Kapital aus einer an sich simplen Grundidee zu schlagen. Geschickt variiert er das Schicksal von Phil Conners als Running Gag, der mit jedem Mal Schauen lustiger wird.
    Im Grunde ist "Und täglich grüßt das Murmeltier" ein kollosal innovatives Konzept. Selten zuvor hat es eine Komödie gegeben, deren Erzählstruktur dermaßen experementierfreudig ausfällt, ja gar zum stilistischen und inhaltlichen Ausgangspunkt für die Entwicklung seiner Hauptfigur wird. Der Grund dafür, dass Ramis' Geschichte aufgrund ihrer exzentrischen Qualität dennoch keine Distanz zum gängigen Zuschauer schafft ist vor allem der Tatsache zu verdanken dass er sie in erster Linie als eine andere Art von Entwicklungsgeschichte etabliert, die einen zynischen Großstädter zum provinziellen Gutmenschen macht (er konzentriert sich ganz auf seine Hauptfigur).
    Bill Murray ist da die perfekte Besetzung: Die etwas seltsame Kleinstadtmentalität wird weniger durch die Inszenierung als durch Murrays stoische Miene kommentiert.

    Im ersten Augenblick könnte man sagen, dass "Und täglich grüßt das Murmeltier" den modernen Zeitgeist, der in Phil seine Personifikation findet, eine kleinstädtische Harmonie entgegen zu setzen und auf diese Weise negativ zu kommentieren versucht. Hier ist der stets sarkastische Phil, dort die herzenswarme Rita und die äußerlich vielleicht eher urigen, aber dadurch umso herzlicheren Dorfbewohner, die ihre Freude an den kleinen Dingen des Lebens miteinander teilen (wie dem Murmeltier-Tag). Gerade das Finale ist hinsichtlich dieses Motivs schon beinahe überzeichnet.

    Allerdings kann man "Murmeltier" auch als eine Geschichte über die "soziale Menschwerdung" begreifen. Phil durchläuft aufgrund seiner Unsterblichkeit fast alle Aspekte des "Mensch-Seins": Hochmut, Depression, Hoffnung, Tod um am Ende als einer geboren zu werden, der die Prinzipien eines sozialen Bewusstseins begriffen hat.

    Im Grunde bedeutet seine Geburt als diese Person jedoch auch, dass er seine Sterblichkeit wieder erlangt hat. Phil ist in seinem Zeit-Loch vielleicht tatsächlich eine Art "Gott", nur liegt es eben nicht im Sinne des Menschen "Gott" zu sein, sondern im besonderen und nicht im sich-selbst-bezogenen Sinne "Mensch" zu werden.

    Harold Ramis' Talent ist es all jene Ebenen in eine sehr leichtfüßige Kleinstadt-Posse einzuarbeiten, die vielleicht an manchen Stelle fast zu harmlos daher kommt aber sich gerade dadurch so angenehm genießen lässt. Und manche Szenen, wie jene in der Murray in Schlafanzug einen Toaster aus dem Speisesaal entwendet um sich (ebenfalls im Anzug) das Leben zu nehmen, wenn er "Nadeleierkopf-Ned" mit einem Schlag in's Gesicht niederstreckt oder als er Rita ein französisches Gedicht vorträgt um Eindruck auf sie zu schinden sind einfach unschlagbare Klassiker des Komödien-Genres.

    7/10
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.
    Rainer Maria Rilke

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