Seite 38 von 38 Erste ... 28363738
Ergebnis 371 bis 380 von 380

Thema: No hay banda

  1. #371
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
    Registriert seit
    28.12.2000
    Ort
    Six Feet Under
    Beiträge
    4.880

    Dear Zachary: A Letter to a Son About His Father

    Freitag, 30. Oktober 2009:



    Dear Zachary: A Letter to a Son About His FatherKurt Kuenne, 2008

    Ich weiß eigentlich nicht genau, um welche filmische Form es sich bei Dear Zachary… handelt, für eine Dokumentation ist er jedenfalls zu persönlich und subjektiv. Ich werde einfach bei der Bezeichnung "filmischer Brief" oder nur "Brief" bleiben, wie es der Titelgeber auch selbst vorschlägt.

    Der Brief beginnt als Nachruf eines engen Freundes auf einen ermordeten Mann, Dr. Andrew Bagby, dessen menschliche Qualitäten ein wenig greifbar werden durch sein sympathisches in Erscheinung treten in Privataufnahmen und Amateur-Kurzfilmen, hauptsächlich jedoch eher mittelbar durch die Art der Reaktion von Hinterbliebenen auf seine Ermordung. Da spürt man ganz deutlich, dass Andrew Bagby wohl kein durchschnittlicher Mensch gewesen war, sondern seiner Familie, seinen Freunden und Arbeitskollegen sehr viel bedeutet haben muss.

    Kuennes Brief entwickelt sich zu einer Art Doku-Thriller, wenn die Umstände von Andrew Bagbys Ermordung durch seine krankhaft eifersüchtige, Borderline-gestörte Ex-Freundin beleuchtet werden. Bis zu diesem Zeitpunkt ist Dear Zachary… im Grunde nicht außergewöhnlich. Ein Mord ist geschehen, aber das ist heute ja fast schon trivial. Jedoch: Andrews Mörderin Shirley ist schwanger und erwartet das Kind des Ermordeten – der im Filmtitel angesprochene "Sohn", an den sich der filmische "Brief" richtet und der auch immer wieder direkt. Nach der Geburt des Kindes wird alles ziemlich verrückt. Andrews Eltern, David und Kathleen, bemühen sich um das Sorgerecht für ihren Enkelsohn und dürfen ihn – nachdem Shirley mit einer sehr zweifelhaften Begründung auf freien Fuß gesetzt wurde – nur im Beisein der Mutter sehen. Der Mörderin ihres Sohnes, wohlgemerkt. Und was danach kommt, soll an dieser Stelle trotz der Nichtfiktionalität des Geschehens nicht verraten werden, da auch der filmische Brief dem Zuschauer erst am Ende den dicksten Hammer verpasst.

    Am Ende stellt sich die alte Frage, wie viel Schmerz und Leid ein Mensch wohl ertragen kann, ohne wahnsinnig zu werden. Andrew Bagbys Eltern haben diesbezüglich wohl eine ziemlich hohe Frustrationsschwelle, denn meiner Ansicht nach dürften nicht wenige Menschen, die das gezeigte Schicksal ereilen würde, nicht mehr viel Lebenskraft übrig haben. Hut ab vor der Stärke dieser beiden Menschen!

    Wie ist nun der filmische Brief zu bewerten? Schwierig, da das Außergewöhnliche hauptsächlich in den Ereignissen an sich und weniger im Gemachtsein des Briefes steckt. Das ist in der ersten Hälfte erschreckend konventionell. Aber wie wichtig ist das Formale hier überhaupt angesichts des Gezeigten? Ich möchte zunächst festhalten, dass mir objektive Dokumentationen besser gefallen als deutlich persönlich gefärbte (wobei es die "objektiven" ja auch nicht in Reinform geben kann, da in der Auswahl und Montage des vorhandenen Materials ja immer bereits eine individuelle Färbung durch den Dokumentierenden mitverstanden werden muss). Kuenne entwirft eine emotional höchst manipulative Dramaturgie, die den Zuschauer auch politisch aktivieren soll (vielleicht nicht das Hauptziel des Films, aber mit Sicherheit ein angestrebtes). Das ist natürlich legitim, kann angesichts der Vermischung von emotional zutiefst bewegenden Ereignissen und angeklagten Missständen im Rechtssystem aber hinterfragt werden.

    Was bleibt unterm Strich? Erschütterung, ungläubiges Kopfschütteln, Bewunderung menschlicher Stärke. Und ein ungutes Gefühl. Was wurde hier instrumentalisiert und warum? Ist Shirley Turner ein Monster oder psychisch krank? Vermutlich letzteres. Kuenne sieht sie wohl gemeinsam mit den Eltern des Verstorbenen als Monster. Verständlich, angesichts ihrer emotionalen Involvierung. Verständlich auch für den Zuschauer nach dem filmischen Brief. Vielleicht ein bisschen zu verständlich.

    7/10

  2. #372
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
    Registriert seit
    28.12.2000
    Ort
    Six Feet Under
    Beiträge
    4.880

    Re: No hay banda

    Samstag, 12. Dezember 2009:

    OMFE Forever: Runde 3 - Aufzwinger der Runde: KeyzerSoze



    Obsluhoval jsem anglického krále (I Served the King of England) – Ji?í Menzel, 2006

    Minimalzusammenfassung: Die rückblickend erzählte Geschichte des Tschechen Jan Dít?, der weitgehend unreflektiert durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts stolpert. Als junger Bursche arbeitet er als Kellner, liebt schöne Frauen, steigt auf und bleibt doch immer klein, verliebt sich in eine Sudetendeutsche und heiratet sie, wird im Zuge der Besetzung Tschechiens wohlhabend, verliert seinen Reichtum an den Kommunismus und muss 15 Jahre ins Gefängnis. Der Film beginnt mit seiner Entlassung und die Neuorientierung des alt gewordenen Jan bildet eine Art Rahmenhandlung.

    I Served the King of England rückt seine formale Gestaltung spürbar in den Vordergrund, worunter die Geschichte stellenweise leidet. Elaborierte Kamerafahrten, suggestive Schnitte (einmal hat Jan Sex mit seiner Hitler-treuen Frau, und statt auf sie wird auf Nazi-Aufmärsche geschnitten), tableau-vivant-artige Bildkompositionen, Trickeffekte und eine überdeutliche Licht- und Farbästhetik stecken einen Rahmen ab, der von sinnvollem Einsatz bis Aufdringlichkeit reicht. Dieser spielerische Umgang mit filmischen Mittel nahm teilweise schon Amélie-hafte Ausmaße an und steht in Kontrast zur eigentlich ernsthaften Thematik des Films. Aus diesem Kontrast entstehen aber auch die interessanten Seiten des Films, der sich ziemlich energisch einer Genre-Zuordnung verweigert. I Served the King of England ist ebenso Stummfilm wie Effektorgie, ebenso Burleske wie Historiendrama und bietet eine Identifikationsfigur an, die nicht zur Identifikation taugt.

    Jan Dít? ist unhistorisch und unpolitisch, kein Agierender, ihm widerfahren nur Dinge, ist ihr Spiegel. Wenn er später, alt geworden, in einer verfallenen Hütte eine Reihe Spiegel so arrangiert, dass jeder ein anderes Bild auf ihn wirft, wird die Geschichte auf ihn zurückblicken und die Frage nach seiner Identität stellen. Sein Traum vom sozialen Aufstieg erfüllt sich durch Zufälle, wenn ihm ein Bündel Banknoten in die Hand gedrückt wird oder seine Frau Briefmarken von deportierten Juden stiehlt. Er ist eine Art Forrest Gump, ebenso naiv, nur weniger sympathisch und glückloser.

    Eine besondere Bemerkung verdienen die Frauen des Films. Die werden ausnahmslos mindestens einmal nackt gezeigt (die vielleicht einzige Ausnahme ist eine Krankenschwester, die dem Protagonisten dafür aber zu einer Ejakulation verhilft) und werden entweder mit Blumen geschmückt oder sind Nazis. Vielleicht ist es aber zu kurz gegriffen, dem Film ein rein sexualisierendes Frauenbild vorzuwerfen, denn die Männer sind ja auch nicht gerade Paradebeispiele von Komplexität, und hinter der Simplifizierung könnte satirische Methode stecken. Die Männer sind machtkonservierende Abziehbilder und konsumieren Frauen ebenso wie Essen. Nur das Erlesenste und davon reichlich. Der einzige Held des Films ist vielleicht der Maître d' des Hotel Paris, der sich standhaft weigert, den Deutsch sprechenden Gast zu verstehen und später ohne mit der Wimper zu zucken den Preis für diese Auflehnung im Kleinen bezahlt.

    Fazit: Ein guter und vielschichtiger Film, der sich etwas zu sehr in seinen zahlreichen Ansätzen verzettelt. Und, möglicherweise, ein kulturpessimistischer Film, dem die Menschheit nicht sonderlich sympathisch ist. Glück, so scheint er zu sagen, lässt sich nur im kleinen Kreis finden. Abgeschottet im Wald, bei einem Maß Bier.

    7/10

  3. #373
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
    Registriert seit
    28.12.2000
    Ort
    Six Feet Under
    Beiträge
    4.880

    The Age of Innocence

    Freitag, 25. Dezember 2009:

    OMFE Forever: Runde 4 - Aufzwinger der Runde: TheUsualSuspect



    The Age of InnocenceMartin Scorsese, 1993

    Wenn im Vorspann von The Age of Innocence die Namen der Darsteller inmitten von handschriftlich verfassten Zeilen auftauchen, enthüllt der Film bereits seine Herkunft aus der Literatur. Hier wird kein Medientransfer verschleiert, hier wird nicht Text in uninspirierte Bilder gegossen, stattdessen lässt Scorsese den Text in seinem Film nahezu gleichberechtigt neben den Bilder stehen. Der Verstoß gegen die alte Drehbuchratgeberregel des zu vermeidenden Off-Erzählers geschieht hier höchst bewusst und gezielt. Und Scorsese gelingen an einigen Stellen großartige Bilder für die parallele Visualisierung des gesprochenen Wortes.

    Daniel Day-Lewis. Der Schauspiel-Gott aus einer anderen Dimension. Im Grunde könnte man den ganzen Film auch mit Großaufnahmen von ihm erzählen. Naja, fast. Vergleicht man der Männertypus seines Newland Archer mit dem von Daniel Plainview aus There Will Be Blood, wird einem die darstellerische Bandbreite erst richtig bewusst. Archers Bewegungen sind zutiefst kontrolliert, kulturell perfekt angepasst, grazil, fließend. Und im Verlauf der Handlung spürt man förmlich, wie es in seinem Inneren zu kochen anfängt und das perfekte Bild zu bröckeln beginnt (überhaupt spielen die unbewegten Bilder der Malerei eine große Rolle im Film). Die wie mit der Muttermilch aufgesogene Facon weicht kontinuierlich einer starren, leidlich beherrschten Maske oder dem Nachgeben der Bedürfnisse in kleinen Gesten. Ein Mann, gefangen im Niemandsland zwischen Selbstverwirklichung und sozialer Rolle, der sich mit an Masochismus grenzender Selbstbeherrschung das versagt, was er am meisten begehrt. An manchen Stellen des Films möchte man seine Mitmenschen fast selbst für ihn massakrieren – stattdessen ist man zur Passivität verurteilt und muss mitleiden. Und weiß doch nicht, ob man Mitleid mit ihm haben soll, denn am Ende scheint der Verzicht bereits mit ihm verwachsen zu sein, geworden zu seiner zweiten Natur.

    Mit einem Sehen lässt sich The Age of Innocence kaum erfassen. Zu reich die Bilder, zu komplex die Figuren, zu hypnotisierend Scorseses Inszenierung. Ein großartiger Film, der mit Sicherheit zu den besten von Scorsese gehört und vielleicht auch zu seinen unterschätztesten

    9/10

  4. #374
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
    Registriert seit
    28.12.2000
    Ort
    Six Feet Under
    Beiträge
    4.880

    Re: No hay banda

    Mittwoch, 13. Januar 2010:

    OMFE Forever: Runde 5 - Aufzwinger der Runde: David Aames



    La tigre e la neveRoberto Benigni, 2005

    Als ich vorhin nach der Sichtung von La tigre e la neve den Titel im Forum suchte und dabei in mehreren Filmtagebüchern auf die Bewertung 8/10 stieß, war mein erster Gedanke: "Wie zur Hölle kann das denn sein?"

    Doch ich fange mal vorne an. Ich kenne nur einen Film von Roberto Benigni, nämlich La vita è bella, den ich damals im Kino gesehen habe und ziemlich gut fand, wenn ich mich recht erinnere. Benigni ist eine ziemlich spezielle Persönlichkeit, sehr lebhaft, um es vorsichtig zu formulieren. Viele mögen ihn. Ich mag ihn nicht. Der Film fängt mit einer Traumsequenz an, die neugierig macht. Benigni versucht unter einem bezaubernden Sternenhimmel und in Unterhosen zu heiraten, hört sich die poetischen Worte seiner Liebsten an, wird abkommandiert weil sein Wagen falsch geparkt ist, dazu brummt Tom Waits, der im Traum auch live vor Ort ist. "Das fängt ja ganz gut an", dachte ich. Was danach kam, war leider nicht gut.

    Benigni spielt einen Literaturdozenten und inszeniert sich erstmal kräftig selbst, während seiner hochkinetischen Lehrtätigkeit. Er zappelt sich durch die Reihen, fuchtelt wild mit Armen und Beinen, legt sich auf den Boden wirkt dabei ziemlich hyperaktiv. Benigni halt. Nach kurzer Zeit hat man verstanden, mit welchem Charakter man es zu tun hat, aber Benigni hört mit der Selbstinszenierung nicht dann auf, wenn es für den Film Sinn macht, sondern dann, wenn er genug von sich selbst hat. Das dauert lange.

    Es kommt, wie es kommen muss: Benigni muss in den Irak, der gerade von den USA angegriffen wird, um seine geliebte Vittoria zu retten, die an einem lebensbedrohlichen Ödem leidet. Die Entwicklung der Story ist genauso willkürlich, wie ich sie hier nacherzähle. Warum dient gerade der Irakkrieg als Hintergrund für die Handlung? Man weiß es nicht. Was erzählt Benigni über den Irakkrieg? Nichts. Überhaupt gar nichts. Im Krankenhaus sucht er seine Vittoria, über andere Kranke/Verletzte erfährt man… genau, nichts. Ach ja, im Krieg geht’s Menschen schlecht und Medikamente sind knapp, deshalb sucht Benigni mit seinem Freund Fuad (Jean Reno, der sich im Verlauf des Films erhängt aus Gründen, die sich mir nicht vollständig erschlossen haben) eine Art Wunderheiler auf, der gefühlte zehn Minuten über ein altes Do-It-Yourself-Rezept nachdenkt. Benigni organisiert alles, was Vittoria benötigt, u.a. auch eine Sauerstoffflasche. Während dieser slapstickhaften Episoden werden aufkommende Emotionen mit hübscher Regelmäßigkeit im Keim erstickt, weil Benigni entweder zu viel labert, hektisch durch die Gegend zappelt oder laue Witzchen reißt. Er besorgt sich ein Kamel, das in die falsche Richtung läuft. Benigni klaut das Motorrad eines Arztes und behängt seinen Körper mit Infusionsflaschen, die von US-Soldaten irrtümlicherweise für Sprengstoff gehalten werden. Mit geklauten Schuhen läuft Benigni in ein Minenfeld, kann sich aber gleich wieder aus der misslichen Lage befreien. Und so weiter.

    Ich gebe hier nur den oberflächlichen Inhalt wieder, weil der Film sich nicht die Mühe macht, in die Tiefe zu gehen. Eine Episode reiht sich an die nächste und der Aufwand, den Benigni betreibt, soll seine Liebe zu Vittoria beweisen, aber als er gegen Ende in diesem Minenfeld steht, dachte ich wirklich: Du narzisstischer Sack, bitte spreng dich in die Luft. Du nimmst den Irakkrieg als Hintergrund für deine Story, und das Beste, was dir einfällt, ist ein verkacktes Kamel und das hier? Alibimäßig wird noch ein bisschen Sozialkritik angestimmt, die wegen ihrer mangelnden Konsequenz aber auch schon wieder lächerlich wirkt. Unterm Strich bleibt ein egomanischer Europäer, der sich auch im Kontext des Irakkriegs für den Nabel der Welt hält und den kompletten Film nur auf die eigene Person hin entwirft. Ja ja, die Wirren der Katastrophe als Emotionsverstärker und Katalysator der Liebe, das funktioniert in manchen Filmen ganz gut, aber so funktioniert das nicht. Wenn schon emotionale Manipulation, dann richtig.

    Die letzten fünf Minuten sind dann besser. Kurz kam mir der Gedanke, dass der Film vielleicht doch nicht so übel war. Aber dann fielen mir wieder die Bilder ein, von Benigni auf dem Kamel, von Benigni auf dem Motorrad, von Benigni im Basar, von Benigni im Hörsaal, Benigni im Fernsehen, Benigni im Minenfeld, Benigni, der sich selbst inszeniert, wie er von einer Frau verführt wird, Benigni, Benigni, Benigni, ach Roberto, da huschst du ja schon wieder durchs Bild. Und wieder. Und nochmal. Und als der Abspann lief, war mir bewusst: Ich mag Benigni nicht, weil er sich selbst auf eine ziemlich penetrante Art viel zu wichtig nimmt. Und gar keine wirkliche Geschichte erzählen will, sondern einfach mal nen Film über den Irakkrieg raushaut. Mit wenig Krieg, aber ganz viel Benigni. Benigni, Benigni, Benigni. Benigni. B to the E to the N to the I to the G to the N to the I! What's that? Fuck off.

    1/10 (1 Punkt dank Tom Waits)

  5. #375
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
    Registriert seit
    28.12.2000
    Ort
    Six Feet Under
    Beiträge
    4.880

    Stagecoach

    Freitag, 22. Januar 2010:

    OMFE Forever: Runde 6 - Aufzwinger der Runde: Danwalker



    StagecoachJohn Ford, 1939

    Meine Meinung zu diesem Film ist nicht ganz leicht zu finden. Eigentlich bin ich kein Freund des US-Westerns. Höre ich "Western", denke ich zuerst an Sergio Leone (kein Amerikaner - dessen Filme mag ich), dann an John Wayne. Es schließen sich Vorstellungen von überkommenen Männlichkeitsbildern, verkrusteten Konzepten von Ehre und Mut, blindem Pioniergeist und anderen konservativen Dinge an, die ich nicht in Filmen suche.

    Stagecoach ist gewiss ein Sonderfall. Hier handelt es sich nicht um irgendeinen US-Western, sondern vielleicht um den US-Western. Stagecoach begründet gewissermaßen die Mythologie des Genres, ist die Keimzelle des Großteils aller Bausteine, die man heute mit dem Western-Genre in Verbindung bringt. Das leichte Mädchen, der Trunkenbold, der Spieler, die Lady, der Gesetzeshüter, der Cowboy mit der offenen Rechnung, sie alle treffen hier aufeinander und fahren – mit unterschiedlichen Motivationen – in einer Postkutsche von Arizona nach New Mexico. Eine abenteuerliche Reise, während der sich die Beziehungen der Charaktere untereinander verändert, vieles anders wird und manches gleich bleibt. Und so ist der Film irgendwie auch ein Roadmovie. Die Vielzahl der Figuren und die mythologische Verdichtung führen dazu, dass Komplexität eher angedeutet als wirklich ausgeführt wird, was aber ziemlich gut funktioniert. Der respektable Banker ist in Wirklichkeit ein Gauner; die merkwürdige Doppelmoral des ehrenvollen Hatfield wird herausgestellt durch die unterschiedliche Aufmerksamkeit, die er den Frauen entgegenbringt, und das selbstgerechte Verhalten selbsternannter Sittenwächter kann gefährlicher sein als die Bedrohung durch die Apachen.

    Inszenatorisch ist Ford mit Stagecoach ein visueller und formaler Meilenstein gelungen, dessen Innovationswucht aus heutiger Sicht leider nicht mehr direkt erfahrbar, sondern nur noch analytisch sichtbar gemacht werden kann. Der wirkungsvolle Einsatz der Monument-Valley-Felsgiganten als Kulisse des Geschehens und die Montage der Verfolgungsjagd waren echte Neuerungen, die das Genre und den Film allgemein nachhaltig veränderten. Störend fand ich nur die etwas repetitive Betonung mancher Charakterzüge und das merkwürdig-heroische Rache-Finale (das durch seine minimalistische Abstraktheit aber auch wieder in die Sphäre des Mythologischen gehoben wird). Und wäre ich jetzt ein Western-Fan, könnte ich eine sehr hohe Bewertung vergeben. Aber leider fehlte mir das gewisse Etwas, das dazu führt, dass mich manche Filme einsaugen und verzaubern, während ich andere nur von außen bewundere. In seltenen Fällen kann auch beides gleichzeitig passieren, aber im Fall von Stagecoach war bei mir nur letzteres der Fall. An der Quelle ist die Faszination des Mythos schon spürbar geworden, nur eintauchen konnte ich nicht wirklich. Aber – und das ist schon viel – der Film hat mir mal wieder Lust gemacht, mich mehr mit dem Genre zu beschäftigen und ein wenig filmhistorische Aufarbeitung zu betreiben. Hinsichtlich der Western habe ich diesen Vorsatz zwar noch nie in die Tat umgesetzt, aber Stagecoach ist ja schon mal ein guter Ausgangspunkt.

    7/10

  6. #376
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
    Registriert seit
    28.12.2000
    Ort
    Six Feet Under
    Beiträge
    4.880

    The 36th Chamber of Shaolin

    OMFE Forever: Runde 7 - Aufzwinger der Runde: Argonaut



    Shao Lin san shi liu fang (The 36th Chamber of Shaolin) – Chia-Liang Liu, 1978

    Mit dem Martial-Arts-Genre kann ich vermutlich noch weniger anfangen als mit dem US-Western. Die Charaktere sind schablonenhaft, die Plots austauschbar, die Inszenierung bewegt sich nur allzu häufig im langweilenden Bannkreis des Konventionellen. Ich kann zwei Faszinationspunkte ausmachen: Die Körperbeherrschung der Darsteller als Performance-Kunst und die Inszenierung von (Massen-)Kampfszenen als balletthafte Choreographie. Wenn ich einen Martial-Arts-Film schaue, will ich genau das sehen. Umherschwirrende Körper, schwindelerregende Manöver, Tanz der Waffen, ausgehebelte Schwerkraft. Handlung erscheint da oft nur als überflüssiger Ballast, der vom eigentlichen Geschehen ablenkt. Und insofern hat das Martial-Arts-Genre zwei Dinge mit dem pornografischen Film gemein. In beiden Genres geht es vor allem um menschliche Körper in Aktion, in beiden Genres ist der Plot eine zu vernachlässigende Größe, die recht hemdsärmelig daherkommt um die diversen (Kampf-)Akte miteinander zu verbinden. Beim pornografischen Film gibt es das Subgenre des Gonzo, in dem man den Plot weitestgehend abgeschafft hat und gleich zum Wesentlichen kommt. So weit hat es der Martial-Arts-Film leider(?) noch nicht geschafft.

    Doch Polemik beiseite, The 36th Chamber of Shaolin ist kein langweiliger Film. Die Handlung folgt der Trias Erniedrigung – Training/Perfektionierung – Rache. Ideologisch ließe sich über den Film diskutieren, geht es doch auch um die Entmythisierung der Kampfkunst, ihre Demokratisierung durch die Befreiung aus dem abgeschotteten Klosterbereich und ihre säkulare Lehre. (Re-Mythisiert wird am Ende aber doch wieder, wenn der fertig ausgebildete Held quasi unüberwindbar geworden ist.) Ein Mönch muss das Böse bezwingen, dafür muss er seine Neutralität gegenüber weltlichen Angelegenheiten auch mal aufgeben. Das Böse sind in diesem Fall Tartaren, die ein chinesisches Dorf besetzt haben. Der Mönch ist San Te, ein sympathischer junger Mann, dessen Familie ermordet wurde und der bei den Shaolin ganz unten anfangen muss und sich als deren talentiertester Schüler erweist. Seine Ausbildung bildet das Herzstück des Films, und natürlich wird er all die zunächst leicht befremdlich erscheinenden Trainingseinheiten später nahezu 1:1 in einem echten Kampf anwenden können (siehe auch: Auftragen. Polieren. Auftragen. Polieren.).

    Spätestens seit der Aneignung und Zitierung durch Tarantino ist der filmische Output der Shaw Brothers auch dem westlichem Filmpublikum ein Begriff, wobei dieser Film noch einen Sonderstatus einnimmt durch den Einfluss, den er auf das Genre hatte (ähnlich wie Stagecoach, zu dem ich oben etwas geschrieben habe). Damit einher ging eine enorme popkulturelle Aufwertung von gesampelten Handkantenschlägen (Zitat Faust von Bud Spencer: "utsch") und dem Geräusch durchschnittener Luft ("swish"). Und in der leichten zeitlichen Asynchronität von Aktion und Begleitsound liegt ja auch ein gewisser Spaßfaktor begründet, der sich zwar nicht weganalysieren lässt, auf Dauer aber doch etwas ermüdend wirkt. The 36th Chamber of Shaolin will keine bierernste Rachegeschichte sein, sondern vor allem Spaß machen. Das hat er auch, irgendwie. Die ganz große Erfüllung meiner feuchten Kung-Fu-Träume war er sicher nicht – vielleicht schafft das ja irgendwann der erste Martial-Arts-Gonzo.

    6/10

  7. #377
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
    Registriert seit
    28.12.2000
    Ort
    Six Feet Under
    Beiträge
    4.880

    Re: No hay banda

    Montag, 22. Februar 2010:

    OMFE Forever: Runde 8 - Aufzwinger der Runde: VJ-Thorsten



    ControlAnton Corbijn, 2007

    Die Nadel des Tonabnehmers wartet in Lauerstellung über der aufgespießten, sich ständig im Kreis bewegenden, pechschwarzen Beute. Eine kleine Handbewegung – die Nadel senkt sich. Ein kurzes, tiefes Ploppen aus den Lautsprechern, dann: Musik. Geboren aus einer einzigen Rille, die spiralförmig zur Mitte der Scheibe führt. Eine vorgezeichnete Bewegung nach Innen, dort, am Ende der Platte, lauert der Tod der Musik, der leere, innere Rand. Das Nichts.

    Control, das sind die letzten Jahre von Ian Curtis, Angestellter der Arbeitsvermittlung in Manchester, später Frontmann der britischen Post-Punk-Band Joy Division. Raus aus dem muffigen Büro, hinauf auf die großen Bühnen der Welt, die Zuhörer mit Gesang und Beats hypnotisieren. Der Traum vieler Jungs und Mädchen wird für den großen Jungen Ian zum albtraumhaften Extremsituation. Denn die Performance ist für Ian mehr als nur ein Job, für Ian bedeutet er die totale Entäußerung seines Selbst, Hingabe bis zur Erschöpfung, erratisches Zucken auf der Bühne, heißes, verglühendes Sein. Zu Hause wartet seine Familie, Ehefrau Debbie und die kleine Tochter Natalie. Nach einer zu frühen Heirat findet sich Ian in der Rolle des Ehemannes und Vaters, die er nicht zu spielen vermag. Wenn Ian später über seine Gebliebte Annik Honoré sagt, dass er sie hasst, wird er sich anhören müssen, dass er sie aber ebenso liebt. Das gilt gleichsam für seine Familie. Vielleicht für alles.

    Man kann es sich möglicherweise so vorstellen, dass die Weltwahrnehmung von Ian Curtis weniger linear als simultan funktioniert. Es gibt keine gleitenden Übergänge, kein Nacheinander von Zuständen. Die Nadel gleitet nicht in einer Rille und spielt eine Melodie, stattdessen zerkratzen Tausende von Nadeln gleichzeitig seine Existenz, spielen die Songs von Liebe und Hass in einem unendlichen Moment, ein unentwirrbares Knäuel aus Emotionen und Gedanken, ein Zuviel, ein wabernder Dunst, der die Brille des Geistes beschlagen lässt, so dass es keine klare Sicht mehr gibt. Das ist vielleicht der Grund, warum Ian keine Entscheidung treffen kann, nicht weiß, ob er mit Debbie oder Annik zusammen sein will. Er ist die Maus in Kafkas kleiner Fabel. Immer enger schnürt der Faden der Zeit seinen Handlungsspielraum ein, in jeder Richtung lauert das Verderben, in fast allen Einstellungen wird er von Räumen, Wänden, Linien bedrängt. Überall lauert die Grenze der Freiheit. Aber jede nicht getroffene Entscheidung ist doch auch eine Entscheidung zur Verweigerung einer Auswahl. Vielleicht erliegt man manchmal einfach der Illusion, durch diese Selbstverweigerung den Lauf der Dinge anhalten zu können, die Nadel für einen Moment aus der Rille zu heben, die Musik zum Verstummen zu bringen und im Moment der Ruhe neue Orientierung zu gewinnen. Auftauchen aus dem zähen Morast des Daseins. Das geht freilich nicht. Der Morast und der Tonabnehmer sind das Leben selbst, und es wiegt tonnenschwer. Wer auftaucht, geht unter. Wenn die Musik vorbei ist, dann für immer.

    Ian spürt diese Last, nicht erst seit er weiß, dass seine epileptischen Anfälle tödlich enden können. Anton Corbijn hat Control in existentialistisches Schwarzweiß gegossen - Schwarz und Weiß, das sind Pole der Wahrnehmung. Auf der einen Seite das gesamte Farbspektrum, das, zusammengenommen, ein helles Strahlen ergibt. Illuminierend, das Sehen erst ermöglichend, aber auch schmerzhaft blendend. Auf der anderen Seite die Dunkelheit. Nicht mehr wahrnehmen können. Nicht mehr wahrnehmen müssen? In einer Szene soll Ian auf die Bühne um zu singen, er schafft es nicht. An der Wand hinter ihm klebt ein Flyer, auf dem der Name "Peter Pan" steht. Der Junge, der nicht erwachsen werden wollte. Der Junge, der keine Entscheidung treffen will. Im echten Leben gibt es nur eine Möglichkeit, nicht erwachsen zu werden.

    Auftauchen in die Dunkelheit. Das Ende der Musik.

    9/10

  8. #378
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
    Registriert seit
    28.12.2000
    Ort
    Six Feet Under
    Beiträge
    4.880

    Hearts in Atlantis

    OMFE Forever: Runde 9 - Aufzwinger der Runde: Thomas Schutte



    Hearts in AtlantisScott Hicks, 2007

    Hearts in Atlantis wirkt ein wenig wie eine Mischung aus 80% Stand by Me und 20% The Green Mile (Szene gegen Ende: Erwachsener mit besonderen Fähigkeiten "heilt" Kind und wird irrtümlicherweise für einen Sexualstraftäter gehalten). In der einleitenden Rahmenerzählung erinnert sich der Fotograf Bobby Garfield anlässlich des Todes eines Jugendfreundes an die gemeinsame Vergangenheit Anfang der 1960er Jahre und den unvermeidlichen Verlust der Unschuld. Nachdem ich in den Credits den Namen "Anton Yelchin" gelesen und Pavel Chekov aus dem Star Trek-Reboot vor Augen hatte, hat es eine Weile gedauert, bis ich Yelchin in dem kleinen Jungen wiederfand.

    Leider konnte mich der Film nur auf einer Ebene überzeugen, und das war die aus Stand by Me bekannte Atmosphäre der unbeschwerten Kinderwelt, in die sich der Alltag noch nicht eingeschlichen hat. Jeder mit Freunden verbrachte Tag hält ein neues Abenteuer bereit, die Welt scheint voller Geheimnisse zu sein, ein magischer Ort – bis grausame Realitäten in ihn einbrechen. Diese Stimmungen evoziert der Film überzeugend, eine beträchtliche Rolle spielt dabei der Soundtrack – "Smoke Gets in Your Eyes" und "Only You" von den Platters ziehen bei mir irgendwie immer. (Was den Score angeht, bin ich mir noch nicht ganz sicher, ob Mychael Danna evtl. nur ein Alias von Thomas Newman ist.) Erwachsene Figuren erscheinen in der Regel als rätselhafte Wesen, wirken entweder unendlich weise, wie der von Anthony Hopkins gespielte Ted Brautigan, bedrohlich oder moralisch verkommen, so als hätten die Ernüchterungen des Lebens das Kind in ihnen langsam ausgehöhlt. Und so ist es irgendwie ja auch.

    Das phantastische Element des Films, die besondere Fähigkeit von Brautigan und Bobby, wird merkwürdigerweise ziemlich stiefmütterlich behandelt und wirkte auf mich ablenkend bis überflüssig, meiner Ansicht nach hätte der Film ohne diese halbgaren Anspielungen sogar besser funktioniert. Obwohl Hopkins und Yelchin gut harmonieren, ist Hearts of Atlantis irgendwie steril, große Teile sind nach Textbook inszeniert, das Drehbuch leistet sich zu viele Nachlässigkeiten. Die erste, zarte Liebe zwischen Bobby und Carol wird mehr behauptet als wirklich spürbar gemacht und der Nebencharakter Sullivan, dessen Tod die gedankliche Reise in die Vergangenheit erst auslöst, wird in irritierendem Maße ignoriert.

    So hat der Film einige gute Ansätze vorzuweisen, die aber alle unzureichend ausgearbeitet sind. Im Universum der Stephen-King-Verfilmungen würde ich Hearts in Atlantis qualitätsmäßig im (unteren) Mittelfeld ansiedeln, mit dem ausgeglicheneren Stand by Me kann er nicht mithalten.

    5/10

  9. #379
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
    Registriert seit
    28.12.2000
    Ort
    Six Feet Under
    Beiträge
    4.880

    To Boldly Go...

    Der letzte Eintrag ist ziemlich genau vor zwei Jahren erfolgt. Wird mal wieder Zeit...

    Space: The final frontier.
    These are the voyages of the Starship Enterprise.
    Its 5 year mission to explore strange new worlds.
    To seek out new life and new civilizations.
    To boldly go where no man has gone before.




    Eben ist es wieder passiert. Eine dieser Grünen Stinkwanzen, die sich seit einigen Jahren jedes Frühjahr in meiner Wohnung breit machen, hat sich mit lautem Brummsummgetöse in meinem Schlafzimmer an der Wand neben dem Bett materialisiert. Selten ist mehr als eine zur selben Zeit aktiv, aber mit schöner Regelmäßigkeit erscheint jeden zweiten Tag eine irgendwo. Das nervt. Erstens, weil ich kein großer Insektenfreund bin. An panische Angst grenzenden Ekel verspüre ich nur bei dicken Spinnen, aber Käfer und anderes Getier muss ich auch nicht haben. Zweitens ist diese spezielle Insektenart deshalb unangenehm, weil sie ein stark riechendes Sekret absondert, wenn man ihnen auf den Leib rückt. Ein schlecht gezielter Hieb mit der Zeitung hat die Wanze leider in mein Bett knapp unterhalb des Kopfkissens befördert. Dort riecht es jetzt. Nach grüner Stinkwanze. Ich habe ein wenig Eau de Toilette (Black von Kenneth Cole) auf die betroffene Stelle gesprüht. Das ist nicht optimal, weil es dort jetzt nach einer Mischung aus Black und Grüner Stinkwanze riecht, aber das ist besser als Wanzenduft alleine. Nachher muss ich nahe dieser olfaktorischen Katastrophe schlafen. Wie gesagt, das nervt.

    Was noch mehr nervt, ist Komplexität. Seit einer Weile geht mir die Komplexität unserer Welt zunehmend auf die Nerven. Ich versuche, die Welt irgendwie zu begreifen, aber es gelingt mir mangelhaft. Derzeit grassiert eines dieser viralen Videos, Kony 2012, produziert von der Non-Profit-Organisation Invisible Children – die Macher versuchen, in 30 Minuten die Welt ein Stück zu erklären. Das geht so: In Uganda gibt es einen Kriegsverbrecher namend Joseph Kony, der tut schreckliche Dinge, lässt Frauen und Kinder ermorden (Frauen und Kinder ermorden ist immer schlimmer als erwachsene Männer ermorden. Die Logik, die hinter dieser Idee steckt, besagt vermutlich, dass sich erwachsene Männer besser wehren können als Frauen und Kinder. Das kann stimmen, muss aber nicht. Ich wette z.B., dass sich Gina Carano aus Soderberghs Haywire besser gegen Gewaltakte wehren kann als die meisten erwachsenen Männer), also dieser Kony lässt jedenfalls wehrlose Menschen ermorden und muss weg. Das leuchtet ein. Das Video ist auf emotionaler Ebene sehr manipulativ. Der Regisseur Jason Russell erklärt ca. ab Minute 10 seinem kleinen Sohn die Angelegenheit und legt ihm Fotos vor. Auf einem dieser Fotos ist der Bösewicht zu sehen, der Bad Guy, wie der Sohn bald erklärt. Bad Guys, das sind im Weltmodell des Sohnes z.B. "Star Wars people". Ich gehe davon aus, dass er nicht George Lucas meint, sondern Darth Vader. Meine erste Reaktion auf das Video war eine diffuse Form von Bewunderung und der Drang, da sofort mitmachen zu sollen. Am besten mit einem Klick auf den entsprechenden Like-Button bei Facebook. Aber irgendwas erregte auch mein Misstrauen an diesem Video – die Art und Weise, wie Russell die Leute aufputscht und für seinen Zweck zu engagieren versucht, das hat etwas von diesen fanatischen religiösen Predigern. Diese Sache wird auf ihre verquere Art schon irgendwie OK sein. Auf jeden Fall schafft sie Aufmerksamkeit. Das Video wird am 31. Dezember 2012 inaktiv, deshalb muss die Kony-Beseitigungsaktion schnell vonstattengehen und noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Wie das mit der Inaktivität genau geschehen soll, weiß ich nicht. Vielleicht irgendwie so wie bei Inspector Gadget, dort zerstörten sich die Nachrichten an den Inspector von selbst. Wie das mit einem viralen Video funktioniert, ist mir wie gesagt nicht klar, die Antwort auf diese Frage wäre vermutlich auch sehr komplex. Jedenfalls eixtieren mittlerweile einige kritische Stimmen zu diesem Video, so wird etwa darauf hingewiesen, dass bei Invisible Children ein Teil der Spendengelder versandet und insgesamt eine tendenziell anmaßende kolonialistische Perspektive bei Russell und Co. vorherrscht. Amerikanische Studenten retten die Welt. Auch gibt es so etwas wie die Gefahr der "Compassion Fatigue" – Mitleiderschöpfung. Menschliches Mitleid ist begrenzt, wir können es nicht als unendliche Ressource auf alle Weltprobleme verteilen. Bei 36 Facebook-Meldungen pro Tag, die auf zahlreiche ethisch-moralische Wurmlöcher auf unserer Erde hinweisen, kann sich vermutlich schonmal Compassion Fatigue einstellen. Zu viel Awareness stumpft ab. Vermutlich regeneriert sich die Mitleidsfähigkeit auch nach einer Weile, wenn man vernünftig mit seinem Mitgefühl haushaltet. Vielleicht ist einem irgendwann auch alles egal, wenn man mit genug Scheiße zugeschüttet wird.

    Auf jeden Fall brauche ich irgendein halbwegs leitendes Schema, damit ich im ideologischen Dschungel dieser Welt klar komme. Religiöse Konzepte können manchen Menschen sicherlich helfen, aber die kann ich nicht ernst nehmen (Aberglaube), die Naturwissenschaft ist mir zu unromantisch und will mir verkaufen, dass sich die Welt sowieso nur in meinem Gehirn abspielt und ich keine richtigen Entscheidungen treffen kann. Das finde ich fade und außerdem ein wenig trostlos, da stellt sich auf Dauer ein emotionaler Streik gegen den Rationalismus bei mir ein. In den Geisteswissenschaften tummeln sich allerlei interessante Ansätze, davon sind viele aber sehr Interessen-zentriert (Gender Studies - ich bin keine Frau) oder so abstrakt, dass mir einfach der lebensweltliche Bezug fehlt (Dekonstruktivismus). Der humanistische Existentialismus nach Sartre'schem Rezept ist mir persönlich sehr sympathisch, aber da ist man so furchtbar auf sich selbst zurückgeworfen, dass ich den Leistungsdruck kaum aushalte und sofort Nihilist werden will.

    Insgesamt scheint mir die Welt ziemlich willkürlich zu sein. Egal wie tief man irgendein Thema durchdenkt, am Ende hat man immer das Gefühl, dass man auch eine ganz andere Herangehensweise hätte wählen können und mit dieser zu anderen und nicht weniger korrekten Ergebnissen gekommen wäre. Das beweist auch schon dieser Text, der mit einem vollkommen aus der Luft gegriffenen Einstieg beginnt und sich trotzdem auf merkwürdige Art entwickelt. Ich bin da einem spontanen Impuls gefolgt, das scheint mir oft die beste Methode zu sein. Meistens denke ich aber zu viel nach, bevor ich mit dem Schreiben anfange, so dass ich dann Probleme habe, die zentralen Gedanken und Argumente herauszufiltern. Das führt dazu, dass der Schreibprozess viel zu lange dauert und während des Schreibens ein großes Maß an Unlust erzeugt wird (das sich erfahrungsgemäß beim Beenden des Textes in Lust umkehrt). Das ist manchmal ein Kampf. Ein weiteres Problem ist, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass sowieso schon jeder Gedanke gedacht wurde und man bei jedem beliebigen neuen Thema eigentlich nur einen intelligenten Computer bräuchte, der in der Vergangenheit bereits konzipierte Argumente neu arrangiert. Wenn ich mich bei dieser Vorstellung zu lange aufhalte, führt das zu Blockaden hinsichtlich der eigenen Ideen und das nervt auch wieder.

    Irgendwann habe ich mal geschrieben, dass ich dieses Filmtagebuch hauptsächlich für mich selbst angelegt habe. Das ist natürlich Bullshit, denn dafür bräuchte ich dieses Forum nicht, dann würde ich die Texte einfach in Word verfassen und auf meiner Festplatte speichern. Tatsächlich finde ich es gut, wenn der Kram gelesen wird. Ich fühle mich dann wohler, da weniger isoliert. Die Gedanken kreisen nicht einsam im eigenen Hirn rum, sondern treffen auf andere Gehirne. Das ist schön. Ein leicht narzisstisch gefärbtes Gefühl der Verbundenheit mit anderen. Das hier stammt zwar von mir, aber es ist auch für andere da. Seit einer Weile studiere ich Filmwissenschaft und komme langsam zu der unbequemen Erkenntnis, dass ich vermutlich keinen guten Wissenschaftler abgebe. Zu emotional. Allerdings keimte auch mal der Gedanke auf, dass zumindest die Geisteswissenschaften auch emotional funktionieren könnten – also auch methodisch, nicht thematisch. Damit ist allerdings eine andere Form von Wissen verbunden als die, die man etwa mit der Deduktion naturwissenschaftlicher Gesetze verbindet. Das ist dann vielleicht auch keine Wissenschaft mehr, sondern ragt in den Bereich der Kunst. Ich vertrete keine anti-intellektuelle Position, aber eine nüchtern-rationale Herangehensweise scheint mir wichtige Aspekte des Lebens auszuklammern, da geht etwas verloren. Die strenge Trennung von Wissenschaft und Kunst ist wahrscheinlich nur ein Konstrukt. Es gibt ernster zu nehmende Menschen als mich, die diese Intuition auch haben. Die Geisteswissenschaften leiden in dieser Hinsicht seit geraumer Zeit an einem Minderwertigkeitskomplex (es gibt mit einer hermeneutischen Herangehensweise, die die Sinngehalte von Texten intuitiv oder "einfühlend" herausarbeitet, wenig oder keinen wirklich gesicherten Fortschritt), deshalb versuchen sie seit einiger Zeit, an die Kogniitions- und Neurowissenschaften anzudocken, um sich mit den "echten" Wissenschaften messen zu können. Ich finde das nützlich, aber man sollte das nicht übertreiben. Man sollte Emotionalität und Rationalität mehr miteinander verbinden, von der Reduzierung komplexer Gedankengänge auf neurophysiologische Hirnmuster sind wir ohnehin noch weit entfernt. Vielleicht geht das irgendwann, dann werden Filme in neuronale Muster umgewandelt und direkt in unser Gehirn eingespeist, ein Rechner liest anschließend unsere Biodaten aus und erklärt uns, warum wir den Film gerade gut oder schlecht fanden. Wahrscheinlich verfasst er dann auch gleich den Text für das Filmtagebuch. Aber das ist Science-Fiction. Was die Welt in gewisser Weise verstehbar macht, sind erzählbare Zusammenhänge, wissenschaftliche Erkenntnisse, Geschichten aus der Kunst, Literatur, Kino und TV. Im Bereich der Naturgesetze und in Form der ästhetischen Aufbereitung der Welt gibts noch nachvollziehbare Ordnungen. Selbst der chaotischste Godard-Film hat eine Ordnung. Ich mag dieses Gefühl von Verstehbarkeit, weil es an vielen anderen Baustellen des Lebens vollkommen fehlt. Ganz ohne gehts aber auch nicht. Serien haben im Vergleich zu Filmen den zusätzlichen Vorteil (vielleicht ist es auch gar keiner, sondern eine emotionale Scheinbindung, die man mit einer Sucht vergleichen könnte), dass sie einem über einen längeren Zeitzraum gewissermaßen ans Herz wachsen und man eine engere Beziehung zu den Figuren aufbaut. Richtiger Hardcore-Fan war ich bisher nur bei der Serie The X-Files. Trekkie (ich mag den Begriff lieber als Trekker – Trekker klingt nach (Ver-)Drecker und Trekkie hat was niedlich-harmloses) war ich nie, aber Star Trek mochte ich trotzdem immer ganz gerne.

    Die Idee, die Star Trek-Franchise aufzuarbeiten, hatte ich schonmal vor etwas über einem Jahr. Da bin ich nicht über die ersten paar Episoden der ersten Staffel der ursprünglichen Serie hinaus gekommen. Die Drehbücher erschienen mir zu krude und das sah arg nach Quälerei im Dienste des sinnlosen Komplettismus aus. Mittlerweile habe ich die komplette erste Staffel gesehen und bin doch recht angetan und möchte am Ball bleiben. Kirk, Spock und McCoy – coole Typen. Als ich einem Freund von meinem Star Trek-Plan erzählt habe, kam als Reaktion sinngemäß die Aussage, dass man die Zeit, in der man stundenlang Star Trek schaut, auch anders verbringen könnte. Und "anders" bedeutet hier natürlich: Besser. Das stimmt vermutlich. Drei Staffeln Star Trek (The Original Series; TOS), sieben Staffeln Star Trek: The Next Generation (TNG), sieben Staffeln Star Trek: Deep Space Nine (DS9), sieben Staffeln Star Trek: Voyager (VOY) und vier Staffeln Star Trek: Enterprise (ENT), das macht 3+7+7+7+4 = 28 Staffeln. Bei 24 Episoden pro Staffel und 45 Minuten je Episode macht das 45 x 24 x 28 = 30.240 Minuten Star Trek. Das sind 504 Stunden oder 21 Tage. Das klingt jetzt irgendwie schon nach viel weniger, finde dich. Dazu kommen freilich noch 22 Episoden der Animated Series (TAS) und bis dato zehn Spielfilme. Sicherlich könnte man auch andere Dinge in dieser Zeit tun. Proust lesen, das Oeuvre von Andrei Tarkowski aufarbeiten, ugandische Menschenschlächter beseitigen. Ich mache das auch noch irgendwann, aber ich habe jetzt Lust auf Star Trek.

    Ich kenne keine der Serien komplett. Von TNG kenne ich viele verstreute Episoden, von DS9 weniger (aber auch einige), VOY habe ich zeitweise regelmäßig gekuckt, hier fehlt mir einiges vom Anfang und vermutlich auch viel in der Mitte, und von ENT kenne ich die ersten drei Staffeln, die letzte habe ich nicht mehr vollständig gesehen. Star Trek ist sicherlich eines der interessanteren Phänomene der Popkultur, da die Franchise seit nunmehr 4½ Jahrzehnten existiert und irgendwie immer auch das geistige Kind ihrer Zeit war. Das trifft sogar noch irgendwie auf die produktionschronologisch letzte Serie ENT zu (die im internen Star Trek-Universum die chronologisch erste ist). Die hatte inhaltlich zwar wenig zu sagen, deutete aber immerhin schon auf eine Sehnsucht nach neuen Ursprungserzählungen hin, die seit einiger Zeit bei vielen popkulturellen, quasi-mythologischen Figuren auszumachen ist – Batman, Spider-Man, James Bond. Alles wird auf Anfang gesetzt, es gibt offenbar ein Bedürfnis nach Neustarts, da ja jedem Anfang ein Zauber innewohnt.

    TOS war allerdings eine originäre und optimistische Zukunftsvision von Gene Roddenberry. die Serie lief von 1966-1969. Ende der 1960er waren die USA in den Vietnamkrieg verstrickt, die schwarze Bürgerrechtsbewegung hatte harte Kämpfe vor sich, Frauen in Führungspositionen waren noch viel unwahrscheinlicher als heute und die Welt war sauber und verständlich in Blöcke eingeteilt. Zur Zeit von Captain Kirk jedoch hatte zumindestens die Menschheit den Krieg abgeschafft, Fortschritt gab es nicht mehr um des privaten Profits willen, sondern für das Allgemeinwohl der Menschheit. Eine schöne Vision. Manche Episoden lassen sich auch relisionskritisch lesen, etwa The Return of the Archons. Auf der Brücke der Enterprise war eine schwarze Frau am Start: Lieutenant Nyota Uhura, zur damaligen Zeit keine selbstverstänndliche Idee. Zugegebenermaßen nur eine wichtigere Nebenrolle. Und die drei Hauptcharaktere James T. Kirk, Mr. Spock (der wohl auch einen Vornamen hat, den er aber nicht verrät, da Menschen ihn vermutlich nicht aussprechen können) und Dr. Leonard McCoy sind ja auch alle Männer. Aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Beim Recherchieren stößt man schnell auf die Erzählung von Whoopi Goldberg, dass diese Seh-Erfahrung enorm prägend für sie war: Da war eine schwarze Frau auf dem TV-Bildschirm zu sehen – und sie spielte kein Kindermädchen. Später gab es ja dann einen schwarzen Kommandanten (Sisko, DS9) und eine Frau als Captain (Janeway, VOY). Diese künstlichen kulturellen Grenzen (die leider reale Konsequenzen haben) weichen heute zum Glück mehr und mehr auf - oder kehren sich um. Mittlerweile gelten ja die Jungs in der Schule als die neuen Verlierer. Der Captain der nächsten Serie könnte schwul sein, oder transsexuell – oder Araber oder Pakistani. Bei zu viel Political Correctness liegt heute aber schnell der Verdacht der positiven Diskriminierung nahe. Es gibt so viele Meta-Ebenen, es ist alles ziemlich komplex. Eine weitere Frauenrolle war angelegt, die von Yeoman (Bootsmann) Janice Rand.



    Sie taucht in den ersten Episoden der Serie häufig auf. Die Schauspielerin Grace Lee Whitney hatte später aber mit Drogenproblemen zu kämpfen, wurde offenbar am Set auch sexuell belästigt und erscheint im weiteren Verlauf der Serie nicht mehr – erst wieder später in den Kinofilmen). Grundsätzlich war das Science-Fiction-Genre immer schon gut dafür, über die soziale Zukunft der Menschheit und die Natur des Menschen ganz allgemein zu reflektieren. Star Trek macht das auf recht interessante Weise, indem völlig unterschiedliche Kulturkonzepte aufeinander prallen.

    Die Pilot-Episode von TOS ist gar keine wirkliche Pilot-Episode. NBC lehnte The Cage ab, forderte merkwürdigerweise aber eine neue Pilot-Episode. Das war dann Where No Man Has Gone Before. In The Cage heißt der Captain der Enterprise auch nicht Kirk, sondern Christopher Pike. Das gedrehte Material wurde dann in der Mitte der ersten Staffel wieder für einen Zweiteiler mit neuer Rahmenerzählung verwurstet: The Menagerie, Teil I & II. Sicherlich gibt es immer mal wieder unfreiwillig lustige Momente, etwa Kirks Kampf gegen dieses bizarre Wesen:



    Nein, es ist kein Wikinger. Der Charakter von Spock ist hier auch noch nicht voll definiert, so lassen sich deutliche Anzeichen von Emotionen erkennen, die der Vulkanier normalerweise gut im Griff hat:



    Grundsätzlich sind die Themen der Serie durchaus faszinierend, so kann die Story von The Cage auch als ein Vorläufer des Matrix-Konzeptes verstanden werden: Einer rein mentalen Realität, in der es sich vielleicht viel sorgenfreier und problemloser leben lässt als in der realen, viel zu komplexen Welt. Da ich Star Trek halbwegs kenne, besteht ein nicht unbeträchtlicher Teil des Spaßes natürlich im Erkennen von "Firsts": Der erste vulkanische Nervengriff, das erste Auftauchen der Romulaner (Balance of Terror):

    ,

    das erste Auftauchen der Klingonen (Errand of Mercy; hier noch ohne Stirnwulst)

    ,

    selbst ein (spekulativer) Vorläufer der Q-Figur aus TNG taucht auf in The Squire of Gothos. Die größte Überraschung war allerdings die Episode Space Seed: Da ist dann irgendwann Ricardo Montalban am Start und ich dachte: Ach sieh an, dieser Schauspieler spielt im zweiten Spielfilm The Wrath of Khan doch den Khan. Was ich nicht wusste, war, dass diese Episode quasi den ersten Teil des Spielfilms darstellt, da Montalban hier auch den gleichen Charakter – eben Khan – darstellt. Die allermeisten Episoden empfand ich als sehr unterhaltsam. Wenn man viele am Stück kuckt, werden Qualitätsunterschiede tendenziell eher nivelliert, ich sehe mich dann irgendwie in den Serie rein und genieße die Erweiterung des fiktionalen Universums. Das gilt natürlich insbesondere für Star Trek, wo ich ja schon weiß, dass sich dieses Universum noch über mehrere Serien hinweg ausdehnen wird und man alte Bekannte wiedertreffen wird. Viele Star Trek-typische Storylines tauchen hier bereits auf, so etwa die beliebten Zeitreise- oder Paralleluniversen-Stories, hier in Form von Tomorrow is Yesterday bzw. The Alternative Factor.

    Die vorletzte Episode der ersten Staffel, The City on the Edge of Forever mit Joan Collins, gilt als die beste der gesamten Originalserie. Das kann ich nachvollziehen; die emotionale Intensität dieser Episode hat keine andere der ersten Staffel erreicht. Den Plot kann man sich auch leicht als modernen Spielfilm vorstellen, das Drehbuch ist clever konzipiert und bietet einige interessante Gedankenanstöße. Gute Handlungen müssen auf langfristige Sicht nicht immer die optimalsten Folgen haben – das Ursache-Wirkungs-Gewirr ist eben undurchdringlich und man weiß nicht, welche Handlungen wirklich die besten sind – diese Unsicherheit macht ja auch den Existentialismus zu so einer bitteren Entscheidungs-Pille. Pille, der von Kirk im Original Bones genannt wird, wird übrigens erst ab der zweiten Staffel in den Vorspann-Credits als dritter Hauptcharakter geführt, in der ersten Staffel tauchen dort nur William Shatner und Leonard Nimoy auf. Was gut ist: Die "Bösen" werden differenziert gezeichnet und nicht dämonisiert. Die Serie schürt keine unnötigen Ängste sondern hat meist Verständnis für diejenigen, die ganz anders sind als die Menschen.

    Exzessives Star Trek-Schauen hat natürlich immer was Nerdiges. Science-Fiction und Fantasy gelten als nerdig und das hat einen unterbelichteten Beigeschmack, ich weiß auch nicht genau, warum. Die Hirnforschung hat ja insofern Recht, als wir unsere Wahrnehmung der Welt tatsächlich völlig selektiv und subjektiv auf der Grundlage unserer Biographie konstruieren; die Realität, so wie sie "wirklich" ist, können wir nicht erfahren. Und die gesellschaftlichen Konstrukte, die unsere Welt effektiv und real formen, zeichnen sich auch nicht durch unbedingte Notwendigkeit aus. Die Welt könnte auch ganz anders aussehen, wenn die Menschheit in der Vergangenheit eine andere Abzweigung genommen hätte. Nur weil die Dinge, mit denen man sich exzessiv beschäftigt, mit der Historie übereinstimmen oder sich auf weithin akzeptierte Erklärungsmodelle beziehen, ist man noch kein Nicht-Nerd. Man müsste konsequenterweise auch von Private-Equity-Nerds oder Politik-Nerds sprechen. Da heißt das aber eher "Fachmann". Im Kontext der Literatur gibt's den Begriff "Bücherwurm" – der hat auch nerdige Komponenten, steckt aber immerhin noch mit Vorstellungen von Bildung unter einer Decke. Wenn man Glück hat, ist man auch "belesen" – als wären Die Brüder Karamasow weniger fiktiv als Star Trek. Literatur-Nerds. Gut, man braucht Etikette, sonst kommt man in der ganzen Komplexität nicht klar. Mittlerweile ist die Nerd-Kultur ja eine durchaus legitime Variante der Popkultur, die in Serien wie The Big Bang Theory oder auch Community wiederum aufbereitet wird. Wenn man es wirklich ernst meint mit der Postmoderne, die die Auflösung der Grenzen zwischen Hoch- und Unterhaltungskultur postuliert hat, dann muss die ernthafte Frage erlaubt sein, warum einem Proust und Tarkowski das Leben besser erklären können sollen oder wertvollere Kunst produzieren als Gene Roddenberry. Was der Nerdismus und die Popkultur sicher besser schaffen als Formen der Hochkultur, die stark mit sozialem Status, akademischem Prestige und Macht besetzt sind, ist eine Art heimeliges, virtuelles Zusammengehörigkeitsgefühl. Als Trekkie ist man eben Teil der Trekkie-Gruppe, man fühlt sich aufgehoben und teilt das Interesse am gleichen fiktionalen Universum mit anderen Fanatikern. Ich finde das eine interessante Variante der Gruppenzugehörigkeit. Ganz alleine kommt eh niemand durchs Leben und ein bisschen Wohlfühlgefühl kann nicht schaden.

    Ich werde versuchen, dieses Filmtagebuch weiter am Leben zu erhalten, will mich dabei aber weder auf Länge noch Form noch Regelmäßigkeit der Beiträge festlegen. Analytische Betrachtungen können sicherlich ebenso erhellend sein wie eine spontane Assoziation, der Verweis auf philosophische Konzepte ebenso ertragreich wie das Foto von verheulten Augen, die einem ein emotional bewegender Film beschert hat. Ich werde zunächst weiter in die originale Star Trek-Serie vorstoßen, die ich nie zuvor gesehen habe, und lasse mir von Kirk und Spock erklären, wie das Universum funktioniert.

    Eben wollte ich mir übrigens einen Kaffee kochen, da saß tatsächlich eine dieser Wanzen auf der Kaffeemaschine. Ich habe sie mit meinem Zeitungs-Phaser weggebeamt.

    Die Top 5 Episoden der ersten Staffel:

    1. The City on the Edge of Forever
    2. Balance of Terror
    3. Errand of Mercy
    4. A Taste of Armageddon
    5. Space Seed
    Geändert von Daniel (11.03.2012 um 08:14 Uhr)

  10. #380
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
    Registriert seit
    28.12.2000
    Ort
    Six Feet Under
    Beiträge
    4.880

    Star Trek: TOS - Season 2

    Star Trek: The Original Series - Season 2



    Man kann nicht unbedingt sagen, dass William Shatner ein brillanter Schauspieler ist. Manche emotionalen Ausbrüche von Captain Kirk wirken oft nahezu satirisch überspitzt und haben etwas bizarr Clowneskes. Andererseits spielt Shatner Kirk im Normalzustand mit einer herrlich latenten Süffisanz und bellt seine Befehle so glaubhaft raus, dass die Serie in Kombination mit den anderen Charakteren, v.a. natürlich Spock und McCoy, weiterhin riesigen Spaß macht. Ich hätte das nie gedacht und war wie weiter oben erwähnt der Überzegung, dass ich mich durch die Originalserie durchquälen muss, um zur wirklich interessanten Next Generation vorzustoßen. Mittlerweile bin ich am Anfang der dritten Staffel und bin jetzt schon etwas traurig, dass die Serie bald durch ist. Um so mehr freue ich mich allerdings jetzt auf die Kinofilme. Die kenne ich bisher nur losgelöst von der Serie, aber vor dem Hintergrund dieser neuen "Bekanntschaften" werden die Filme sicher noch viel mehr Freude machen.

    Shatner hat ein beträchtliches komödiantisches Talent, ich stelle ihn mir allerdings nicht als leicht umgänglichen Menschen vor, er scheint ein nicht gerade kleines Ego zu besitzen. Nimoy ist anders. Nachdem Spock meine Lieblingsfigur der Serie ist, habe ich ein bisschen oberflächliche Recherche zu Nimoy betrieben. Das öffentlich vermittelte Image mag freilich täuschen, aber ich habe angefangen, Nimoy zu bewundern. Ein höchst reflektierter, geistig wacher, weltoffener, friedliebender, engagierter und künstlerisch vielseitiger Mensch, der trotz seiner mittlerweile 82 Jahre eine ungemeine Jugendlichkeit ausstrahlt. Trotz ihrer offensichtlichen Unterschiede harmonieren Shatner und Nimoy gut miteinander, es macht Spaß, sie zusammen zu sehen und es ist irgendwie berührend, dass sie auch Jahrzehnte nach dem Ende der Serie noch befreundet sind. Wie tief diese Freundschaft ist, kann man freilich als Außenstehender schwer einschätzen. Einen guten Eindruck ihrer Interaktion vermittelt eine 7-teilige Videoreihe bei YouTube, die während der Dragon*Con 2009 entstanden ist. Den Unterhaltungswert des Gespräches kann ich nur schwer in Worte fassen, die beiden sind so etwas wie ein Traumpaar. Ich hätte mir das noch stundenlang angesehen und jeder, der sich für Star Trek interessiert, wird sicher seinen Spaß daran haben:

    Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | Teil 6 | Teil 7
    Im ersten Video wird es schon ab 2:00 superlustig, wenn es darum geht, dass Shatner nicht in Abrams' Star Trek-Neuauflage dabei sein durfte.

    In der zweiten Staffel spielt nun auch Walter Koenig als Pavel Chekov mit. In den ersten Episoden wurde Walter Koenig für die Rolle noch mit einer merkwürdigen Perücke ausgestattet, die zum Glück aber bald aufgegeben wurde:


    Walter Koenig mit Perücke

    Weiterhin mit an Bord ist Majel Barrett (später Majel Roddenberry), die First Lady of Star Trek als Krankenschwester Christine Chapel:



    Barrett kennen die amerikanischen Fans aus sämtlichen späteren Serien und Filmen: Sie lieh ihre Stimme allen Schiffscomputern der Sternenflotte, auch noch für J.J. Abrams' Star Trek, bevor sie im Dezember 2008 verstarb. Die Schiffscomputer werden in Zukunft also anders klingen müssen. Barrett spielte in Star Trek: TNG außerdem die Mutter von Deanna Troi.

    Die zweite Staffel beginnt gleich mit einem Highlight – der Episode Amok Time, die näher auf die vulkanische Kultur eingeht. Spocks Gesundheit ist von den Begleiterscheinungen des pon farr bedroht, des vulkanischen Paarungsrituals. Damit Spock wieder auf biologisches Normalniveau runterkommt, muss er schleunigst zurück auf seinen Heimatplaneten Vulcan, wo bereits T'Pring auf ihn wartet – die Frau, die seit seiner Kindheit die ihm angedachte Ehefrau ist.


    T'Pring

    Da T'Pring ihr Leben mittlerweile aber mit einem anderen Vulkanier verbringen möchte, setzt sie Spock einem rituellen Kampf Mann gegen Mann auf Leben und Tod aus (kal-if-fee) – Spock muss gegen seinen besten Freund Kirk antreten.
     
    Es ist erstaunlich, wie wirkungsvoll vereinzelte emotionale Ausbrüche der Figur Spock in der Serie sind. Entgegen Spocks Anname, dass er seinen Captain im Kampf getötet hat, erfreut sich dieser dank eines Tricks von McCoy bester Gesundheit. Spocks Reaktion:



    Gleich darauf hat er sich wieder unter Kontrolle:


    Mehrere Episode greifen die Kulturgeschichte der Erde auf, so auch die zweite der Staffel, Who Mourns for Adonais?, in der es um die "wahre" Quelle des griechischen Pantheons geht. Recht mutig sind hier wieder die durchaus religionskritischen Anklänge, die öfter in der Serie auftauchen (siehe auch The Apple: Eine fremde Kultur wird vom destruktiven Aberglauben an einen Gott beherrscht, der eigentlich eine Maschine ist; es gibt allerdings auch mal gegenteilige Tendenzen): Im 23. Jahrhundert benötigt die Menschheit keine Götter mehr zur Idenitiätsstiftung und moralischen Festigung, sie verlässt sich stattdessen auf Rationalität, gesunden Menschenverstand und einen generellen Humanismus.

    The Changeling beschäftigt sich mit dem Thema künstliche Intelligenz, in diesem Fall handelt es sich um die "mutierte" Sonde Nomad, einst von der Erde zur Erkundung außerirdischer Intelligenzen ausgesandt. Leider tickt Nomad nicht mehr richtig und vernichtet auf einem Zerstörungskurs ganze Völker. Der verwirrte Nomad hält Kirk zudem für seinen Erschaffer Jackson Roykirk und wird am Ende von Kirk zu Tode diskutiert – Kirk wird etwas ähnliches wieder tun in I, Mudd und The Ultimate Computer. Diese Art der Dramaturgie finde ich weniger interessant, charakterzentrierte Episoden wie Journey to Babel sind mir lieber. Seltsam ist hier auch, dass Uhuras von Nomad ausgelöschte Gedächtnis innerhalb kürzester Zeit wieder hergestellt werden kann, das wirkt an den Haaren herbeigezogen.

    Mirror, Mirror wartet dann schließlich mit einer ziemlich guten Idee auf und etabliert das Paralleluniversum, in dem die Enterprise-Crew sehr viel weniger umgänglich ist als im Haupt-Zeitstrang.


    Uhura aus dem Hauptuniversum lenkt Mirror-Sulu ab

    Kirk, McCoy, Uhura und Scotty vertauschen durch eine Transporter-Fehlfunktion die Plätze mit ihren despotischen, herrschsüchtigen Äquivalenten – nur Spock ist der einzige, auf den man sich in beiden Universen halbwegs verlassen kann. Diese Episode etabliert auch den "Evil Goatee", ein popkulturell mittlerweile verlässlich funktionierendes Erkennungsmerkmal für böse Zwillinge – vgl. Etwa Garthe Knight und Evil Abed:



    Nach The Doomsday Machine (ein sich durchs All bewegender, trichterförmiger Planetenzerstörer muss ausgeschaltet werden) folgt Catspaw. Die Episode ist eine Art Feiertags-Special und wurde in der Halloween-Woche 1967 ausgestrahlt. Catspaw ist dramaturgisch unterdurchschnittlich und bietet aggressive Katzen als Hauptattraktion, eine eher lächerliche Bedrohung, die auch Jahrzehnte später in der X-Files-Episode Teso Dos Bichos nicht funktioniert hat. Immerhin gibt es Geistererscheinungen und ein Gruselschloss. Die eigentlichen "Gegner" der Episode sind zwei vogelähnliche Kreaturen (wie man am Ende erfährt), die während der Haupthandlung aber menschliche Gestalt annehmen, Urängste anzapfen und den menschlichen Geist manipulieren können. Kirk darf jedenfalls den Charmeur spielen:



    I, Mudd ist die einzige Episode der Originalserie, die einen Antagonisten aus einer früheren Folge wiederbelebt: Harry Mudd (erstmals zu sehen in Mudd's Women aus der ersten Staffel) ist wieder am Start und beherrscht jetzt einen ganzen Planeten. Die Figur ist nicht wirklich bedrohlich und I, Mudd ist eine entspannte, gelungene Spaßepisode. Der Harry-Mudd-Charakter ist Gerüchten zufolge auch eine der Optionen für den Antagonisten im neuen Star Trek-Film (glaube allerdings nicht, dass es dazu kommen wird).


    Roger C. Carmel als Harcourt Fenton Mudd und Greg Grunberg (potentieller Mudd-Darsteller im kommenden Trek-Film)

    Metamorphosis bescherte mir als TOS-Neueinsteiger ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten: Auf einem isolierten Planetoiden entdeckt die Enterprise-Crew Zefram Cochrane, den seit 150 Jahren verschollenen Erfinder des Warp-Antriebs. Tatsächlich spielt diese Episode chronologisch natürlich nach Star Trek: First Contact, wo Cochrane von James Cromwell gespielt wird.


    Zefram Cochrane im Jahr 2267

    Eine fremdartige Lebensform hat seinen Alterungsprozess jedoch umgekehrt, wodurch sich sein eher jugendliches Aussehen in dieser Episode erklärt. Metamorphosis ist ein typisches Beispiel für eine Episode, deren Spaßfaktor durch einen einfachen Wiederkennungsprozess gewinnt. Inhaltlich ist sie charmant (es geht letztlich um das Gefühl der Liebe), aber unspektakulär und nicht der letzte Schrei. Da ich die Figur Cochrane aber bereits aus einem der gelungensten Trek-Filme kenne, habe ich einen anderen, tieferen Bezug zu der Figur. Werde nun natürlich auch First Contact mit diesem Hintergrundwissen wieder ein wenig anders sehen.

    Journey to Babel ist eine der besten und interessantesten Episoden der zweiten Staffel. Die Enterprise transportiert eine Riege von außerirdischen Botschaftern zum Planeten Babel, wo eine Konferenz der United Federation of Planets stattfinden soll. An Bord befinden sich neben Andorianern (die in der letzten Serie Enterprise wieder eine größere Rolle spielen werden) auch Spocks Eltern – sein vulkanischer Vater Sarek und dessen menschliche Ehefrau Amanda Grayson (in Star Trek [2009] gespielt von Winona Ryder).


    Kirk, Amanda Grayson, Spock, Sarek, McCoy

    Der tellaritische Botschafter Gav (auch die Tellariten werden in Enterprise wieder dabei sein) wird tot aufgefunden und Sarek wird kurzzeitig zum Hauptverdächtigen. Sareks Gesundheit steht jedoch auf der Kippe, seine Krankheit liefert ihm zwar ein ausreichendes Alibi, bringt ihn andererseits aber auch in Lebensgefahr. Als Blutspender kommt nur sein Sohn Spock in Frage, der jedoch mit dem Kommandieren der Enterprise beschäftigt ist, da Kirk mittlerweile ebenfalls attackiert worden ist. Die Episode ist dicht erzählt, überzeugend gespielt und beleuchtet vor allen Dingen Spocks Charakter und Psyche, seinen inneren Kampf um die Vereinigung des kulturellen und emotionalen Erbes der Eltern in seiner Person und auch das Abwägen der widerstreitenden Pflichtgefühle gegenüber der Sternenflotte und gegenüber dem Vater in einer kritischen Situation.


    Ein Andorianer

    In Friday's Child sind wieder die Klingonen mit von der Partie und McCoy darf Hero of the Hour bei der Geburt eines Kindes sein, in The Deadly Years wird die klassische Sci-Fi-Idee des beschleunigten Alterungsprozesses verarbeitet (siehe auch hier wieder The X-Files: Død Kalm), in Obsession gehen die Redshirts drauf wie die Fliegen (man erfährt ein wenig über Kirks Vergangenheit), in Wolf in the Fold steht Scotty unter Mordverdacht und es wird erneut Kulturgeschichte angezapft: man erfährt, was es wirklich mit Jack the Ripper auf sich hat. Diese Episoden sind alle mittelprächtig, dann kommt wieder ein Highlight:

    The Trouble with Tribbles. Ich glaube, dass ich die Partner-Episode Trials and Tribble-ations aus Deep Space Nine tatsächlich mal gesehen habe, das Original macht natürlich riesigen Spaß. Eine flott erzählte, enorm kurzweilige Episode, in der alle Crew-Mitglieder zum Zug kommen. Scotty darf einem Klingonen saftig eine reinzimmern, nachdem der die Enterprise beleidigt hat. Man will auch gleich eines dieser fortpflanzungsfreudigen Pelzknäuel haben, wenn sogar Spock sie beruhigend findet. Das Enterprise-Universum wird erneut weiter ausgearbeitet, denn auch die Klingonen spielen wieder eine große Rolle (und die Tribbles werden zu ihren Todfeinden werden). Sicherlich eine weitere TOS-Essentials-Folge.


    Spock, Kirk, Uhura und ein Tribble

    Nach der leidlich unterhaltsamen Episode The Gamesters of Triskelion folgt dann A Piece of the Action. Die Crew landet auf einem Planeten, dessen Kultur von einem Buch über das Mobster-Chicago der 1920er Jahre infiziert wurde. Dieses Buch wurde offenbar behandelt wie die Heilige Schrift, seitdem stagniert die Kultur des Planeten. Kirk und Spock greifen ein. Das dürfen sie normalerweise nicht, da die "Oberste Direktive" das Einmischen in und die Beeinflussung von fremden Kulturen normalerweise verbietet. Da diese Kultur aber bereits durch menschliches Verschulden auf eine schiefe Bahn geraten ist, geht das Eingreifen in diesem Fall ausnahmsweise in Ordnung.


    A Piece of the Action

    Die Episode hat ein nettes Gangsterflair, ist stellenweise herzhaft albern, bietet aber eine gute Mischung aus Komik und Dramatik. Eine Sichtung lohnt sich bereits, um Kirk und Spock im Auto zu sehen und wegen des legendären Kartenspiels "Fizzbin". Die Regeln werden von Kirk ausführlich erläutert...

    In The Immunity Syndrome darf man Angst um Spock haben, der sich mit einer riesigen Weltraum-Amöbe auseinandersetzt, in A Private Little War wird Spock von Nurse Chapel geohrfeigt und Kirk darf wieder rumknutschen mit der hübschen Nona (Nancy Kovack):


    Nona

    In Return to Tomorrow werden wieder Crew-Körper von außerirdischen Intelligenzen übernommen (diesmal freiwillig) und Leonard Nimoy darf Spock wieder mit Emotionen spielen.

    Die folgende Episode Patterns of Force besitzt einen Sonderstatus im deutschsprachigen Raum. Es handelt sich um die legendäre Nazi-Episode der Originalserie, die in Deutschland lange Zeit nicht im Free-TV ausgestrahlt wurde. Erstmals lief sie im deutschsprachigen Raum auf ORF in der untertitelten Originalfassung im Rahmen eines Kulturabends, dann 1999 im Pay-TV und erst 2011 im Free-TV. Die Enterprise begegnet hier einem faschistischen Regime, das seine Ideologie und Symbole aus der Nazi-Dikatatur übernommen hat.


    Patterns of Force

    Ich bin mir nicht sicher, wie ich diese Episode finde. Es handelt sich um eine ernthaftere Variante von A Piece of the Action, die Dramaturgie ist leidlich überzeugend, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass Patterns of Force den größten Reiz aus dem bloßen Aufgreifen der Nazi-Ästhetik und -Symbolik zieht. Am Ende steht eine für die Serie typische kulturoptimistische Aussage, die in diesem Kontext aber nicht richtig überzeugen kann. Die grundsätzliche Struktur dieser Episode wirkt auf befremdliche Art austauschbar, sie ist gar nicht so besonders. Sollte man sicher trotzdem mal gesehen haben.

    In By Any Other Name darf Kirk wieder fummeln


    Fummel-Kirk

    und in The Omega Glory muss erneut eine kulturelle Fehllenkung korrigiert werden, die diesmal der durchgeknallte Federation-Captain Ronald Tracey auf dem Kerbholz hat. Diese Episode stellt einige verschwurbelte Analogien zwischen nordamerikanischen Ureinwohnern, Kommunisten und dem auf dem Planeten vorgefundenden Krieg her und ist ein ziemlich willkürliches Konglomerat von standardisierten Spannungsszenen und kulturellen Anspielungen. Sie endet mit einem relativ bizarren USA-Pathos, das auf die Pledge of Allegiance verweist, das Treuegelöbnis gegenüber Nation und Flagge. Das Finale versucht die ideologischen Anklänge von einem USA-Nationalismus zu entkoppeln, was aber nicht überzeugend gelingt. The Omega Glory ist irgendwie interessant aufgrund der grobschlächtigen Misslungenheit der Folge, aber letztlich nicht gut.

    Die letzte Episode der zweiten Staffel – Assignment: Earth – ist etwas merkwürdig. Es geht wieder zurück in die Vergangenheit. Lange Zeit hatte ich den Eindruck, dass es sich hier gar nicht um eine richtige Star Trek-Episode handelt, weil den beiden Gast-Charakteren Gary Seven und Roberta Lincoln viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als der Enterprise-Crew. Es wirkt, als seien Kirk & Co. lediglich Gäste in ihrer eigenen Serie. Tatsächlich war diese Episode als Vorläufer einer Spin-off-Serie geplant. Star Trek hatte zum Ende seiner zweiten Staffel schlechte Quoten und war in Gefahr, abgesetzt zu werden. Die Serie entwickelte sich erst als "syndicated program", in der Wiederverwertung Jahre später zum Kulthit.

    Die dritte Staffel ist bereits angefangen, ich bin wie gesagt etwas betrübt, dass es bald zu Ende geht. Aber es gibt ja noch zahlreiche Filme mit der Original-Crew. Und dann kommt schon die Next Generation, da warten dann satte sieben Staffeln. Und dann kommt Deep Space Nine. Und dann... Es macht große Freude, die Reise geht weiter. Vielleicht werde ich doch noch zum Trekkie.

    Die besten Episoden der zweiten Staffel:

    Journey to Babel
    The Trouble with Tribbles
    Amok Time
    Mirror, Mirror
    A Piece of the Action


    Ich melde mich wieder mit der dritten. Jede Episode der zweiten Staffel wurde jetzt zumindest namentlich erwähnt, das hat sich als zeitraubend erwiesen, unterstützt aber auch das Gedächtnis ungemein. Mal sehen, ob ich das so beibehalten kann.

    Bis zur dritten Staffel:



    Live long and prosper.

Seite 38 von 38 Erste ... 28363738

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17