Seite 1 von 4 123 ... Letzte
Ergebnis 1 bis 10 von 31

Thema: Janis' Filmtagebuch

  1. #1
    Regisseur
    Registriert seit
    06.01.2001
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.830

    Janis' Filmtagebuch

    Dieses Filmtagebuch präsentiert kurze Kommentare zu jedem Film, den ich sehe. Die Kommentare werden übernommen aus dem Screeninglog meines Weblogs.

    Jeder Film bekommt auch ein Rating.
    Das System:
    0 = wertlos
    * = schwach
    ** = durchschnittlich
    *** = gut
    **** = sehr gut
    ****+ = Meisterwerk

    Viel Spaß.

  2. #2
    Regisseur
    Registriert seit
    06.01.2001
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.830

    Re: Janis' Filmtagebuch

    Friday, March 05, 2004

    Kárhozat / Verdammnis
    (Béla Tarr, 1988; DVD [R2], OF)
    **** (sehr gut)

    Zweifelsohne eines der pessimistischsten, dunkelsten und "atheistischsten" Portraits, wie man sie im Film überhaupt zu sehen bekommt: Ein von der Welt (also dem Dorf, in dem er lebt) entschieden entfremdeter Mann begehrt eine Sängerin so sehr, dass sich an ihr für ihn gleichsam der Sinn des Universums manifestiert. "Du bedeutest mir die Welt", sagt er ihr. Sie ist verheiratet, ihr Mann hat Schulden. Er bemüht sich darum, das Paar auseinanderzubringen, fleht um soziale Integration in einer Gesellschaft, deren Bestandteile eine solche längst nicht mehr formen. Am Ende schlagen seine emotional korrupten Bemühungen auf ihn zurück und der Film schließt mit ihm, wie er, in animalischer Barbarei, durch ein identitätsloses "wasteland" irrt.
    Ein Film, der an nichts mehr glaubt und die Menschheit wieder an dem Punkt sieht, wo sie - wie der "Held" des Films am Ende - einen "anderen" Hund anbellen muss. Die alles durchringende Einsamkeit und Leere der Figuren wird vor allem meisterlich visualisiert im letzten Drittel des Films, wenn die Bewohner des Dorfes zum Tanz in einer Bar zusammenkommen. Beine, Arme und Hüften in perfekter Harmonie. So merkt es eine Frau an. Das und eben nichts weiter: Gesichter wie verrostende Gasflaschen.


    Sensin - Du bist es!
    (Fatih Akin, 1995; Kino, OF) [Kurzfilm]
    ** (durchschnittlich)

    Erster Film des momentan hoch gehandelten Fatih Akin über einen jungen Türken, der alles daran setzen will, seine Traumfrau für sich zu gewinnen. Reichlich "geek stuff", sehr trashig. Der beste Gag kam im Abspann, wo ein besonderer Dank an einige Leute aus verschiedenen Ländern gerichtet wurde. Unter Amerika stand: "Martin Scorsese und Gott".


    Funny Bones
    (Peter Chelsom, 1995; Kino, DF)
    ** (durchschnittlich)

    Überaus mäßig unterhaltsames Farben- und Schnittspektakel über Söhne und Väter in einer knallbunten Welt aus Showbiz und Zirkus, das Regisseur Peter Chelsom in seiner Heimatstadt Blackpool realisierte. Die permanente Beschallung mit lauter Unterhaltungsmusik raubt den zwischen arg derbe und maueralt wechselnden Witzchen das Überraschungsmoment und der Versuch, möglichst originell zu sein, gefriert zur Nummernrevue halbwegs skurriler Figuren mit komischen Frisuren, Bärten und Brillen. In den dramatischen Ansätzen wirkt der Film dann zudem leider relativ ungeschickt und zusammengeklaubt. Die recht schwache deutsche Synchronisation mag dem Film zusätzlich abträglich sein.

  3. #3
    Regisseur
    Registriert seit
    06.01.2001
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.830

    Re: Janis' Filmtagebuch

    Sunday, March 07, 2004
    Bakushû / Early Summer
    (Yasujiro Ozu, 1951; DVD [R3], OF)
    ****+ (Meisterwerk)

    Eine Szene aus Early Summer: Ein älteres Ehepaar sitzt auf einem hohen Bordstein. Er: "Wir sind glücklich. Das ist die glücklichste Zeit unseres Lebens." Sie: "Wir könnten glücklicher sein." Er: "Wir dürfen nicht zu viel verlangen." Sie schaut zum Himmel, zeigt auf etwas. Er blickt hin, ein Luftballon fliegt alleine am Horizont. Er: "Ein Kind weint jetzt."
    Es scheint mir, als habe Ozu hier den vielleicht markantesten Aspekt seines "Kinozugriffs" zu einer einzigen unscheinbaren Szene herunterkondensiert: Die Tragödie, die auch in jeder Winzigkeit wohnen kann. Die Katastrophen des Lebens, die längst keine mehr sein dürfen, bei all dem echten Leid. Die Ungewissheit über das Befinden der Tochter in einer von ihr spontan geschlossenen Ehe. Die minimale Bedrücktheit und Erloschenheit in den Augen der Mutter, wenn der Vater sagt, er habe keine Hoffnung mehr, dass der Sohn nach nun mehr als fünf Jahren noch lebend aus dem Krieg zurückkehrt. Und gleichzeitig immer wieder Momente größter Liebenswürdigkeit, unvorstellbarer Zartheit: Im Beobachten eines vorbeifahrenden Zuges, in den Bewegungen von Bahnschranken, im Verweilen am Wegesrand, im Essen eines Bonbons. Am Ende dann die Akzeptanz im Bekenntnis "Wir waren sehr glücklich". Wie immer alles eine fließende Bewegung. Alles wie gehabt. Die Blicke nach draußen, die Häuser, die Felder, die Züge. Unbeschreiblich schön.

  4. #4
    Regisseur
    Registriert seit
    06.01.2001
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.830

    Re: Janis' Filmtagebuch

    Monday, March 08, 2004
    Viaggio in Italia / Reise in Italien
    (Roberto Rossellini, 1953; DVD [R2], OF)
    **** (sehr gut)

    Eine symbol- und metaphernreiche Meditation über das Zerbrechen einer Ehe (Ingrid Bergman und George Sanders) vor dem Hintergrund einer Italienreise. Trotz seiner zahlreichen Verweise auf Sinnbildliches hält Rossellini diesen Klassiker des italienischen Films stets in einer beachtenswerten Subtilität, in der wichtiger als die äußere "Handlung" ist, wo welche Figur sich wann befindet und was sie dort wahrnimmt. Rossellini verlangt das Aufnehmen, Einordnen und Reflektieren der Entwürfe und setzt damit einen deutlichen Kontrapunkt zur neorealistischen Tradition der direkten, rohen und unabgewandelten Bilder. Auf diese Art darf man wohl auch sagen, dass Reise in Italien bereits unverkennbar in Richtung von L'Avventura weist.

  5. #5
    Regisseur
    Registriert seit
    06.01.2001
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.830

    Re: Janis' Filmtagebuch

    Wednesday, March 10, 2004
    Öszi almanach / Almanac of Fall
    (Béla Tarr, 1984; VHS, OF)
    *** (gut)

    Ein Blow Job, eine quasi-Vergewaltigung, ein Diebstahl, eine Hochzeit. In diesem Film sozusagen der "Viersatz" des Bösen, an dem sich menschliches Miteinander in größter Unsicherheit aufzieht. Ein fünf-Personen-Kammerspiel, das bis auf die letzten Szenen ausschließlich in einer verengten und verwinkelten Wohnung stattfindet. Die Einstellungen sind bisweilen eigentümlich verkantet, für einen Film von Tarr ist Almanac of Fall ungewöhnlich stark vom Dialog bestimmt, der Gebrauch von expressionistischen, wie nachcoloriert wirkenden Farben scheint fast wie aus einem Guy-Maddin-Film zu stammen. Dahinter zeigt Tarr das Zerbrechen einer Mikrogesellschaft, in der am Ende die Intriganten die Hochzeit des Vergewaltigers mit seinem Opfer feiern: Bloß neue Konstellationen.

  6. #6
    Regisseur
    Registriert seit
    06.01.2001
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.830

    Re: Janis' Filmtagebuch

    They Live by Night / Im Schatten der Nacht
    (Nicholas Ray, 1949; VHS, DF)
    **** (sehr gut)

    Enorm depressiver "on the run"-Film von Nicholas Ray (eine seiner ersten Arbeiten), der in seinen inhaltlichen Elementen an Fritz Langs You Only Live Once (1937) erinnert, sich aber stilistisch bereits ganz deutlich davon abwendet: Zwar gibt es auch bei Ray das flüchtende Paar, er ein Mörder und Räuber, sie eine unscheinbare junge Frau, die an das Gute in ihm glauben möchte, den generellen "Abgrundssog" und die zusätzliche Schwangerschaft der Frau, aber die Art, wie Ray mit diesen Mitteln arbeitet, ist entschieden unmelodramatisch, verweigert die "Action" (Ray schneidet bisweilen sogar tatsächlich von der letzten Szene vor der "Action" direkt zur ersten danach) und lässt die Gegenseite (die "Jäger") weitestgehend außen vor. Gleichzeitig ist sein Blick auf die beiden Flüchtenden eher ein verhältnismäßig deskriptiver, mit vorsichtigen kameratechnischen Variationen schauender, der - und da vollkommen anders als Lang - nie gänzlich bereit scheint, ihnen ein selbst unverschuldetes Schuldigwerden in einer korrupten Welt zu attestieren. So gewährt er ihnen dann letztlich auch kein kühn transzendentes Schlussmoment wie Lang, sondern ein geradezu naturalistisches Ende, in dem die letzte Einstellung bloß noch individuelle Trauer zeigen will, die wiederum Ray zu akzeptieren bereit scheint.

  7. #7
    Regisseur
    Registriert seit
    06.01.2001
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.830

    Re: Janis' Filmtagebuch

    Saturday, March 13, 2004
    L'Humanité / Humanität
    (Bruno Dumont, 1999; DVD [R1], OF)
    **** (sehr gut)

    Dumonts zweiter Film ist ein ungeheuer herausforderndes und nahezu enigmatisches Experiment mit Strukturen und Erwartungen. Augenscheinlich angelegt als ein Kriminalplot um die Vergewaltigung und Ermordung eines 11-jährigen Mädchens, wird sehr bald eindeutig, dass die Konventionen des Genres (sprich: die Ermittlungsinstanzen) in dem zweieinhalbstündigen Film allenfalls als Informationsgeber hinsichtlich des Standpunktes innerhalb des äußeren Plots Bedeutung erlangen. Zentral dagegen ist die Hauptfigur, der Ermittler Pharaon De Winter, und sein Blick auf eine in Gänze "denaturierte" Welt. Entgegenzuhalten versucht er ihr einen Ansatz von Heiligkeit, oder eher "heiliger Torheit", die, und das mag die vernichtende Schlussfolgerung des Films zur conditio humana an sich sein, ihn letztlich als ultimativ wahnsinnig erscheinen lässt, wenn er zum Schluss - praktisch ganz zur Christusfigur modelliert - den überführten Mörder und Kinderschänder lange auf den Mund küsst. In einem Film, der sich sowieso fast ausschließlich aus Blicken, Kleinstbewegungen und der beengenden "Luftleere" der Komposition und Montage konstituiert, geht Pharaons letzter Blick dann auch ganz selbstverständlich in Richtung der durchs Fenster hereinbrechenden Sonne. Erlösungs- und Auferstehungsmetaphorik in einem Raum, der derartiges eigentlich nicht gestatten will. Die Nähe zu Bresson ist kaum zu verkennen.

  8. #8
    Regisseur
    Registriert seit
    06.01.2001
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.830

    Re: Janis' Filmtagebuch

    Wednesday, March 17, 2004
    Cold Mountain / Unterwegs nach Cold Mountain
    (Anthony Minghella, 2003; Kino, DF)
    ** (durchschnittlich)

    In vielen Passagen ein ziemlich dämlicher Film, bei dem ein, zwei kraftvolle Szenen nicht darüber hinwegtäuschen können, dass er ständig vom gänzlichen Auseinanderbrechen seiner gestelzten und vollkommen zerrissenen Narrationsstruktur bedroht ist. Immer wieder merkt man dem Film die dramaturgischen Hohlräume an, in die er munter hineinstürmt. Dann hilft nur noch der rege Gebrauch von "deus ex machina"-Elementen, die sich dann schonmal so gestalten, dass jemand in einem Fluss eine Säge unter einem Stein hervorzieht, die sich dann auch einige Momente später hervorragend anwenden lässt, oder dass eine im Wald lebende alte Frau zur Heilsbringerin für den geschundenen Helden wird. Zwischenzeitlich gibt es hier und da noch etwas Krieg, sexuelle Versuchung, Kämpfe an der "Heimatfront", einen Vater-Tochter-Konflikt und eine Nicole Kidman, die sich vom Stadtkind zur wackeren und im Dreck wühlenden Landbestellerin mausert, ohne jemals auch nur einen Ansatz ihrer strahlenden Schönheit und zerbrechlichen Puppenhaftigkeit zu verlieren. Am Ende gibt's dann noch eine alles entladende Sexszene. Wäre ja auch gewaltig vergebene Liebesmüh', wenn nicht.

  9. #9
    Regisseur
    Registriert seit
    06.01.2001
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.830

    Re: Janis' Filmtagebuch

    Friday, March 19, 2004
    The Passion of the Christ / Die Passion Christi
    (Mel Gibson, 2004; Kino, OF)
    * (schwach)

    Hier.

  10. #10
    Regisseur
    Registriert seit
    06.01.2001
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.830

    Re: Janis' Filmtagebuch

    Monday, March 22, 2004
    The Woman in the Window / Gefährliche Begegnung
    (Fritz Lang, 1945; VHS, DF)
    **** (sehr gut)

    Ein Film, der mich erinnert an die Art, wie Douglas Sirk (oft als Melodramatiker bezeichnet, in Wahrheit einer der subtilsten Filmemacher) seine Zuschauer förmlich dazu zwang, seine Bildkompositionen zu "untersuchen", um dann herauszufinden, dass letztlich nichts so ist, wie es scheint; dass in seinen Filmen der Plot eigentlich allenfalls ein Vehikel ist und dass die augenscheinlich breite Rigorosität, mit der dieser trotzdem "abgehandelt" wird, sie ebenso komplex wie heraufordernd macht. Auch in The Woman in the Window scheint alles begründet zu liegen in der Art, wie die Architektur die Protagonisten einkleidet, wo wer im Raum steht und wie die Figuren in ihrem Umfeld gespiegelt werden. An der Oberfläche entwickelt Lang gleichzeitig einen klassischen Noir-Spannungsplot, der aber eher die Charakteristika eines "leisen Zerfalls" innerhalb eines Teufelskreises, denn die einer wendungsreichen Ermittlungsgeschichte trägt. Das groteske Ende verweist dann jedoch darauf, dass hier eigentlich rein gar nichts konventionell gewesen ist. Ultimatives auteur-Kino wohl, ein reines und vollendetes "director's movie" in der Art, wie manche dies in den sehr späten Lang-Filmen Der Tiger von Eschnapur und Das Indische Grabmal (beide 1959) in letzter, ausgeprägtester Form sehen wollen. In meiner Version (in blassen Farben nachcoloriert, mit schlechtem Ton und "beschnittenem" Bild) ist die Meisterschaft der Inszenierung und Strukturierung allerdings maximal noch in Ansätzen ersichtlich. DVD sehnlichst erwünscht.

Seite 1 von 4 123 ... Letzte

Ähnliche Themen

  1. Santoro's Filmtagebuch
    Von santoro im Forum Filmtagebücher
    Antworten: 799
    Letzter Beitrag: 12.09.2008, 20:11
  2. Léons Filmtagebuch
    Von Léon im Forum Filmtagebücher
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 28.02.2006, 22:33
  3. c_ruthners Filmtagebuch
    Von c_ruthner im Forum Filmtagebücher
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 06.10.2005, 13:52
  4. Th1nk.`s Filmtagebuch
    Von Th1nK. im Forum Filmtagebücher
    Antworten: 9
    Letzter Beitrag: 03.04.2005, 23:32
  5. Dies betrifft Daniel und Janis heute gleichermaßen
    Von Thomas im Forum Plauderecke
    Antworten: 12
    Letzter Beitrag: 27.04.2004, 11:04

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36