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Thema: Bendix' Filmtagebuch

  1. #1
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    Bendix' Filmtagebuch

    Ich bin neu hier und werde in Zukunft versuchen, an dieser Stelle zu jedem gesichteten Film zwei, drei Sätze zu verlieren - eine schöne Idee, diese Filmtagebücher, um einerseits Filmsichtungen zu protokollieren und später Revue passieren zu lassen, andererseits, um eine Art Ordnung in das Gedankenchaos zu bringen, dass einen Vielseher wie mich tagtäglich überkommt, und anschließend vielleicht sogar ein bisschen darüber debattieren zu können. Hoffe auf rege Kommunikation hier im Forum!

  2. #2
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    AW: Bendix' Filmtagebuch

    25.08.15:

    Ricki - Wie Familie so ist (Ricki and the Flash)

    US 2015
    Regie: Jonathan Demme

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    Nach dem Schauen des Films habe ich direkt überlegt, wo in Jonathan Demmes Filmografie, die man wahlweise leicht zerfahren oder thematisch vielfältig finden kann, der rote Faden zu suchen ist - eine unverkennbare Handschrift oder genuine Filmsprache sind es nämlich sicher nicht. Wenn es ein verbindendes Element gibt, dann sind es wahrscheinlich die Protagonisten: Ob Anne Hathaway in RACHEL GETTING MARRIED, die nach Jahren der Depression und des Entzugs eine Fremde in der eigenen Familie geworden ist, Tom Hanks als Anwalt Andrew Beckett in PHILADELPHIA, der aufgrund seiner Homosexualität und AIDS-Erkrankung von seiner Umwelt angefeindet wird, oder auch Jodie Foster als obsessive Ermittlerin Clarice Starling in THE SILENCE OF THE LAMBS - immer sind seine Figuren Außenseiter oder Einzelgänger, die dazu gezwungen sind, entweder ihre Sache oder ihren Platz in der Gesellschaft gegen alle Widerstände verteidigen zu müssen. Da fügt sich auch Meryl Streep als titelgebende Ricki wunderbar ein, die ihre Familie einst für eine Rockstarkarriere im Stich ließ, die dann allerdings nicht wie erhofft stattgefunden hat. Seitdem covert sie Abend für Abend mit ihrer Band The Flash beagte Rocksongs in einer Kaschemme vor immergleichem Publikum - die Auftritte der Altrocker geraten dabei nicht nur zu den bewegtesten, sondern auch glaubwürdigsten Momenten des Films: Zum einen entwickelt Demme hier eine dringend benötigte Musikalität und Dynamik, zum anderen entfächert sich auf der kleinen Bühne das gesamte Scheitern der Hauptfigur, existiert der Rock'n'Roll hier doch nur noch als so durchritualisierte wie unbewegliche Blase, schwingen in jedem Rolling-Stones-Riff verpasste Chancen und geplatzte Träume mit. Spätestens aber, wenn Ricki schließlich nach langer Zeit - der mal wieder ziemlich doofe deutsche Titel schickt es voraus - mit ihrer Familie konfrontiert wird, funktioniert in RICKI AND THE FLASH nur noch wenig. Dabei ist auch hier im Grunde für thematischen Zündstoff gesorgt, selten genug rücken weibliche Figuren in den Fokus eines Films, die ihrer Mutterrolle zugunsten eigener Bedürfnisse nicht gerecht wurden bzw. werden konnten - dass er Ricki dafür weder verurteilt noch dämonisiert, spricht für den Film; dass er mit ihrem Dilemma (ihre Nicht-Teilhabe am Familienleben und ihr nonkonformes Auftreten sind schließlich der Grund dafür, weshalb sie von ihrer Umgebung zunächst mit Verachtung gestraft wird) ansonsten nicht viel anzufangen weiß, außer es publikumswirksam und entsprechend plakativ zu verbalisieren, und alles potenziell Unbequeme einer so konfliktfreien wie biederen und auf Versöhnlichkeit um jeden Preis getrimmten Wohlfühldramaturgie opfert, ist hingegen schade - hat Demme in dieser Hinsicht doch gerade mit RACHEL GETTING MARRIED ganz andere Zeichen gesetzt. RICKI AND THE FLASH aber will's um jeden Preis gemütlich haben, tut niemandem weh, auch nicht Diablo Codys gewohnt forcierte Dialogschlagfertigkeiten, die so aufgeschrieben klingen, dass ein wahrhaftiger Tonfall zur Seltenheit wird. Insgesamt ein unbefriedigender Film, dessen größte Überraschung seine Trutschigkeit ist.

    4,5/10
    Geändert von Bendix (26.08.2015 um 12:13 Uhr)

  3. #3
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    AW: Bendix' Filmtagebuch

    25.08.15:

    Detour (Snarveien)

    N 2009
    Regie: Severin Eskeland

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    Kürzlich die Diskussion gehabt, ob man als Cinephiler und Vielschauer die eigene Film/Genre-Kenntnis – selbst wenn sie beim Gelegenheitsschauer eher nicht zu erwarten ist – in die Bewertung eines Films einfließen lassen sollte, selbst wenn er ansonsten okay gemacht ist. Ich vertrat die Meinung: Ja, unbedingt! DETOUR festigt meine Ansicht nachhaltig: Dass der durchschnittliche Zuschauer (und das meine ich keineswegs überheblich) eben noch nicht eine hohe zweistellige Anzahl von Filmen gesehen hat, die nach exakt dem gleichen Schema gestrickt sind wie dieser, entschuldigt noch lange nicht die Faulheit der Drehbuchautoren, nicht einmal den Versuch einer originären Idee zu unternehmen. Zitatekino, visions- und einfallslos konstruiert aus allen anderen Backwood-Horrorfilmen, die es bisher gab, das sein einziges Potential bergendes Motiv - die Beobachtung durch überall im Wald versteckte Kameras, die das voyeuristische Auge des Zuschauers symbolisieren könnten - ungenutzt lässt. Fairnesshalber muss angefügt werden, dass Severin Eskeland in der ersten halben Stunde ein recht solides Gespür für Atmosphäre unter Beweis stellt – und die ultraknappe Länge von gerade mal 77 Minuten abgesehen von der sonstigen Qualität des Films ohnehin ziemlich sexy ist!

    4,5/10
    Geändert von Bendix (26.08.2015 um 12:32 Uhr)

  4. #4
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    AW: Bendix' Filmtagebuch

    26.08.15:

    Sicario

    US 2015
    Regie: Denis Villeneuve

    Bendix' Filmtagebuch-sicario-1-640x331.jpg

    Vielleicht bin ich zurzeit einfach nur zu verwöhnt von BREAKING BAD, was moralische Ambivalenzen, mehrdimensionale Charaktere und eine schier unendliche erzählerische wie inhaltliche Komplexität angeht, aber von Denis Villeneuves neuem Film bin ich doch eher unterwältigt – großes Plus bleibt weiterhin seine kraftstrotzende Regie, gerade die erste Hälfte flirrt und pulsiert so sehr, dass es einen förmlich in den Sitz drückt. Leider aber habe ich hier ansonsten nichts gefunden, wo ich emotional oder intellektuell andocken könnte: Dass im war on drugs im Speziellen und der Arbeit von Geheimdienstlern im Allgemeinen die Grenzen zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht immer mehr verschwimmen (hier belegt anhand obligatorischer Folterszenarien und einem etwas erzwungenen Twist), exerziert Villeneuve zwar in aller Konsequenz durch, die frischeste Erkenntnis ist dies, gerade im Genrekino jüngeren Datums, allerdings nicht – zumal ausgerechnet die Protagonistin, durch deren Augen wir das so schweißtreibende (für die Beteiligten) wie trocken geschilderte (für den Zuschauer) Ermittlungsprozedere erleben, die am wenigsten interessante Figur im ganzen Film ist; sie bleibt, um bei der denkbar unsubtilen Metaphorik des Drehbuches zu bleiben, ein Schaf unter Wölfen, die integre Instanz inmitten eines Molochs aus Zwiespältigkeit, Lügen und Gewalt, von Emily Blunt zumindest um einiges nuancierter gespielt, als es ihre Rolle verlangen würde. Auch aufgrund der mir fehlenden Subebene ein Film, den ich guten Gewissens als "uninteressant" bezeichnen würde, wären da nicht die Wucht von Villeneuves Inszenierung sowie einige enorm (bild)starke Passagen - so bleibt SICARIO immerhin solide.

    6/10
    Geändert von Bendix (27.08.2015 um 01:59 Uhr)

  5. #5
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    AW: Bendix' Filmtagebuch

    26.08.15:

    Mutter Krausens Fahrt ins Glück

    Deutschland 1929
    Regie: Phil Jutzi

    Bendix' Filmtagebuch-pordenone2.jpg

    Nachdem sich das Kino längst von seinen Anfängen als Jahrmarktsattraktion emanzipiert hatte, entdeckte es Mitte der 20er Jahre sein soziales Gewissen: MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK ist einer der prominentesten Vertreter des sogenannten "Proletarischen Films" der Weimarer Republik, der - als eine Art künstlerischer verlängerter Arm der Gewerkschaften - auf soziale Miss- und Notstände aufmerksam machte oder, wie auch hier, direkt zur Solidarität mit der Arbeiterbewegung aufrief. Stilistisch ist Phil Jutzis Film der "Neuen Sachlichkeit" zuzurechnen, der um Realismus bemühten Gegenströmung zum bis dahin dominierenden Expressionismus. Die Dichte und Geschlossenheit einiger Filme von Georg Wilhelm Pabst (DIE FREUDLOSE GASSE) oder späteren Vertretern wie dem Kollektivfilm MENSCHEN AM SONNTAG (u.a. das Regiedebüt von späteren Größen wie Robert Siodmak und Fred Zinnemann) erreicht Jutzi nicht, dafür ist seine Erzählweise zu sehr am Episodischen geschult; bleibend ist aber die tiefe Resignation, die den Film, sein "Milljöh", die Figuren durchzieht (es fallen Sätze wie "Det janze Leben is een Zuchthaus!"), gipfelnd in einem markerschütternden Schlussakt, den auch die wehenden Fahnen und feierlichen Marschklänge der im Schlussbild durch das marode Berlin ziehenden Kommunisten nicht vergessen machen können - und wahrscheinlich auch nicht sollen. So geht Jutzi bei seiner (bzw. Heinrich Zilles, auf dessen Idee der Film beruht) Schilderung der inneren Verhältnisse in einer überfüllten Wohnung und des menschlichen Elends inmitten eines Berliner Arbeiterviertels zwar entschieden sentimental und nicht selten auch manipulativ vor, dennoch ist ihm eines der nachhaltigsten frühen filmischen Mahnmale gegen den langen Arm von Ausbeutung, Armut und der daraus erwachsenden Bedrängnis gelungen, die hier unerbittlich ihre Kreise zieht. Randfakt: Rainer Werner Fassbinder zählte den Film zu seinen Lieblingsfilmen und nahm in MUTTER KÜSTERS' FAHRT ZUM HIMMEL direkt Bezug auf ihn.

    7,5/10
    Geändert von Bendix (27.08.2015 um 13:48 Uhr)

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