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Thema: My Own Private Cinema

  1. #1
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    My Own Private Cinema

    So.
    Heute habe ich mal wieder in dem Topic Filmtagebücher in Diskussion gelesen und festgestellt, dass ich doch eigentlich gerne auch mitreden und Meinungen austauschen würde :wink:. Deshalb gibts nun von mir jetzt auch ein Filmtagebuch. (Wahlweise können diese Beiträge auch auf meinem Blog gelesen werden)

    Nun denn, genug des Small Talks...
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  2. #2
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    Re: My Own Private Cinema

    "You never understood, why we did this. The audience knows the truth: the world is simple. It's miserable, solid all the way through. But if you could fool them, even for a second, then you can make them wonder, and then you... then you got to see something really special... you really don't know?... it was... it was the look on their faces..."

    (The Prestige - Christopher Nolan)

    "My only talent, if you can call it that in my case, is that I love this little world inside the thick walls of this playhouse, and I'm fond of the people who work in this little world. Outside is the big world, and sometimes the little world succeeds in reflecting the big one so that we understand it better. Or perhaps, we give the people who come here a chance to forget for a while, for a few short moments, the harsh world outside."

    (Fanny och Alexander - Ingmar Bergman)
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  3. #3
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    Re: My Own Private Cinema

    LITTLE CHILDREN



    Schlummernde Kinder

    Lied Vom Kindsein (Peter Handke)

    Als das Kind Kind war,
    ging es mit hängenden Armen,
    wollte der Bach sei ein Fluß,
    der Fluß sei ein Strom,
    und diese Pfütze das Meer.

    Als das Kind Kind war,
    wußte es nicht, daß es Kind war,
    alles war ihm beseelt,
    und alle Seelen waren eins.

    Als das Kind Kind war,
    hatte es von nichts eine Meinung,
    hatte keine Gewohnheit,
    saß oft im Schneidersitz,
    lief aus dem Stand,
    hatte einen Wirbel im Haar
    und machte kein Gesicht beim fotografieren.

    Als das Kind Kind war, war es die Zeit der folgenden Fragen:
    Warum bin ich ich und warum nicht du?
    Warum bin ich hier und warum nicht dort?
    Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
    Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
    Ist was ich sehe und höre und rieche nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
    Gibt es tatsächlich das Böse und Leute, die wirklich die Bösen sind?
    Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,
    bevor ich wurde, nicht war,
    und daß einmal ich, der ich bin,
    nicht mehr der ich bin, sein werde?

    Als das Kind Kind war,
    würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis,
    und am gedünsteten Blumenkohl.
    und ißt jetzt das alles und nicht nur zur Not.

    Als das Kind Kind war,
    erwachte es einmal in einem fremden Bett
    und jetzt immer wieder,
    erschienen ihm viele Menschen schön
    und jetzt nur noch im Glücksfall,
    stellte es sich klar ein Paradies vor
    und kann es jetzt höchstens ahnen,
    konnte es sich Nichts nicht denken und schaudert heute davor.

    Als das Kind Kind war,
    spielte es mit Begeisterung
    und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch,
    wenn diese Sache seine Arbeit ist.

    Als das Kind Kind war,
    genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot,
    und so ist es immer noch.

    Als das Kind Kind war,
    fielen ihm die Beeren wie nur Beeren in die Hand
    und jetzt immer noch,
    machten ihm die frischen Walnüsse eine rauhe Zunge
    und jetzt immer noch,
    hatte es auf jedem Berg die Sehnsucht nach dem immer höheren Berg,
    und in jeder Stadt die Sehnsucht nach der noch größeren Stadt,
    und das ist immer noch so,
    griff im Wipfel eines Baums nach den Kirschen in einem Hochgefühl
    wie auch heute noch,
    eine Scheu vor jedem Fremden
    und hat sie immer noch,
    wartete es auf den ersten Schnee,
    und wartet so immer noch.

    Als das Kind Kind war,
    warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum,
    und sie zittert da heute noch.

    ____________________________________

    Das Lied vom Kindsein, gesungen wird es in Wim Wenders Der Himmel über Berlin, aber auch in Todd Fields Little Children kann man es leise summen hören.

    Da sind die erstarrten, kalten, leblosen, grotesken kindlichen Köpfe und Körper der Porzellanpuppen, alle fein säuberlich auf Regalen nebeneinander aufgestellt. Mehr und mehr Nahaufnahmen zeigen in schnellen Schnitten aufgemalte Augen und Münder. Zwischen ihnen, ebenfalls aus glattem Porzellan: penetrant, fordernd, drängend-laut tickende Uhren.

    So beginnt Little Children.
    Und wie die Porzellanfiguren auf ewig in ihrem kindlichen Dasein gefangen sind, so sind die leisen, stillen, verborgenen, tiefen Gefühle, Erinnerungen der vergangenen Kindheit bei jedem der Figuren in diesem Film gefangen, immer noch vorhanden, schlummernd und fast vergessen, bis sie wider erweckt werden und in seltenen, verletzlichen, berührenden Momenten im Wesen der Figuren aufblitzen.

    Da ist der Moment, wo Brad nachdem er jugendlichen Skatern regelmäßig von einer Bank aus beobachtet hatte, ihrer Aufforderung nachkommt und selbst auf das Board steigt.

    Da ist der Moment, wo Kathy einem Kind zuhört, dass seinen Vater im Irakkrieg verloren hat, wo sie nicht mehr beherrscht und kühl wirkt, sondern ihr Wesen einen kurzen Augenblick lang verletzlich, ängstlich und traurig ist.

    Da ist Ronnie, der mit 40 immer noch bei seiner Mutter lebt, umgeben und gefangen von den Porzellanfiguren,umgeben und gefangen in einem falschen Kindsein.

    Und da sind die jungen Kinder, die kleinen Kinder, deren Kindheit noch nicht vergangen ist, sondern andauert.
    Deren Augen noch so auf die Welt schauen, als wäre sie ein einziges, großes Wunder.
    Eine weiß-leuchtende Laterne an der nächtlichen Straße - umschwirrt von Insektenschwärmen.

    Es ist dieses magische Leuchten, was ab und zu aufblitzt bei Sarah und Brad. Es ist das magische Leuchten tiefer, eigener Wünsche, es ist das Aufbegehren gegen äußere Konventionen und Verstrickungen, die einen hoffnungsvoll aus dem Kinosaal schreiten lassen, auch wenn der Film seine Geschichte nicht auf der Leinwand beendet.
    Doch die Geschichte wächst und leuchtet weiter im Kopf des Zuschauers.
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  4. #4
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    Re: My Own Private Cinema

    SUNSHINE



    Alle Sterne fallen irgendwann einmal

    Ohne wirklich viel über den Film zu wissen gestern Sunshine gesehen und sich beim Heraustreten aus dem dunklen Kino in das helle Sonnenlicht merkwürdig dunkel, leer und ausgesaugt gefühlt. Zum Himmel hoch gestarrt um sich sicher zu sein, dass das da wirklich das gelbe Sonnenlicht ist, welches hinter den Wolken strahlt, um sicher zu sein, dass die Schatten keine Einbildung sind.
    Ein ziemlich guter Film (außer die Tatsache, dass natürlich wieder mal die Frauen in der Unterzahl sind, eigentlich nicht viel zu sagen haben und natürlich auch nicht die Helden sind), vor allem die Idee mit dem Sternenstaub, dem Partikelhaften, Kleinem. Oder auch das Licht - eigentlich Symbol für Geburt, Wachstum und Leben - umzukehren in etwas, was verbrennt, auslöscht und einen zu feinem Sternenstaub werden lässt.
    Ungeheuer diese Szene, wo man die Besatzung der Ikarus I alle versammelt in diesem einen Raum sieht, nur noch aus Staub bestehend, und man weiß, dies war der Treffpunkt für alle die dem Tod in die Arme fallen wollten.

    Draußen, konnte ich nicht aufhören mich an dem Himmel zu erfreuen.
    Erleichterung. Die Sonne, sie ist noch da.
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  5. #5
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    Re: My Own Private Cinema

    HALLAM FOE



    Der Junge mit dem Perlenohrring

    Ein Junge, im Profil, schaut aus einem Fenster.
    Sein Blick ist wachsam, konzentriert. Es ist Hallam, er sitzt in seinem Baumhaus, ein Fernglas in der Hand. Er beobachtet. Nebelig und weit ist es da draußen, das Holz ist klamm, seine Hände sind kalt. Glücklich ist er, aber ein Schatten liegt auf seinem Herzen. Verlust und Tod flüstert der Schatten. Dort unten, tief unten im nassen See, da ist sie hingetrieben.
    Tot, das ist sie. Seine Mutter.
    Hallam, er ist noch immer da, in dem Baumhaus, aber ihm fehlt etwas.
    Roter Lippenstift, schwarze Farbe unter die sanften Augen, ein Dachsfell auf dem Kopf, das ist Hallam Foe.
    Er beobachtet die Menschen, schreibt, zeichnet deren Leben auf. Ist lieber auf dem Baum mit sich alleine, als zusammen mit anderen. Mag es die Welt und den Himmel zu betrachten, von roten Dächern aus. Auf Dachziegeln wandern, durch gelb erleuchtete Fenster blicken, das Leben dahinter…
    Klettert Regenrinnen hinauf. Sucht nach dem, was ihm genommen wurde. Blickt hinter dem weißen, hell erleuchteten Ziffernblatt einer Turmuhr auf das schlafende Edingburgh.
    Manches Mal liest Hallam die Geburtstagskarte, seine Geburtstagskarte von der er doch schon jedes Wort auswendig kennt. In Liebe, Mummy steht da. Traurig, so schrecklich traurig macht ihn das. Wo ist sie nur? Wo ist sie?
    Er zieht ihr graues, leichtes Kleid an, ein bisschen nur, ein bisschen von der alten Geborgenheit.
    Ihr Ohrring hängt an seinem Ohr. Es blutet.
    Ein Tropfen, zärtlich, vorsichtig verstrichen auf dem schon ganz faltigen Umschlag.

    Er meint seine Mutter wieder gefunden zu haben. Er schaut in ihre warme, goldgelbene Wohnung hinein. Und dann, durch ein Wunder, ist er nicht mehr über ihr, auf dem Dach, sondern bei ihr, in ihren Armen. Der Hallam draußen in der dunklen Nacht winkt dem Hallam im geborgenen Bett zu.
    Er hat es geschafft, der Schatten in seinem Herzen beginnt sich langsam zu lösen. Aber völlig verschwinden wird er nie. Schatten bleiben.
    Sie in dem Kleid seiner Mutter, so schön, so schmerzlich schön und traurig.

    Auch die Wut ist groß, die Trauer und Wut darüber, dass sie ihn verlassen hat. Sie hat dich geliebt sagt der Vater. Ja aber nicht genug um bei mir zu bleiben antwortet Hallam. Da umarmen sich beide und einmal mehr fühlt man ein Stechen, fühlt wie wahr diese Szene, wie wahr dieser gesamte Film ist.
    Und man spürt wie gut Jamie Bell wirklich ist.
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  6. #6
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    Re: My Own Private Cinema

    ZABRISKIE POINT



    Konsumsplitter

    Mein erster Antonioni-Film war Blow Up, ein sehr unheimlicher, spannender, mysteriöser Film. Das sichtbare Unsichtbare, dieser Park im Wind, das laute Rascheln der Bäume. Die Kamera, immer wieder, die Kamera. Das schnelle, schneidende Klicken des Auslösers. Dieser rießengroße Propeller, das verrückte Ende mit dem Ball, der nicht da ist, aber dennoch aufgehoben wird.
    Und, natürlich, diese Bilder, die immer größer werden und immer unschärfer, gröber, gegenstandsloser.
    Nun, natürlich mit großer Freude gelesen, dass Antonionis Zabriskie Point in meinem Kino läuft und mit hohen Erwartungen in den dunklen Saal gesetzt. Und, ja wieder einmal sind da viele wundervolle, einmalige Szenen, viele Bilder, die ins Herz treffen. Sie entschädigen für den schwächeren ersten Teil des Filmes, denn Zabriskie Point steigert sich eben da, am titelgebenden Punkt, wenn wir zusammen mit den beiden Hauptdarstellern die Straßen, den Verkehr, das Städtische verlassen und den weißen, kalkig-staubigen Weiten ausgesetzt sind, Leere und Abwesenheit spüren.
    Wie schön diese Einstellung, die sehr an Gus Van Sants Gerry erinnert, in der sie beide in die weiße Hügellandschaft, in das ausgetrocknete Flussbett laufen, schreiend und springend. Sich hineinschmeißen und bedecken mit weißer, karger Natur. Wundervoll, diese lange Einstellung, in der nach und nach immer mehr Menschen in den Furchen und Tälern zu sehen sind. Liegend, sitzend.
    Ein Flugzeug wird bunt angemalt und dann tritt man die Rückreise an, die Rückkehr zur Zivilisation, zur Technik, zum Alltag, zur kantigen Künstlichkeit.

    Das Ende von Zabriskie Point ist beinahe schon surreal.
    Surreal schön.
    Einmal mehr sehen wir etwas, was eigentlich nicht zu sehen ist. Ein Haus zerfällt in Stücke, explodiert. Immer und immer wieder.
    Etwas fliegt durch die Luft. Kühlschränke, Kleider, tiefgekühlte Hähnchen.
    Sie fliegen, nein eigentlich schweben sie, sind beinahe schwerelos. Sie zerfasern in unendlicher Langsamkeit.
    Und da, genau da, inmitten all diesen tanzenden, geformten, künstlichen Gegenständen wird einem bewusst, dass er doch auch manchmal stimmen kann, dieser Spruch, einst grinsend in einem anderen Film von Donnie ausgesprochen:
    Destruction is a form of creation.
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  7. #7
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    ABBITTE



    Out, damn'd spot! Out, I say!

    Idyllische Landschaft zu Beginn, weite, grüne Wiesen, ländliche Gegend, Natur. Ein Mädchen sitzt im Gras, schreibt.
    Alles ist friedlich, still, doch da ist diese leise Musik, diese leise, doch drängende Musik, die Spannung erzeugt, die einen stutzen lässt, die einem das Gefühl gibt, dass das nicht alles sein kann, dass da noch mehr sein muss, dass der schöne Schein nicht bleiben kann, dass etwas folgenschweres passieren wird.
    In diese Musik mischt sich, erst zögerlich und leise, dann immer lauter, schneller und drängender das harte Klackern einer Schreibmaschine.
    Dieses Tippen vermischt sich mit der Musik, wird Teil der Komposition, gibt Rhythmus, gibt Takt vor.
    Abbitte, der zweite Film von Regisseur Joe Wright, der erst kürzlich mit seiner Verfilmung von Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“ brillierte, ist ein genialer, ein großer, ein schwerer Film.
    Es ist ein Film über Schuld und Sühne, ein Film, der einen nachdenken lässt, der klarstellt, dass jede Entscheidung, jede Handlung Konsequenzen haben kann, der uns daran erinnert wie schnell ein Leben zerstört werden kann und wie schwer, wie drückend Gewissen und Schuld auf einem lasten können.
    Immer wieder werden Geschehnisse angedeutet, durch Vorgriffe auf Ereignisse, die erst in den Rückblenden vom Zuschauer in ihrer Tragweite verstanden werden.
    Immer wieder glaubt der Zuschauer vermeintliche Enthüllungen, Wahrheiten, Realitäten zu sehen, nur um am Ende zu merken, dass es doch wieder nur die Fiktion, die Illusion, der schöne Schein ist.
    Abbitte ist ein Film, der verzaubert und berührt, der so voll ist von genialen, wunderschönen und großen Bildern, der einen beeindruckt und ans Herz geht durch seine komplexe Geschichte und seiner vielschichtigen Schnittmontage. Es bleibt einem der Mund offen stehen, wenn in einer Szene alle Bewegungen rückwarts laufen, wenn versucht wird die Zeit zurückzudrehen, um einen Moment wiederzuholen, der für immer verloren ist, um eine Handlung ungeschehen zu machen.
    Und dann hören wir immer wieder das Klackern der Schreibmaschine in unserem Kopf und wir spüren, dass dieses Leitmotiv zu Brionys Leben gehört, das dieser eine Fehler, das diese Schuld beglichen werden muss, immer und immer wieder bis die Fantasie und Fiktion ein kleines Wunder vollbringt, ein Wunder, mit bitterem, traurigem Nachgeschmack, da auch die größte Vorstellungskraft die Wirklichkeit nicht ändern und Geschehenes nicht ungeschehen machen kann.
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  8. #8
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    Re: My Own Private Cinema

    AM ENDE KOMMEN TOURISTEN



    Zeigen sie denen "Schindlers Liste", das macht mehr Eindruck.

    Es ist immer schwer ein Filmerlebnis in Worte zu fassen, immer schwer greifbar zu machen, was einen daran so berührt, so fasziniert, was der Film in einem verändert hat.
    Ich komme gerade aus dem Kino und bereits während des Filmes wusste ich, dass ich etwas über ihn schreiben muss, dass ich irgendwie ausdrücken, deutliche machen muss wie wichtig und wie außergewöhnlich dieser Film ist.
    In Am Ende kommen Touristen von Robert Thalheim sind so viele Schichten und feine Nuancen, hat jedes Wort, jede Betonung eines Wortes, jede Bewegung eine so große Bedeutung, dass es mir schwer fällt der Komplexität dieses Filmes mit meinen Worten gerecht zu werden, dass ich Angst habe das Wesen des Filmes gar nicht richtig fassen zu können.
    Es ist ein kluger, ja ein weiser Film.
    Es ist kein Film über das Vernichtungslager Auschwitz.
    Es ist ein Film über Menschlichkeit, über den richtigen Umgang mit der Vergangenheit, über das Reflektieren und Nachdenken der Geschichte, die vergangen ist und doch auch immer die Gegenwart formt, über den Prozess des Erinnerns und des Verarbeitens, des Beschäftigens mit der Vergangeheit ohne aufgesetzte Betroffenheit, ohne routinierte Trauer. Der Film zeigt wie schrecklich, wie ekelhaft, wie grausam Aufgesetztheit sein kann, wie viel Schaden statt eigentlichen Nutzen sie anrichten kann.
    Wenn man die Errichtung eines Gedenksteines stellt, inszeniert wie ein Fotoshooting für eine Werbeanzeige.
    Wenn man einen ehemaligen KZ-Häftling vor dem Gedenkstein platziert, ja geradezu posiert, damit es auf dem Foto auch schön aussieht.
    Wenn er erst von Auschwitz berichten soll und man ihm dann mitten ins Wort fällt, weil er schon zu lang redet um noch mitzureißen, um noch aufregend zu sein.
    Wenn man ihn reden hört ohne wirklich erkennen zu wollen, was er da erzählt, ohne wirklich registrieren zu wollen was er da erlebt, überlebt hat.
    Wenn man die Gedenkstätte Auschwitz als Museum pflegt und das eigentliche Geschehen, den Genozid vergisst.
    Wenn man so darauf bedacht ist, die Vergangenheit zu konservieren, dass die Bedeutung der Häftlingskoffer die Bedeutung der Opfer übersteigt.
    Wenn immerzu betroffen-ernst geflüstert wird dies sei ein sensibler Ort, und dabei aber das Wesentliche vergessen wird.
    Wenn man letztendlich die Menschen, die hinter diesem Begriff Auschwitz stehen aus dem Auge verliert.

    Diejenigen, um die und nur um die es eigentlich gehen sollte.
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  9. #9
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    Re: My Own Private Cinema

    THE DARJEELING LIMITED



    Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss

    Nun, von Wes Anderson habe ich bisher ganze zwei Filme gesehen - The Royal Tenenbaums, der mir gut gefallen hat, und Rushmore, den ich nicht so aufregend fand.
    Dennoch habe ich mich sehr gefreut als ich letztens die Vorschau zu Andersons neuem Machwerk, The Darjeeling Limited, gesehen habe. Natalie Portman, Owen Wilson, Jason Schwartzman und Adrien Brody - da konnte nicht viel schief gehen.
    Ging es auch nicht. Der Film ist voller skurriler Einfälle, hat herrliche verschrobene Figuren und viele wundervolle Szenen.
    Das Tolle an Wes Anderson ist, dass er es schafft Traurigkeit und Ernsthaftigkeit in so einer schönen, humorverpackenten, subtilen Weise darzustellen, das man erst einmal lachen muss, dann aber merkt, dass es eigentlich zugleich todtraurig ist.
    Sehr gefallen hat mir an diesem Film, das ein Fluss den Wendepunkt der Geschichte markiert. Mit dem Fließen des Flusses, mit dem Hineinspringen in das Wasser ändert sich die Stimmung und die Reise ist nun nicht mehr allein durch Albernheit, Witz und Leichtigkeit geprägt. Durch die bunten Farben hindurch treten das Schwarz und das Weiß. Trauer, Verlust und Tod.
    Diese Beerdigungsszene des Jungen, alles in blendendem Weiß, die Tücher, die Hemden, die Hosen. Alles ist so hell, die Farben sind aufgesaugt, verschwunden. Dann der harte Schnitt zu der Beerdigung des Vaters - das Bild nun im Negativ, alles erscheint umgekehrt, vertauscht - nur dunkle, traurige Schwärze, die Licht verschluckt, und ebenso die lebendigen Farben isst.
    Diese Szene, nein, dieser Schnitt ist einfach genial, zeigt er doch einerseits wie unterschiedlich die Welten sind, in denen wir leben und andererseits dass diese Unterschiede eigentlich keine sind, weil Gefühle immer dieselben sind, sich an keinem Ort verändern, sich an keinen Ort binden. Gefühle, wie Trauer, sind universell.
    Außerdem verweist der Film auf andere Filme, zitiert diese und eröffnet dadurch ebenso einen größeren Raum, ein größeres Spektrum, eine weitere Weltsicht.
    Ja, The Darjeeling Limited zitiert und macht somit Lust endlich einmal indische Filme zu sehen, besonders die von Satyajit Ray, dessen Filmmusik Anderson in seinem Film einbaut.
    Jedoch denke ich, dass ich mit Jean Renoirs The River anfangen werde die indische (Film)landschaft besser kennen zu lernen.
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    Re: My Own Private Cinema

    BRICK



    Leere Korridore und kalter Sonnenschein

    Irgendetwas ist an diesem Film, was mich fasziniert, auch wenn ich nicht behaupten kann ihn komplett verstanden zu haben. Ich habe es nicht so mit Kriminalgeschichten - zu viele Leute, zu viele Spuren, da komme ich meist durcheinander.
    Obwohl ich also oft mit einem Stirnrunzeln und leichten Kopfschmerzen vor dem Fernseher saß, muss ich sagen, dass Brick etwas Wundervolles, Schwebendes an sich hat.
    Brick hat eine ähnlich mystisch-blaue Stimmung wie Richard Kellys Donnie Darko und es ist bemerkenswert, dass beide Filme Erstlingswerke sind - herausragende wohlgemerkt, wobei Donnie Darko noch komplexer und universeller in seinen Themen ist, als Brick. Dennoch ist dieser deshalb keinesfalls seicht. Vielmehr nimmt sich Brick den Noir-Film zum Vorbild - transportiert gekonnt dessen typische Elemente und Charaktere in ein anders Umfeld, transportiert sie in die Highschool mit all ihren bekannten cliquenhaften Strukturen und Gruppierungen. Rian Johnson schafft es mit dieser Verschiebung die Themen des Noir-Filmes aus ihren dunklen, verrauchten Büros hinaus ans Tageslicht zu ziehen. Und das sowohl im wörtlichen als auch im übertragenden Sinn.
    Brick setzt die Merkmale des Noir-Films sozusagen ins Negative - einerseits indem er weite, klare Räume, wie den leeren Schulhof, den sonnendurchfluteten Säulengang draußen vor der Turnhalle, die Helligkeit und Klarheit von weiten Wolkenhimmeln, das endlos leere Weiß der Wände und Garagentüren zeigt und andererseits indem er die Jugend zum Hauptakteur seiner Geschichte macht.
    Dadurch wird deutlich, dass Themen wie Drogenmissbrauch, Außenseitertum, Abweisung, Akzeptanz, Mord und Korruption nicht auf eine Altersgruppe, nicht auf einen Bereich beschränkt sind, sondern überall, an jedem Ort und in jedem Menschen jedweden Alters vorzufinden sind.
    Die vermeintlichen Gegensätze - Film-Noir und Teenagerdrama - treffen aufeinander, verschmelzen zu einem Ganzen und erschaffen damit eine klare, direkte Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, die berührt.
    Auch wenn in einigen Szenen eine leichte, bittersüße Ironie mitschwingt, wenn die geschaffenen Begebenheiten erneut gebrochen werden. Wenn Brendan von der Mutter des Drogenbosses "The Pin" in der Küche bei ihm zu Hause ein Glas Apfelsaft bekommt, während unten im Keller die Drogengeschäfte abgewickelt werden - dann ist das seltsam verquer, tragisch-komisch und doch eben deshalb so richtig.
    Denn jeder Mensch spielt unterschiedliche Rollen und jeder Mensch ist ein eigenes Universum, dessen Schwärze und Tiefe niemand zur Gänze ermessen kann - außer er selbst.
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