Königreich der Himmel – Director’s Cut
Schlachten und mehr…



Es gibt Filme, denen ist der Erfolg an der Kinokasse einfach nicht gegönnt. Obwohl mit einem erlesenen Ensemble an Darstellern und einem erfahrenden Regisseur an der Spitze ausgestattet, zudem handwerklich professionell inszeniert, will sich das erhoffte, ganz große Box-Office einfach nicht einstellen. Gründe hierfür können unterschiedlichster Natur sein: Zu geringe Werbemaßnahmen, schlechte Kritiken, uninteressanter Filminhalt, Laufzeit des Films zu kurz oder zu lang, falsche Jahreszeit, Konkurrenz mit anderen Filmen oder Großveranstaltungen, zu gutes Wetter, etc. pp. Somit können auch die kleinsten Faktoren einen großen Film made in Hollywood rasch zu Fall bringen. Doch nicht nur mit der Laune des Zuschauers, der Natur oder sonstiger Kleinigkeiten haben Filme und ihre Macher zu kämpfen. Der größte Feind eines jeden Regisseurs kommt nicht selten aus den eigenen Reihen. Die Produktionsstudios, die Big Player des Buissness, große Konzerne, die meist mehr über Geld scheffeln wissen als über das Filmemachen, sind diejenigen, an die sich jeder Regisseur wenden muss, der etwas mehr haben möchte, als nur einen preisgünstigen Low-Budget Streifen. Die Studios entscheiden darüber, ob ein Film gemacht wird oder nicht, betätigen sich als Drehbuchumschreiber, mischen sich ins Casting der Darsteller ein und geben grünes Licht für ein Projekt, nur um es dann doch wieder einzustellen. Vor der Willkür der Kredit gebenden Filmbanken sind selbst die gestandensten und dienstältesten Regisseure nicht gefeit. So kann es passieren, dass ein Projekt bereits in den Startlöchern steht, nach Locations gefahndet und an Kulissen gebaut wird, nur um dann erfahren zu müssen, dass dies alles verschwendete Liebesmüh war.
So geschehen bei Tripolis. Das Historienabenteuer, das nie zustande kam, sollte das neue Projekt von Ridley Scott werden, der schon mit Gladiator (2000) einen überzeugenden Sandalenfilm abgeliefert hatte. Nach drei Anlaufversuchen, das Studio hatte die Produktion immer wieder eingestellt, ließ Scott das Projekt endgültig fallen, denn mittlerweile war ihm ein neues Drehbuch in die Hände gefallen, ironischerweise ebenfalls aus der Feder von Tripolis-Autor William Monahan, für dessen Thematik sich der Regisseur schon seit langem begeisterte. Königreich der Himmel, ein Mittelalterabenteuer, angesiedelt zur Zeit der Kreuzzüge, bekam überraschend schnell die Zustimmung seitens des Studios, selbstverständlich aber nicht ohne einige Auflagen bezüglich des Drehbuches.

Als der Film im Mai des letzten Jahres in unsere Kinos kam, entzweite er die Meinungen der Kritiker. Während die einen die tolle Atmosphäre und die ansehnliche Optik rühmten, brüskierten sich die anderen über die unzureichende Substanz der Geschichte und über Logiklöcher, die immer mal wieder auftraten. Aus heutiger Sicht kann man, vor allem im Direktvergleich zu dem seit kurzem erhältlichen Director’s Cut, sagen, dass beide Seiten durchaus recht hatten mit ihren Empfindungen. War die Kinoversion lediglich ein kurzweiliges Actionabenteuer gewesen, hat der Streifen in der neu geschnittenen Langfassung erheblich an hintergründigem Gewicht zugelegt, sodass man ihn nun ohne Umschweife als Historienepos bezeichnen kann.

Inhalt:
Frankreich im 12. Jahrhundert n.Chr.: Der verarmte Schmied Balian (Orlando Bloom) trauert um Kind und Frau, als in seinem Heimatdorf eine Gruppe Kreuzritter hoch zu Ross erscheint. Es stellt sich heraus, dass ihr Anführer, Godfrey von Ibelin (Laim Neeson), der Vater Balians ist. Er macht seinem Sohn das Angebot, ihn und seine Mannen ins gelobte Land zu folgen, um sich dort für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen. Der verbitterte Balian lehnt zunächst ab, doch nachdem er den örtlichen Priester (Michael Sheen) in einem Ausbruch von Rage tötet, schließt er sich den Rittern an. Auf der Reise wird Godfrey schwer verwundet. Am Sterbebett schlägt er seinen Sohn daher schon frühzeitig zum Ritter und rechtmäßigen Nachfolger. Der frischgebackene von Ibelin setzt seine Reise nach Jerusalem fort, doch auch in der Heiligen Stadt findet er zunächst keine Ruhe. Denn rasch wird er eingeführt in das Leben am königlichen Hofe, lernt den lebrakranken König Balduin (unter der Maske: Edward Norton) und seine Schwester Sybilla (Eva Green), aber auch den finstern Guy de Lusignan (Marton Csokas) kennen. Dieser möchte nach dem nach dem Tode Balduins den Thron Jerusalems besteigen und die Stadt von den ungläubigen Moslems reinwaschen. Auf der anderen Seite steht Saladin (Ghassan Massoud), Kriegsherr über eine gigantische muslimische Armee, der indessen darauf wartet, dass die Christen einen fatalen Fehler begehen. Balian gerät in einen Strudel aus Gewalt Verrat und muss sich schließlich entscheiden, für was er selbst einstehen zu gedenkt…

Kritik:
Königreich der Himmel konnte einst auf der Leinwand keinen großen Besucherzuspruch für sich verbuchen. Woran es lag, lässt sich nicht sagen: Ob es der, besonders inhaltlich, abgespeckte Plot war, der viele daran hinderte, eine Karte einzulösen, ist sehr unwahrscheinlich. Was man hingegen mit Sicherheit behaupten kann, ist, dass durch die vielen neuen Szenen des Director Cuts, die sich im Großteil um ein besseres und tiefer gehendes Verständnis der Geschichte bemühen, aus einem Schlachtengemälde ein historisches Epos geworden ist, das nahe an ein Meisterwerk reicht.
Schon die erste halbe Stunde ist atemberaubend: Die in kaltes blau gehüllte Landschaft, suggeriert perfekt das dunkle, von Krankheit und Gewalt befallene, Zeitalter, aus dessen Umarmung sich der Held Balian zu befreien versucht. Als es in dieser tristen Umgebung zum ersten Scharmützel kommt, offenbart sich nicht nur die temporeiche Inszenierungen, sondern auch eine Neuerung, die dem Film von einer ab 12 Freigabe zu einem blauen ab 16 -Siegel verholfen hat. Denn an der Gewaltschraube wurde etwas gedreht, sodass sich der geneigte Schlachtenfan über mehr Blut und herumfliegende Körperteile erfreuen kann. Viel wichtiger ist jedoch, dass man zu Beginn des Films im Vergleich zur Kinoversion einiges mehr über die Beweggründe der einzelnen Protagonisten erfährt, sodass die Kritik vieler über die nicht nachzuempfindenden Beweggründe der Figuren entschärft werden. Überhaupt geht es in den erweiterten Szenen insgesamt mehr um ein schlüssigeres Gesamterlebnis als um die reinen Schauwerte. So kommen zwar auch weiterhin Actionfans auf ihre Kosten, doch liegt der Fokus in der Neufassung eindeutig mehr in den ruhigeren Szenen, die mehr über die Konflikte der Charaktere preisgeben. So wurde die sehr lineare Geschichte um Augenblicke erweitert, die zwar Tempo aus der Geschichte nehmen, dafür aber auch mehr von einem Epos versprühen. Ein Beispiel hierfür ist der Nebenplot mit Sybillas Sohn, der in der Kinofassung völlig abhanden gekommen ist. Durch diesen Nebenzweig erhält man einhellende Einblicke in die Psyche der Prinzessin und kann ihre Handlungen besser nachvollziehen.
Ein großes Thema von Königreich der Himmel ist der Konflikt der Religionen. Die nur allzu realen Bezüge zu unserer Zeit werden ebenfalls in der Langfassung des Films mehr beleuchtet. Eine einseitige Stellungnahme zu Gunsten des Christentums, wie einige Kritiker dem Film unterstellten, sollten somit nun hoffentlich der Vergangenheit angehören. Denn tatsächlich versucht das Werk herauszustellen, nicht der Versuchung zu erliegen, alles zu pauschalisieren und Moslems und Christen nur noch mit einem Objekt zu versehen und sie somit alle in eine Schublade zu stecken. Somit ist der Film nicht nur eine Heldengeschichte, sondern vor allem auch ein Plädoyer an die Toleranz jedes einzelnen.

Was kann man noch über den Film sagen? Wie schon die im Kino gelaufene Version, weist auch diese das Können seines Dirigenten auf. Ridley Scott erschafft eine glaubhafte Welt mitsamt atemberaubender Bilder und dazu passender Musikuntermahlung. Die Schauspielerleistungen sind durch die Bank weg sehr gut, selbst Hauptdarsteller Orlando Bloom, der in Fluch der Karibik 2 zuletzt wenig überzeugte, zeigt schauspielerisches Können. Ein fantastischer Film, der in der nun vorliegenden Version im Kino vielleicht nicht besser gelaufen wäre, dafür aber sein wirkliches Potential im Director’s Cut völlig entfalten kann.

Fazit: Aus einem Actionfilm wurde ein Epos, das sich mit anderen seiner Art messen kann und dem auf dem Medium DVD hoffentlich mehr Zuspruch entgegengebracht wird.


Wertung: 5 von 5 Sternen



Kingdom of Heaven, USA 2005
Genre: Historienepos
Laufzeit: ca. 186 Min.
Regie: Ridley Scott
Darsteller: Orlando Bloom, Eva Green, Liam Neeson, Jeremy Irons, Marton Csokas, David Thewlis, Brendan Gleeson, Edward Norton, Alexander Siddig, Michael Sheen, Ghassan Massoud