Capote
One Man Show



Da wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen, ist nicht selten der Hund erfroren. Zwei Redensarten, die in Holcomb, Kansas, erfunden worden sein könnten. Das kleine verschlafene Nest ist so etwas wie der Archetyp einer typischen amerikanischen Kleinstadt. Die Bewohner dieser friedlichen Idylle haben keine allzu großen Ansprüche an ihr Leben. Sie stehen im Morgengrauen auf, verrichten brav ihre tagtägliche Arbeit und gehen schließlich wieder mit den Hühnern zu Bett. In keinem anderen Teil der Vereinigten Staaten wird dabei so viel Wert auf die Tradition des Familienlebens gelegt, wie hier, im mittleren Westen. So verwundert es auch nicht, dass das konservative Bild der Familie hinter so gut wie jeder Häuserfassade aufzufinden ist: Das Oberhaupt, der Vater, ernährt seine Lieben, die Mutter schmeißt denn Haushalt und erzieht die Kinder. Während der Sohn der Familie dem Vater auf dem Feld zur Hand geht und von einer großen Karriere als Baseballspieler träumt, vertreibt sich die Tochter des Hauses die Zeit damit, als Cheerleader mit dem Football-Star der Schule auszugehen und als alljährliche Ballkönigin zu glänzen. Nirgends sonst pulsiert der American Way of Life so impulsiv, wie hier.
Doch an einem kalten Novembertag des Jahres 1959 sollte dieser geregelte Kosmos schlagartig eine tiefe Wunde in Form eines bestialischen Verbrechens erhalten. An diesem Tag wurde eine dieser mustergütigen, überhall beliebten und angesehenen Familien mit einem Schlag ausgelöscht. Blutverschmiert und mit dicken Einschusslöchern in ihren Köpfen wurden sie am darauf folgenden Tag gefunden. Ein Schock für Nachbarn und Bewohner der Stadt, die sich noch nie in ihrem Leben mit solch einem menschenverachtenden Verbrechen konfrontiert sahen.

Der Mord an dieser Familie machte Holcomb national bekannt und obwohl man die zwei Mörder kurze Zeit später Dingfest machen konnte, ließ dieser Vorfall niemanden wirklich los. Einer von ihnen war der Erfolgsautor Truman Capote, der mit seinem letzten Buch Breakfast at Tiffanys (Frühstück bei Tiffanys, 1958) für Aufsehen gesorgt hatte und sich nun nach einem neuen Stoff umsah. Truman, der auch für den New Yorker schrieb, machte sich auf nach Kansas, um dort vor Ort auf Recherche zu gehen. Sein Buch In Cold Blood (Kaltblütig, 1966), das er schließlich verfasste, wurde zu seinem größtem Erfolg und etablierte die non-fictional-novel (auf Deutsch:. Tatsachenbericht) als neues Genre in der Literaturwelt.
Truman Capote selbst war eine schillernde Persönlichkeit, die sich gerne mit Stars und Starletts der Filmbrachne umgab, es verstand (vor allem sich selbst) zu feiern, aber auch zugleich ein Gespür besaß für gute Geschichten und interessante Figuren. Seine Liebe zu den Menschen an sich war es dann auch gewesen, die unter anderem den Erfolg von Kaltblütig ausmachte.

Bei der diesjährigen Oscarverleihung gewann Charakterschauspieler Philip Seymour Hoffman ,die begehrte Trophäe als bester Hauptdarsteller für seine Rolle des Truman Capote im gleichnamigen Film.
Zuvor hatte Hoffman schon in zahlreichen Nebenrollen zu überzeugen gewusst, hatte aber noch kaum als Hauptakteur agiert. Der Film befasst sich mit der Lebensphase des Ausnahmeautors, die schließlich zur Fertigstellung von Kaltblütig führte. Dabei liegt der Fokus fast einzig und allein auf Truman selbst, wobei die erzählte Geschichte an sich leicht ins Hintertreffen gerät.

Inhalt:
Der erfolgreiche, extrovertierte Schriftsteller Truman Capote (Philip S. Hoffman) erfährt von einem grausamen Vierfachmord in Kansas. Fluchs reist er mit seiner Assistentin und guten Freundin Harper Lee (Catherine Keener) an den Unglücksort und beginnt dort mit der Recherche. Capote möchte eine neue Art des Schreibens entwickeln und sich aus diesem Grunde so gut wie möglich vorbereiten. Währenddessen werden die beiden Mörder der Familie nahe der mexikanischen Grenze verhaftet und Truman, versessen darauf, mehr über die Beweggründe des Mordaktes zu erfahren, erschleicht sich langsam das Vertrauen der Angeklagten. In einen der beiden, Perry Smith (Clifton Collins jr.), glaubt der Autor sogar einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Doch je länger sich das Verfahren hinzieht, desto mehr verschiebt sich auch die Fertigstellung von Capotes Roman und obwohl er eine große Zuneigung zu Perry empfindet, wünscht er sich letzten Endes nichts sehnlicher, als ein Ende des Prozesses…notfalls auch am Strang…

Kritik:
Capote von Regisseur Bennett Miller ist einer dieser Filme, die alleine vom Hauptdarsteller getragen werden und die ohne ihn für den Zuschauer nicht einmal halb so interessant wären. Denn tatsächlich spielt Philip S. Hoffmann den näselnden, narzisstischen und auch überheblichen Autor so überzeugend, dass jeder andere Schauspieler neben ihm unweigerlich verblassen müsste. Trotzdem gelingt es den anderen Schauspielern, allen voran Catherine Keener als Harper Lee, sich gegenüber dem Hauptdarsteller zu behaupten und eigene, wenn auch kleine Akzente, zu setzen. Der Film an sich lässt sich wohl am einfachsten mit konventionell beschreiben, denn der Regisseur und sein Team verzichteten bewusst auf Kameraspielereien und gewagte Schnitte. Stattdessen bekommt man lange und starre Kameraeinstellungen geboten. Alles ist auf den Hauptdarsteller fokussiert, sein Charakter wird genauestens ausgelotet und seine Stärken aber auch Schwächen werden offenbart. Zwar ist diese Art von Charakterstudie durchaus interessant, doch mit der Zeit wünscht man sich ein wenig mehr Handlung und Tempo. Dies ist nämlich das große Problem des Films: Mit der Zeit geht einem die allzu gemächliche Inszenierung etwas auf Nerven und man verliert das Interesse daran. So kann der Film an sich nicht wirklich überzeugen, da ihm die dramaturgische Raffinesse abseits der sehr guten Schauspielerleistungen fehlt. Was bleibt, ist eine One-Man.-Show, die zu keinem Zeitpunkt wirklich zu fesseln vermag.

Fazit: Hoffman spielt fantastisch, der Film selbst jedoch weiß auf Dauer nicht so recht zu überzeugen.

Wertung: 3 von 5 Punkten


Capote, USA 2005
Genre: Drama
Laufzeit: 110 Min.
Regie: Bennett Miller
Darsteller: Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener, Clifton Collins jr., Bruce Greenwood, Chris Cooper, Mark Pellegrino