Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche
Nightmare before Wedding



Zurzeit haben sie mal wieder Hochkonjunktur: Große Kinoblockbuster à la Fluch der Karibik 2, X-Men 3 oder Superman Returns, die mit Unmengen an bahnbrechenden, noch nie dar gewesenen Spezialeffekten aus dem Computer die Zuschauer in die Lichtspielhäuser locken wollen. CGI, so die Abkürzung dieser Computer Generated Images, also an der Rechenmaschine entstandene Effekte und Objekte, die das Unmögliche möglich machen und Filmschaffenden somit keine Grenzen mehr in der Verwirklichung ihrer filmischen Visionen setzen. Während also im klassischen Spielfilm immer stärker auf die Power aus dem Rechner gesetzt wird, sodass kaum ein Zuschauer mehr zwischen Realität und Künstlichkeit unterscheiden kann, ist die Trickfilmbranche in diesem Bereich bereits eine ganze Ecke weiter. Denn der Erfolg von komplett am Computer erstellten Trickabenteuern wie Findet Nemo, Madagascar oder jüngst Ice Age 2 mit dem zeitgleichen rapiden Rückgang klassischer Animationsmethoden zeigt deutlich, wo es in der Zukunft im Bereich der filmischen Unterhaltung lang geht.

Doch auch in einer solchen technologisierten, ständig fortschreitenden Branche wie dieser, gibt es noch Menschen, die sich den alten Traditionen verpflichtet fühlen und sie hegen und pflegen. Zwei dieser Hüter der alten Künste sind Nick Park, Kopf des britischen Aardman Studios (Wallace & Gromit) und Hollywoodquerkopf Tim Burton, der 1993 das Animationsgrusical Nightmare before Christmas ins Kino brachte. Das besondere an diesem Film, wie auch bei anderen Werken selber Machart: Er bedient sich der alten Methode, mithilfe von Standbildkamera und viel Geduld, Dinge lebendig werden zu lassen. Stop Motion nennt sich dieses Verfahren, das seinen Ursprung bereits im frühen 20. Jahrhundert hatte. Damals, genauer im Jahre 1933, überraschte ein gewisser Wallis O’Brien die noch in diesen Belangen unerfahrene Filmwelt mit King Kong und die weiße Frau. Zum erstaunen vieler bewegte sich dieser namensgebende Riesengorilla wie aus Zauberhand durch das Szenario und keiner wusste wie. Dabei ist die Methodik aus heutiger Sicht fast simpel: Mit einer Kamera wird eine Figur fotografiert. Anschließend wird sie minimal bewegt, bevor erneut auf den Auslöser gedrückt wird. So entstehen nach und nach eine Reihe von Bildern, die, wenn man sie wie bei einem Daumenkino zusammenfügt, eine mehr oder weniger fließende Bewegung ergeben. O’Briens Schüler Ray Harryhausen perfektionierte diese Technik später u.a. in zahlreichen Sinbad-Filmen. Noch bis weit in die 80er Jahre hinein wurden Filme auf diese Art und Weise animiert, dann aber gewann der Computer nach und nach die Oberhand und das Stop Motion- Verfahren wurde zur Kuriosität.

Mit Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche erlebte sie im letzten Jahr wieder eine kleine Renaissance. Die mühsame, zeitintensive Produktion, unter Leitung von Mike Johnson und Tim Burton, wurde sogar oscarnummeniert, unterlag aber einem anderen Trickfilm, der kurioserweise ebenfalls auf Stop Motion setzte: Wallace & Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen (von den Aardman Studios). Was mal wieder beweist, dass manches Althergebrachtes auch heute noch begeistern kann.

Inhalt:
Der schüchterne Victor Van Dort soll im viktorianischen England die adelige Victoria Everglot ehelichen. Der nervöse Feingeist verhaspelt sich jedoch bei der Hochzeitsprobe und muss daher sein Ehegelübte erneut im stillen Kämmerlein pauken. Im nahe gelegenen, düsteren Wald gelingt es ihm schließlich, alles fehlerfrei aufzusagen. Dumm nur, dass er nebenbei eine untote Leichenbraut erweckt, die in Victor ihren neuen Traummann sieht. Prompt landet er zusammen mit seiner fauligfrischen Angetrauten im Reich der Toten, wo es alles andere als totlangweilig ist. Doch trotz seiner Sympathie zur zerfledderten Ehegattin muss Victor unbedingt zurück zu den Lebenden, schließlich soll Victoria nach seinem Verschwinden einen mysteriösen Lord zum Mann nehmen. Doch seine Flucht gefällt seiner Zombiebraut ganz und gar nicht…

Kritik:
Was sich hier so gruselig und horrorgrotesk anhört, ist Wirklichkeit überhaupt nicht so. Der durch und durch familientaugliche Spaß überzeugt vielmehr durch skurrile Subtilität als durch blanken Horror. Die wunderbare Geschichte wurde dabei grandios mithilfe von Stop Motion in Szene gesetzt. Vor allem die detaillierten Figurenmodelle, ihre fließenden Bewegungen und die erstaunliche Mimik der Charaktere beeindrucken. Die werden von einigen namhaften, überwiegend britischen Schauspielern, eingesprochen: Tim Burtons Liebling Johnny Depp (kein Brite!) verleiht dem scheuen Victor seine Stimme und Burtons Frau Helena Bonham Carter gibt der Leichenbraut Emily ihre Note. Außerdem dabei sind Emily Watson als Victoria Everglot, Albert Finney als ihr starköpfiger Vater und Gruselaltmeister Christopher Lee als Priester. Ergänzt wird die Geschichte durch erstklassige Lieder aus der Feder von Danny Elfman, die im englischen Original noch besser rüberkommen als in der deutsch synchronisierten Fassung.
Der indirekte Nachfolger von Nightmare before Christmas (1993) ist durch und durch ein typischer Burton, denn Ausstattung und Atmosphäre dieser Trickfilmperle erinnern unweigerlich an Burtons vergangene Filme Beetlejiuce, Edward mit den Scherenhänden und natürlich Sleepy Hollow. Nachdem in den vergangenen Jahren computergenerierte Produktionen immer mehr an Popularität gewannen und man zurzeit geradezu überschüttet wird mit neuen Werken von Pixar, Dreamworks und Co. (die sich mittlerweile optisch alle ein wenig gleichen), ist es wahrlich eine Wohltat, einen altmodischen Film wie diesen sehen zu können. Leider scheint trotz allem Erfolg, der Untergang des Stop Motion vorprogrammiert, wenn selbst Traditionsschmieden wie Aardman in Zukunft auf CGI-Filme setzen wollen. Wirklich schade!

Fazit: Ein wunderbar altmodischer Spaß mit erstklassiger Optik und viel Fantasie!

Wertung: 5 von 5 Sternen


Corpse Bride, USA/GB 2005
Genre: Animationsfilm
Laufzeit: 74 Min.
Regie: Mike Johnson, Tim Burton
Sprecher: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Emily Watson, Albert Finney, Deep Roy, Richard E. Grant, Danny Elfman. Christopher Lee, u.a.