Honey
Ghetto Kids als Fashion Victs


Hip Hop, das ist nicht nur eine Musikrichtung. Es beinhaltet auch Tanz, Kleidung und Style. Eine Lebenseinstellung, ursprünglich entstanden in den Slums und Ghettos amerikanischer Großstädte, wo die verschiedensten ethnischen Gruppen, Asiaten, Latinos und vor allem Afroamerikaner, dicht bei dicht zusammenleben. Diese Konstellation ergibt nicht selten ein gefährlich explosives Gemisch, wenn Armut und die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der einzelnen Gruppen in Gewalt und Hass umschlagen. Um es nicht soweit kommen zu lassen, gibt es den Hip Hop, ein Ventil zum Herauslassen von Agression und Wut, um sich selbst auszudrücken und das eigene Elend zu vergessen.
Die Musikindustrie erkannte das Potential dieser Lebensphilosophie und machte aus ihm ein Massenphänomen. Plötzlich war es in, sich so zu verhalten und zu kleiden wie die Menschen auf den Straßen der Bronx und ähnlicher Viertel. Die Sprache wurde universell, aus Frauen wurden chicks und aus Abhängen chillen. Selbst die Gewalt und das lautstarke Auftreten der amerikanischen Unterschicht wurde salonfähig gemacht. Aus Gangster wurde Gangsta, aus Schussverletzungen ein modisches Accessoire, ohne das kaum ein Rap-Artist mehr auskommen zu vermag.
Die Plattenfirmen und deren Künstler machen heutzutage den großen Reibach mit dieser „Gossen-Kultur“, die Gefahr läuft, sich selbst zu verharmlosen und beliebig zu werden. Auch der Musikfilm „Honey“ macht genau das aus dem Leben der Unterprivilegierten, er verharmlost es, lässt jedes Straßenkind in Designerklamotten wie frisch aus dem Hip Hop Fashion-Magazin herumlaufen und verpackt alles in durchgestylte Videoclipästhetik.

Inhalt:
Die junge Latina Honey (Jessica Alba) lebt in einer Problemgegend, arbeitet nachts in einer Disco als Barkeeperin und gibt tagsüber unterprivilegierten Kids Unterricht im Hip Hop Tanzen. Honeys größter Wunsch jedoch ist es, als professionelle Tänzerin für Videoclips gebucht zu werden und tatsächlich, ehe sie sich versieht, wird sie prompt von einem erfolgreichen Videoregisseur entdeckt und gefördert. Doch es kommt wie es kommen muss: Das Weißbrot möchte mehr von ihr als nur eine gute Arbeitsbeziehung und als sie sich weigert darauf einzugehen, wird sie wieder auf die Straße gesetzt. Dumm nur, dass sie jetzt gerade plant, ein Tanzschule für die Kids zu eröffnen. Also muss schleunigst das aufzubringende Geld herbei geschafft werden…

Kritik:„Honey“ als Film zu bezeichnen wäre ein wenig hochgegiffen, handelt es sich hier doch eher um einen überlangen Videoclip mit Dialogszenen. Denn aus diesem Blickwinkel betrachtet, funktioniert der Streifen sehr gut: Die gut choreographierten Tanzperformances in Verbindung mit der erstklassigen Musikuntermalung und der süßen Hauptdarstellerin, die als Tänzerin eine gute Figur macht, ergibt im Grunde ein unterhaltsames Ganzes. Doch leider fällt der Film in allen anderen, für einen guten Film wichtigen Punkten, gnadenlos durch. Die Dramaturgie des Plots ist zu lasch, der sozialkritische Anteil der Geschichte wirkt aufgesetzt und verkommt dabei zur Randnotiz. Außerdem fehlt dem Streifen Authenzität, alles wirkt beschönigend und klischeehaft. So lernen wir zum Beispiel, dass die Musikindustrie die Hölle ist, man im Leben alles erreichen kann wenn man es nur will und dass es nichts Besseres gibt als gute Freunde. Alles schon gehabt, alles irgendwo schon mal besser gesehen. Trotzdem, vor allem junge Hip Hop Fans der MTV-Generation werden ihren Spass daran haben, sich die Tanzeinlagen an- und abzuschauen und mit dem Groove der Musik mitzugehen. Alle anderen, erwachseneren Hip Hop Fans sollten doch lieber zur realistischeren Alternative Hustle & Flow greifen. Es sei denn man möchte eine verschwitzte Jessica Alba bei allerlei Verrenkungen beobachten .

Fazit: Ein Videoclip in Überlänge mit guter Musik und Tanzchoreographie, der als Film leider nicht überzeugen kann.

Wertung: 3 von 5 Sternen

Honey, USA 2003
Genre: Musik-/Tanzfilm/Drama
Laufzeit: 94 Min.
Regie: Bille Woodruff
Darsteller: Jessica Alba, Mekhi Phifer, Makyla Smith, Lil`Romeo, Joy Bryant, David Moscow, Zachary Isaiah Williams, Missy Elliot