Die Geisha
nach einem Roman von Arthur Golden

Bravo Dreamworks Pictures und Columbia Picture, die Zeiten des „romantischen“ Spielfilms sind längst nicht vorbei. Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Arthur Golden (Memoires of a Geisha) , welcher auch Koautor des Film-Scriptes ist. Die Geschichte spielt in der exotischen und von traditionellen Zwängen geprägten Welt Japans, gegen Ende der zwanziger Jahre, bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Handlung ist das Aufwachsen eines achtjährigen Kindes in einem Geishahaus, dass schließlich zur Geisha Sayuri heranwächst. Sayuri muß sich gegen die Intrigen der Konkurentinen durchsetzen und den Kulturschock des verlorenen Zweiten Weltkriegs in Japan überstehen.
Für die Produktion des Films die Geisha wurde keinesfalls an Ausstattung gespart, was sich letztlich auch als Oskarwürdig herausstellte. Alle Kameraeinstellungen sind kompositorisch ausgewogen, sodaß eine idyllische Fischerhütte am Meer ebenso ihren pitoresken Sehenheitswert entwickelt, wie die vielen Einstellungen der historischen Innenstadt mit ihren Gassen und Brücken. Die Stadt und ihre verschachtelten, leichten Holzhäuser wurde in Los Angeles vom Bühnenbildbau nachgestellt. Einige wenige Set´s wurden in Japan an Originalschauplätzen produziert, so wurde zum Beispiel erstmalig eine Drehgenehmigung für einen Tempel in Kyoto erteilt. Dem Kinobesucher wird tatsächlich suggeriert sich in Japan der Vorkriegszeit zu befinden und er darf das Flair der japanischen, tratitionsbewußten Kultur einatmen und visuell verkonsumieren.

Der Film gerät stellenweise in ein etnologisches Schaubild des täglichen Lebens, sodaß jeder Asien- oder Japanfreund in den Genuß von kleinkünstlerischer Darstellung kommt, die so manchem katanaschwingenden Historienfilm gut getan hätten. Die Austattung ist detail- und lebensgetreu und ist an keiner Stelle so wie andere mindere Produktionen, die stellenweise eher einem Ikea-Katalog gleichen, denn einer japangerechten Innenausstattung.
Zwar muß man mancher Kritik recht geben, die verlautbarte: ein Film für Auge und Ohr (nominiert für Filmmusik, Ton, Tonschnitt), nicht für Herz und Hirn (Toronto Star); für mich entführt der Film in eine Welt die wir alle gerne mal wiedersehen, die eben Großes Kino heißt. Ebenso ist diese Produktion ein weiteres wunderbares Beispiel wie sehr in Hollywood nicht „amerikanisches“ Kino für die USA gemacht wird, es wird Kino für die ganze Welt ausgedacht und hergestellt! Dass man dabei sogar in der Lage ist, sich in andere Kulturen hinein zu versetzen, unterstreicht diese Aussage ungemein. Schauen wir uns die Liste der Mitwirkenden an, so entdeckt wir keinen japanischen Namen hinter der Camera.

Einen gesonderten Blick sollte man hier auf die Filmmusik werfen, es wurde die Score-Leitmotivetechnik angewandt. Was zum einen dem Komponisten und Dirigenten John Williams filmmusikalisches, programatisches Komponistenkönnen abverlangte, zum anderen eine aufwendige, symphonische Umsetzung verlangte. Für die Umsetzung der Soloparts wurde die Budgetkasse erheblich geleert, vielen Dank Herr Itzak Perlmann für ihre Violinsoloparts. Die größeren Erzählstränge haben eigene Motive, diese Leitmotive werden den Erfordernissen der Geschichte angepaßt und in die Gesamtkomposition eingebaut, wiederholt und varriert. Leider sind die Leitmotive etwas zu einprägsam und langweilen das symphonisch verwöhnte Ohr, auch scheinen die getragenen Cello-Ostinato-Motive etwas zu viel des Guten zu sein. Aber ansonsten: Hut ab vor dieser filmmusikalischen Leistung, die nur Andeutungsweise an die orchestralen Filmusiken der 40-iger bis 60-iger Jahre erinnert.
Melodramatisch, akzentuiert und gut umgesetzt ist die Handlung, obgleich kein Mega-Star beteiligt ist. Auch hier gewinnt der überlange Streifen an Glaubwürdigkeit, denn aus welchen Produktionen kennen wir nicht die wohlbekannten Megagesichter, so kennen wir sie aus diesem Film nicht. Die achtjährige Chiyo wird zusammen mit ihrer Schwester an eine Geisha-Haus verkauft und dient sich dort zur geachteten, angesehenen Geisha Sayuri hoch. Der Film benutzt die Gestalt der Sayuri als Protagonisten, erhebt aber die Protagonistengestalt der Geisha Sayuri aus dem gewöhnlichen Hauptrollendasein heraus, da das Leben der heranwachsenden Sayuri als lyrische Erfahrenwelt gezeigt wird. Die Handlung ist stets auch innere Handlung der Geisha-Gestalt Sayuri, wobei die anderen Hauptdarsteller, Ken Watanabe als ihr wahrer Geliebter oder die revanchistische Geisha-Gegenspielerin
Hatsumomo (Gong Li) als Katalysatoren für ihre innere Wandlung wirken. Gelegentlich unstreicht sogar die Cameraführung die Erfahrenswelt der Sayuri, eine meisterhafte Schlüsseleinstellung ist der Gang der jungen Sayuri in den Tempel und die Durchschreitung ihrer Gestalt von unzähligen gelben Toren, die einen fortschreitenden, sich vor ihr ausbreitenden Lebensweg verbildlichen, mit der Stimme der Sayuri aus dem Off.
Auch andere gleichalterige Geishas machen im Melodram eine romanhafte Wandlung und innere Handlung mit, so erfährt die im selben Geishahaus aufwachsende „Kürbisköpfchen“ (Youki Kudoh) eine Wandlung, jedoch bleibt auch in dieser Gestalt die Wandlung eine Verwandlung und Anpassung an die Lebensverhältnisse; während Sayuri am Erlebten wächst und als vom Leben erstarkte Gestalt zurückbleibt.

Wie prunkvoll die Aussattung der 82 Millionen Dollar teuren Produktion auch sein mag, wie sehr dem Auge ein opulentes Meisterwerk serviert wird, hinter der wohl historisch, etnologisch korrekten Darstellung des Film verbirgt sich eine innere, dramatische Handlung. Ohne diese wäre die gesamte Produktion wohl schwerlich in diese hohen Oskarsphären aufgetiegen, denn was nützt eine in eingewickelter Seide, schmachtende Geisha, wenn die Handlung und deren filmische Umsetzung nicht auch einen Beitrag leisten. Leider fallen dem Japankenner wohl einige Ungereimtheiten im Film auf, so war das Verhalten einer Geisha in der Öffentlichkeit nicht so zwanglos und leger wie es hier dargestellt wurde. Auch mag der eine oder andere Fehler im Film vorhanden sein, der in einer japanischen Produktionen nicht gemacht worden wäre. Letztlich wäre eine japanische Produktion, mit stilistischer Reinheit und stoischer Ästhetik, nicht weltweit cineastisch verstanden und vom Kinobesucher an der Kasse honoriert worden.

Prädikat: absolut sehenswert, künslerisch, cineastisch überzeugend, großes Kino, etwas abgerückt vom rein unterhaltenden Film, wer diesen Film sieht, kann mit einem Gefühl aus dem Kinosaal gehen etwas erlebt zu haben, ohne dass die Nerven mit Schmirgelpapier behandelt wurden. Für mich ein Film für das Auge, Ohr und auch fürs Herz, wenn auch der Intellekt nicht besonders beansprucht wird.


Die Geisha Originaltitel: Memoirs of a Geisha, Produktionsland: USA Erscheinungsjahr: 2005, Länge: ca. 139 Minuten Originalsprache: Englisch, FSK 12
Regie: Rob Marshall
Drehbuch: Ron Bass, Akiva Goldsman, Robin Swicord, Doug Wright, Arthur Golden (Roman)
Produktion: Lucy Fischer, Douglas Wick
Musik: John Williams
Camera: Dion Beebe
Schnitt: Poetro Scalia
Besetzung
Zhang Ziyi als Sayuri Nitta
Ken Watanabe als The Chairman
Koji Yakusho als Nobu
Michelle Yeoh als Mameha
Gong Li als Hatsumoto
Ted Levine als Col. Derricks
Suzuha Ohgo als junge Sayuri Nitta

Oscar 2006:
Beste Ausstattung
Beste Camera
Beste Kostüme

Oscarnominiert 2006 in den Kategorien:
Beste Filmmusik
Bester Ton
Bester Tonschnitt

Golden Globe 2006:
Beste Filmmusik
Beste Hauptdarstellerin, Drama nominiert: Zhang Ziyi