Sin City
Eine perverse Phantasie…



…muss Frank Miller, seines Zeichens Comiczeichner, gewiss haben, um sich so etwas ausdenken zu können: Verrückte Schläger, schwer bewaffnete Nutten, gelbe Bastarde, kannibalistische Geistliche, sexsüchtige Cops und noch jede Menge anderer Freaks bevölkern Millers Universum aus Sex, Gewalt und Tod. Sin City, die sündige Stadt, so der Name dieses Gott verlassenen Ortes, wo Korruption regiert und die Macht des Stärkeren zählt. Ein Platz, wo noch die gute alttestamentarische Regel gilt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Millers minimalistischer Zeichenstil und seine kompromisslose Darstellung einer Welt, die alles Schlimme unseres Seins auf unschuldig weißes Papier transferiert, heben seine Comicbücher aus der Masse hervor und etablierten Sprechblasen und Bilderrahmen endgültig auch in der Welt der Erwachsenen. Schon Anfang der 90er Jahre wollte man daher diesen zweidimensionalen Film-Noir auf die große Leinwand bringen, doch Miller, der selbst keine guten Erfahrungen mit Hollywood gemacht hatte (als Autor, Kameramann und Darsteller), weigerte sich vehement sein Kind in fremde Hände zu legen. Erst als Regie-Desperado Robert Rodriguez („From Dusk Till Down“) sich für das Thema zu interessieren begann, änderte sich die Situation. Rodriguez wollte nicht einfach nur einen Film aus Sin City machen, er wollte vor allem der Vorlage treu bleiben. Um Frank Miller von seinem Vorhaben zu überzeugen, lud er ihn daher kurzerhand in sein eigenes kleines Filmstudio in Texas ein und führte ihm eine Szene vor, die er mit zwei erfahrenen Schauspielern (u.a. Josh Hartnett) gefilmt hatte und die nun als eine Art Blaupause für einen kompletten Film dienen sollte. Miller war vom Ergebnis begeistert. In schwarz und weiß gedreht und lediglich mit ein paar Farbtupfern durchsetzt, glich diese Szene (wie auch später der gesamte Film) dank raffinierter Kameraeinstellung der Vorlage bis aufs Haar. Rodriguez bekam das Einverständnis des Meisters und legte daraufhin sofort los, Millers Welt adäquat umzusetzen.

Zur Story:
Der Film verbindet die drei Miller Bücher „Stadt ohne Gnade“, „Das große Sterben“ und „Dieser Feige Bastart“. In der ersten Geschichte geht es um den Schläger Marv (Mickey Rourke), der eine Nacht mit der schönen Prostituierten Goldie (Regina King) verbringt. Am nächsten Tag ist Goldie tot und Marv, der verzweifelt nach einem Sinn für sein Leben sucht, beginnt einen gnadelosen Rachefeldzug durch die Gassen von Sin City. Die zweite Geschichte handelt von Dwight (Clive Owen), der einer Hurengang um Puffmutter Gail (Rosario Dawson) beisteht, die sich wiederum gegen eine Horde wütender Polizisten zur Wehr setzen muss. Zu guter letzt versucht Ex-Cop Hartigan (Bruce Willis) das Leben der jungen Stripperin Nancy (Jessica Alba) zu retten, welches der Gefahr des sadistischen Yellow Bastard (Nick Stahl) ausgesetzt ist. Alle drei Handlungsstränge von Sin City verlaufen parallel zueinander und kreuzen sich nur sehr bedingt, sodass also quasi drei unabhängige Kurzgeschichten entstehen. Eingeramt werden alle drei Plots vom Auftritt eines charmanten Auftragskillers (Josh Hartnett).

Kritik:
Sin City ist brutal, sehr brutal. Genau wie in den Comicbüchern kennt auch der Film bezüglich des Gewaltfaktors keine Gnade. Entschärft wird das ganze Morden und Filetieren lediglich durch die Tatsache, dass der Streifen in schwarz und weiß daher kommt und einige sehr krasse Szenen dadurch (ähnlich wie bei einer Blut und Gedärme triefenden „Kill Bill“-Szene) an Detailschärfe verlieren. Auch einige gekonnt inszenierte Schnitte bewahren zartere Gemüter vor weiterem Grauen. Bei einem Aspekt der Vorlage ist man hingegen nicht so radikal vorgegangen: Die sexuelle Freizügigkeit des Originals wurde trotz der ein oder anderen blanken Brust und nackten Hintern amerikatypich heruntergeschraubt. Doch der eigentliche Grund, sich diesem sadistischen Machwerk trotz des reichlich fragwürdigen Inhalts hinzugeben, ist die atemberaubende visuelle Eleganz mit der Rodriquez und sein Co-Regisseur Miller die Comicwelt fast eins zu eins lebendig werden lassen. Dabei entstehen Bilder, die man so noch nie zuvor auf der Leinwand gesehen hat. So wird aus einer kompromisslosen Schlachtplatte eine künstlerische Meisterleistung, die in die Geschichte des Zelluloids eingehen wird.

Fazit: Visuell atemberaubende, inhaltlich äußerst fragwürdige Comicadaption mit Anspruch.

Wertung: 4 von 5 Sternen


Sin City, USA 2005
Genre: Krimi/Thriller
Laufzeit: 124 Min.
Regie: Robert Rodriguez, Frank Miller (& Quentin Tarantino)
Darsteller: Bruce Willis, Mickey Rourke, Clive Owen, Jessica Alba, Rosario Dawson, Benicio Del Toro, Nick Stahl, Elijah Wood, Brittany Murphy, Michael Madsen, Michael Clarke Duncan, Rutger Hauer, Alexis Bledel, Regina King, Josh Hartnett