In jüngerer Vergangenheit passiert es nur noch recht selten, dass einen die regelmäßig unter großem Werbebohey auf die globalen Leinwände gehievten Hollywoodprodukte richtig überraschen und den Intellekt anstrengen lassen können. Als letzte Beispiele aus eigener Erfahrung seien STAY und KISS KISS BANG BANG angeführt.
Beginnt I.M. - um sich dem allgemein grassierenden Abkürzungswahn anzuschließen - wie ein ganz gewöhnlicher, dutzendmal gesichteter Durchschnittsbankraubfilm (im Fachjargon auch Heist-Movie), wie bspw. naheliegenderweise und sogar in I.M. zitiert HUNDSTAGE, so entwickelt sich die Story nebst (scheinbarem) Nebenplot um Jodie Foster in rasantem Tempo in eine derart unerwartete und absolut unvorhersehbare Richtung, dass die mehr als zwei Stunden geradezu verfliegen. Eben diese Story mit ihren zahllosen Wendungen auch nur in Auszügen wiedergeben zu wollen würde die Gefahr bergen, versehentlich ein winziges Detail zu verraten, was den Genuss sicher schmälern würde. Das Drehbuch ist einfach nur brillant, ohne Durchhänger, gespickt mit perfiden Einfällen - vor allem NEUEN Einfällen hinsichtlich der Durchführung eines Bankraubs - und nicht zuletzt auch voller Dialogwitz. Die erste Begegnung von Angesicht zu Angesicht des von Denzel Wahington verkörperten Polizeivermittlers mit dem Bandenführer (Clive Owen) übertrifft das vergleichbare, seinerzeit stilprägende verbale Duell zwischen DeNiro und Pacino in HEAT und endet mit einem harten Sch(l)usseffekt.
Da der Handlungsablauf aus Rücksichtnahme auf alle Leser, die nach dieser Review sofort zum Kauf der DVD loseilen werden, nicht weiter behandelt wird, schwärme ich noch etwas von den Darstellern. Denzel Washington: der Junge hat einfach ein goldenes Händchen für die richtige Rollenwahl! Erneut spielt er einen Detective, diesmal jedoch einen der abgehalfterten Sorte, incl. extra angefutterter Wampe. Hinzu kommt der mit Einführung seines Charakters etablierte Korruptionsverdacht, der wie bei den übrigen Hauptakteuren dafür sorgt, dass er wie auch beinahe jede andere Person von Beginn an verdächtig erscheint. Vordergründig ist sein Auftritt vergleichbar mit dem ähnlich angelegten Negotiator alias Kevin Spacey im damals sträflich unterschätzten VERHANDLUNGSSACHE.
Clive Owen: dem Vielseher ist dieser wandlungsfähige Mime, der zum Bedauern vieler den James Bond Contest verloren hat, bereits angenehm in SIN CITY und KING ARTHUR aufgefallen. Wenn er nach diesem Werk niemandem längerfristig im Gedächtnis bleibt, schafft er es vermutlich nie mehr...
Jodie Foster: obwohl ich mir einbilde, jeden Film mit der herben Schönheit gesehen zu haben, kann ich mich dennoch nicht erinnern, sie jemals als dermaßen toughe, ihre weiblichen Reize so gezielt einsetzende Bussinessfrau erblickt zu haben. Ihr Oneliner "Ich beiße besser als ich belle" umschreibt ihre Rolle bestens.
Zuletzt seien noch die kleinen, aber feinsten Auftritte von Willem Dafoe als kompetenter Einsatzleiter des SWAT-Teams und Christopher Plummer als undurchsichtiger Bankier mit finsterer Vergangenheit genannt.
Über Spike Lees - vermeintlichen - Wechsel in den vielzitierten Mainstream hat sich das Feuilleton bereits mehr ausgelassen als über die Tatsache, dass er einen hochunterhaltsamen, extrem spannenden und vor allem intelligenten Thriller abgeliefert hat, der fast völlig ohne Gewaltexzesse und Pyrotechnik auskommt. Typische, aus allen seinen Filmen bekannte Stilelemente wie extreme Zooms, entfesselte Kamera (oscarreife Kameraarbeit!) und sprunghafte Erzählweise (Vor- und Rückblenden wechseln sich ab) findet der Lee-Kenner ebenso wie punktuell auftauchende Sozialkritik, die hier insbesondere durch Seitenhiebe auf das Post-9/11-Trauma zum Ausdruck kommt - Beispiele sind überflüssig, da im Film offensichtlich.

Nachdem der Rahmen jetzt endgültig gesprengt ist, schließe ich mit dem Tipp ab, den hundertprozentig kein Kinogänger bereuen wird: INSIDE MAN besuchen, die grauen Zellen anstrengen und mit einer der schönsten (und zudem erotischen) Schlusseinstellungen seit langem fabelhaft unterhalten wieder in den Alltag zurückkehren…