Broken Flowers

Der neue Film vom independent Regiesseur Jim Jarmusch (hier Drehbuch und Regie) wurde eigentlich als halbe Komödie angeboten. Betrachtet man die tiefenpsychologischen Ereignisse des Film, dann sieht man einen Film der durch tiefe Traurigkeit geprägt ist. Der Film überläßt vieles dem Zuschauer und hinterläßt, wenn man nicht sehr genau hinsieht und aufpaßt, dem Zuschauer sich selbst.

Der wohlhabende Computerexperte Don Johnston (Bill Murray, mein Gott Bill, bist du alt geworden!) lebt ein zurückgezogenes, ereignislosses Leben in einem Wohlstands-Haus. Sein Leben wird noch ereignisloser nach dem ihn seine viel jüngere Freundin Sherry (July Delphie, z.B. Hauptrolle in „Before Sunset“) den Laufpaß gibt. Don kann sich nicht auf eine Beziehung festlegen und ist unfähig und unwillens eine Partnerschaft mit eigenen Kindern aufzubauen. Don wird im Film auch als Mann geschildert der von wesentlich jüngeren Frauen angetan ist und es nicht kontrollieren kann dass er auf attraktive, jüngere Frauen sensibilisiert ist.
Die Protagonisten Figur findet kurz darauf einen mysteriösen, pinkfarbenen Brief in seiner Post, in dem eine frühere Freundinen vorgibt, dass sie vom ihm einen Sohn hat, der bereits 19-jährig ist. Sein Nachbar Winston (Jeffrey Wright), welcher gerne Kriminalgeschichten analysiert, nimmt sich des Briefes an und beginnt Dons Vergangenheit zu erforschen. Das Ergebnis ist eine Liste von Dons ehemaligen Beziehungen und ein kompletter Reiseplan und Wohnortsangaben seiner lange vergessen geglaubten Beziehungen. Don zeigt sich zunächst befremdet von der Idee seine Exfreundinnen aus den 70-igern nacheinander aufzusuchen, um nach seinem Sohn zu forschen. Auf Grund des motivierenden Einflusses seines Nachbarn Winstons, macht er sich jedoch auf den Weg und sucht nacheinander vier Frauen auf, die als Mütter für seinen vermeintlichen Sohn in Frage kommen. Als erstes begegnet er Laura (Sharon Stone) und ihrer hübschen, sexy Tochter Lolita. Der Überraschungsbesuch bei Laura ist ein voller Erfolg, sie ist glücklich ihn wiederzusehen. Prompt verbringt er auch die Nacht bei Laura, verabschiedet sich jedoch rührselig von ihr und ihrer Tochter am nächsten Vormittag.
Nacheinander sucht er nun drei weitere Exfreundinen auf, findet jedoch bei keiner den erwarteten Sohn vor. Bei der brünetten Dora, der zweiten Begegnung, die in einer kühlen, nüchterne Beziehung mit ihrem Mann lebt, findet er nicht sein vergangenes Leben wieder. Dora lebt mit ihrem Mann in einer Musterhaussiedlung, sie erscheint Don nicht gerade glücklich, entsprechend unterkühlt ist auch das Ambiente in dem Don sie wiedertrifft.
Seine dritte Begegnung ist Carmen, die eine Tierpsychologische Praxis unterhält. Auch hier verläuft das Wiedersehen mit Distanz und nur mit geringer Erinnerung an Gemeinsamkeiten. Als letztes findet Don seine Exfreundin Penny, die zusammen mit Rockern auf einem Gehöft, auf dem Land lebt. Schon der erste Eindruck von Pennys Freunden verheißt nicht gerade Gutes. Don klopft an Pennys Tür, sie erscheint und erkennt ihn auch wieder, auf seine Frage nach einem Sohn hin gibt sich Penny beleidigt. Das ruft Pennys Rockerfreunde auf den Plan, die darauf Don festhalten und schließlich niederschlagen. Etwas schwer angeschlagen begiebt sich Don auf den Weg zu seiner letzten Exfreundin. Diese ist verstorben; er vernachlässigt es nicht das Grab auf dem Friedhof aufzusuchen. Nur hier, am Grab der längst verstorbenen Exfreundin, ist es Don möglich tatsächliche Emotionen zu zeigen, während er bei allen anderen Begenungen ein stoisches, fast bewegungsloses Gesicht zeigt. Der Film versäumt es auch hier nicht Dons Erlebniswelt zu schildern, die kurzen Einstellungen auf dem Friedhof sind kurz aber ausführlich genug, um seine Trauer und Erinnerung zu zeigen.

Der Film lebt stets vom Gegensatz der innneren Gefühlswelt und der einfachen, sparsamen Mimik Bill Murrays.
Die Produktion erinnert etwas von der Idee her an „About Smith“ mit Jack Nicholson in der Titelrolle. Auch ist die gesamte etwas absurde Atmosphäre des Film ähnelt derer von „About Smith“. Die Grundidee beider Produktion ist: alt gewordener Mann sucht nach neuem Leben. Beide Personen, Jack Nicholson in „About Smith“ und Bill Murray in „Brocken Flowers“ finden zwar auf der Suche nach neuem, alten Leben das vorrübergehende roadmoviehafte Abenteuer, müssen zum Schluß aber erkennen, dass sie mit der Realität konfrontiert werden und ihr eigentliches Leben hinter ihnen liegt und sie dieses nicht fälschen können.

Für Freunde realistischer, ungeschminkter Beziehungen und für Freunde der trockenen Dramatik ist dieser Film das Richtige. Der Film wird vielerorts auch als Komödie angekündigt. Wer den Film mit einiger Lebenserfahrung sieht, erkennt aber höchstens ein Drama und nur eine Komödie wenn man trotzdem lacht. Ein brillierender Bill Murray der nicht besser hätte ausgesucht werden können. Höchstens Jack Nicholson hätte die Odysse des angealterten Don kaum besser darstellen können. Der Titel „Brocken Flowers“ kann man natürlich als Schlüssel zum Verlauf des Films sehen, da Don bei jeder Exfreundin mit Blumen in der Tür steht oder auf dem Friedhof erscheint, bei keiner findet er aber seinen imaginären Sohn. Auch der Name des Protagonisten ist ein Schlüssel zum Film, Don ist wahrscheinlich die Anlehnung an „Don Juan“, der in diesem Film angealtert ist und nun erkennen muß daß sein Leben hinter ihm und die Blumen der Eroberung zerbrochen sind ("Broken Flowers").

Zurückgekehrt von seiner Odyssee zu den Exfreundinen findet er noch einen zweiten Brief in seiner Post vor, der jedoch nicht mit der Post befördert wurde und nur seinen Vornamen als Adresse enthält.
Er trifft sich mit Winston in einem Imbiss. Don sagt :“Ich habe mein Leben gelebt, Winston“. Don ist nun überzeugt dass er nicht ein neues Leben im alten Leben finden wird. Winston versucht in der gesamten Reise einen Erfolg zu sehen und versucht Don davon zu überzeugen. Don sieht das nicht so, er verdächtigt sogar Winston den Brief geschrieben zu haben. Es bleibt etwas unklar wer nun den ominösen, rosanen Brief geschrieben hat, der die Reise auslöste. Letztlich kommt wohl Sherry in Betracht, die Don den ersten und zweiten Brief geschrieben hat.
In der Schlußsequenz geraten Dons Nachforschungen nach dem imaginären Sohn zur Obzession, in dem er einen rucksackreisenden jungen Mann zu einem Sandwich überreden kann. Dieser ist aber panisch verschreckt und flüchtet, nach dem Don ihn mit seiner Idee belastet, dass dieser sein Sohn sein könnte und es vielleicht sogar ist.
Einsam bleibt Don zurück, seinen Sohn hat er nicht gefunden, bei seinen Exbeziehungen ist er nicht fündig geworden. Obwohl die Begenung mit Laura (Sharon Stone), zu Begin seiner Reise, so gut ausgegangen ist und er wahrscheinlich bei ihr hätte bleiben können, bleibt er am Ende allein zurück. Auch in dieser Begenung zeigt sich die Bindungsunfähigkeit der Figur des Protagonisten Don.
Ist der Film nun ein Drama, ist der Film eine Komödie? Er hat von jedem etwas. Für Leute die kühlen, actionarmen Realismus und die in Filmen gerne die subtile, innere Handlung verfolgen, ist dieser Film genau das Richtige. Man muß der Kritik recht geben dass dieser Film eine wunderbare lakonische Komödie ist. Letztlich ist so eine Produktion nur von einem Independent-Regiesseur und Drehbuchautor wie Jim Jarmusch möglich, dem man zu diesem Ergebnis nur gratulieren kann. Fern ab vom Mainstream-Kino haben wir hier einen Film, der etwas mehr von einem Kunstwerk an sich hat und nicht nur darauf bedacht ist die Kasse klingeln zu lassen.
Der Film ist eigentlich für die USA untypisch, da es in den USA den Typ des „Filmemachers“ nicht gibt, auch hier scheint Jarmusch eine Ausnahme zu sein.

Broken Flowers

Bill Murray: Don Johnston
Jeffrey Wright: Winston
Sharon Stone: Laura
Frances Conroy: Dora
Jessica Lang: Carmen
Tilda Swinton: Penny
Julie Delpy: Sherry
Jim Jarmusch: Regie + Drehbuch
John Kilk,Stacey Smith, Jim Jarmusch: Produzenten

Original-Titel: BROKEN FLOWERS
Kinostart: 08.09.2005
Produktionsland-, jahr: USA 2005