Ich finde, es ist längst an der Zeit, einen der eindrucksvollsten und schönsten Filme unserer Zeit mit einer Kritik und ausführlicheren Gedankengängen endlich auch in diesem Forum zu würdigen! Auch wenn die Länge anschreckend wirken mag. Vielleicht verschlägt es ja trotzdem den einen oder anderen Liebhaber und vor allem auch Feind dieses Meisterwerks hierher und eventuell kann Letzterer ja so nachvollziehen, wieso davon für so manchen eine derartig goße Faszination ausgeht.

Auf diejenigen von uns, die den Film bereits gesehen haben, trifft meist eine von zwei Reaktionen zu: Entweder wurden sie von gähnender Langeweile befallen und ein großes Fragezeichen machte sich breit, wie man denn so lange über Männer, die im Gras umher robben, einen Film drehen könne oder aber sie wurden von etwas gefangen genommen, was sich so mancher nicht sofort erklären konnte, aber was sich nicht völlig vertreiben ließ! Sei es die meditative Inszenierung, die wunderschönen Naturaufnahmen, die inneren Monologe, der traumhafte Score oder die philosophische Note - irgendetwas war der Köder und je öfter man sich den Film ansah, desto mehr verschmolzen alle Faktoren zu einem einzigartigen Erlebnis.

Ich selbst zähle mich auch zur zweiten „Sorte“ und kann nicht behaupten, dass mich „The Thin Red Line“ sofort beim erstmaligen Sehen umgehauen hätte. Vielleicht war ich damals auch etwas zu jung, als dass ich dieses so viel größere Werk gleich beim ersten Mal auch nur ansatzweise erfassen konnte, aber ich denke, auch dem reiferen Betrachter – zumindest dem Großteil - genügt eine einmalige Sichtung des Films lange nicht, um darüber ausreichend reflektieren zu können. Jedenfalls verschwand der Film danach lange aus meinem Kopf und erst, als er wieder im Fernsehen kam, fühlte ich mich wieder zu ihm hingezogen. Ich konnte zwar nicht auf Anhieb sagen, was genau mich reizte ihn wiederanzusehen, denn leichte Kost ist er nun wirklich nicht, aber da war was und langsam zeichneten sich die oben genannten Faktoren in meinem Kopf ab. Seit dem stieg dieses Kunstwerk immer weiter in meiner Gunst bis es schließlich die Spitze erklomm, von wo es wahscheinlich nur sehr schwer jemals wieder vertrieben werden kann.

Zum Inhalt nur soviel: Die Handlung, gestrickt um die Romanvorlage vom James Jones, dreht sich um eine Kompanie amerikanischer Soldaten im 2. Weltkrieg, die unter der Führung von Colonel Tall (Nick Nolte) die Südsee-Insel Guadalcanal, eine Schlüsselstelle im Kampf um die Herrschafft des Pazifiks, einnehmen sollen. Dabei werden im Laufe des Films, auch untertützt duch die inneren Monologe eine Reihe von meist hochkarätig besetzten Charakteren vorgestellt, so dass eine klare Hauptrolle schwer auszumachen ist. Das Hauptaugenmerk aber liegt, zumindest meinem Empfinden nach, auf Sergant Welsh (Sean Penn) und Private Witt (Jim Caviezel), von denen Letzterer einen stillen Querdenker und quasi den roten Faden der Story darstellt. Im Laufe des Films tauchen auch noch weitere personelle Eckpunkte - jeweils mit ihrer eigenen geschichte - auf. Als da wären ein degradierter Soldat, der von Sehnsuch nach seiner Liebsten geplagt ist und ein Captain, der seine Position im Streit zwischen Gehorsam, Verantwortung und Courage zu finden sucht.

Obwohl es sich um einen (Anti-)Kriegsfilm handelt, spielen die Gefechtshandlungen im Film eine eher untergeordnete Rolle. Damit reduziert sich auch der Anteil der Actionszenen auf ein kleines Maß, was sicher einige, die sich eine Art 2. „James Ryan“ erwarteten, enttäuscht aus den Kinos gehen ließ. Stattdessen wird viel mehr Wert auf die Soldaten selbst, auf ihre Gedanken, Gefühle, Ängste und Sorgen gelegt. Wer sich genau mit dem Innenleben der Soldaten auseinandersetzt, bekommt einen ganz anderen Aspekt des Krieges geboten. Die „Verwandlung“ vom naiven GI zum kranken Psycho konnten wir schon oft mitverfolgen und auch schockierende, durch ihre Gewaltdarstellung abstoßende Streifen des Genre gibt es einige, aber ein derartig tiefes Eintauchen in die Gedanken des einzelnen Soldaten, wie man es hier erlebt, wohl kaum.

Ein besonderes Merkmal des Films ist das poetische Niveau, auf dem sich das Ganze dabei abspielt. Oft erscheinen einem die sogenannten „Voiceover“, die Stimmen aus dem Off, unnatürlich dichterisch und phasenweise sogar philosophisch. Die Protagonisten sinnieren über hochtrabende Vergleiche und Bilder. Die Bindung zur Realität gerät somit in den Hintergrund und bald hat der Zuschauer auch nicht mehr unbedingt das Gefühl sich inmitten des 2. Weltkrieges zu bewegen, sondern er findet sich langsam aber sicher in einer ganz eigenen und völlig neuen Welt wieder, was nicht zuletzt dem Schauplatz des Geschehens - eine tropische Pazifikinsel - zu verdanken ist. Dem Film wurde einmal vorgeworfen, er romantisiere den Krieg durch seine wunderschöne Kulisse und es sei nicht „dreckig“ und abstoßend genug, was noch dadurch verstärkt wird, dass im ganzen Film (abgesehen von einer Szene) keine abgetrennten Gliedmaßen, herausquillenden Eingeweide oder sonstige überaus blutige Einstellungen zu sehen sind. Das mag im ersten Moment sogar plausibel klingen, bei genauerer Betrachtung aber stellt sich diese makellose Natur bald als ein Kontrastmittel zum Geschehen auf dem Schlachtfeld herraus, als das Paradies, das uns vorgehalten wird und was wir, die Menschen, im Begriff sind zu zerstören.

Wenn ich gefragt werde, was ich an diesem Film so besonders finde gebe ich sinngemäß meist folgende Antwort:
Man kann den Gedankengängen der Charaktere nachgehen und versuchen ihre Gefühle zu erraten, während man in langen Einstellungen ihr Gesicht mustert. Man kann seinen eigenen Gedanken nachgehen, sich dabei von der meditativen Bildführung inspirieren lassen und sich dem Zusammenspiel vom Musik und Bildkomposition hingeben. Man kann sich an der Unnahbarkeit des Werkes erfreuen, das nie den Eindruck erweckt es jemals vollkommen erfassen zu können und es so noch größer erscheinen lässt...
Kurzum:

Man kann in diese Welt eintauchen und sich in ihr verlieren!

Dieser Film schreibt dem Zuschauer nicht vor, was er zu denken hat, er gibt wenn überhaupt nur Denkanstöße und auch dann lässt er die Richtung der Entfaltung offen. Durch die bereits mehrfach erwähnte meditative Inszenierung überträgt sich dabei die Ruhe vom Film langsam auch auf den Zuschauer und hinterlässt im Falle des Gelingens einen überwältigenden Eindruck und das Gefühl etwas wirklich Großartiges und Einzigartiges gesehen, gehört und erlebt zu haben.