Dead Man Walking, so nennen zynischerweise die Gefängniswärter den letzten Gang der zum Tode Verurteilten zu eigentlichen Exekution. Tim Robbins Film über die Todesstrafe basiert auf das gleichnamige Buch der Nonne Helen Prejean, die im Film von Susan Sarandon gespielt wird und dafür mit dem Oscar ausgezeichnet wurde.

Die Nonne Helen Prejean willigt aus christlicher Motivation heraus der Bitte des Todeskandidaten Matthew Poncelet (Sean Penn) ein, ihm bei seinen Berufungsanliegen zu unterstützen und in den letzten Tagen und Stunden im Gefängnis ihm beizustehen. Poncelet wurde wegen Vergewaltigung und bestialischem Mord an zwei Teenager zum Tode verurteilt, während sein Komplize durch einen besseren Anwalt der Todesstrafe entging. Während Prejean versucht, Poncelet vor der menschenunwürdigen Strafe zu bewahren und gleichzeitig an Poncelets Menschlichkeit zu appellieren, um ihn in den letzten Momenten zur Reue zu bewegen, erweist sich Poncelet als unnachgiebiger, rassistischer Unmensch, der jegliche Verantwortung leugnet und die Schuld auf alles Mögliche, sei es Armut, Politik, Komplize oder Drogen schiebt. Fast bis zum Schluss missbraucht und missversteht er die Hilfe Prejeans für seine Zwecke.

Tim Robbins Film über die Todesstrafe erweist sich als sehr sensibles Werk, das minutiös alle Seiten und Perspektiven der Todesstrafe durchleuchtet und thematisiert, ohne sich dabei auf etwas zu versteifen oder zu verklären. Langsam wird der Zuschauer zusammen mit der Protagonistin an die Umstände und den sozialen Wirkungen der Todesstrafe herangeführt und lässt dabei nichts aus. Darüber hinaus werden Dinge angesprochen an denen man wahrscheinlich selbst nicht denkt, wenn man seinen Standpunkt zu diesem schwierigem Thema finden will. Der Film analysiert in Form der Plädoyers analytisch die rationalen, ethischen und juristischen Pros und Contras der Todesstrafe, lässt aber auch die emotionalen Aspekte keineswegs aus, wenn er anfängt, die Gefühle der Familien der Opfer und der Täter zu beschreiben. Die emotionalsten Szenen u.a. im Film sind dabei sicherlich die, wenn die Eltern mit Stolz über ihre ermordeten Kinder erzählen oder die Verabschiedung Poncelets Familie von ihm, bei der seine Mutter am Schluss mit den Worten „Wenn ich die Arme um meinen Jungen gehabt hätte, ich hätte nie wieder losgelassen.“ zusammenbricht.

Nebenbei zeigt der Film die Nebenaspekte der Todesstrafe. Ihre kalte, technokratische Vorbereitung und Umsetzung („Das ist mein Job: das linke Bein.“) wird genauso dargestellt wie die sozialen Wirkungen, wenn die Familien der Opfer und Täter auf ihre verschiedenen Weisen leiden. Mitstreiter und Prejean selbst vernachlässigen ihre Mitmenschen. Auswüchse, wie betende und gleichzeitig jubelnde Menschen nach einer vollzogenen Exekution, entstehen durch die aufgehetzte Stimmung der Medien.

Prejean, die aus ihrem Glauben heraus von Anfang an gegen die Todesstrafe ist, kommt bei ihrer Aufgabe selbst in Konflikte und Selbstzweifel. Sie ist gezwungen sich mit den Vorwürfen und dem Unverständnis der Opfer, Mitmenschen und sogar Arbeitskollegen auseinanderzusetzen und sich zu rechtfertigen, die ihre Absicht als Beleidigung oder Vernachlässigung empfinden. Ihre anfangs naive, ethische-christliche Haltung gegen die Todesstrafe muss sie immer mehr zu einer differenzierteren Haltung entwickeln, wenn sie sich ihrer Arbeit treu bleiben will.


Tim Robbins schafft mit seinem Film etwas, was man aufgrund der kontroversen Thematik nicht für möglich hält. Obwohl der Film sich durch die Sicht von Prejean anscheinend gegen die Todesstrafe stellt, bezieht er dennoch keinerlei Position und gibt auch kein Urteil darüber ab. Das einzige Postulat, welches der Film einfordert, ist Menschlichkeit, was vor allem vom großartigen Schauspiel von Sarandon und Penn getragen wird. Ohne große Effekte oder Kamerafahrten (die Einblendungen des Verbrechens mal ausgenommen) wird der Zuschauer an das Thema herangebracht und wird dabei nicht moralinsauer.
Dead Man Walking zeigt alle Seiten der Todesstrafe auf, ohne dabei zu urteilen, und verfehlt dennoch nicht seine Wirkung. Das Urteil überlässt er gänzlich dem Zuschauer, der am Ende des Filmes durch den Tod Poncelets im Wechselspiel mit den Rückblenden der tatsächlichen Tat, die im Gegensatz zu Poncelets Lügenversionen in Farbe gezeigt werden, noch einmal emotional aufgewühlt wird, was letztendlich in der Spiegelung der Ermordeten als zuschauende „Geister“ im Glas zusammen mit dem sterbenden Körper Poncelets seinen Höhepunkt findet.

Dead Man Walking berührt nicht nur und macht nachdenklich, sondern regt auch zur eigenen Diskussion und zur persönlichen Urteilsfindung an, und liefert dabei die Argumente für beide Seiten. Welche davon die Richtigen und Bedeutenden sind, bleibt einem selbst überlassen.