Jazzclub - Der frühe Vogel fängt den Wurm
Regie: Helge Schneider; mit: Helge Schneider, Andreas Kunze, Jimmy Wood, Pete York; Deutschland 2004; 84 Minuten

Von Markus Oswald


Helge Schneider ist eine Offenbarung. Und zwar in jeder Hinsicht: musikalisch - Schneider ist Multi-Instrumentalist und einer der kreativsten und sensibelsten, gleichzeitig humvorvollsten Jazzer, die ich kenne -, aber auch als Autor, Realist und Radikal-Existenzialist ist er einer der genialsten Köpfe aller Epochen. Helge Schneiders Humor ist wie göttlicher Freejazz - ohne Grenzen, ohne Konventionen, ohne Anfang & ohne Ende, aber von beeindruckender Authentizität und (Dis-)Harmonie.
Wer ihn live auf seinen Konzerten erlebt hat, weiß wie es ist, den Tränen nahe zu sein vor Begeisterung darüber, ein solches Naturereignis und seine sprachlichen und musikalischen Spontan-Improvisationen erleben zu dürfen.
Oder eben seine Filme: Texas, Null Null Schneider, Praxis Dr Hasenbein und aktuell: Jazzclub - Der frühe Vogel fängt den Wurm.
Dieser Film, Jazzclub, ist meisterhafter als seine drei ohnehin schon großartigen Vorgänger. Weil er seine Themen konzentrierter und prägnanter, kurzum: pointierter und damit noch direkter behandelt. Helge Schneiders neuester Film schlägt einen Bogen vom kompromisslosen Realismus eines Fassbinder zur psychoanalytischen Melancholie Woody Allens, nicht ohne die typisch schneidersche Methode, einen in jeder Szene aus gänzlich unerwarteter Ecke einbrechenden Surrealismus, dort einzusetzen, wo das Bewusstsein der vollkommenen Authentizität des Werks dem Zuschauer den Abgrund vor den Füßen aufzureissen droht.
Jazzclub ist aus filmischer Sicht (diese Kameraeinstellungen!, diese Schnitte!), vor allem aber inhaltlich ein großer Film über das gegenwärtige Deutschland oder besser: über seine überall vorhandenen Abgründe - Arbeitslosigkeit, Ausnutzung, Ausverkauf der Religionen, Kommunikationsunfähigkeit, Ungerechtigkeit, Einsamkeit in Paarbeziehungen und nicht zuletzt des Deutschen Abneigung gegen Kunst, die er nicht auf Anhieb versteht.
Und die Hoffnung! Im schneiderschen Sinne ist sie, was sie nicht erst seit Cioran tatsächlich immer war: Einführung von Irrsinn in die Logik; es gibt sie nicht, nicht für den Jazz, nicht für die Menschen, erst recht nicht in Deutschland. Und die Rettung kann nur von einem anderen Planeten kommen. Denn der unsrige ist ohnehin verloren: kulturell schon lange, menschlich sehr viel länger.
Mit Jazzclub bestätigt Helge Schneider, was wir immer ahnten: dass er ein Genie im wahrsten und echtesten und größten und schönsten Sinne des Wortes und mit Sicherheit der beste lebende deutsche Autorenfilmer ist. Er ist mit nichts, und nichts ist mit ihm vergleichbar. Wir müssen ihn lieben, ihn vergöttern, ihn anbeten. Dafür, dass er nicht mit sich machen lässt, was andere wollen, oder um es mit Tucholsky zu sagen: "Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit befinden und laut zu sagen: Nein!" Helge Schneider hat soviel Charakter. Er lässt die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit mit einem Grunzen Revue passieren, nur um dann in die Zukunft - oder seine äußerst vergeistigte Vorstellung davon - zu schauen. Ich erlaube mir die Prophezeiung, dass Helge Schneiders wahres Genie von den meisten erst erkannt werden wird, wenn lange Zeit vergangen ist. So war und ist es, und so wird es auch immer sein mit den großen Künstlern und Menschen.
Abgesehen davon: Ich habe seit langem nicht mehr über 80 Minuten unterm Kinosessel gelegen vor Lachen.

Unbedingt ansehen!



(Anmerkung: diese Kritik setzt sich größtenteils zusammen aus mehreren Postings von mir im Jazzclub-Topic und wurde nur slightly überarbeitet, ergänzt & geglättet)