Vozvrashcheniye (The Return - Die Rückkehr, 2003)

Regie: Andrei Zvyagintsev
Premiere: 04. September 2003 (Montreal Film Festival, Kanada)
Drehbuch: Vladimir Moiseyenko & Aleksandr Novototsky
Dt.Start: 01. April 2004
Genre: Drama
Land: Rußland
Länge: 105 min
Cast: Vladimir Garin (Andrey), Ivan Dobronravov (Iwan), Konstantin Lavronenko (Vater), Natalya Vdovina (Mutter), Galina Petrova (Großmutter)


Es ist wohl die Kraft der Inszenierung, die eindringlichen Bilder der russischen Landschaft, die den Film bei so vielen Internationalen Festivals so beliebt gemacht hat und es ist wohl der Gehalt der Geschichte, das packende Vater-Sohn Drama, der dafür sorgte, dass das Debut des 40-jährigen Andrei Zvyagintsev mit Auszeichnungen regelrecht überschüttet wurde, darunter auch der Goldene Löwe auf dem 60. Festival von Venedig.

Es ist eine mythologische Welt, aus der die Figuren von Vozvrashcheniye entspringen. Eine Welt in der die Geschlechterrollen noch eine klare Zuordnung und Bestimmung haben: Die Mutter kümmert sich um die Kinder schenkt ihnen all ihre Liebe und Fürsorge während der Vater für die Erziehung zur Disziplin verantwortlich ist. Ausgangspunkt des Filmes ist aber eine Familie in einer russischen Provinz, deren Kinder ohne Vater aufgewachsen sind. Zu Beginn sehen wir die beiden Brüder Andrey und Iwan zusammen mit einigen Freunden wie sie als Mutprobe von einem hohen Turm ins Wasser springen. Nur der jüngere Bruder Iwan springt nicht, obwohl ihm die Anderen drohen ihn als Feigling und Idiot abzustempeln. Einsam kauert er sich auf dem Sprungturm zusammen, während seine Freunde ihn zurücklassen. Er hat Höhenangst und deshalb schämt er sich, da er sich nicht traut zu springen. Er klettert aber auch die Treppe nicht herunter sondern bleibt noch lange auf dem Sprungturm sitzen. Erst als seine Mutter kommt und ihm verspricht, dass sie niemandem davon erzählt ist er bereit vom Turm zu klettern.

Als der Vater völlig überraschend nach zwölf Jahren Abwesenheit heimkehrt, kehrt auch die Ordnung in die Familie ein. Es wird niemals ausgesprochen wo der Vater war oder warum er fort war. Die Mutter hat den Söhnen zwar gesagt, dass er ein Flieger ist, doch die beiden Jungen (oder zumindest Ivan) zweifeln daran, genauso wie wir als Betrachter. Er bleibt mysteriös und beängstigend. Es scheint so als wenn der Vater nun seine Kinder im Nachhinein erziehen möchte und ihnen Disziplin lehren will. Auf einem Ausflug will er seine beiden Söhne besser kennen lernen. Er fordert, dass sie ihn mit Respekt behandeln und ihm mit Papa anreden. Doch Iwan weigert sich, denn er ist misstrauisch. Er glaubt (oder will es nicht glauben), dass der große, kräftige Mann mit dem steinernden Gesicht sein Vater ist. Es wird deutlich, dass Iwan am stärksten von der Abwesenheit des Vaters geprägt wurde. Er sehnte sich nach einem Vater und kann seine Anwesenheit nun doch nicht ertragen (auch die oben geschilderte Eingangsszene erscheint nun in einem anderen Licht). Wenn er wiederholt fragt was denn der Vater überhaupt von ihnen wolle, er brauche sie doch gar nicht, so wird seine Wut deutlich. Aus der Wut wird Hass. In der stärksten Szene des Films schreit der Junge seinem Vater ins Gesicht, dass er ihn lieb haben könnte wenn er anders wäre, doch so hasse er ihn. Aus seiner unerfüllten Sehnsucht nach Vaterliebe entwickelte sich tiefer Hass auf den Vater. Sein Bruder Andrey hingegen bildet den Gegenpol zu Iwan. Er ist folgsam, respektiert den Vater und ahmt ihn sogar nach.

Um die wahre Tiefe des Films zu verstehen muss man die vielen mythologischen und biblischen Bezüge beachten. Zvyagintsev führt uns auf die Spur des Alten Testaments und weist auf die Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaak: Um seine volle Liebe zu Gott zu beweisen, soll Abraham Gehorsam zeigen und seinen Sohn Isaak opfern. Diese bekannte Geschichte dreht der Film um und überträgt sie auf Iwan und seinen Vater: Aus Liebe wird Hass, aus Gehorsam wird Ungehorsam und aus dem Opfer wird Selbstmord. Durch durchgehende Provokationen zeigt Iwan immer wieder seinen Hass. Er weigert sich seine Suppe zu essen, stiehlt dem Vater ein Messer und wirft seine Essensschale in den See. Es kommt zum Höhepunkt, als die beiden Brüder erst Stunden nach der verabredeten Zeit vom Angeln zurückkehren. In einer Szene von bestürzender Wucht eskaliert die ständige Spannung. Ivan ist nun zu seinem Opfer bereit, das zugleich die Überwindung seiner Angst bedeutet. Doch dann geschieht ein Unglück, das die ganze Geschichte ändert.

Wie oben schon erwänht ist es neben der tragischen Geschichte auch die Inszenierung die dem Film diese mythische Kraft verleiht. Zvyagintsev erschuf zusammen mit seinem Kameramann Michail Kritschman faszinierende Bilder von unendlicher Schönheit. Das matte Glänzen des Sees oder die unfassbare Größe des Himmels sind trockene, raue Bilder, die die Weite und Kühle der russischen Landschaft in matten, grauen Farben widerspiegeln. Wenn Iwan von seinem Vater auf einer einsamen Brücke zurückgelassen wird und dort Stundenlang ausharrt, so ist der einsetzende Regen nicht nur ein kraftvolles Bild, sondern zugleich Ausdruck seiner inneren Verfassung. So sind alle Bilder nicht nur kraftvoll und schön, sondern sind immer zugleich Seelenlandschaften.
Man muss den Film wohl in eine Reihe stellen mit American Beauty und Amorres Perros, deren Regisseure ähnliches Geleistet haben. Sam Mendes, Alejandro González Iñárritu und Andrei Zvyagintsev sie alle drehten in den letzten Jahren ihre Debutfilme und legten damit einen faszinierenden Grundstein für eine hoffentlich ebenso faszinierende Karriere.