Lichter (2003)

Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Hans-Christian Schmid, Michael Gutmann
Land: Deutschland
FSK. ab 12
Länge: 105 min.

Darsteller: Ivan Shevdoff (Kolja), Sergeij Folov (Dimitri), August Diehl (Philip), Sebastian Urzendowsky (Andreas), Anna Janowskaja (Anna), Alice Dwyer (Katharina) u.v.m.


Lichter erzählt in fünf Episoden von den Menschen an der Deutsch-Polnischen Grenze. Er schildert innerhalb von zwei Tagen die Schicksale von den Menschen der deutschen Seite in Frankfurt/Oder, genauso wie von der polnischen Seite in Slubice, derenSituation vom hoffen, kämpfen, betügen und verzweifeln bestimmt wird.


Hört man den Inhalt von Lichter dem neuen Film von Hans-Christian Schmid, so wird man unweigerlich an einen ähnlichen Film aus dem vergangenen Jahr errinnert. Wie eben der mit der Silbernen Lola bedachte Lichter, bescherte uns auch Halbe Treppe von Andreas Dresen im letzten Jahr einen realitätsnahen Blick auf Frankfurt/Oder. Die kleine Stadt mit ihrem eindrücklichem Oderturm direkt an der polnischen Grenze scheint ihren ganz eigenen Reiz auszuüben, so dass sich innerhalb kürzester Zeit gleich zwei Filme die Kleinstadt als Handlungsort wählten. Während uns Dresens wundebarer Film Einblick in die Sorgen zweier befreundeter Familien gab, fokussiert Schmid den Alltag an der Grenze zu dem kleinen Ort Slubice in Polen. Er greift hier in fünf Erzählsträngen die Schicksale von verschiedensten Menschen beider Länder heraus und beobachtet ihr so gar nicht alltägliches Leben über zwei Tage. Man merkt wie Schmid gegenüber seinen letzten Filmen 23 und Crazy gereift ist, und das nicht nur aufgrund des Themas, das sich erstmals nicht um die Entwicklung Jugendlicher zu Erwachsenen dreht. Zusammen mit seinen erprobten Produzenten "Claussen + Wöbke" liefert er einen, mitfühlsamen und menschlichen, mit sicherer Hand inszenierten Episodenfilm, der einer der besten Beiträge zum deutschen Film der letzten Jahre ist und zumindest die bis dato beste deutsche Produktion dieses Jahres.
Es scheint auf den ersten Blick eine dunkle Welt zu sein, die uns Schmid präsentiert, voll tragischer Figuren deren große Hoffnung und Zuversicht an der Wahrheit scheitert, deren Träume und Wünsche an der Eigensinnigkeit und dem Egoismus der Welt zerplatzen. Doch in dieser Welt und unter den Figuren gibt es auch Menschen die wie Lichter in dieser düsteren Welt sind und mit ihrem Schein ihre Umwelt zum Leuchten bringen, indem sie einfach nur ehrlich und aus nächstenliebe handeln.
Ganz unvermittelt beginnt Lichter mit einer Gruppe ukrainischer Flüchtlinge, die von einem LKW scheinbar in Deutschand abgesetzt werden. Bald stellt sich jedoch heraus, dass sie nur in Polen sind und somit immer noch über die deutsche Grenze müssen. Einige werden bei dem Versuch die Oder auf eigene Faust schwimmend zu überqueren vom Bundesgrenzschutz ertappt. Ein Ehepaar mit einem Baby will es aber nochmal mit Hilfe eines Schleppers versuchen und begibt sich auf die verzweifelte Suche nach Hilfe die sie von einem armen Taxifahrer erhalten, der dringend Geld für das Kommunionskleid seiner Tochter benötigt. . Einer der vom BGS ertappten Flüchtlinge der um jeden Preis nach Berlin will, erhält unerhoffte Hilfe von der Dolmetscherin auf der Polizeistation. Desweiteren schaut der Film auf drei jugendliche Schmuggler und deren Liebesprobleme, einen vor dem Bankrott stehenden Matratzenverkäufer, der versucht seinen Laden zu retten und einen jungen Architekten der unerwartet mit seiner alten Liebe konfrontiert wird. Alle Episoden zeichnen sich durch ihre eigene mitreißende Geschichte mit ihren ganz eigenen Figuren aus, sowie dem Realismus mit dem sie in Szene gesetzt ist. Es wird deutlich, dass die Grenze für viele ein Ort ist an dem ihr Schicksal eine entscheidene Wendung erhält.
Zwischen all den Episoden und Figuren springt Schmid virtous hin und her und verliert doch niemals den Überblick, sondern behält stets die Fäden in der Hand. Mit teilweise sehr wackeliger Handkamera schaffen die Bilder oft eine grandiose Nähe zu den teilweise großartigen Charakteren, die wirklich wie aus dem Leben gegriffen zu sein scheinen.
Vielleicht, ist dies ein Grund warum die Frankfurter Allgemeine so wahr über den Film schrieb: "Wenn man Lichter sieht, ist es als trete man mit neuen Augen aus dem Kino!"
Man scheint wirklich etwas anderes ungewohntes zu sehen, wenn man das Kino verlässt, und es sind vor allem den Menschen denen man anders begegnet. Ich glaube der Grund hierfür, liegt in der einfachen Tatsache, dass Schmid für jede einzelene seiner sensibel gestalteten Figuren Mitgefühl und Verständnis zeigt. Jeder Wunsch, jede Hoffnung und jede Situation der Menschen ist so simpel und einleuchtend, dass man einfach Verständniss dafür zeigen muss. So beispielsweise auch bei Kolja, der mit Hilfe der Dolmetscherin die Grenze überquert und und zum Potsdamer Platz kommt, bei dem ein Verwandter von ihm mitgebaut hat und dem er Versprochen hat sobald er in Berlin sei Fotos der neugebauten Hochhhäuser zu schicken, da dieser sie noch nie gesehen hat. Und als er schließlich dort ankommt freudig und neugierig wie ein kleines Kind, so zeigt man auch hier Verständniss, dass er die Kamera der Dolmetscherin gestohlen hat, die ihn bis zum Potsdamer Platz gebracht hat. Bei mir wirkte dieses Mitgefühl auf jeden Fall noch lange nach dem ich das Kino verlassen hatte und auf dem Weg nach Hause war. Jeder Menschen begegnete ich mit mehr Verständniss, ob es nun "Landstreicher" oder Bettler waren (von denen es in Berlin nicht wenig gibt), bei jedem war mir bewußt, dass es einen Grund für seine Situation gibt. Hierin liegt wohl die größte Stärke des Films.