No Man’s Land

2001, Bosnien-Herzegovina

98 min., Farbe

Darsteller:

Branko Djuric (Chiki)
Rene Bitorajac (Nino)
Filip Savogivic (Cera)

Musik & Drehbuch: Danis Tanovic

Kamera: Walter Vanden Ende

Regie: Danis Tanovic


Es ist traurig, aber Danis Tanovics’ Regiedebüt No Man’s Land ist ein realistischer Heimatfilm. Es ist ein Film über den Hass und über die Menschen, die nur dieser Hass verbindet. Es ist ein Film über die kleinen, verrückten Geschichten, die im Krieg passieren, und die das Leben der Beteiligten verändern.

Diese Geschichte beginnt an einem lauen Sommermorgen, irgendwann in den 90ern, irgendwo zwischen den Serbischen und Bosnischen Fronten. Nach einem ebenso plötzlichen wie wilden Feuergefecht finden sich drei Soldaten in einem Schützengraben wieder. Der verwundete Bosnier Chiki, sein Kamerad Cera und der Serbe Nino. Unglücklicherweise liegt Cera auf einer Mine, die bei der kleinsten Bewegung explodiert. Und unglücklicherweise liegt der Schützengraben genau zwischen den Fronten, die drei sind gefangen im Niemandland, im No Man’s Land. Die Kameraden, die von Außen den Schützengraben überwachen, wissen nicht, was los ist, ob das ihre eigenen Leute im Graben sind oder der Feind. Keiner weiß was zu tun ist, also rufen sie die UN um die Situation zu klären, doch die Amtswege bei der UN sind lang. Als sich dann auch noch die Medien in die Sache einmischen, scheint eine diskrete Lösung nicht mehr möglich.

No Man’s Land ist ein Film der Gegensätze. Immer wieder schenkt er von einem Extrem ins andere. Dieses Muster zieht sich durch den gesamten Film, angefangen bei der Inszenierung, über die Charaktere bis hin zur eigentlichen Geschichte.
So ist der Film fantastisch fotografiert, bietet unglaubliche schöne Landschaftsbilder, die Sonne geht auf, die Grillen zirpen, wir vergessen für Augenblicke das Grauen, den Konflikt, den Schützengraben. Doch Tanovic sorgt dafür, das wir niemals ganz ‚entkommen’, auf die Ruhe folgt auch immer der Sturm. Ebenso wie die Charaktere sind auch wir Gefangen, können auch wir dem Schützengraben nicht entkommen. Da sie in ihrer Situation nicht wissen, was sie tun sollen, fangen die feindlichen Soldaten an zu reden. Diese Gespräche laufen immer wieder auf die Entstehung des Bosnisch-serbischen Konfliktes hinaus. Es stellt sich heraus, dass beide eigentlich in Frieden leben wollen und nur kämpfen, weil die anderen den Krieg angefangen haben. Tatsächlich kann keiner genau sagen, warum sie eigentlich kämpfen, sie wissen nur, dass die anderen böse sind. Es behält immer der Recht, der die Waffe in der Hand hat. In diesen Gesprächen, bei diesem blinden Hass, spürt man den traurigen Unterton des Films. Man spürt, dass Tanovic in diesem Film seine Wut und den Schmerz über den Verlust seiner Heimat durch einen unnützen Konflikt verarbeitet.
Doch der Film geht noch einen Schritt weiter, indem er die Rolle der UN und der Medien verarbeitet, und beide Parteien kommen nicht sehr gut weg. Die UN wird als übergroßer Apparat dargestellt, der sich, mit dem Ziel in keinen Konflikt zu geraten, vornehm zurück hält. Wo schnelle Hilfe erforderlich wäre, unterbindet die Führung der UN die Eigeninitiative der Blauhelme, verwaltet sich tot und erweist sich als hilflos.
Bei der Darstellung der Medien geht der Film leicht ins klischeehafte. Als die Medien zum ersten Mal auftreten, verhalten sie sich noch durchaus logisch und innovativ, wie wir es selten in Filmen sehen. Später verkommen sie aber zu einem sensationsgeilen Haufen mit recht stereotypen Sprüchen, aber vermutlich ist das auch viel näher an der Wahrheit dran.
Auch macht sich hier noch ein anderer Punkt des Filmes bemerkbar, nämlich der Humor, oder besser gesagt, der Sarkasmus. Ein Szene ist bezeichnend: Eine Reporterin steht am Rande des Schützengrabens und will ein Interview, dazu lockt sie den Serben mit Zigaretten zu sich hin, wie ein Tier im Streichelzoo. Solche, fast Slapstick-Artigen Einlagen, die aber eine gute Portion schwarzen Humor verlangen, finden sich immer wieder und verhindern geschickt, dass der Film an seiner eigenen Depressivität erstickt.
Eine andere Tatsache, die unweigerlich zu komischen Situationen führt, aber auch eines der Hauptprobleme zeigt, ist die Sprache, die Kommunikation. Der Serbe spricht serbisch, der Bosnier bosnisch, die Blauhelme französisch, die Reporter englisch und der Bombenexperte deutsch. Ich empfehle daher dringend, sich den Film im serbo-kroatischen Original anzuschauen, da die Problematik der Sprache bei einer Synchronisation verloren ginge.
Noch ein Wort zu den Darstellern: Vor allem die beiden Hauptdarsteller Branko Djuric und Rene Bitorajac überzeugen auf ganzer Linie. Mit Spielwitz, dem nötigen Maß an Verzweifelung und Wut in Mimik und Gestik ziehen sie uns von Anfang an in ihren Bann.

Zum Abschluss noch mal die Frage, worum es in No Man’s Land eigentlich geht? Die Tagline verkündet: Zwischen Krieg und Frieden, Humor und Hass, Gefangennehmen und Ergeben, Leben und Tod...liegt No Man’s Land . Das ist wohl wahr, aber letztendlich geht es um die Menschen, die Bosnier und die Serben, die in diesem konkreten Fall nur überleben können, wenn sie zusammen arbeiten und denen nur ihr eigener Hass, dessen Ursprung sie nicht kennen, im Wege steht.

Sehr empfehlenswert!