Warum werden eigentlich Topics hier in diesem Board geschlossen? Da kann man ja nicht auf Rezensionen eingehen oder eben seine eigene zu einem bestimmten Film hinzuposten...

Wie dem auch sei:

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„Driven“ – mit Vollgas durch Chicago

Sylvester Stallone schien lange Zeit in der Versenkung. Nun meldet er sich mit seinem neuen Film zurück.

Der Mann hat einen IQ von erstaunlichen 150, sein Golf-Handicap ist beneidenswert und nebenbei ist er als mittlerweile 55-jähriges Actionidol immer noch im Dienst des Adrenalins. Lange vorbei sind die unglücklichen Tage, in denen Sylvester Stallone, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, seinem tristen Schauspielerdasein in billigen Softsex-Streifen fristen musste. Das war einmal. Als ihm 1976 der Coup gelang mit einem guten Drehbuch und überzeugender Darstellung in „Rocky“ zu brillieren, waren diese Sorgen vergessen. Noch immer ist dieser Erfolg sein größter Stolz und mit leichtem Bedauern bereut er im Nachhinein die Fortsetzungen. Die seien ein Fehler gewesen, so Stallone. Der Erfolg wollte es so. Der größte Erfolg allerdings beschied ihm die sinnlose Gewalt, die er als Rambo an den Tag legte. Und so wurde dieser junge Mann zum Massenidol, das ihm finanziellen Halt und ewigen Ruhm bescherte.
Zumindest schien es lange Zeit so. Mit dem Spitznamen ‚Sly’ und einem gewaltigen Bekanntheitsgrad in der westlichen Zivilisation konnte sich der Mann vieles erlauben, spielte mediokre Rollen in actionlastigen Streifen – teilweise an der Seite von anderen Megastars – und wurde Mitbegründer des vom Hard Rock Café abgekupferten Restaurantkettenkonzepts „Planet Hollywood“. Dann irgendwann wurde es plötzlich ziemlich ruhig um ihn. Wie es bei der kurzen Aufmerksamkeitsspanne unserer Tage ist, wurde er schnell vergessen.
Nun ist er endlich wieder da, der Liebling der 80er-Teenager und zahlreicher anderer Bevölkerungsgruppen. Im August tauchte er noch mal in dem Film „Get Carter“ auf. Nun soll also mit einem weiteren Drehbuch aus seiner Feder der Comeback endgültig eingeläutet werden. „Driven“, so der Titel des neuen Filmes, holt ihn also vollkommen wieder. An der Seite von Burt Reynolds, Til Schweiger und Kip Perdue richtet er sich mit voller Kraft aus der Versenkung auf.
Sylvester Stallone ist zwar der Held des Filmes, dennoch überrascht, um dann wieder zu enttäuschen, sein Auftritt oder vielmehr seine Rolle. Sein Charakter steht im Hauptrahmen der Handlung als stützender Pfeiler und ruhender Pol zwischen den kontrahierenden Mächten, so aber wenigstens dezent platziert. Er entzieht sich dem Hauptaugenmerk und tritt zugunsten der Hauptattraktionen Kip Perdue und besonders Til Schweiger zurück. Während letzterer gezielt und sicher auftritt, vermag Perdue nicht die darstellerische Qualität der anderen Schauspieler aufbringen, was aber vielleicht auch an der komischen Figur liegen mag, die er zu verkörpern versucht. Es geht um Automobilsport, genauer Formel 1, und die zwei Favoriten der Saison liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem es um die Meisterschaft geht. Zwischen beiden steht der alte Rennfahrerveteran Joe Tanto (Stallone), der beide schätzt und unterstützt. Jeder von ihnen bringt seine kleinen Problemchen mit in den Film und so lohnt es kaum alle Wirrungen und Irrungen aufzuführen, als vielmehr auf die Schwächen im merkwürdig konstruierten Skript hinzuweisen.
An manchen Stellen verspürt man Lücken: dieses unangenehme Gefühl etwas verpasst zu haben, wenn beispielsweise in einem Moment aus einem unangenehmen Interview plötzlich ein eigenartiger Flirt wird und in der nächsten Einstellung bereits eine Liaison. Es fehlt plötzlich etwas, die Handlung fährt zu happig fort und wird vorhersehbar. Aus kokettem Spiel wird plötzlich eine Farce, weil sie ohne jede Bedeutung nur in Zwischenschritten gezeigt wird: angucken, ansprechen, liiert sein. Leider geschieht das in diesem Film zu oft und verdirbt damit das Vergnügen an der schmackhaft gezeigten Story. Schließlich geht es um Formel 1 und da lässt sich im Hintergrund ein Feuerwerk an Handlung zeigen, genauso wie viel mit Effekten und Kameraeinstellungen gespielt werden kann.
Die visuellen Möglichkeiten werden allerdings ausgeschöpft, was sich besonders gut in einem der wenigen originellen Ideen im Drehbuch zeigen lässt: einer Verfolgungsjagd quer durch Chicago. Es heißt ja, dort würde man teilweise bei 100 Sachen und einem halben Meter Abstand zueinander durch die Gegend rasen, doch der Film weiß das auf die Spitze zu treiben, indem er in dieser Weltmetropole zwei Formel 1-Wagen einen Verfolgungsjagd halten lässt. Das sieht nicht nur nett aus, sondern bietet eine erfreuliche Abwechslung im dürren Handlungsstrang, auch wenn es jeglicher Logik entbehrt und schließlich in langweiligem Pathos endet. Besonderen Augenmerk verdienen die Szenen, in denen die Boliden mit Vollgas durch die authentischen Rennstrecken donnern. Schnelle Schnitte, eindrucksvolle Zooms und Schwenks, helikoptergesteuerte Kamerafahrten und sogar nahezu realistisch aussehende Computeranimationen runden das Ganze ab. Was man dort zu sehen kriegt, ist von dermaßen berauschender Schönheit im Sinne von Formel 1-Aufnahmen, dass man sich wünschte, Premiere World böte etwas annähernd vergleichbares. Der Cineast bemängelt hierbei das exzessive Spiel mit Effekten und Einstellungen, der PS-Fan begiert die grandios eingefangene Kraft und den Kitzel des Sports. Ein Überholmanöver aus Sicht des überholenden Fahrers, der Blick auf den Parcours des Fahrers im Geschwindigkeitsrausch, der gegen das Schutzvisier klatschende Regen beim Großen Preis von Deutschland und Hochgeschwindigkeit, die gerenderten Aufnahmen hochbrisanter Überholmanöver oder spektakulärer Unfälle, ein 100 Meter in die Luft fliegender Reifen, – man mag das Schwelgen nicht mehr aufhören, so sehr imponiert die grafische Umsetzung des gebotenen Stoffes. Die Action ist lobenswert visualisiert.
Wenn man das von der Tonspur auch sagen könnte, ließe das selbst die unfruchtbare Handlung vergessen. Ein fast zwei Stunden andauernder Videoclip dieser Güte wäre immer noch sehenswert. Leider wurde aber bei der Musikwahl gemurkst. Die Titel sind Mischungen höchst verschiedener Genres und zeigen keine eindeutige Linie, von einer Unterlegung des Gezeigten ganz zu schweigen. Irgendwie hat man ständig das Gefühl, die Musik passe ganz und gar nicht, auch wenn sie auf der heimischen Stereoanlage ganz angenehm zu hören sein mag. Selbst in dieser Hinsicht Lichtblicke wie The Crytal Method, Fatboy Slim, Chemical Brothers oder gar Songs des Computerspielsoundtracks von Grand Theft Auto mögen diesem Unding entgegenwirken. Oftmals – und das ist durchaus verständlich – unterstreichen diese energiereichen Tracks die impulsiven Sequenzen, die das Auge so delektiert. Tragischerweise übertönen dabei meist die Motorengeräusche die erfreulichen Klänge dieser Musikkoryphäen und verhunzen jegliche auditive Freude daran und somit die nahezu perfekte Symbiose von Ton und Bild. Bei den ruhigeren Passagen werden zum allgemeinen Bedauern unpassende und unschöne Lieder hörbar. So erscheint schließlich der Soundtrack wie eine Kakophonie, die leicht hätte vermieden werden können und im Grunde genommen das Gesamtwerk verschandelt.
Der Film ist sicher nichts für Cineasten. Selbst Stallone-Fans dürften sich schwer tun bei diesem happigen Brocken. Voll auf ihre Kosten kommen natürlich Formel 1-Fans und Freunde effektreicher und actionlastiger Filmsequenzen. Schade, wo doch der Comeback eigentlich ganz gut gewesen wäre in Zeiten, wo sich alte Actionhelden aus dem Business zurückziehen. Aber wer gerade in fürchterlichem Geisteschaos zu unkonzentriert ist für einen richtigen Film mit richtiger Handlung, mag hier gut aufgehoben sein, wo man schließlich auch über einen kurzen Auftritt von Jasmin Wagner (früher ‚Blümchen’; davor auch ‚Jasmin Wagner’) schmunzeln kann. Und dann wäre da noch die gute Verona Feldbusch, als kokette Reporterin mit guten 8 Sekunden Filmpräsenz. Sorry, Mr. Stallone, da werden Sie auch nicht geholfen…