„Hass“

Originaltitel: „La Haine“, Frankreich 1995

98 min.

Darsteller: Vincent Cassel, Hubert Koundé, Said Taghmaouri

Regie: Mathieu Kassovitz


In den Vorstädten von Paris ist von dem französischen Charme der Metropole nicht mehr viel übrig. Hier leben Menschen aller Nationen in slumartigen Kastenbauten, der Alltag besteht aus Drogen, Gewalt und Kriminalität.
Und genau in dieses Milieu stürzt Kassovitz den Zuschauer mit einer fast schon dokumentarischen Kühle, die aber an Authentizität nicht zu überbieten ist.
Denn in einem solchen Pariser Vorort leben unsere drei Hauptpersonen, Vincent, Hubert und Said. Alles drei junge Männer um die 20 Jahre und alle drei gescheiterte Existenzen ohne jegliche Zukunftsperspektive. Die Polizei, der dunkle, gesichtslose „Bösewicht“ in diesem Film, ist mit der Situation aber genauso überfordert. In der Gewissheit, das Viertel niemals unter Kontrolle kriegen zu können, gehen sie mit äußerster Brutalität und Willkür vor. Eines Tages prügeln Beamte einen jungen Araber krankenhausreif. Dies zieht massive Straßenschlachten nach sich.
Der Film steigt um 10:38h am Morgen nach den Ausschreitungen ins Geschehen ein und zeigt uns im Laufe seiner 98 Minuten Laufzeit genau 24 Stunden im Leben der Protagonisten.

Said ist hyperaktiv und redet ständig. Man hat bei ihm das Gefühl, er könne mit der Situation am besten Umgehen, das liegt aber nur daran, dass er sie überhaupt nicht richtig verstehen kann. Hubert und Vincent hingegen wissen genau was Sache ist, sie gehen aber unterschiedlich damit um. Hubert, dessen einziger Lichtblick das Boxen ist, sieht auch diesen seinen letzten Lebensinhalt zerstört, denn bei den Unruhen wurde auch seine Boxhalleverwüstet. Doch er bleibt ruhig, gleichgültig. Als Ältester der drei Kumpel hat er resigniert. Und in Vincent herrscht der blanke Hass, gegen seine Situation, gegen sein Leben. Katalysiert wird dies im Hass auf die Polizei. Als Vincent die Waffe eines Polizisten findet, schwört er Rache und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Situation eskaliert. Alle drei werden hervorragend, da vor allem unheimlich glaubwürdig, von ihren namensgleichen Darstellern verkörpert.

Das ausfälligste und auch passendste Stilmittel, das in dem Film gewählt wurde, ist der Verzicht auf Farbe. Das Schwarz-Weiß-Bild gibt dem Film nicht nur einen dokumentarischen Stil, es symbolisiert auch die Kühle und Lebensfeindlichkeit dieses Milieus. Passend dazu auch die eindrucksvolle Kameraarbeit. Die Situationen werden oftmals von einer Handkamera eingefangen, aber es wird nie stupide draufgehalten, die Szenen sind stets sehr intelligent inszeniert. Der Film trennt sich hier von seiner Tarnung als Dokumentarfilm, und schafft es, den Zuschauer auch emotional in das Geschehen mit einzubeziehen. Ausführlich werden die Familienverhältnisse, Wünsche und Bedürfnisse der Protagonisten erläutert.

„Hass“ fängt da an, wo normale Tennie-Filme aufhören. Er fängt da an, wo es ungemütlich wird. Dabei verzichtet er aber auf die Selbstgefälligkeit und Schuldzuweisung, die man vor allem in amerikanischen Getto-Filmen oft findet. Ironischerweise zitiert der Film sehr häufig amerikanische Filme, distanziert sich aber bei seiner Umsetzung sehr stark von ihnen. Das Motto „fiese Polizisten misshandeln gebeutelt Getto-Kids“ funktioniert hier nicht. Der Film wird zwar aus der Perspektive der einen Partei erzählt wird, gibt aber bei genauerer Betrachtung in bester Dokumentationsmanier keine Wertung ab. Zwar bringt die Polizei die Lawine ins Rollen, die Jungendlichen tun aber alles, um sie am Laufen zu halten, denn sie sind, was den Hass und die Gewalt angeht, keinen Deut besser als die Mitglieder des anonymen Polizeiapparats. Und wenn ich oben gesagt habe, die Polizei sei der böse Bube, ist das eigentlich nicht richtig. Der Punkt ist, es gibt eigentlich keinen Bösen, es gibt halt einfach keine Guten. Beide Parteien weichen keinen Millimeter von ihrer Position ab. Mathieu Kassovitz zeigt befreit von jeglicher Polemik, dafür aber umso intensiver und deprimierender, was passiert, wenn zwei Parteien mit einem solchen Hass aufeinander treffen. Sehr empfehlenswert!