Stille Wasser sind tief - Ocean's Eleven

Steven Soderbergh meldet sich mit seinem elften Film zurück auf die Leinwand: Action, Charme und Geschick sind seine Zutaten für "Ocean's Eleven".

"Stille Wasser", so sagt man, "sind tief." Und oft behält der Volksmund recht. In Steven Soderberghs Actionkrimi geht es um ein besonders tiefes Wasser: Danny Ocean. Gleich zu Beginn des Films wird ein alter George Clooney präsentiert. Er ist Danny Ocean, der gerade vor seinem Bewährungshelfer sitzt - still, gelassen, cool. Doch kaum steht er vor den Toren der Haftanstalt in New Jersey, majestätisch und verschwiegen, erkennt man, dass tief in seinem Inneren etwas brodeln muss, etwas sehr großes.

Im nächsten Moment ist er auch schon in Las Vegas, Nevada, und telefoniert mit seinem Bewährungshelfer, um ihm zu versichern, es sei alles in Ordnung. Das ist es natürlich nicht. Seinen Auflagen zufolge darf er den Bundesstaat nicht verlassen.

An einem Tisch hat sich eine sich gegenseitig misstrauende Runde gefunden. Es sind Jungstars, die hier, bei Rusty Ryan (cool wie Ocean: Brad Pitt), das Pokerspiel samt seiner Facetten der psychologischen Spielführung erlernen möchten. Natürlich kann in dieser Runde nur einer gewinnen. Damit verdient Rusty sein Geld. Es ist lange her, seit seine Qualitäten als professioneller Gangster im Einsatz waren.

Erst als Danny sich dazugesellt, spielt Cool gegen Cool. Er kennt Rusty gut, nur zu gut. Er kennt seine Pokerregeln, weiß, worauf er und somit auch seine Schüler achten. Er handelt so, dass sie sein Tun falsch interpretieren - auch das ist psychologische Spielführung. Natürlich gewinnt er. Er kassiert den Pott mit den dicken Einsätzen, doch viel wichtiger: er gewinnt das mind game gegen Rusty. Es ist die milde Humiliation eines guten Freundes, das joviale Necken eines alten Intimus - und es ist der Inbegriff der Coolness: er kommt, sieht und siegt; ohne große Worte, überlegen, nicht herablassend, einfach natürlich.

Steven Soderbergh hat sich mit diesem Film weder auf neues Terrain noch auf unwegsames Gelände begeben. Nicht nur hat es den Film schon mal gegeben ("Frankie und seine Spießgesellen"), sondern er zeichnet sich vor allem durch beschwingte und unkomplizierte Unterhaltung mit linearem Erzählduktus aus. Der Klassiker aus dem Jahre 1960 (1961 in der BRD) brachte Frank Sinatra bzw. King Frankie und sein Rat Pack erstmals gemeinsam auf die Leinwand. Sie waren damals das Inbild der Coolness und scharten ihre Anhänger um sich. Das Leben war ein Spiel, das es zu genießen galt - Tabak, Alkohol, Glücksspiel und Sex waren die Elemente, die das Leben versüßten. Der Film wurde zum Erfolg. Jerry Weintraub, Produzent der 2001er-Fassung, sagt über den Publikumsgeschmack: "Damals wollte das Publikum vor allem Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis Jr., Peter Lawford und Joey Bishop gemeinsam auf der Leinwand erleben. Die hätten auch das Telefonbuch vorlesen können - der Film hätte trotzdem viel Erfolg gehabt."

Danny und Rusty sind wieder zusammen. Und obwohl deren Vergangenheit durch den Film in keiner Weise aufgedeckt wird, kann der Zuschauer sie erspüren - ja förmlich sehen. Denn Danny verliert keine großen Worte: er will wieder ein ?Ding drehen' einen ?Coup landen', und zwar einen ganz großen, mit Stil und Raffinesse, wie es sich gehört. Rusty, der sein Leben als erhabener Pokerspieler ohne Herausforderung hasst, wittert Morgenluft und den Hauch Vergangenheit, der ihm zu einer neuen Zukunft verhelfen kann. Die Sache ist perfekt.

Mit einer Crew des alten Schlags, nicht halbprofessionellen Tagedieben, wollen sie in Vegas, auf dem legendären Strip, in einer Nacht drei Casinos ausrauben. Besitzer dieser auserwählten Casinos ist Terry Benedict (glänzend: Andy Garcia), ein ruchloser Geschäftemacher mit fixem Tagesablauf und dem Charme des Geldes. In einem zentralen Depot lagern die Unsummen, die im Casino als Spielgeld kursieren. So möchte es das Gesetz. So mag es Danny. Und so macht es die Casinos -und Benedict- verwundbar. Erst als Rusty herausfindet, dass Dannys Ex-Ehefrau Tess (eher schwach: Julia Roberts) mittlerweile mit Benedict liiert ist, erahnt er die wahre Ambition, die hinter Dannys Plan steckt. Diese Tatsache entzweit Danny Ocean und seine elf Mannen.

Erst dann wird es richtig interessant und das Tempo der Ereignisse nimmt spürbar zu. Der zweite Plot, der in die Handlung integriert ist, wird dabei wunderbar mit dem Hauptstrang der Erzählung verwoben. Man kann es sich an manchen Stellen nicht verkneifen, das Geschehen mit dem wunderschön skurrilen Geschehen aus "Out of Sight" -einem weiteren Soderbergh-Werk mit Clooney- zu vergleichen. Auch hier geht es vielmehr um angenehme Unterhaltung und coole Charaktere und nicht um tiefgreifende und komplexe Erzählstrukturen, die soziale Missstände darlegen soll. Trotz seiner Linearität weist der Film über ein äußerst faszinierendes Gerüst auf, das sich immer weiter verdichtet, je weiter die Handlung fortschreitet. Denn bewusst hat man bestimmte Informationen für das Finale aufbewahrt, so dass der Zuschauer bis zum eigentlichen Coup nicht weiß, wie dieser vor sich gehen soll und welche Rolle jeder einzelne einnimmt. So bleibt es auch für geübte Filmgucker bis zum Schluss spannend, wie sich Danny vorstellt, diese scheinbar unüberwindbare Sicherheitsbarriere der Casinos, zu durchbrechen. In kleinen Häppchen wird das Publikum in seiner Wissensgier befriedigt - und muss sich dann ansehen, wie hier und da kleine unvorhergesehene Ereignisse eintreten, die das Gelingen des Plans erheblich gefährden. Und dann ist da auch noch Tess! Kein Mensch ahnt, wie das jemals klappen soll, wo doch die Ehe offensichtlich wegen Dannys Vergangenheit als Dieb und Lügner in die Brüche gegangen ist.

Gegen Ende des Films zeigt uns Soderbergh eine Szene vor dem Mirage, einem der Casinos. Es zeigt einen gigantischen Brunnen, ja fast schon ein kleiner künstlicher See, aus dem mehrere Wasserfontänen spritzen - als wollte er uns damit sagen: "Seht ihr, unser cooler Danny Ocean, das stille Wasser, ist sehr tief. Seht, wie es in ihm brodelt!"