„Zeit Der Unschuld“

Originaltitel: „The Age Of Innocence“

USA, 1993, ca. 133 Min.

Columbia Tristar

Darsteller: Daniel Day-Lewis, Michelle Pfeiffer, Winona Ryder, u.a.
Musik: Elmar Bernstein
Kostüme: Gabriella Pescucci
Produktions-Designer: Dante Ferretti
Kamera: Michael Ballhaus
Schnitt: Thelma Schoonmaker
Romanvorlage: Edith Wharton
Drehbuch: Jay Cocks & Martin Scorsese
Produzentin: Barbara De Fina
Regie: Martin Scorsese

„Zeit Der Unschuld“ ist ein Schlüssellochblick in New Yorks High Society der 1870er. Eine Welt der unterdrückten Gefühle und der gesellschaftlichen Oberflächlichkeit.
In dieser Welt lebt Newland Archer (Daniel Day-Lewis) seines Zeichen Rechtsanwalt, verlobt mit May Welland (Winona Ryder) und gesellschaftlich geachtet. Als eines Tages Mays Cousine, die Gräfin Ellen Olenska (Michelle Pfeiffer) aus Europa in New York eintrifft, wird sie mit ihrer unkonventionellen Art schnell zum Gespräch der ganzen Stadt und entpuppt sich zudem als Newlands’ wahre Liebe. Es entflammt ein innerer Konflikt in Newland Archer zwischen seiner wahren Liebe und seiner Verlobten, zu dessen Lösung die sozialen Konventionen der damaligen Zeit nicht gerade hilfreich sind.

Kritisch betrachtetet könnte man sagen, dass es eine Liebesgeschichte ist, die, in die heutige Zeit transferiert, wohl niemanden von der Couch locken würde. Doch genau das ist der Punkt, denn der Film spielt halt nicht heute, oder vor zwanzig Jahren, sondern vor hundertdreißig Jahren. Und damals war dieser Sachverhalt ein Riesen-Skandal, und diese Brisanz bekommt der Zuschauer in jeder Minute das Film zu spüren. Von Anfang an befindet man sich im Jahre 1870.
Daraus lässt sich schon schließen, dass Scorsese wieder das schafft, was man von ihm gewöhnt ist, nämlich dem Zuschauer mit einer enormen Präzision in eine für ihn völlig unbekannt Welt eintauchen zu lassen. Eine sanfte Voice-Over Stimme erläutert einem die sozialen Gepflogenheiten der damaligen Zeit. Man sieht nicht einfach nur, was passiert, sondern man erlebt, was gerade „In“ und was „Out“ ist.
Ein essentieller Bestandteil dieses „Eintauchens“ ist die unglaubliche Akribie, mit denen die Kostüme und Locations gestaltet wurden. Völlig zurecht erhielt Köstümgestalterin Gabriella Pescucci den Oscar, und Produktionsdesigner Dante Ferretti hätte ihn eigentlich auch verdient.
Egal, wo die Handlung spielt, ob in sozialen Treffpunkten wie der Oper, Ballsälen oder einfach nur einem Blumenladen oder den Wohnungen der Hauptpersonen, alles, aber auch wirklich alles ist bis aufs I-Tüpfelchen perfekt gestaltete.
Eingefangen wird das ganze auf exzellente Weise von Michael Ballhaus’ Kameraarbeit, welcher ja schon zwei Jahre zuvor mit Scorsese an „GoodFellas“ gearbeitet hatte und den Zuschauer wieder mit unglaublichen Kamerafahrten und phantastischen Bildern überrascht.
Ein wichtiger Faktor ist zudem der sehr harmonische Score von Elmar Bernstein.
Die schauspielerischen Leistungen komplettieren den guten Eindruck des Films. Daniel Day-Lewis, als hin und her gerissener Anwalt, spielt sehr gut, ebenso Michelle Pfeiffer in der Rolle der Femme fatal und Winona Ryder verkörpert die naive, aber doch auch clevere junge Dame sogar extrem gut.
Sehr viel Bedeutung wurde auch dem Schnitt zugemessen, der fast ein Jahr dauerte und von Scorseses’ „Haus-Cutterin“ Thelma Schoonmaker durchgeführt wurde.

Kommen wir zu Regisseur Martin Scorsese. Bereits 1980 bekam er den Roman vom Kritiker des Time Magazine Jay Cocks geschenkt. Gelesen hat er ich aber erst 1987, war dann aber hellauf begeistert und setzte sich sofort mit Cocks zusammen und schrieb das Drehbuch. Zwar hatte „GoodFellas“ noch Vorrang, doch noch während der Post-Produktion begann die Crew von „Zeit der Unschuld“ mit der Recherche. Scorsese reizte an dem Stoff vor allem die unterdrückte Sehnsucht von Newland Archer, ein Phänomen, das in vielen seiner Filme zu finden ist. Auf ein anderes „Markenzeichen“ verzichtete Scorsese bei „Zeit der Unschuld“ jedoch komplett, nämlich die physische Gewalt. Trotzdem gibt es nach O-Ton Scorsese durchaus Gewalt in dem Film, diese ist jedoch psychischer Natur und wird von der gesellschaftlichen Etikette diktiert.

Trotzdem bleibt das erleben des 19. Jahrhunderts und der Konflikt von Archer die Stärke von „Zeit der Unschuld“. Zwar geht der Film sehr kritisch mit der Gesellschaft um, eine Gesellschaftskritik in den Film hinein zu interpretieren ist jedoch nicht angebracht. Die heutige Gesellschaft mag ebenso rücksichtslos und kalt sein, einige grundlegende Faktoren, wie zum Beispiel der Umgang mit Sexualität und Partnerschaft, haben sich über die Jahre jedoch stark verändert, sodass ein Vergleich unangebracht ist.

Wer zugänglich für emotionale Filme ist und ein wenig historisches Interesse mitbringt, sollte sich dieses bildgewaltige Meisterwerk nicht entgehen lassen.