Titel: "Requiem For A Dream"
Land: USA
Jahr: 2000
Sprache: Englisch
Genre: Drama
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Hubert Selby Jr., Darren Aronofsky
Kamera: Matthew Libatique
Musik: Clint Mansell
Schnitt: Jay Rabinowitz
Produktion: Eric Watson, Palmer West
Darsteller: Ellen Burstyn, Jared Leto, Marlon Wayans, Jennifer Connely, Christopher McDonald
Länge: 102 Minuten (Director's Cut)
FSK (GER): unbekannt
MPAA (USA): NC-17




"I'm somebody now, Harry. Everybody likes me. Soon, millions of people will see me and they'll all like me. I'll tell them about you, and your father, how good he was to us. Remember? It's a reason to get up in the morning. It's a reason to lose weight, to fit in the red dress. It's a reason to smile. It makes tomorrow all right. What have I got Harry, hm? Why should I even make the bed, or wash the dishes? I do them, but why should I? I'm alone. Your father's gone, you're gone. I got no one to care for. What have I got, Harry? I'm lonely. I'm old."



Sara Goldfarb lebt als alternde Witwe allein mit ihrem Sohn Harry und huldigt die meiste Zeit ihres Tages ihrer Lieblingsbeschäftigung Fernsehen. Als sie eines Tages einen Anruf von einer Spielshow bekommt, in der sie als Kandidatin auftreten soll, beschließt sie sich in ein altes rotes Kleid zu zwängen, in dem sie ihrem verstorbenen Mann so gut gefiel. Als sie festellt, daß es nicht mehr passt, beschließt sie sich einer radikalen Diät zu unterziehen und beginnt, diverse Medikamente zu schlucken. Währenddessen treibt sich Harry mit seinen Freunden Marion und Tyron rum, die es sich zum Ziel gesetzt haben, mit Drogengeschäften an Geld zu kommen...



Am Ende von "Requiem For A Dream", in der letzten Kameraeinstellung, sieht sich der Zuschauer ihm gegenüber: Dem Traum, dem Ziel, dem Sinn des Leidens. Es ist ein warmer Moment. Ein Moment warmer Kameraführung und warmer akustischer Untermalung. Die restlichen 102 Minuten vor diesem Moment aber, sieht der Zuschauer die Ermordung und das 'Requiem' dieses Traumes. Dem hochtalentierten, jungen Regisseur Darren Aronofsky, der schon mit dem verstörenden Independent-Film "Pi" für Aufsehen sorgte, ist mit "Requiem For A Dream" der wohl kontroverseste und erschreckendste Film des Jahres 2000 gelungen. Ja, es gelang ihm sogar die MPAA (eine Art amerikanische FSK) aufgrund dieses Filmes kopfstehen zu lassen. Das NC-17-Rating (entspricht in Deutschland etwa einem "nicht unter 18 Jahren" und bedeutet in den USA zugleich auch Werbeverbot) gar wurde dem Werk in der ungeschnittenen Fassung aufgedrückt. Warum aber überhaupt die Aufregung? Der Film beinhaltet mehrere Szenen, in denen Drogen exzessiv konsumiert werden, viele, die die vollkommene psychische Bloßstellung eines Menschen beinhalten, einige, die Nacktheit und Sex zeigen und eine - und das war für die MPAA ausschlaggebend - pornographische Szene. Dennoch fragt man sich zurecht noch immer: Warum überhaupt die Aufregung? Was Aronofsky hier zeigt, ist das, was sich der stets politisch korrekte Steven Soderbergh, in seinem Familien-Drogenfilm "Traffic" nicht zu zeigen traute, nämlich den kontinuierlichen, ausweglosen und realistischen Absturz, der mit Drogen einhergeht. Wo "Traffic" nur den Zeigefinger hebt und dir sagt, daß das und das und das nicht in Ordnung ist und daß man - wie am Ende des Filmes - alles wieder in den Griff bekommen kann, packt dich "Requiem For A Dream", reißt dich in die Hölle, stellt dich vor längst vollendete Tatsachen und wirft dich am Ende wieder zurück in die Realität deines eigenen Umfelds und Lebens, das vielleicht manchmal nicht einmal so weit weg ist von dem, welches "Requiem For A Dream" zeigt. Natürlich mag es eine etwas sehr stark eingetrichterte Moral ("Drogen sind schlecht!") sein und natürlich sind das alles hier extreme Beispiele von menschlichen Wracks. Aber verdammt! "Requiem For A Dream" versteht sich nicht als politischer Film wie "Traffic", sondern als ein Film über Schicksale menschlicher Art, über Schicksale, die definitv so direkt um die Ecke passieren könnten. Die Figur der Sara Goldfarb steht für eine riesige Dunkelziffer von Menschen, die eben dieses Schicksal fristen. Sara lebt in einer Scheinwelt, einem Traum akribisch folgend, den zu realisieren ihr größter Wunsch ist. Um in diese TV-Show zu kommen - deren Auszüge und prägnanteste Elemente Aronofsky immer wieder hypnotisch einstreut - greift sie zu jedem Mittel. Letztlich auch zu schweren Medikamenten, die ihren Hunger stillen sollen. Als Resultat erlebt sie tiefste Depressionen und Haluzinationen, wie man sie bislang in keinem anderen Film - noch nicht einmal in "Trainspotting" - so deutlich und schonungslos gesehen hat. Ellen Burstyn lebt diese Rolle! Jeden Moment, jeden Augenblick und jedes Stadium ihres geistigen und körperlichen Verfalls nimmt man der Figur durch diese exzellente Schauspielerin sofort ab. Burstyn gibt einem ansonsten sozial fast anonymen Wesen auf dem Weg in den Wahnsinn mit ihrer brillanten Leistung ein Gesicht, das sich beim Zuschauer auf der Netzhaut einbrennt und das ihn verfolgen wird. Ob dieser Tatsache kann man sich eigentlich bezüglich des Oscar-Triumphes von Julia Roberts allenfalls noch ein müdes Lächeln abringen und sich sagen, daß man diese Veranstaltung einfach nicht ernstnehmen darf. Aber auch die gesamte restliche Crew von "Requiem For A Dream" weiß schauspielerisch zu überzeugen. Der Jungstar Jared Leto zeigt sein großes Talent und verbirgt hinter dem Äußeren des "netten Jungen von nebenan" gekonnt ein fragiles Drogenwrack, das ebenfalls einen Traum hat: Den Traum von Geld und Unabhängigkeit. Mit ihm leben diesen Traum seine Freundin Marion (ebenfalls überzeugend verkörpert von Jennifer Connely) und sein Kumpan Tyron. Sie alle versuchen über kleinere Drogengeschäfte an mehr Geld zu kommen und bemerken nicht, wie sie ihre Hemmschwellen verlieren, wie sie sich für ihre Sucht allem ergeben, bis hin zur Prostitution. Sie versinken letztlich alle als drei von zahllosen Opfern, die normalerweise nur in statistischen Berichten auftauchen. Aronofsky aber gibt diesen Opfern Gesichter und stellt ihr Schicksal viel krasser, überdeutlicher und schonungsloser dar, als das jemals ein Regisseur in diesem Genre zuvor getan hat. Aronofsky drückt das Gesicht des Zuschauers auf das, wovon er im echten Leben möglichst weiten Abstand hält. Hierbei bemächtigt er sich sehr unkonventionellen, aber für ihn seit "Pi" typischen Stilmitteln: Er bombadiert den Zuschauer mit Bildern, Schnitten und Toneffekten. Seine - inzwischen in der Szene wohl berühmten - äußerst schnellen Schnittfolgen (manchmal mit vier oder fünf Schnitten binnen von drei Sekunden), die dann immer recht repetativ eingesetzt werden, finde ich noch immer fasznierend. Hier wirft er dem Zuschauer einfach - wie nebenbei - einige fragmentarische Bilder und Einstellungen an den Kopf. Beispiel: Eine Spritze wird aufgezogen - Schnitt - sie füllt sich mit etwas Blut - Schnitt - man sieht einige Zellen - Schnitt - die Pupillen weiten sich. Dies ist eine Szene, in der jemand Heroin konsumiert, dargestellt in vier unabgewandelten Bildern, binnen von ein paar Sekunden. Ansonsten gibt es bei Aronofsky alle denkbaren technischen Mittel, die den Wahnsinn visualieren sollen: Zeitraffer- und Lupe, Transparenzeffekte, Lichtspiele und wilde Kamerafahrten- und Drehungen. Dies alles wird noch unterstützt von einer irrsinnigen Soundkulisse, zwischen wunderschöner Musik, Techno-Gehämmere und zahllosen drückenden Tönen, die vollkommen dissonant an das Ohr des Zuschauers dringen. Selbiger wird mit der Zeit immer verstörter, wird immer weiter fertig gemacht und in den letzten 20 Minuten, die einen derartigen Druck auf den Zuschauer ausüben, daß man nur noch von psychischem Terror und vollendetem Horror sprechen kann, ist es kaum mehr auszuhalten. All die Bildkompostionen von steriler Distanz, all die drönenden Töne und all die verstörten und verlorenen Gesichter, stürzen über dem Zuschauer ein, bereiten ihm ein cinematographisches Meer des Grauens! Nur die wenigsten dürften dem gewachsen sein, was da in diesem brachialen Showdown auf sie wartet, aber ich möchte auch nicht zu viel verraten. Nur so viel: Es ist an der Schmerzgrenze des Zumutbaren und überschreitet sie auch teils. Aber gerade deswegen ist dieser Film so wertvoll, weil er einfach unglaublich viel Mut besitzt und sich traut zu zeigen, was definitiv bittere Realität ist, wovor aber dennoch die meisten Menschen zurückschrecken. "Requiem For A Dream" ist zwar vernichtend, deprimierend und niederschmetternd, aber er sollte von jedem gesehen werden, der auch nur mit dem Gedanken spielt, Drogen "auszuprobieren". Wie es enden kann - nicht muß, aber kann - zeigt dieser Film besser, intensiver und tödlicher, als jeder andere zuvor!


"Requiem For A Dream", ein Meisterstück des zeitgenössischen Kinos, das sich vorrangig zwar mit Drogenkonsum beschäftigt, jedoch auch preisgibt, wieviel tiefer Drogen einen Menschen doch verletzen können: Nämlich bis zur Vernichtung des letzten, was er noch hat - seiner Träume und Illusionen.

10 / 10 Punkten








<font size=-1>[ Diese Nachricht wurde geändert von: LesterBurnham am 2001-08-21 21:57 ]</font>