Titel: "Crna macka, beli macor"
Dt. Titel: "Schwarze Katze, Weißer Kater"
Land: Jugoslawien / Frankreich / Deutschland
Jahr: 1998
Sprache: Serbokroatisch
Genre: Komödie
Regie: Emir Kusturica
Darsteller: Bajram Severdzan, Srdjan Todorovic, Florijan Ajdini, Branka Katic
Länge: 130 Minuten
FSK: ab 12

Der mit seinem 17 Jahre alten Sohn an der Donau lebende Zigeuner Matko plant einen großen Coup: Er will zu einem Spottpreis einen Zug voller Benzin kaufen und dieses dann teuer weitervertreiben. Da ihm aber das Geld fehlt, leiht er sich von seinem Freund Dadan 70.000 DM, um sein Geschäft tätigen zu können. Dieser aber betrügt ihn und Matkos Geschäft platzt, was einen riesigen Schuldenberg bei Dada hinter sich herzieht. Dieser verlangt nun - um die Familienschande endlich zu bereinigen - dass Matkos Sohn Zare seine Schwester heiraten soll, womit für Matko sämtliche Schulden verfallen würden...

Allein schon meine kurze Inhaltsangabe verrät, daß dieser Film in Europa nur von einem Mann realisiert werden kann: Emir Kusturica. Der jugoslawische Kinomagier, dessen Werke für jeden Filmfreak eine Quelle höchsten cineastischen Genußes darstellen. Beinahe wäre uns dieses Genie 1995 abhanden gekommen, denn er hatte - nachdem einige Kritiker unverständlicherweise sein atemberaubendes, episches Meisterwerk "Underground" als nationalistisch betitelten, was den Regisseur schwer traf - angedroht, sich vollkommen vom Filmgeschehen zurückzuziehen. Gott sei dank war dem dann doch nicht so und 1998 inszenierte er diese wunderbare Komödie, die so vollkommen anders ist, als "Underground" und ihm dennoch ähnelt. Wiederum geht es um Kleinganoven, Außenseiter und Menschen, auf die man sonst kaum achten würde. Aber anders als in dem tiefmelancholischen Drama "Underground" lässt Kusturica - ähnlich wie schon Ende der 80er in "Time Of The Gypsies" - alle gesellschaftlichen Konventionen links liegen und kümmert sich in keiner Sekunde um die eigentlichen sozialen Schwierigkeiten, die die Zigeunerthematik mit sich bringt. Viel mehr belebt Kusturica den Mythos der Zigeuner. Den Mythos eines fröhlichen Volkes, dessen lustiges Leben sogar im deutschen Volkslied besungen wird. Der Regisseur zeigt eine Welt, die sich der Bitterkeit verschlossen hat, die mit ihren eigenen, kleinen Probleme zu kämpfen hat und bereit ist, sich mit allem abzufinden, was da kommen mag. "Schwarze Katze, Weißer Kater" versprüht einen schier nicht zu beschreibenden Optimismus, einen unbeugsamen Lebenswillen und eine Ausgelassenheit, die den Zuschauer im Nu in eine wundervolle Gemütslage treiben lässt. Nichtsdestotrotz schreckt der inszenatorisch sehr exzentrische Kusturica auch nicht vor einigen sehr derben, wenn auch in keinem Moment billigen Witzen zurück. Aber man braucht sich bei diesem Mann bloß nicht darüber zu wundern, daß der tote Großvater auf dem Dachboden mit einem dicken Eisblock auf der Brust kurzerhand zwischengelagert wird, während ein Stockwerk tiefer eine Hochzeit wider Willen im Gange ist. Auch wird es bei Emir Kusturica schon nach wenigen Minuten des Filmes vollkommen gebilligt, daß der reiche Onkel eine riesige Sonnenbrille trägt, die ebenso aus Gold ist, wie die halbe obere Reihe seines Gebisses, und in einer Art benzingetriebenen Rollstuhl durch die Gegend rast. De facto ist die Ausstattung des Filmes schlichtweg grandios. Kusturica bombadiert den Zuschauer förmlich ohne Pause mit Bildern voller Kitsch und Bombast und teils kann man ob der Skurrilität wirklich nur noch den Kopf schütteln und ist dennoch wie gebannt. Pausen gönnt Kusturica ebenfalls nur wenige; sein Rhythmus ist unnachahmlich: Ein Bilderbogen, ein Rausch, ein einziges Fest. Ruhe lässt der Ausnahmekönner nur selten einkehren, etwa dann, wenn der Großvater plant, wie die Hochzeit seines Enkels verhindern kann und zu sehr drastischen Methoden greift. Da bekommt man für einen Augenblick die Augen nicht mehr von dieser Figur los und spürt etwas von dieser seltsamen, wortlosen Magie einer einzigen Kameraeinstellung, die nur ganz wenige so beherrschen.
Wahrscheinlich aber wäre der ganze Film nicht so überzeugend gelungen, ohne diese wie immer hervorragenden Darsteller. Kusturica hat ein vorzügliches Händchen für echte Originale und hat in "Schwarze Katze, Weißer Kater" jede Rolle wunderbar schräg und vollkommen ausfüllend besetzen können. Der bereits oben angesprochene Onkel, der in seinem riesigen, schaukelnden Bett eine Dicke Zigarre schmaucht und sich breit grinsend und sichtlich erfreut immer wieder den Schluss von "Casablanca" auf Video anschaut, oder aber der dreiste und vollkommen ausgeflippt Draga, der sein Kokain auch schon mal aus einem kleinen, hohlen Cruzifix, das er um den Hals trägt, bezieht. Alle Darsteller agieren brillant und fügen sich dem Rhythmus und dem typischen, rauschartigen Zustand, den der Regisseur seinem Werk verleiht. Hier passt scheinbar mal wirklich alles...


"Crna macka, beli macor", eine Komödie, wie nur ein Emir Kusturica sie zu drehen weiß: Intelligent, witzig, wahnsinnig schräg und abgedreht und zugleich wunderschön! Bedingungsloser Optimismus und helle Lebensfreude entfesseln auch beim Zuschauer ein Gefühl ungetrübter Heiterkeit und lassen ihn für 130 Minuten alle großen und schweren Sorgen vergessen und sich mit größtem Vergnügen, den kleinen und wunderbaren Sorgen einer ganz anderen Welt widmen. Fantastisch!



<font size=-1>[ Diese Nachricht wurde geändert von: LesterBurnham am 2001-08-08 15:17 ]</font>