Titel: "The Birth Of A Nation"
Dt. Titel: "Die Geburt Einer Nation"
Land: USA
Jahr: 1915
Sprache: stumm, Englisch
Genre: Historiendrama
Regie: David Wark Griffith (aufgeführt als D. W. Griffith)
Darsteller: Lilian Gish, Miriam Cooper, Ralph Lewis, Henry B. Walthall, Mae Marsh
Länge: ca. 190 Minuten
FSK: keine Angabe


Der Film erzählt die Lebensgeschichte der Familien Cameron und Stoneman, die vom amerikanischen Bürgerkrieg in verschiedene politische Lager gespalten werden. Eingefügt werden verschiedene politische Ereignisse der sogenannten Rekonstruktionszeit und des Bürgerkrieges an sich...

D. W. Griffith: Dieser Name steht signifikant für die ganze Stummfilmzeit. Kein anderer Regisseur hat seinerzeit auch nur annähernd so bekannte und kommerziell erfolgreiche Filme geschaffen wie Griffith. Sein Einfluss auf das gesamte amerikanische Kino ist noch heute zu spüren und er perfektionierte, ähnlich wie über 25 Jahre später Orson Welles mit "Citizen Kane", filmtechnische Mittel, die heute als selbstverständlich gelten und damals ein kleines Wunder waren. Wie ein Eisensthein, ein Welles, ein Lang, ein Porter, ein Kubrick oder ein Hitchcock war auch Griffith den cineastischen Gegebenheiten seiner Zeitphase weit voraus, was ihm besonders bei seinem folgenden Werk, "Intolerance", aus dem Jahre 1916, vernichtende Kritiken und einiges an Hohn von "Experten" einbrachte, die der Erzählstruktur seines Filmes nicht folgen konnten.
"The Birth Of A Nation" ist aber der Höhepunkt seines über 550 Filme umfassenden Gesamtwerkes. Der monumentale Historienfilm darf gut und gerne als der erste wirklich große Film bezeichnet werden, denn danach war das Kino nicht mehr so, wie es einmal war. Als erster Regisseur setzte Griffith in diesem Film Detailaufnahmen von Gesichtern ein, was das, was wir heute "Overacting" (übertriebene Gesten und Mimiken) nennen, zu verhindern wusste. Er entwickelte die ersten Kamera-Closeups der Kinogeschichte und den Gegenschnitt - schnitttechnisch war der Streifen sowieso ein Geniestreich: hatte ein durchschnittlicher Film zur damaligen Zeit nur etwa 100 Schnitte, so hatte "The Birth Of Nation" über 1.500 - und vermochte es somit, dem Film eine revolutionäre Rhythmik zu verleihen, die dem Kino einen völlig neuen Weg der Erzähltechniken aufwies. Seine Schlachtszenen waren die packendsten und am aufwendigsten gefilmten, die man bis dahin jemals in einem Film gesehen hatte und die Zuschauer merkten wohl deutlich, wo das damals unglaubliche Budget von 100.000 Dollar geblieben war. In kunstvollen Bildern, mit hervorragenden Kamerafahrten und einer hochinteressanten und für damalige Verhältnisse seltenen optischen Ästhetik, gelang es Griffith, ein sehr mitreißendes und realistisch wirkendes Schlachtfeldporträt zu zeichnen. Die Selbstverständlichkeit der Tonlosigkeit fällt bei den Griffith-Filmen allgemein sehr stark auf. So hat man das Gefühl, die Kanonen- und Gewehrschüsse, das Kriegsgeschrei und den Todeskampf der Verwundeten tatsächlich hören zu können, was durchaus veranschaulicht, wie hervorragend die Bildersprache eines Filmes sein kann und wie überflüssig doch eigentlich die Sprache in einem Film an sich sein kann. Ebenfalls äußerst gelungen waren die Aufbearbeitungen der historischen Ereignisse, wie der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung oder dem Attentat auf Abraham Lincoln, die ein gewaltiger Hauch von Filmnostalgie umweht. All diese Szenen wirken heute noch fast so modern und revolutionär, wie sie es damals tatsächlich waren und der Aufwand lohnte sich - "The Birth Of A Nation" wurde zum meistgesehenen und erfolgreichsten Stummfilm aller Zeiten und spielte über 18 Millionen Dollar ein!
Der Südstaatler Griffith wollte auch, daß die Zuschauer nicht mehr nur einen Film teilnahmslos ansahen, sondern daß sie Emotionen durchlebten, daß sie hassten und liebten, mit den Charaktere mitfühlten - er wollte auch manipulieren. Als eine der Hauptdarstellerinnen engagierte er einmal mehr die geniale Lilian Gish, die auch bei Griffiths eigener Produktionsfirma unter Vertrag stand und somit in zahllosen seiner Filme mitwirkte. Später war sie übrigens auch in dem brillanten und mitreißenden Film "The Wind" (einem der letzten Stummfilme überhaupt, 1928) vom schwedischen Großmeister Victor Sjöström zu sehen. Gish reit sich perfekt ein in die Liste der sehr guten Schauspieler, die an "The Birth Of A Nation" mitwirkten und wie sie alle, wirkt auch sie in dem Film für die damalige Zeit schauspielerisch außergewöhnlich reif und modern. Mit den Jahrzehnten entwickelte "The Birth Of A Nation" aber auch eine große Problematik: Mit einem Wort ist der Film einfach wahnsinnig rassistisch. In der Zeit der Rekonstruktion hatten die Farbigen einst die Mehrheit im US-Senat. Diese Begebenheit nutzte der - entschuldigt bitte den Ausdruck - "Negerhasser" Griffith, um die Farbigen als penetrante Halbaffen darzustellen, die die Füße auf den Tisch legen und während der Sitzungen Alkohol trinken. In einer Szene stellt er einen farbigen Offizier als lüsterne Bestie dar, die eine weiße Frau in den Selbstmord treibt. Später dann glorifiziert er dann gar die Gründung der noch heute berüchtigten, rassistischen Verbrecherorganisation Ku-Klux-Klan und feiert sie - in einer Szene, in der eine Armee der Kapuzenträger in einer kleinen Stadt die Mehrheit und politische Obrigkeit der Farbigen mit der Musik von Richard Wagner aus der "Walküre" unterlegt, nahezu niedermäht - als die "Befreier des Südens". Dieser Rassismus stieß bei vielen Menschen sehr auf und es kam schon während der Veröffentlichung des Mammutfilmes zu schweren Protesten. Selbst als vor nur etwa einem Jahr das "American Film Institute" einmal mehr seine Liste der "100 besten Filme aller Zeiten" veröffentlichte und darin auch erwartungsgemäß "The Birth Of A Nation" aufführte, kam es erneut zu schwerer Kritik an dieser bekannten Liste.
Ich denke, daß man diesen Film einfach auch aus seiner Zeit heraus sehen muß. Es handelt sich hier um einen 86 Jahre alten Streifen, der von einem Menschen gedreht worden ist, der selber Sohn eines Generals der konförderierten Armee gewesen ist und sehr militaristisch erzogen worden ist. Die soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Film in weiten Teilen politisch gesehen schlicht naiv und falsch ist.

"The Birth Of A Nation", einer der wichtigsten und revolutionärsten Filme der Kinogeschichte, mit monströsen cineastischen Ausmaßen und wegweisender Technik! Sollte jeder gesehen haben, der sich filmhistorisch interessiert...

Wertung: 85 %


<font size=-1>[ Diese Nachricht wurde geändert von: LesterBurnham am 2001-06-25 14:44 ]</font>

<font size=-1>[ Diese Nachricht wurde geändert von: LesterBurnham am 2001-08-19 00:23 ]</font>