Titel: Harry, un ami qui vous veut du bien
Genre: Thriller/Schwarze Komödie
Land: Frankreich
Jahr: 2000
Regie: Dominik Moll
Darsteller: Sergi Lopez, Laurent Lucas, Sophie Guillemin


Als Michel und seine Ehefrau Claire nach einer anstrengenden Autofahrt mit ihren drei jungen Töchtern an einer Raststätte eine Pause einlegen, trifft Michel dort einen alten Schulkamarad, den durch Erbschaft inzwischen reichen Harry, und seine naive Verlobte Prune. Höchst erfreut über dieses Wiedersehen lädt sich Harry, der ein großer Verehrer der Texte, die Michel einst in der Schülerzeitung veröffentlichte, ist, selbst in das renovierungsbedürftige Landhaus der Familie ein. Anfangs scheint Harry nur hilfsbereit, doch schon bald stellt sich heraus, dass er für Michel's Wohlergehen töten würde...

Es gibt keinen, der noch nie diese peinliche Situation erlebt hätte: Man wird auf der Straße von einem scheinbar völlig Fremden angesprochen, der auch noch behauptet, ein wichtiger Teil eines früheren Lebensabschnitts gewesen zu sein und dann, wenn die Erinnerung langsam wiederkehrt, tritt dieses unvermeidbare, grausame Schweigen ein, das man nur durch eine mit einer schlechten Ausrede getarnten Flucht beenden kann. Genau so geht es auch Michel.
Nur leider zieht sich Harry nicht so einfach zurück zu den anderen Schatten der Vergangenheit, sondern will seinem Idol der Schulzeit unbedingt zu einem besseren Leben verhelfen.
Sergi Lopez spielt Harry mit einem wundervollen unterschwelligen Humor. Seine Darstellung erinnert ein wenig an Kathy Bates Meisterleistung in "Misery". Vom ersten Auftreten Harry's an verspürt man ein unbestimmtes, eigentlich (noch) unbegründetes unbehagliches Gefühl gegenüber diesem unscheinbaren Mann. Jede noch so kleine Geste, jede Bewegung der Hände, jeder Blick scheint eine Vorankündigung der kommenden Geschehnisse.
Im Stile von Hitchcock macht uns Regiesseur Dominik Moll zu Mitverschworenen, die lange vor den Protagonisten wissen, was Harry im Schilde führt. Jedesmal, wenn Harry auch nur etwas schneller mit dem Auto fährt, wenn er mit einem anderen allein im Zimmer ist, zucken wir innerlich erwartungsvoll zusammen, nur um in den meisten Fällen festzustellen, dass wir mit unseren Theorien über Harry's Handlungsweise ein weiteres Mal unrecht hatten.
Doch trotz der langen, bewusst an die Eröffnungssequenz aus "Shining" erinnernden, aus der Vogelperspektive gefilmten Aufnahmen eines, sich langsam auf einer schmalen, kurvigen Gebirgsstraße durch dichte, dunkelste Wälder quälenden Wagens,
der meistens eher geringen Lebensdauer der Nebenfiguren, durchziehen Fäden von schwarzem Humor den Film.
Wie zum Beispiel Michel's Eltern, die sich schon seit Jahren offen bekriegen und, um ihrem Sohn bei der Renovierung des baufälligen Landhauses zu unterstützen, in dessen Abwesenheit bei dem teuersten und besten Hersteller ein rosa (nein, es ist eher fuchsia...) ausgekacheltes Badezimmer bestellen und auch gleich einbauen lassen.
In diesem Sinne empfehle ich jedem, der in nächster Zeit auf der Straße einem verdächtig bekannt aussehendem wildfremden Menschen begegnet, sich so schnell wie möglich in diesen bösartig genialen Thriller, dessen Horror sich ganz subtil verbreitet, zu flüchten.

Prozentwertung: 89%