Harry Potter und die Heiligtümer des Todes: Teil 1
(Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 1)

Kinostart DE: 18. November 2010
Kinostart US: 19. November 2010
FSK: 12
Laufzeit: 146 Minuten
Regie: David Yates
Drehbuch: Steve Kloves
Cast: Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Helena Bonham Carter, Ralph Fiennes

Kritik

Vor ziemlich genau neun Jahren verzauberte Harry Potter zum ersten Mal unsere Kinoleinwände. Seitdem hat die Filmreihe ein ständiges Auf und Ab mit dem Kommen und Gehen diverser Regisseure erlebt, die jeweils ihre ganz eigene Vision von J.K. Rowling's Fantasy Saga umsetzten. Der ein oder andere wird heute wehmütig werden, wenn an die alten Zeiten erinnert. Als John Williams das ikonische Leitmotiv für Hedwig kreierte und damit für Gänsehaut beim Publikum sorgte, als Steve Kloves es noch vermochte, die Geschichte eines Potter Romans liebevoll und mit viel Geschick zu adaptieren oder als es Alfonso Cuarón gelang, die großartigsten Performances aus drei jungen Darstellern herauszukitzeln. Diese Zeiten sind lange vorbei. Denn spätestens mit dem Auftreten des britischen TV-Regisseurs David Yates hat die Serie eine gänzlich neue Richtung eingeschlagen. Die Stimmung wurde
auf einmal düsterer und Yates Herangehensweise war deutlich auf Action ausgelegt.
Doch während des Orden des Phoenix lediglich ein wenig dunkler und erwachsener geworden war, was angesichts der Buchreihe durchaus angebracht ist, stellte sich der Halbblutprinz als Actionthriller heraus, der weder Seele noch Charme besaß und streckenweise einer 0815 Teenie-Komödie glich.
Nun steht uns also der erste Teil des großen Finales ins Haus und es scheint als hätten die Filmemacher diesmal endgültig die Liebe für den Stoff verloren und liefern einen Film ab, der dermaßen ohne Sinn und Verstand inszeniert wurde, dass dem Zuschauer das eine oder andere Mal das Popcorn im Hals stecken bleibt.
Und obwohl sie für einen Zauberer wie die Luft zum Atmen ist, entzieht Yates dem Harry Potter Franchise hiermit den letzten noch übrig gebliebenen Funken Magie.


Deathly Hallows ist das wohl emotionalste Kapitel der Harry Potter Saga. Nicht nur, weil es das Finale darstellt, sondern weil unsere drei Protagonisten hier aus ihrem üblichen Umfeld, Hogwarts,
herausgenommen wurden und für den Großteil der Handlung mitten in der Wildnis, gänzlich auf sich allein gestellt, um ihr Überleben kämpfen.
Harry, Ron und Hermine sind auf der Flucht. Von unzähligen Todessern gejagt müssen sie die verbleibenden Horkruxe, in denen Voldemort Teile seiner Seele aufbewahrt, ausfindig machen und zerstören. Dabei können sie jederzeit von den Schergen des dunklen Lords überraschend angegriffen werden. Die Bedrohung ist allgegenwärtig. Nirgends ist es sicher und niemanden kann vertraut werden. Diese Problematik meistert der Film relativ gut und der Zuschauer ist sich der Gefahr zu jedem Zeitpunkt bewusst.

Leider reicht diese Erkenntnis nicht aus, um eine Verbindung zu diesen Charakteren aufzubauen,
wenn diese irgendwo in Yates letztem Machwerk verloren gegangen ist. Und aufgrund der grundlegenden Unterschiede der sieben Filme, dürfte es dem ein oder anderen schwer fallen, die Reihe als eine große, zusammenhängende Story zu betrachten. Das heißt im Klartext: Wer zu Beginn von Deathly Hallows Harry und co. noch nicht in sein Herz geschlossen hat, wird in diesem
Film auch nicht die Chance dazu bekommen. Und das die Dramatik unter dem Fehlen jeglichen Mitgefühls für die Protagonisten leidet, dürfte selbst Mr. Yates klar sein. Dieser scheint sich allerdings ohnehin nicht besonders um Wirkung zu bemühen. Zwar enthält der Film mindestens ein dutzend an hochemotionalen Szenen, jedoch lässt das Publikum davon eine kälter als die andere.
Das Problem könnte man bei den Schauspielern suchen, jedoch stellt jeder einzelne von ihnen in diesem Film sein Können mehrfach unter Beweis und somit sind Unausgereiftheiten in den Darstellungen einzig und allein dem Regisseur zuzuschreiben.
Unterstrichen werden derartige Aussetzer von einer äußerst zweifelhaften Visualisierung der Geschichte. So findet zum Beispiel die Beerdigung eines geliebten Charakters an einem Strand am helllichten Tage unter blauem Himmel statt und fühlt sich auch dementsprechend an.

Der wohl größte Faktor für diesen Schlamassel ist aber der Soundtrack, dieses Mal von Alexandre Desplat der bereits mit seiner Untermalung für The Golden Compass und Fantastic Mr. Fox überzeugen konnte. Diesmal scheint er sich jedoch von der unglaublichen Lustlosigkeit Yates angesteckt zu haben. Sein Score fällt in den zweieinhalb Stunden so gut wie gar nicht auf und entbehrt jeglicher Leitmotive, welche das vertraute Harry Potter Gefühl erzeugen. Es ist eine Frechheit, John Williams überhaupt noch in den Credits zu erwähnen.

Was die Adaption betrifft, so trägt auch Steve Kloves seinen Anteil an Mitschuld. Die Handlung wurde derart vereinfacht, dass das Geschehen auf der Leinwand teilweise vollkommen sinnentfremdet wirkt. Neue Logiklöcher warten mit jeder neuen Filmrolle auf das Publikum.
Während es den treuen Potter Lesern mal wieder an Komplexität mangeln dürfte, so sind einige Handlungselemente wiederum nur von jenen nachzuvollziehen und bleiben für den Rest komplett unergründlich. Nach Kreativität such man ebenfalls vergeblich, denn jede einzelne Szene ist so ambitionslos inszeniert, dass man sich so manches Mal wirklich fragen muss, wozu dieser Film einen Regisseur benötigt.
Zudem scheint die Spaltung der Vorlage in zwei Teile der Story eher geschadet zu haben. Nicht nur
ist die Spannungskurve fast über die gesamte Laufzeit hinweg auf Nullniveau, auch endet der Film total abrupt und lässt den Zuschauer komplett unerfüllt zurück.

Alle Mängel beiseite geschoben muss man jedoch zugeben, dass Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 1 seine Momente hat, wenn sie auch noch so rar gestreut sind. Zu den Highlights
zählen unter anderem eine 2D animierte Cartoonsequenz und eine kontroverse Szene in der Harry versucht die aufgelöste Hermine zu trösten. In der Schauspielerriege sticht Helena Bonham Carter a.k.a. Bellatrix Lestrange klar hervor, und das in nur einer handvoll Szenen in denen sie zu sehen ist. Alan Rickman's Part geht in diesem Film leider nicht über einen Cameo hinaus und bei unserem berüchtigten Trio stiehlt Emma Watson erneut ihren beiden Co-Darstellern die Show.
Die visuellen Effekte sind so nahtlos in den Film integriert, das sie nicht einmal auffallen und wohl das unbedeutendste Gesprächsthema der Publikums sein dürfte. Hervorzuheben ist da allerdings der Hauself Dobby, der den mit Abstand interessantesten Charakter im ganzen Film darstellt und den Film massiv aufwertet.

All dies überwiegt jedoch lange nicht das zentrale Problem dieses Films: Die Abwesenheit von Magie. Wahre Filmmagie wird eben nicht im Geringsten durch Spezial Effekte oder heulende Darsteller erzeugt. Ein Irrtum, dem schon so mancher Filmemacher erlegen ist. Magie ist etwas,
das in den ersten drei Potter Filmen deutlich spürbar war. Es ist jenes Element, das uns Gänsehaut bescherte, als Harry Expecto Patronum! in den dunklen Nachthimmel schrie und damit die Dementoren vertrieb, das uns Zittern lies als er kurz zuvor von Werwolf Lupin durch den Wald gejagt wurde, das uns Tränen in die Augen trieb als er sich von Sirius verabschiedete und uns voller Freude lachen lies, als Harry, Ron und Hermine nach ihrem ersten großen, gemeinsamen Abenteuer wieder vereint waren.

Eines hat Yates jedoch spielend erreicht: In knapp zehn Jahren Harry Potter Kinogeschichte gab es nie einen derart uninspirierten und seelenlosen Film, ein Rekord der in acht Monaten vermutlich nochmal überboten werden könnte. Dann aber zum letzten Mal.

Von Nicolas Cabuy