Die berechtigte Frage, ob der im Vergleich zu seinen Vorgängern gewaltige Hype und unglaubliche Kassenerfolg (nebst Brechens diverser Rekorde wie das Knacken der 300 Mio. Dollar Einspielmarke in nur 10 Tagen) allein auf das Vermächtnis des tragisch verstorbenen Heath Ledger zurückzuführen ist, kann nach zweieinhalb Stunden eindeutig mit NEIN beantwortet werden. Ungeachtet der Leinwandpräsenz des in seiner letzten und tatsächlich beeindruckendsten Rolle als Batmans ewiger Widersacher Joker faszinierenden Australiers, entfaltet das Regiegenie Christopher Nolan - nach PRESTIGE erneut mit Bruder Jonathan für das Drehbuch verantwortlich - ein erzählerisch, visuell und soundtechnisch perfektes Spektakel.

Konnte man nach BATMAN BEGINS den Eindruck gewinnen, düsterer und schwermütiger geht es gar nicht mehr, so belehrt THE DARK KNIGHT den Zuschauer mühelos eines Besseren. Nach wie vor wird Bruce Wayne von Selbstzweifeln an der Richtigkeit seines Tuns zerfressen, verstärkt zudem durch die Tatsache, dass die Öffentlichkeit ihn dank schmutziger Presse zunehmend als Vigilant denn als Retter wahrnimmt. Verdammt dazu, nach der Zerstörung Wayne Manors im Penthouse inmitten des Großstadtmolochs Gotham den hedonistischen Playboy zu geben, hält im Grunde genommen nur sein treuer Butler Alfred (wie immer ein Genuss: Michael Caine) und quasi Stimme des Gewissens ihn davon ab, das Cape verbittert an den Nagel zu hängen. Umso willkommener nutzt Wayne die Gelegenheit, den aufstrebenden Harvey Dent, den er als neuen Mann an der Seite seiner Ex-Flamme Rachel (bezaubernd spröde: Maggie Gyllenhaal) kennenlernt, in dessen Wahlkampf zum Staatsanwalt zu unterstützen. Unglücklicherweise erfährt sein Plan, dem Kampf gegen das organisierte Verbrechen ein heroisches Gesicht zu verschaffen, eine durch den Joker beeinflusste Umsetzung, die fernab vom beabsichtigten Bild des “Weißen Ritters“ liegen soll.

Gleich mit dem ersten Auftritt erweckt Heath Ledger einen der denkwürdigsten und problemlos die Top 5 der abgrundtief bösesten Filmschurken enternden Comic-Charaktere zum Leben. Weit entfernt von Jack Nicholsons nichtsdestotrotz grandioser, den Begriff “Overacting“ mehr als strapazierender Performance in Tim Burtons BATMAN, ist der als blendend aussehender Teenieliebling zu Starruhm gelangte Ledger unter bewusst nachlässig aufgetragenem Make-up und mit ungepflegt-schlammfarbener Frisur kaum zu erkennen. Darüber hinaus entwickelt er eine Körpersprache, die gepaart mit schleppender - aufgrund der permanent echsenhaft herumschnellenden Zunge - zischelnder Sprechweise eine Bedrohlichkeit kreiert, die anschließende Gewaltausbrüche beinahe erlösend wirken lässt. Kaum vorstellbar, wie diese Darstellung in die jeweilige Synchronfassung gerettet werden soll.

Wer mit dem Batman-Universum aus den Comics vertraut ist, für den wird das Folgende keine Überraschung sein. Alle anderen sollten diesen Absatz überspringen. Neben dem Joker gelingt Nolan erstmals, Two-Face adäquat auf die Leinwand zu bringen. Vergesst BATMAN FOREVER (sorry, Tommy Lee Jones)! Das Make-up, das den kantigen und hervorragenden Aaron Eckhart als Harvey Dent im letzten Akt halbseitig entstellt, gehört mit zur besten Maske, die man in der jüngeren Filmgeschichte mehr voller Faszination denn mit Abscheu bestaunen durfte. Allein aufgrund Eckharts intensiven Spiels wird das Schicksal des sich vom aufrechten Bezirksstaatsanwalt zum skrupellosen Rächer wandelnden Harvey Dent niemanden kalt lassen. Unbeschreiblich und genial, wie Nolan und sein Director of Photography Wally Pfister (MEMENTO, BATMAN BEGINS), mit viel Schatten spielend, die erbarmungswürdige Gestalt in Szene setzen.

Bei der Gelegenheit ein paar Worte zur Regie: abgesehen davon, dass Nolan das Versprechen eingelöst hat, im Sequel mehr Action als im Vorgänger zu präsentieren, meint man gar das Werk eines anderen Regisseurs zu sehen. Der teils anstrengende Look der Mann-gegen-Mann-Fights im Vorgänger ist einem deutlich eleganteren Inszenierungsstil gewichen. Überhaupt sind die atemberaubenden Actionsequenzen überraschend einfallsreich und mit dynamischer Wucht gefilmt. Sei es die Episode in Hong Kong, die den vergleichbaren MISSION IMPOSSIBLE Stunt von Tom Cruise in Shanghai zur harmlosen Turnübung degradiert. Oder der bereits im Trailer zu bewundernde Truck-Überschlag nebst der vorangegangenen Verfolgungsjagd. Der sich nach eigenem Bekunden eher als Schauspieler-Regisseur betrachtende Nolan hat eine gehörige und sichtbare Portion Nachhilfe genommen und sich zum genauso versierten Action-Regisseur komplettiert. Dennoch dienen die Materialschlachten nicht allein als Augenfutter fürs eventhungrige Publikum, sondern treiben die erstaunlich tiefgründige Geschichte voll unvorhersehbarer Wendungen plausibel voran. Trotz bereits in unzähligen Varianten auf Zelluloid gebannt schafft das Autorenbrüderpaar überdies das Kunststück, dem spannungsgeladenen Szenario der tickenden Zeitbombe neue Facetten abzugewinnen und besonders in der Fährensequenz für schweißnasse Handflächen und atemlose Stille zu sorgen.

Untermalt wird das Geschehen vom Score der außergewöhnlichen Kooperation Hans Zimmer und James Newton Howard. Entgegen der in Actionkrachern überwiegend zum Einsatz kommenden treibenden Rhythmen wirkt hier ein ständig präsenter Klangteppich, der das im Vorgänger etablierte Batman Thema der Situation angepasst variiert. Der Psyche des Jokers entsprechend werden seine Auftritte ein ums andere Mal von Geräuschkollagen und Disharmonien begleitet. Insgesamt liefern Zimmer und Howard mit ihrem Beitrag zu THE DARK KNIGHT eines ihrer besten Werke ab, das auch losgelöst vom Film Bestand haben wird. Ein MUSS für Freunde epischer Filmscores.

Zum Schluss nur die dringende Empfehlung, sich das Highlight dieses Kinosommers keinesfalls entgehen zu lassen. Näher an der Perfektion wird man - zumindest im Genre der Comicadaptionen - in absehbarer Zeit wohl nicht mehr unterhalten werden. In dem Sinne bleibt ungeachtet des Filmendes zu hoffen: Batman continues…

Schlachti