Selten in der jüngeren Filmgeschichte dürfte der vierte Teil einer nahezu beispiellosen Erfolgsserie von beinharten Fans wie auch mit gezücktem Schreibgerät wartenden Kritikern erwartet worden sein. Entsprechend groß war der durch geschicktes Marketing in branchenuntypisch kurzer Zeit aufgebaute Erwartungsdruck, der bereits ein ums andere Mal mit monströsem Hype beworbene, sicher geglaubte Blockbuster an der Grenze zum Flop entlang schrammen ließ (schlag nach bei Emmerich). Und hier verlässt der geneigte Rezensent und befangene Indy-Fan der ersten Stunde den Weg, den dieser Tage viele mal mehr, mal weniger seriöse Filmkritiker beschritten haben: nämlich den neuen Indiana Jones genussvoll auseinanderzunehmen und sich über die angeblich nicht eingelösten Versprechen, die die grandiosen Trailer im Vorfeld gemacht haben, zu beklagen.

Sicher fällt die Story, der Echtzeit folgend 19 Jahre nach dem letzten Kreuzzug im Jahr 1957 angesiedelt, vielleicht weniger brillant und vor neuen Einfällen strotzend aus. Aber das liegt nicht zuletzt daran, dass die zwischenzeitlich Legion zählenden Epigonen Indys wie Brendan “Rick O’Connell“ Fraser (DIE MUMIE) und Nicolas “Benjamin Franklin Gates“ Cage (DAS VERMÄCHTNIS DER TEMPELRITTER) zahlreiche Mysterien und historische Schauplätze bereits abgegrast haben. Allen zum Teil ordentlich gelungenen “Nachzüglern“ fehlt jedoch EIN Element, das die unter Steven Spielbergs fantastischer Regie geschaffene Tetralogie so einzigartig macht: Harrison Ford. Egal, wie abstrus die gebotenen Wendungen und physikalisch abgehoben die Action sein mag - es ist das pure Vergnügen, dem Mittsechziger, für den abermals der strapazierte Vergleich vom je älter umso besser werdenden Wein herhalten muss, in seiner Paraderolle zuzusehen. In jeder Szene, in jeder oft gebrauchten Großaufnahme des kernigen, gebräunten Gesichtes sieht man Ford das Vergnügen an der Wiedererweckung des wie eine zweite Haut sitzenden Charakters an. Und bekommt nach zu vielen routiniert abgespulten Arbeiten in mühsam gestrickten Actionern wie HOLLYWOOD COPS oder FIREWALL endlich wieder in den Genuss seines lakonischen Spiels und des unverschämten Grinsens, das sich nach gelungenen One-Linern oder dem Vermöbeln der Schurken auf seine Lippen stiehlt.

Trotz Harrisons One-Man-Show fällt der übrige Cast keineswegs signifikant ab - im Gegenteil. Cate Blanchett reiht sich als russische Agentin vom Fleck weg nahtlos in die vordersten Plätze der memorabelsten Indy-Gegner ein. Mit gekonnter Mischung aus Ironie und fanatischer Besessenheit verkörpert sie die Vetreterin des damaligen Feindbildes. Für manche Skeptiker überraschend gut harmoniert Shia LaBeouf (TRANSFORMERS) - ACHTUNG ANFANG SPOILER - an der Seite seines Vaters, zu dem sich im Handlungsverlauf auch noch Mutter Marion Ravenwood, Indys Love-Interest aus JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES, gesellt. Auftritt Karen Allen, die sich ihre sympathisch-burschikose Ausstrahlung bewahrt hat. - ENDE SPOILER -

Das Zusammenspiel des blendend aufgelegten Ensembles lässt manchen dramaturgischen Hänger, insbesondere wenn Indy den Erklärbär gibt, oder zu überdrehte Actionsequenz leicht verzeihen. Außerdem wird jeder Kenner der Vorgänger zugeben müssen, dass von JÄGER über TEMPEL bis KREUZZUG bei diversen unmöglichen Missionen beide Augen zugedrückt werden mussten, von den übernatürlichen Einlagen ganz zu schweigen. - ACHTUNG ANFANG SPOILER - So muten die gewohnt rasant choreographierten Jagden zu Motorrad, LKW und Amphibienfahrzeug wie ein “Best of Indiana Jones“ an, gipfelnd in eine der Speeder Bike Sequenz aus DIE RÜCKKEHR DER JEDI-RITTER nachempfundenen halsbrecherischen Verfolgung durch den mexikanischen Urwald. All denjenigen, denen der Realismus fehlt beim Überleben dreier Wasserfälle oder im tosenden Finale, mag als Überlistung der Ratio eventuell der Hinweis nützen, dass Spielberg den Zuschauer zuvor auf alle nachfolgenden Unplausibilitäten vorbereitet, indem er seinen Helden gleich zu Beginn eine Atomexplosion auf irrwitzige Weise überleben lässt. Selbst wenn es nicht ganz der Mythologie des im LETZTEN KREUZZUG entdeckten Heiligen Grals entspricht, so ist der Schluck aus selbigem möglicherweise der Grund für Indys Unverwundbarkeit. - ENDE SPOILER -

Letztlich kommt es weniger darauf an, die Schauwerte mit den im Computerzeitalter von Eventmovie zu Materialschlacht immer pompöser und perfekter kreierten Welten zu vergleichen - in dieser Hinsicht schneidet IJ4 allein schon deshalb etwas schlechter ab, war es doch erklärte Absicht von Spielberg und Produzent Lucas, den Look und die handgemachten Actionszenen der Vorläufer weitestgehend beizubehalten. Diese Abstriche nimmt man gerne in Kauf, fällt das Wiedersehen mit liebgewonnenen Charakteren so launig und unterhaltsam wie hier aus. Vom spielbergschen Abenteuerspielplatz wünscht sich hoffentlich die Mehrzahl weitere Geschichten um den Mann mit Peitsche und Hut, die Harrison Ford - vorausgesetzt, es gehen nicht wieder fast zwei Dekaden ins Land - in seiner eben unter Beweis gestellten Form noch längst nicht an den Nagel hängen muss.

Schlachti