Dieser Film strotz vor Zumutungen an die Logik und Plausibilität und damit unvermeidbar vor Ungereimtheiten und Lächerlichkeit nur so, und zwar von Anfang bis Ende. (Was um so verblüffender ist, da die Coen-Brüder z.B. mit Fargo bewiesen haben, daß sie das Filmhandwerk geradezu meisterhaft beherrschen können – warum nicht hier?)
Wie, bitteschön, soll man sich für so eine völlig farblose Durchschnittsfigur wie diesen Moss, der Hauptfigur immerhin, der auch noch seiner Frau mit einer Vergewaltigung droht, als sie ihm eine naheliegende Frage stellt (später an den ihn verfolgenden Killer verrät), dessen Handlungen ansonsten vor Dummheiten und Ungereimtheiten nur so strotzen, interessieren?
Dieser Moss, für den man noch nicht mal den Bonus unglücklicher Umstände, in die er unverschuldet geschlittert ist, geltend machen kann, legt nun, beispielsweise, bei der Entdeckung eines durstenden und schwer verwundeten Überlebenden des Massakers einerseits eine schnoddrige Mitleidlosigkeit an den Tag, aber anderseits – höchst wundersamerweise, vielleicht weil gerade Vollmond war?! – kommt er mitten in tiefster Nacht mit zwei unerkannt beiseite geschafften und sicher versteckten zwei Millionen Dollar auf die selbstmörderische Idee, an den Ort des Massakers und seines vielversprechenden Fundes zurückzukehren, womit er mutwillig und ohne Not nicht nur die zwei Millionen unter seinem sicheren Arsch, sondern diesen höchstselbst leichtfertigst riskiert, ja sich geradezu aufs idiotischste seinen Gegnern ausliefert.
Sollen wir hier etwa an einen mitternächtlichen Anfall von Mitmenschlichkeit glauben? Weil eben gerade Vollmond war? Oder einen Fingerzeig Gottes, der ihm den Nacken kitzelte, so daß er keinen Schlaf mehr fand, mit der betrüblichen Folge, daß sein mit dem nahenden Morgen dämmerndes schlechtes Gewissen ihm keine Ruhe mehr ließ? Die Zumutungen an die (Motivations-)Logik und die damit einhergehenden Idiotien im Handeln stapeln sich auch noch regelrecht. Da wäre z.B. die Unwahrscheinlichkeit, den schwer verwundeten und den ganzen Tag in brütender Hitze geschmort habenden halbverdursteten mexikanischen Gangster viele Stunden später noch lebend anzutreffen, um ihm das lindernde Naß zu reichen. Und tatsächlich, wen überrascht’s, er war auch tot, als unser urplötzlich mitmenschelnder Moss ihn wieder antraf und sich dabei, so ganz nebenbei und ganz ohne Not, die Schlinge um den Hals legte, die seine Verfolger für den Rest des Films nur noch zuzuziehen brauchten.
Die (wohlverdiente) Strafe für so viel grenzenlose, sich potenzierende Dummheit folgte in selbiger Nacht auf dem Fuße bzw. für den Rest des Filmes.
Wohlgemerkt, wir reden hier nicht (was in diesem Falle ebenfalls eine Zumutung wäre) von einer Nebenfigur im dritten Gliede, sondern vom Charakter und vom Handeln der HAUPTFIGUR, dem HELDEN der Geschichte.
Der Mangel an Logik und Plausibilität beschränkt sich allerdings nicht nur auf seine Figur! Als er z.B. nach seiner Rückkehr an den Tatort in tiefer Nacht entdeckt wird, entkommt er, der zu Fuß, einem ihm hinterherrasenden Jeep mit einer aufgebauten Scheinwerfer-Batterie und schießgeübten Gangstern auf der Ladefläche recht mühelos, der Abstand zwischen beiden verringert sich kaum. Am allermerkwürdigsten ist aber, daß ihn auch kein Lichtkegel der vielen Scheinwerfer auch nur streift, sie blenden nur uns Zuschauer. Als der gejagte Moss einen Abhang zum Fluß hinunterstürzt, kann ihn wohl der Jeep nicht folgen. Soweit logisch und plausibel. Aber warum leuchten seine Verfolger mit ihren vielen Scheinwerfern oder einer sonstigen Lampe ihm nicht hinterher, denn offensichtlich sind die gut gerüstet? Man hetzt nun einen Hund Moss hinterher. Soweit so gut. Aber warum stürmt kein Verfolger dem Hund nach? Moss treibt nun im Fluß, aber die Strömung reißt ihn nicht so rasch mit, daß er von seinen Verfolgern mit ihren vielen Scheinwerfern nicht entdeckt werden könnte. Diese unternehmen aber unlogischerweise noch nicht mal einen dahingehenden Versuch zu seiner Entdeckung! Als Moss den hinter ihm her hetzenden Hund erschießt, hat er in dieser nächtlichen Wüstenstille seinen Verfolgern einen lautstarken Hinweis auf seinen etwaigen Aufenthaltsort gegeben. Aber die machen – ja, warum eigentlich, keine Lust mehr? - keine Anstalten, ihn ausfindig zu machen. Obwohl unser famoser Moss für sie doch außerordentlich wichtig ist. Denn da mitten in der Nacht an diesem verlassenen Wüstenort nur jemand aufkreuzt, der mit diesem blutig geendet habenden Drogendeal in irgendeiner Beziehung stehen muß bzw. die vermißten über zwei Millionen Dollar hat, muß seinen Verfolgern Moss’ immense Bedeutung klar sein.
Kurzum: dümmer geht es doch nun wirklich nicht mehr. (Klar, der Held darf natürlich nicht gleich zu Anfang erwischt werden, denn dann ist er natürlich unbrauchbar und der Film zu Ende, bevor er begonnen hat. Aber wenn er denn schon entkommen soll, so muß man natürlich so eine Verfolgungsjagd mit Sinn für Plausibilität und Logik in Szene setzen – das vor allem!)
Wie soll man nach dem gleich zu Anfang erlebten unplausiblen Szenen mit einem solch unsympathischen Trottel mittendrin diesem wünschen, daß er sein unverdientes Glück in Gestalt von zwei Millionen Dollar vor seinen Verfolgern in den sicheren Hafen bringt? Wie das soll das, bitteschön, möglich sein? Ich meine: nach menschlichem Ermessen!
Da könnte man ja im Zweifelsfalle ja eher geneigt sein, seinem Verfolger, dem „liebenswerten“ Killer Anton Chigurh, den Erfolg zu wünschen!
Ich bitte vor etwaigen Zwischenrufen zu bedenken: der Mann hat immerhin einen interessanten Haarschnitt, weist in seiner pathologisch-mörderischen Boshaftigkeit immerhin ein gewisses Maß an Logik auf, ist außerdem mit seiner mörderischen Luftpumpe auch bis zu einem gewissen Grade originell, und mit seinen Sprüchen komisch, wenn sich auch die Variationsbreite von allem (Bitte still stehen, danke – Luftschlauch ansetzen – Abdrücken – tot umfallen – der Nächste, bitte) leider rasch erschöpft.

Nein, wirklich: unser mörderischer Luftpumpen-Mann mit seiner originellen Frisur und seinem unwiderstehlichen „Call it!“ hat mir doch noch das größte Vergnügen bereitet.
Aber das war mir insgesamt, unterm Strich für den ganzen Film sozusagen, letztendlich doch entschieden zu wenig, und schon gar nicht den gravierenden große Rest der Unmöglichkeiten auffangen könnend. Zumal auch Anton Chigurh von der in diesem Film wild um sich schlagenden Unlogik bzw. Unplausibiliät auch stark gebeutelt wird. Denn offensichtlich verfügt er über hellseherische Fähigkeiten: er weiß einfach, woher auch immer, sofort, wo sich gerade unser unglücklicher Moss aufhält, was selbst der Peilsender, solange der von Held Moss nicht entdeckt, nicht so recht erklären kann, da der Empfänger ja, wie wir sehen, erst immer in großer Nähe zum Sender anzuschlagen fängt.
Auch den auf ihn angesetzten Profi-Killer Carl kann unser stoischer Luftpumpen-Mann mit Hang zum Mörderischen sofort ausfindig machen, was natürlich hier um so schwerwiegender wiegt, da wir diesen wohl als Zyniker (bei dem Beruf wohl unvermeidlich), aber nicht gerade als Dummkopf vorgestellt bekommen, der also überall seine Visitenkarte hinterläßt, sondern, ganz im Gegenteil, seinen gefährlichen Gegner Anton Chigurhsehr sehr genau zu kennen scheint!
Wie aber soll bei soviel Unsinn in Motiv und Handeln, hinsichtlich der Figuren wie auch des Plots, noch nennenswerte Spannung (die über sich schnell erschöpfende Schockeffekte hinausgeht) bei dieser sogenannten Verfolgungsjagd aufkommen?
Eine mögliche Mindestvoraussetzung wäre z.B. gewesen, daß unser Held so was wie einen Plan geschmiedet hätte, ich meine natürlich einen, von dem wir Kenntnis hätten (denn einer im Geheimen hat für uns keinen Wert). Dramaturgisch nicht unpraktisch im Sinne eines überzeugenden Spannungsaufbaus wäre es dabei u.a., wenn es sich um einen leidlich intelligenten handelte, so daß wir die Risiken, die Erfolgsaussichten usw. in etwa würdigen und ihm die Daumen drücken könnten – dazu müßte er uns allerdings natürlich, wie schon dargelegt, als Mensch, im Guten wie im Bösen, doch irgendwie interessieren. Aber unser Moss scheint nicht nur keinen intelligenten Plan (was nach seinen Dummheiten auch nicht zu erwarten war) gehabt zu haben (ein vor uns geheim gehaltener kann eben nicht zählen, wie gesagt), sondern, man ist nicht mehr überrascht, gar keinen, auf jeden Fall keinen, der diesen Namen verdient.
Genug des Widersinns und der Ungereimtheiten!

Was hätte man aus diesem sehr interessanten Stoff als Ausgangsmaterial wirklich Eindrucksvolles machen können! Und die Coen-Brüder, man denke an das Meisterwerk Fargo, hätten auch die richtige Besetzung für eine überzeugende Umsetzung der Geschichte sein können.
Leider waren sie es nicht - sehr, sehr schade!