Über einen, den es nicht gibt.

1959, irgendwo in den USA. Ein kleiner schwarzer Junge (Marcus Carl Franklin), der sich als Woody Guthrie ausgibt, rennt über ein Feld und springt auf einen Zug Richtung New York und erzählt dem erstaunten Pennerpublikum die wildesten Geschichten über seine Vergangenheit. So trat er wohl früher als Charlie Chaplin-Imitator auf, kam bei einer Pflegefamilie unter und ist eigentlich doch immer auf der Flucht. Und irgendwie lebt er auch nicht in der richtigen Zeit, mindestens zwanzig Jahre hinkt er mit seinem Wissen zurück…was jedoch nicht das einzig bemerkenswerte an dem Kerl ist, der kann auch noch ausgezeichnet singen und Gitarre spielen, allerdings hinkt er halt zurück, seine Songs handeln von der Vergangenheit, die Gegenwart vermag er nicht abzubilden, er ist schlicht hat nicht mehr zeitgemäß. Er sucht seine eigene Stimme.

I've roamed and rambled and I've followed my footsteps
To the sparkling sands of her diamond deserts
And all around me a voice was sounding
This land was made for you and me


1962 ist Jack Rollins (Christian Bale) ein gefeierter Folkmusiker. Beim Newport Folk Festival begeistert er das Publikum mit seinen vermeintlich politischen Songs. In denen kritisiert er Missstände ungeniert.

You that never done nothin'
But build to destroy
You play with my world
Like it's your little toy
You put a gun in my hand
And you hide from my eyes
And you turn and run farther
When the fast bullets fly


Man macht Rollins sogar zum „Sprecher“ seiner Generation, der Generation der aufkommenden Bürgerrechtsbewegung. Damit kann er jedoch nicht leben, weigert er doch sich in einer bestimmte Schiene pressen zu lassen. Er ist wütend darüber, dass er in einer Schublade gesteckt werden soll. Indem er von allen Seiten Annerkennung erfährt, wird er auch ein Teil des Establishments und deswegen bricht er aus seine Rolle heraus und ist zwanzig Jahre später Prediger einer kleinen Gemeinde, eine Rolle, die ihm besser gefällt, unterwirft er sich doch dabei keine irdischen Macht mehr.

Many try to stop me, shake me up in my mind,
Say, "Prove to me that He is Lord, show me a sign."
What kind of sign they need when it all come from within,
When what's lost has been found, what's to come has already been?

Well I'm pressing on
Yes, I'm pressing on
Well I'm pressing on
To the higher calling of my Lord


Mitte der Sechziger Jahr tourt Jude Quinn (Cate Blanchett) durch England. Gerade hat er sich von seinen Folkmusicwurzeln verabschiedet und macht Musik mit E-Gitarrren. Das Publikum verschreckt er dadurch, er muss sich vorwerfen lassen sich zu verkaufen und wird sogar als Judas beschimpft. Dabei hat er nur versucht aus den Erwartungen zu entfliehen und jegliche Konventionen abzustreifen. In London begegnet er Journalist Keenan Jones (Bruce Greenwood), der Kulturkritiker für die BBC ist. Er versucht Quinn zu analysieren und unterstellt ihm dabei gewisse Charakterzüge. Quinn weigert sich aber in diese oder jene Schublade stecken zu lassen.

You walk into the room
With your pencil in your hand
You see somebody naked
And you say, "Who is that man?"
You try so hard
But you don't understand
Just what you'll say
When you get home

Because something is happening here
But you don't know what it is
Do you, Mister Jones?


Ende der Sechziger Jahre, zu Beginn der Siebziger Jahre ist Robbie Clark (Heath Ledger) ein gefeierter Filmstar. Doch der Ruhm ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen, er hat ihn verändert. Die Beziehung zu seiner Frau Claire (Charlotte Gainsbourg) liegt in ihren letzten Zügen. Wie sehr er darunter leidet merkt Clark jedoch erst nach der Scheidung. Aus der Liebe von einst

Well, I return to the Queen of Spades
And talk with my chambermaid.
She knows that I'm not afraid
To look at her.
She is good to me
And there's nothing she doesn't see.
She knows where I'd like to be
But it doesn't matter.
I want you, I want you,
I want you so bad,
Honey, I want you.


Ist nur noch ein leidiges Zehren für beide geworden.

There must be some way out of here, said the joker to the thief,
Theres too much confusion, I can‘t get no relief.



Irgendwo zu einer unbestimmten Zeit in einer nicht bestimmten Welt ist Billy The Kid (Richard Gere) mit sich im Reinen. Er lebt in der Natur, hat sein Pferd und seinen Hund. Doch durch sein County soll eine Autobahn gebaut werden. Diese Entwicklung einer neuen Zeit nimmt keine Rücksicht. So muss er an der Trauerfeier für die kleine Misses Henry teilnehmen.

Goin' to Acapulco
Goin' on the run.
Goin' down to see fat gut
Goin' to have some fun.
Yeah
Goin' to have some fun.


Das gefällt dem staatlichen Vertreter Pat Garrett (Bruce Greenwood) jedoch überhaupt nicht, er lässt Billy festnehmen, doch Billy kann fliehen, er rennt über ein Feld und flieht.

Your daddy he's an outlaw
And a wanderer by trade
He'll teach you how to pick and choose
And how to throw the blade.
He oversees his kingdom
So no stranger does intrude
His voice it trembles as he calls out
For another plate of food.

One more cup of coffee for the road,
One more cup of coffee 'fore I go
To the valley below



Arthur Rimbaud (Ben Whishaw) muss sich vor Gericht verantworten. Es stellt sich jedoch heraus, dass das einzige Verbrechen, dass dieser Poet begangen hat seiner Weigerung zur Anpassung ist. Er sagt: „I accept Chaos, but I don‘t know if it accepts me.“





Todd Haynes, Regisseur von „Velvet Goldmine“ und „Dem Himmel so fern“ hat sich hier an das Leben von Bob Dylan herangewagt. Da Ergebnis ist ein in vielen Belangen unkonventioneller Film. So gibt es keine Figur namens Bob Dylan, sondern verschiedene Handlungsstränge, die teilweise aus Dylans Leben stammen, andere wiederum basieren auf den Gerüchten um den Sänger.
Damit hat Haynes schlicht alles richtig gemacht. Bob Dylan hat sich immer gesträubt Rollen anzunehmen, seine Karriere ist geprägt von ständigen Wechsel, der ständigen Bewegung. So ist er beispielsweise seit 1989 ununterbrochen auf Tour. Sein Werk umfasst Folk, Rock, Pop, Blues, aber auch Filmmusik, Arbeiten als Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller. In seinem Leben war Dylan immer ein Suchender. Dafür findet Haynes prachtvolle Metaphern. Jude Quinn spricht seine Weigerung nach Festlegung noch offen aus. Jack Rollins bricht einfach aus seiner Rolle aus, als versucht wird ihm diese aufzuzwingen. Robbie Clark ist Schauspieler und damit hauptberuflich nicht er selbst. Richard Gere spielt mit Billy The Kid einen Flüchtigen und der kleine Woody Guthrie ist schlicht ein Lügner. Arthur Rimbaud hingegen nimmt den Kampf mit den Erwartungen auf.

All dies sind Facetten, die so in Dylans Leben stattgefunden haben. Als er Anfang der Sechziger Jahre von Minnesota ins Village nach New York zog, war er ein Tagträumer, der alte Songs aus den Zwanzigern spielte. Später wurde er zum Anführer einer Protestbewegung hochstilisiert, der er nie sein wollte. Mit seine Songs formulierte er zu dieser Zeit die Gedanken vieler („The Times They Are A‘Changin“). Um daraus auszubrechen spielte er elektronische Musik und brachte so viele Fans gegen sich auf. Auch verweigerte er zu dieser Zeit endgültig alle Zusammenarbeit mit den Medien. Auf die Frage wie viele Poeten er denn neben ihm auf der Welt noch vermute, antwortete er „136“. Seine beißende Ironie gipfelte in seinen drei kurz nacheinander veröffentlichten Alben „Blonde On Blonde“, „Highway 61 Revisited“ und „Bringing It All Back Home“.
Nach dem er Ende der Sechziger einen schweren Motorradunfall hatte, zog sich Dylan aus dem aktiven Musikerleben zurück und widmete sich seiner Familie. Sein Ruf blieb aber ungebrochen, Woodstock fand in Woodstock statt, weil Dylan dort lebte und man ihn „zwingen“ wollte aufzutreten. Tat er aber nicht, angetrieben vom Familienleben widmete er sich vielmehr der Countrymusik und spielte zwei seiner besten Alben „Nashville Skyline“ und „John Wesley Harding“ ein. Im Film ist die Richard Gere-Episode das Bild der Countryzeit. Am Ende geht alles in die Brüche. So war es nämlich auch im Leben des Bob Dylan, scheiterte seine Ehe doch und führte zu Streitigkeiten. Den Verlust der Familienidylle verarbeitete Dylan auf „Desire“ und „Blood On The Tracks“.
Es folgten einige drogenbedingte Krisen. Dylan, eigentlich Jude, wechselte mehrmals den Glauben und war zeitweise sogar fanatischer Christ, was im zweiten Teil der Christian Bale Episode angedeutet wird.
Ein Aspekt den der Film vernachlässigt ist Dylans Comeback als seriöser Musiker mit dem phänomenalen Album „Oh, Mercy“, Ende der Achtziger. Heute hat sich Dylan als ausgezeichneter Bluesmusiker profiliert, wie auf seinem bisher letzten, 2006 erschienenen Album „Modern Times“.

Die einzelnen Episoden haben nur auf dem ersten Blick nicht mit Bob Dylan zu tun oder keinen Zusammenhang. Eigentlich ist das Leitmotiv sogar fast schon penetrant eingesetzt, die Hauptfiguren sind allesamt auf der Suche nach der eigenen Stimme. Durch die verschachtelte Inszenierung orientiert sich Haynes nahezu an den Dylansongs der Sechziger Jahre.
Insgesamt deckt er auch ein breites filmhistorisches Spektrum ab. Er zitiert „Don‘t Look Back“, französische „Cinema Verite“-Filmemacher, Western und bringt immer eine eigene Note rein. So ist sein Film sehr kurzweilig, trotz einer Laufzeit von 135 Minuten, die auch nicht besonders länger hätte ausfallen dürfen. Die Informationsflut ist nämlich gewaltig und zugegebenermaßen für Leute die Dylan nicht kennen vielleicht etwas verwirrend. Aber trotzdem hält sich der Film an immer wiederkehrende Motive, variiert das traditionelle Filmbild jedoch und stellt dadurch eine Herausforderung an den Zuschauer dar.

Die Schauspieler sind allesamt überzeugend. Gelungen ist dabei, dass Dylan nicht durchgehend von ihm ähnlichen Personen verkörpert wird, sondern auch von einem kleinen schwarzen Jungen und sogar einer Frau. Die Figur Dylan ist ambivalent, deswegen ist es nebensächlich wer ihn spielt, einen richtigen Dylan gibt es nicht, warum soll ihn dann auch nur eine Person spielen?
Cate Blanchett hatte im Vorfeld die meisten Vorschusslorbeeren erhalten. Sie macht ihre Sache gut, sie kopiert den Bob Dylan aus „Don‘t Look Back“ von D.A.Pennebaker perfekt. Es mangelt aber irgendwie an einer eigenen Note. Das schafft zum Beispiel Marcus Carl Franklin, der auch noch furios singen kann, wie er bei „Tombstone Blues“ und „When The Ship Comes In“ unter Beweis stellt.
Christian Bale ist wie gewohnt unheimlich in seiner Intensität, Richard Gere hat die notwendige Ruhe um den Billy The Kid zu spielen. Heath Ledger liefert hier eine ausgezeichnete Leistung ab. Gerade als er den unter Liebeskummer zu erstickenden Robbie Clark spielt läuft es einem eiskalt den Rücken runter, wenn man daran denkt, dass dieser talentierte Mann so jung gestorben ist.
Der absolute Star des Films ist Charlotte Gainsbourg. Sie spielt Claire einfühlsam und warm. Ihre Figur ist eine Mischung aus Dylans Freundin Susie und seiner späteren Frau Sara.

Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe den Film losgelöst von seiner Musik zu betrachten. Dylans Songs sind musikalisch immer mindestens gut und textlich zumeist überragend. Im Film wechseln sich Originalversionen mit interessanten und oft gelungenen Coverversionen ab. So trugen zum Beispiel Eddie Vedder, Mason Jennnings, Calexico, Sonic Youth, Willie Nelson oder Jack Johnson zum Soundtrack bei.
Interessant ist, wie Todd Haynes hier eigene Interpretationen zu den oft eigenwilligen Texten vermittelt. Das sich „Ballad Of A Thin Man“ auf einen Journalisten bezieht ist hierbei nur eine Vermutung, Dylan selbst würde sich weigern dem Song eine eindeutige Richtung zuzuschreiben.

Zusammenfassend ist „I‘m Not There“ wohl der anspruchsvollste amerikanische Film der Saison. Nicht nur wegen seinem tatsächlich nicht allzu leicht zugänglichen Inhalts, sondern auch wegen seiner schwierigen Inszenierung, die gegen normale Gewohnheiten arbeitet. Dadurch wird sie dem Werk Dylans gerecht, der selbst immer wieder Richtungswechsel anstrebte. Bemerkenswert ist, dass der Film auch mit französischen Geldern finanziert wurde, in den USA hat sich, obwohl Dylan populärer als je zuvor ist, kein Geldgeber gefunden, der das Konzept des Films unterstützen wollte.
Bob Dylans eigene Meinung über den Film ist nicht überliefert. Er war nicht da…