Seraphim Falls

Das die Zeiten des Standartwesterns schlechthin vorbei sind, ist uns nicht nur seit „Der mit dem Wolf tanzt“ bekannt. Die Filmemacher müssen sich heute schon etwas besonderes einfallen lassen, damit ein Western, wie gewünscht, verkonsumiert wird. Und das ist in Seraphim Falls gelungen. Der Film ist sehenswert und hat eine stark realistische Ader.
Drei Jahre nach dem Ende des Sezessionskrieges jagt der ehemalige Südstaaten Offizier Carver (Liam Neeson) immer noch den ehemaligen Nordstaaten captain Gideon (Pierce Brosnan). Carver kann Gideon nicht ein Kriegsverbrechen verzeihen, da dieser mit seinen Männern Carver Farm heimsuchte und niederbrannte. Da dabei Carvers Frau und eins seiner Kinder im Feuer ums Leben kamen. Dass es sich dabei um einen halben Unfall handelt, machte die Geschichte und Umstände doppelt tragisch. Die Geschichte setzt während der Verfolgungsjagd ein, die in den winterlichen Bergen Nevadas stattfindet. Carver hat vier Söldner angeheuert die ihm bei der Jagd nach Gideon unterstützen sollen. Dem Kampf- und Schlachterprobten Gideon gelingt es trotz Verlust seines Pferdes und mit einer Schußverletzung, sich den Verfolgern zu entziehen. Er tötet dabei nacheinander drei der vier Söldner, auf teilweise sehr brutale, rücksichtslose Weise, mit einer Bärenfalle oder mit der letzten Waffe, die ihm noch geblieben ist, einem übergroßen Bowie-Messer. Gideon gelingt es weiterhin sich den übriggebliebenen beiden Verfolgern zu entziehen. Die Flucht führt dabei aus den Bergen heraus, bis in die sommerliche Ebene und schließlich in die Wüste. Dabei durchlaufen beide Gruppen, Verfolger und Gejagter, mehrer Stationen: eine einsam gelegenen Blockhütte, die von einem Mann und seinen beiden Kindern bewohnt wird, einem orthodox- christlichen Siedlertrek in der Ebene, einem Lager der im Bau befindlichen Eisenbahn und schließlich die Wüste, in der der Showdown zwischen den beiden ermüdeten und ermatteten Kontrahenten, Carver und Gideon stattfindet.
Endlich hat sich Pierce Brosnan von seinem Image als James Bond Schauspieler und seinem FBI-Agenten Image vollständig emanzipiert. Zeigt es sich doch wieder einmal, wie sehr das Drehbuch und die Produktion entscheident ist, ob die Bandbreite eines Schauspielers zu sehen ist. Brosnan ist auf Grund seiner Maske und Bartes im Film kaum wieder zu erkennen. Brosnan brilliert als hartgsottener Kämpfertyp, dem kaum ein Widersacher im Film gewachsen scheint. Zwar sind die Tötungsszenen, mit denen die Gestalt des Gideon seine meisten Verfolger abschüttelt, reichlich brutal und bieten Einzelkämpferaktionen vom feinsten, jedoch fehlt den Tötungszenen etwas Realismus. Der Zuschauer denkt nicht über die Machbarkeit dieser Aktionen nach, da er vom Ideenreichtum und den phantasiereichen Tötungen überrascht und fasziniert ist.
Der Film ist weit vom alten Westerngenre entfernt, weil es niemals richtig deutlich wird, wer nun zu den Guten und wer zu den Schurken zählt. Die Gestalten führen Wandlungen aus. Selbst die orthodoxen Siedler, denen die Verfolger Carver und einer seiner übriggebliebener Söldner, in der Ebene begegnen, erweisen sich als Diebe, denn Carver muß erkennen, dass diese ihn um seine Munition erleichert haben. Auch in dieser Wandelbarkeit aller Gestalten, zeigt sich die realische Ader des Films. Denn wir alle wissen, dass es den guten Menschen schlechthin nicht gibt. Wissen wir doch, dass wir alle Menschen sind, mit guten und mit schlechten Eigenschaften. Der typische Schurke, der schlechthin nur Böse, ist im Film eigentlich nicht vorhanden. Zwar wird es dem Zuschauer damit nicht leicht gemacht, da man sich nicht von vorne herein mit einer einzelnen Gestalt identifizieren kann, jedoch bleibt der Film damit fordernd und spannend, da der Zuschauer die Lösung der Frage erwartet, wer nun der Gute und wer der Böse ist. Zunächst kommt wohl Gideon (Pierce Brosnan) die Rolle des Hauptprotagonisten und Sympathieträger zu, der uns durch den Film führt und für den wir von Anfang Sympathien entwickeln, weil er unter dem härtesten Verfolgungsdruck steht und sich mit fast übermenschlichen Kräften gegen die Winternaturgewalten und seinen Verfolgern durchsetzen muß. Dem steht die rechtschaffende Gestalt des Carver gegenüber, welche in seinem Vergeltungswahn unnachgiebig und hart ist. Beide bieten uns Sympathieträger-eigenschaften an und die Rolle des Protagonisten wechsel, von Carver zu Gideon und umgekehrt.
Viel offensichtlicher ist der Showdown der Kontrahenten in der Wüste, der sich von den alten Western unterscheidet. Es verzeiht einer dem anderen, es vergibt der Verfolger Carver dem Gejagten Gideon. Der Gejagte läßt seinerseits Carver am Leben. Beide schließen die Geschichte ab, in dem sie den anderen ziehen lassen. Vom Begin an ist es zweifelhaft, ob dem Captain Gideon eine Schuld zukommt. Ob es sich beim Tode von Carvers Frau und Kind um einen Mord oder einen Unfall handelt, ist nicht eindeutig. So wird der Vergebungszene, am Ende des Films, eigentlich der Rang einer echten Vergebung im christlichen Sinn genommen.
Wie wir sehen ist das Westerngenre nicht tot, es ist nur in altforderen Zeiten bis zur Überbeanspruchung genutzt und benutzt worden, um die Leuten zu unterhalten. Es genügt nicht von der schieß hin und baller zurück Machart abzuweichen, um diesem Genre neues Kinoleben einzuhauchen. Wie gut dass es Filmemacher gibt, die das verstehen. Leider wird der Western auch von der entgegengesetzten Seite wieder aufgefrischt, in dem die martialischen Kampfszenen mit den heutigen Mitteln härter ausgearbeitet werden (z.B. Todeszug nach Yuma). Ist es heute doch erlaubt unverblümte Brutalität zu zeigen, die man in den 50-igern und 60-igern nicht zeigen durfte und auch nicht zeigen konnte.
Seraphim Falls ist ein sehenswerter Film. Eine Pflichtlektüre für jeden Western-Fan. Ein erfrischen realistischer Film, falls es so etwas überhaupt gibt. Der Western von heute mit moderner Perspektive.

P.s.: auch beim Verfassen einer Filmkritik sollte man an den Leser denken und nicht dem Prinzip frönen, dass Masse auch Klasse ist.



Deutscher Titel: Seraphim Falls
Originaltitel: Seraphim Falls
Produktionsland: USA Erscheinungsjahr: 2006
Länge (PAL-DVD): 115 Minuten
Originalsprache: Englisch Altersfreigabe: FSK 16
Regie: David Von Ancken
Drehbuch: David Von Ancken,
Abby Everett Jaques Produktion: Stan Wlodkowski
Musik: Harry Gregson-Williams
Kamera: John Toll Schnitt: Conrad Buff

Besetzung:
Pierce Brosnan: Gideon
Liam Neeson: Morsman Carver
Michael Wincott: Hayes
Tom Noonan: Abraham
Xander Berkeley: Foreman
Ed Lauter: Parsons
Anjelica Huston: Madame Louise
Angie Harmon: Rose