Spider-Man 3

Zu viel des Guten


Drei Jahre sind nun vergangen, seit unser aller Lieblings-Superhelden-Workaholic Peter Parker, besser bekannt als Spiderman, zuletzt sein Spinnennetz auf der Leinwand ausgeworfen hat. Damals verfingen sich allein in Deutschland 3.282.125 Kinozuschauer in Spidey’s klebrigen Fäden. Bei einem weltweiten Einspielergebnis von 784 Millionen Dollar ein mehr als ordentlicher Erfolg. Die Begeisterung bei Zuschauern und vielen Kritikern verdanken die Filme zu einem großen Teil dem ihnen zugrunde liegenden Konzept, nicht nur buntes und gut verdauliches Popcorn-Kino abzuliefern, sondern sich durchaus auch ernsthaft mit der Charakterentwicklung und der Psyche seiner Protagonisten auseinander zu setzen. Am besten gelang dies mit dem ersten Teil der Saga, dem absoluten Nonplusultra in Sachen fleischgewordener Comicwelten. In diesem wird uns ein junger Mann vor die Nase gesetzt, der erst einmal so gar nichts gemein hat mit einem strahlenden Weltenretter. Im Gegenteil. Der von Tobey Maguire wunderbar verkörperte Peter Parker tritt als exakte Antithese zum unverwundbaren Mann aus Stahl oder ähnlichen Halbgöttern auf. Klein, schmächtig und bebrillt bevorzugt er es eher, in Bibliotheken dicke Bücher zu wälzen, statt auf dem Football-Feld zu glänzen. Seine Genese zum Helden wider Willen verleiht der Glaubwürdigkeit und der Sympathie aber dadurch keineswegs einen Dämpfer. Sie wirkt desto nachhaltiger, je mehr man sich als Zuschauer mit diesem absoluten Durchschnittstypen identifiziert. So bieten Peters Bemühungen, sich in der Welt zurechtzufinden, sich allen Widrigkeiten zu widersetzen und trotz Rückschlägen nicht aufzugeben, perfektes Anschauungsmaterial für das eigene Leben. Dies macht die Faszination dieses Helden und seiner Abenteuer aus, die immerzu mit dem eigenen inneren Kampf verbunden sind. Ach ja, und die Action ist natürlich auch nicht zu verachten.

Nun also gibt es den dritten Teil über den New Yorker Stadtneurotiker Parker und seinem alter Ego Spiderman im Kino zu bestaunen. Regisseur Sam Raimi setzt dabei wieder auf die gewohnten Zutaten, die schon den Vorgängern ihre Würze gaben. Neben atemberaubender Action und dem neuesten Trick-Firlefanz setzt er dabei erneut auf volle Breitseite Emotion und psychologischer Komplexität…und schießt diesmal leider gehörig übers Ziel hinaus. Die Qualitäten, die die Vorgänger ausmachten, erdrücken den neuen Film geradezu und die Geschichte, mit allen ihren Höhen und Tiefen und den unzähligen Konflikten, drosseln den Streifen immer wieder und verweigern einen gleichmäßigen Fluss. Doch dazu später mehr.

Zunächst jedoch soll geklärt werden, worum es im abschließenden Kapitel der Saga überhaupt geht: Zu Beginn des Films treffen wir auf einen Peter Parker (genial: Tobey Maguire), dem es besser wohl gar nicht gehen könnte. Die Menschen New Yorks lieben Parkers zweites ich Spiderman und selbst der Dauercholeriker und selbsternannte Spidey-Intimfeind J. Jonah Jameson (J.K. Simmons) vom Daily Bogle kann nicht viel dagegen ausrichten. Auch als Privatmann läuft es für Parker augenscheinlich nach Bestens: Er und seine Freundin Mary Jane (Kirsten Dunst), die von Parkers Geheimidentität weiß, sind verliebt und glücklich. Einzig Peters ehemaliger bester Freund Harry Osborn (James Franco), ebenfalls in Kenntnis der Spiderman-Identität, ist schlecht auf ihn zu sprechen, gibt er Peter doch immer noch die Schuld am Tod seines Vaters. Die kämpferische Auseinandersetzung zwischen Peter und Harry endet mit einem schwerwiegenden Unfall. Doch damit beginnen die Probleme erst: Im Folgenden muss sich unser Held mit dem zum lebenden Sandkasten mutierten Kriminellen Flint Marko (Thomas Hayden Church) auseinander setzen, sich dem aufdringlichen Fotografen Eddie Brook (Topher Grace) nebst Freundin Gwen Stacy (Bryce Dallace Howard) erwehren und zudem die Probleme seiner Freundin M.J. im Auge behalten. In dieser Situation kommen ihm die neuen Fähigkeiten, die ihm ein außerirdischer Symbiont verleiht, gerade recht. Doch verändert die schwarze Materie nicht nur Peters bzw. Spidermans physische Gewandtheit, sondern auch seine Psyche. Peter wird zum Ekelpaket sondergleichen. Doch damit hören die Probleme noch lange nicht auf…

Hört sich kompliziert an, ist es auch. Vor allem wenn man keinen der Vorgänger gesehen hat. Denn die wahre Tragweite des Plots, sowie die zahleichen Verweise auf die Vorgänger, erschließen sich nur dem, der sich im Spinnen-Universum auskennt. Was auch nicht wirklich schlimm ist, wäre da nur nicht das Problem, dass es Spider-Man 3 den Fans selbst nicht leicht macht, den Film wirklich ins Herz zu schließen. Waren die Vorgänger geradlinige Actionfilme mit Tiefgang, erleidet der neueste Streich beim Versuch, vor allem in der psychologischen Dramatik zuzulegen, gehörig Schiffbruch. Dabei beschränken sich die freudschen Seelenanalysen nicht nur auf den harten Kern an Hauptpersonen, sondern sie erstrecken sich flächendeckend auf alle Figuren. So erfahren wir zum Beispiel, dass der vermeintlich böse Sandmann ein von Schuldgefühlen Getriebener ist, während Fotograf Eddie Brook mit einem gehörigen Ego-Problem zu kämpfen hat. Das wir als Zuschauer so genau mit den Charakteren vertraut gemacht werden, erscheint lobenswert, wenn nicht alles allzu schnell wieder in sich zusammenfallen würde. Denn eigentlich ist vieles in Spider-Man 3 lediglich schmückendes Beiwerk. Interessant, im Grunde aber völlig bedeutungslos. Anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, versucht der Film, gleich mehrere Schicksale auf einmal zu erzählen und diese zudem sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Leider schlägt dieses Vorhaben fehl. Zu gewollt und konstruiert wirken die Verbindungen der einzelnen Protagonisten und der jeweiligen Handlungsstränge zueinander. Dies hat auch Auswirkungen auf die Dynamik des Films, die sich in einem steten auf und ab befindet. So wird es einem als Betrachter schwer gemacht, sich vollkommen auf einen Plot einzulassen, wird dieser doch immer wieder durch einen anderen unterbrochen. Hier wäre wahrhaftig weniger mehr gewesen. So erliegt Regisseur Sam Raimi doch noch der Versuchung, dem Fortsetzungsprinzip des „Es geht noch mehr“ nachzugeben und der Überfrachtung genüge zu tun.

Aber nicht alles ist so schlecht beim dritten Ausflug des Krabbelmanns. Vor allem die Schauspierleistungen sind hier hervorzuheben. So spielt Tobey Maguire die Metamorphose vom freundlich-naiven Jüngling zum aggressiven, aber charismatischen Ladykiller mit großer Lust an der Sache und auch die anderen Akteure erbringen gute Leistungen. Insbesondere James Franco als Harry Osborn hat hier den Auftritt, den er seit dem ersten Teil verdient. Auch die Action und die Spezialeffekte können sich durchaus sehen lassen, auch wenn wirklich Erinnerungswürdiges fehlt. Die Verwandlung von Flint Marko in den Sandman gehört aber auf jeden Fall dazu. Man könnte sogar fast denken, dass dies der einzige Grund ist, warum diese Figur überhaupt ins Drehbuch geschrieben worden ist. Auch zu lachen gibt es wieder einiges, auch wenn viele Momente beinahe zu Slapstick und sogar Parodie verkommen.

Spider-Man 3 erreicht nur selten die Klasse der Vorgänger, strapaziert die Geduld des Zuschauer mit wirrer Handlung und reichlich Pathos made in USA. Trotzdem gelingt es ihm zu unterhalten, was wohl dem eingespielten Ensemble zuzuschreiben ist. Also summa sumarum ein netter Zeitvertreib, die leider über die eigenen Ansprüche stolpert und sich stellenweise nur knapp vor einem Absturz bewahren kann.
Daher: 3 von 5 Sternen