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Thema: Caché

  1. #1
    Regisseur Moderator Avatar von Anne
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    Caché

    Da ja intensiv über Haneke und seine Filme, im speziellen Funny Games, diskutiert wurde, hier mal neues Futter...

    "Georges, who hosts a TV literary review, receives packages containing videos of himself with his family -- shot secretly from the street -- and alarming drawings whose meaning is obscure. He has no idea who may be sending them. Gradually, the footage on the tapes becomes more personal, suggesting that the sender has known Georges for some time. Georges feels a sense of menace hanging over him and his family but, as no direct threat has been made, the police refuse to help..."

    Caché.
    http://www.moviemaze.de/media/trailer/1698/cach%E9.html

  2. #2
    Ali
    Ali ist offline
    Regisseur Avatar von Ali
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    Re: Caché

    Scheiße, ich will diesen Film sehen! Er erinnert mich ein wenig an "Lost Highway" und scheint ziemlich böse zu sein. Ich mag böse Filme... :wink:

  3. #3
    Admin Avatar von Matt
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    Re: Caché

    Habe damals auf ARTE bei den Sendungen zu Cannes schon sehr viel von gesehen und darüber gehört. Ist wieder sehr interessant gemacht, aber so gespannt bin ich da jetzt nicht mehr wirklich drauf (vielleicht kenne ich schon zuviel).
    If it can be written, or thought, it can be filmed. (Stanley Kubrick)

  4. #4
    laertes
    Gast

    Re: Caché



    Man sollte es nicht übelnehmen, wenn der ein oder andere von Lynch spricht, nachdem die ersten fünf Minuten von Caché gelaufen sind: die Frontalansicht eines französischen Stadthauses, aus unveränderter Position gefilmt, der Tagesablauf einer Straße – es fahren Autos vorbei, man sieht Fußgänger und hört den Alltag. Und irgendwann nimmt man zwei Stimmen auf dem Off wahr, Mann und Frau, die sich über genau dieses Bild unterhalten, es stoppen, zurückspulen. Man denkt an Lost Highway.
    Aber über Caché ist an dieser Stelle noch gar nichts gesagt, abgesehen von dem, was sowieso sofort klar wird: eine Familie wird gefilmt. Sie findet die Videobänder in Plastikbeuteln an der Haustür, eingewickelt in Papier mit Kinderzeichnungen – rotes Blut spritzt dem großäugigen Kopf aus dem Mund, fließt dem geköpften Hahn aus dem Hals. Und wir, die Familie, die Polizei, der Arbeitgeber wissen nicht – keiner weiß, worum es geht, man wird es auch nur wissen, wenn man bereit ist dahinterzuschauen.
    Caché von Michael Haneke ist ein Psychothriller, der keiner ist. Die Spannung ist da, das Misstrauen und der Konflikt im engsten Kreis, in der Familie. Blut ist da und Angst Bedrohung und Unwissenheit, ein versteckter Beobachter, die Ahnung, das untergründige Vibrieren eines sich abzeichnenden Gewitters – aber darum geht es gar nicht. Der Film, seine Figuren, seine Geschichte, seine Thriller-Form, das alles ist nur als Symbolik eines viel größeren, viel wichtigeren Konflikts in der französischen (westeuropäischen?) Gesellschaft zu verstehen: des Umgangs mit Migranten. Er habe Magid „angeschwärzt“ gibt George gegenüber seiner Frau Anne zu, großartig gespielt von Daniel Auteuil und Juliette Binoche. Das ist eine Untertreibung: er, noch Kind, hat den heimatlosen, elternlosen, den fremden Jungen herabgewürdigt, diskriminiert und dadurch dafür gesorgt, dass er abgeschoben wird an den Rand der Gesellschaft, ins Heim, in „die Hölle“, wie Magids Sohn es später gegenüber George formulieren wird, und er wird hinzufügen: „So macht ihr das immer. Ich will wissen, wie man sich fühlt, wenn man einen Menschen vernichtet hat.“
    Um Caché zu verstehen, reicht es eigentlich aus, eine einzige Szene zu sehen: die mit dem afro-französischen Radfahrer, als Anne und George – völlig verstört und unaufmerksam – aus der Polizeistation kommen und vor einem großen Wagen direkt auf die Straße laufen, der Radfahrer fährt entgegen der Fahrtrichtung, es kommt beinahe zu einem Zusammenstoß. Hier haben beide einen Fehler gemacht, beide müssten sich entgegenkommen, beide müssten einander akzeptieren und tolerieren, aber man beschimpft sich, bedroht sich, zeigt Gewalt und Verachtung.
    Da sind die Ausschnitte aus dem Nahen Osten und aus dem Iraq, die im Fernsehen laufen, während sich die Eltern um ihren verschwundenen Sohn sorgen, nur noch allzu augenfällige Bestätigung des Erahnten: die eigenen Probleme stehen im Vordergrund, der Fremde, der Araber, der doch auch Teil des eigenen Volkes ist, interessiert nicht, es geht um uns, nicht um die da.
    Aber verspricht das Ende denn nicht Hoffnung: die Beobachtung des Schuleingangs aus steter Perspektive, der Schluss zum Beginn, hier treffen sich Georges Sohn und Magids Sohn, sprechen miteinander, beide lächeln, kommunizieren offen. Und während Pierrots Vater sich hinter dicken Vorhängen und unter Schlafmittel von der Außenwelt, von der ungewollten Realität, distanziert und isoliert, geht – so scheint es – die junge Generation aufeinander zu.
    Aber etwas stimmt nicht: wir haben Angst. Der Araber wirkt fremd inmitten der weißen Schulkinder. Und bedrohlich. Die Frage kommt zwingend in uns auf: wird er Pierrot etwas antun? In diesem Moment hat Haneke uns genau da, wo er uns haben möchte. Es gibt nicht mehr zu tun für ihn. Der Film endet. Und wir können nach Hause gehen. Und über unsere eigene Wahrnehmung des Fremden nachdenken.

  5. #5
    Admin Avatar von Matt
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    Re: Caché

    Vielleicht sollte ich mir den auch noch ansehen, sehr interessante Beschreibung!
    If it can be written, or thought, it can be filmed. (Stanley Kubrick)

  6. #6
    Regisseur
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    Re: Caché

    @laertesdd
    Hervorragende Analyse!! Bitte mehr davon!

    Habe mir den den Film gestern angeschaut und bin noch immer etwas irritiert und benommen und weiß nicht so recht was ich davon halten soll. Diese unterkühlte, beinahe schon sterile Sichtweise auf die Welt, die auch den Protagonisten auszeichnet, scheint mir auch stilistisches Mittel der Unnahbarkeit in der Inszenierung zu sein.
    Im Grunde müsste ich jetzt spoilern, aber ich lass es, da der Film ohnehin nicht eine einzige Erklärung liefert. Die Video-Perspektive, die Aufnahmen vom Haus jedenfalls scheinen etwas mit "uns" als Zuschauer zu tun zu haben. Sie scheinen den Zuschauer zu den Verursachern der Auseinandersetzung mit der Schuldfrage zu machen und drängen uns damit zugleich in die Position des Täters. Irgendwann, wenn die Perspektiven zueinander verschwimmen, werden wir so sehr zum Protagonisten einer fiktiven Geschichte, wie er zum Teil unserer fiktiven (d.h. medialen) Realität wird.

    "Caché" wiederspricht wirklich mit allem was dazu gehört gängigen Genre- oder Erklärungsmustern. Er ist weder Psychothriller, noch Familiendrama. Im Grunde gibt es keine greifbaren Instrumente einen solchen Film zu kategorisieren. Mir jedenfalls scheint "Caché" irgendwie ein rätselhaftes Hinterfragen der Realität zu sein. Eine beunruhigend kühle Analogie auf das Nicht-Greifbar-Menschliche zu sein.

    Das ist im Grunde auch immer ein Versprechen, dass Haneke auf hochintelligente Weise einlöst...er sprengt Grenzen und macht Filme zu einer neuen Erfahrung. Man weiß die ganze Zeit über, dass Haneke einfach zu intelligent ist um irgendeine griffige Lösung oder Wendung parat zu haben. Ich bin gespannt was in nächster Zeit noch von ihm kommt.
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.
    Rainer Maria Rilke

  7. #7
    laertes
    Gast

    Re: Caché

    caché ist - je öfter ich ihn sehe, desto klarer wird es mir - einer der besten filme, die ich je gesehen habe.

  8. #8
    Regisseur
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    Re: Caché

    Ja, mich hat der Film auch sehr fasziniert und ich kann mir auch gut vorstellen, dass es einer der Filme ist, die man öfters sehen kann und sollte. Neben Die Klavierspielerin der Film von Haneke der mir vollkommen gefallen hat. Bin schon gespannt, was sein nächster Film sein wird (mal abgesehen von dem Remake seines eigenen Filmes Funny Games, welches meiner Meinung nach wirklich unnötig ist...)
    - I can take you anywhere you want. Where do you want to go?
    - Home.

    (My Own Private Idaho)

  9. #9
    Regisseur Avatar von Pitt
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    Re: Caché

    Wow! Wahnsinns Film! Gestern Nacht gesehen und irgendwie doch nicht, denn heute morgen kommt mir der Film wie ein schlimmer Alptraum vor. So unheimlich mysteriös und unkonventionell in seiner Erzählweise, das ist eigentlich gar kein richtiger Film, vielmehr ein schauderndes Erlebnis. So vielschichtig und komplex interpretierbar und dann wieder in seiner Grundhandlung recht simpel gestrickt.

    Wie die Videoaufzeichnungen ständig mit den realen Schauplätzen verschmelzen und Haneke den Zuschauer quasi selbst zum Voyeur macht, der vollkommene Verzicht auf Hintergrundmusik, sodass die Faszination bloß aus den nackten, schonungslosen Bildern entsteht und dann wenn schließlich ES passiert (und ES wird mich sicher noch ein paar Tage verfolgen) scheint plötzlich alles möglich zu sein und oft auch harmlose Szenen tragen dann auf einmal zu diesem verstörenden Filmerlebnis bei.

    Einen sehr interessanten Beitrag bezüglich der Frage nach der Herkunft der Videokassetten habe ich danach noch in den IMDb-Foren entdeckt und der mir in Anbetracht Hanekes anderer Filme nicht nur plausibel erscheint, sondern den Film auch noch um eine weitere Komponente attraktiver macht:


    Zitat Zitat von daniel-callaghan
    [...] As for who is responsible for sending the tapes in 'Cache', the answer is that none of the film's characters are. The person sending the tapes to Georges is Haneke himself. The idea is to subvert the usual structure of the classical Hollywood film, by allowing the primary causal agent (the person or thing that drives the narrative onwards) to exist outside the world of the film, and to be devoid of any specific pyschological motivation. It also means that not only are the images displayed in the tapes called into question by the viewer, but so is every other shot in the film, and by extension, the film itself. Haneke does a similar thing in some of his other films, most pertinently 'Benny's Video' and 'Funny Games'.


    In allen Belangen ein wirkliches Meisterwerk! Ich bin nun sehr gespannt auf die Klavierspielerin.

  10. #10
    Regisseur Moderator Avatar von KeyzerSoze
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    Re: Caché

    Wer hätte gedacht, dass ein so großes Nichts so spannend sein könnte. Michael Hanekes Cache handelt von einer Familie die Videos zugeschickt bekommt auf denen ihr eigenens Haus zu sehen ist und sie scheinbar beobachtet werden. Die Polizei will nichts machen und so muss der Familienvater der Sache selbst nachgehen. Dies ist dabei so eindringlich ruhig in Szene gesetzt, dass der Film dadurch umso beklemmender und bedrückender, ja fast real wirkt. Das ist auch die große Stärke des Filmes, denn mit dem Ende muss ich gestehen hatte ich meine Probleme ... vielleicht auch einfach weil ich was Größeres erwartet habe, eine Auflösung, das einen die Kinnlade runterklappen lässt. Dem war leider nicht so, denn auch wenn das eigentliche Ende durchaus überzeugen kann hat mir das den Gesamteindruck doch ein wenig nach unten gezogen.

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