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Thema: Agnes und seine Brüder

  1. #1
    Statist
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    Agnes und seine Brüder

    Bisher kannte ich von Roehler nur "Die Unberührbare" (den ich sehr, sehr anstrengend fand), auch seine anderen Filme sind wohl eher schwere Kost. Auch "Agnes und seine Brüder" hat diese Phasen, die es dem Zuschauer nicht gerade leicht machen, aber insgesamt ist es doch ein Film geworden, der -auch, aber nicht nur- unterhält. Das liegt nicht zuletzt an den Schauspielern, denen man einfach sehr gerne zusieht. Besonders Herbert Knaupp, Moritz Bleibtreu und Katja Riemann sind sich für nichts zu schade und überzeugen in Szenen, die für ihre Figuren extrem peinlich sind.
    Ein bitterböser, mal komischer, mal tragischer Film, mit einigen Parallelen zu American Beauty (aber dann doch wieder ganz anders), der einiges über den Zustand der Gesellschaft hier und heute aussagt.

  2. #2
    Zuschauer
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    Re: Agnes und seine Brüder

    Einige Parallelen zu "American Beauty"?! Mal ehrlich, mir ist kein Film bekannt, der so viele Zitate aus diesem Meisterwerk bringt wie "Agnes und seine Brüder". Ob das nun die frustrierte Ehefrau (Katja Riemann/Annette Bening), der kiffende und filmende Sohn (Tom Schilling/Wes Bentley), Musikthemen, die sich am Score von "American Beauty" orientieren oder komplette Kameraeinstellungen, die geradezu 1:1 umgesetzt wirken (Martin Weiß' Todesszene/Kevin Spaceys Masturbationstraum im Bett), sind, alles wirkt wie eine einzige Referenz. Das war der einzige Grund für mich, den Film mit gesteigerter Aufmerksamkeit zu sehen, um all diese Parallelen zu entdecken.

  3. #3
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    Re: Agnes und seine Brüder

    Ich fand diese "direkten" "American Beauty"-Szenen fürchterlich. Ich finde es durchaus legitim Filme zu zitieren. Das moderne Kino ist schließlich inzwischen nichts anderes als ein einziges Zitate-Kabinett. Aber ich finde, es kommt darauf an mit welchem Geist man zitiert und wieviel "eigenes" man noch erzählen möchte (bzw. in der Lage ist zu erzählen).
    Ein hochwertiges Filmzitat ist z.B. die Szene in "Das Weiße Rauschen", in der sich der von Brühl gespielte Charakter mit seinem Date "Taxi Driver" anschauen möchte. Als er erfährt, dass der Film dort nicht läuft, rastet er vollkommen aus. Hier wird zum einen die Szene aus "Taxi Driver" zitiert, in der Travis Bickle Betsy einen Pornofilm zeigen möchte und ihr zugleich so viel neues und eigenes hinzugefügt.

    Ein Filmemacher, der nur das erzählen möchte, was er woanders bereits gesehen hat und es so zitiert als handle es nur davon, gelingt das Zitat nicht.
    Ein Filmemacher, der eine Szene zitiert und sie "weiter" denkt oder ihr vielleicht auch nur einen anderen Geist verleiht, gelingt es meiner Meinung nach zu "zitieren" (im Grunde gelingt dies auch Tarantino).

    Ingsgesamt halte ich "Agnes und Brüder" für ein äußerst schlimmes Negativ-Beispiel des Deutschen Films. Ohne Zweifel sind die Darsteller famos. Die Episode mit Herbert Knaup als Jürgen Trittin ist furios gespielt und gnadenlos analysiert. Die Episode mit Moritz Bleibtreu ist ebenso grandios gespielt und gnadenlos analysiert. Doch letztlich schafft es der Film nicht über seine guten Ideen hinaus zu kommen.
    Er gibt diese Idee von einer gescheiterten Familie als "geniale" Konstruktion vor, in der ein Tableu an individuell verqueren Exzentrikern ihre Suche nach dem Glück antreten und erkennt nicht mal die Schnittstellen zwischen ihnen. Doch warum gelingt es ihm trotz seiner offensichtlichen Versuche nicht?
    Weil seine Figuren holzschnittartige Abziehbilder bleiben. So sehr sie auch versuchen sich aus ihrer Stereotyphaftigkeit zu befreien.
    Jetzt könnte man sagen: Das passt doch zu den Charakteren! Ihr Scheitern liegt ja in ihrer "Abziehbild"-Haftigkeit verborgen!
    Aber warum dann das Bestreben so sehr "American Beauty" sein zu wollen?
    Im Grunde hat "American Beauty" nur deswegen funktioniert, weil er seine Figuren nicht verrät...sie können wixen, fremd-ficken, heulen, ihre Kinder schlagen oder homosexuell sein...sie werden niemals denunziert. Sie bleiben in erster Linie Menschen, egal wie befremdlich sie sich zu der Welt verhalten, die ihnen vermeintlichen Halt geben möchte. Roehler hingegen versteht dieses Prinzip nicht. Er sieht zuerst das Abziehbild und dann den Menschen...Mendes sieht zuerst den Menschen und simplifiziert ihn nicht auf seine "Schwächen" herunter.

    "Agnes und seine Brüder" bleibt eine "hohle" Konstruktion, eine Idee, eine Pointe ohne Witz...er ist so ekelhaft pseudo-deutsch-intellektuell und genährt von all den kulturbeflissenen "Postmoderne"-Flüsterern ohne die essentiellen Gedanken dieser Geistesbewegungen überhaupt nachzuvollziehen.

    Dennoch (und das ist das eigenartige) habe ich ihn mir gern angeschaut. Vielleicht weil sich etwas vom Ekel gegenüber dem "Deutschen" in diesem Film sublimiert.
    Dieser "Ekel" funktioniert bei "Agnes" jedoch weniger beabsichtigt, d.h. weniger auf einer inhaltlichen, als auf einer rein formalen Ebene.
    Dieser Versuch etwas sein zu wollen (und "Agnes" will etwas sein), was man nicht ist: Gerade dieses Bemühen ist typisch deutsch.
    Letztendlich ist "Agnes" nur so gut, weil er so schlecht ist.
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.
    Rainer Maria Rilke

  4. #4
    Zuschauer
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    Re: Agnes und seine Brüder

    Ich fand den Film ja ebenso enttäuschend, gerade wenn man sich die Starriege anschaut, die hier verbraten wird. Aber es scheint wohl der Stil von Oskar Roehler zu sein. Ob das nun "Sylvester Countdown", "Agnes und seine Brüder", "Suck my Dick" oder "Elementarteilchen" war, irgendwie tragen die alle die selbe Handschrift.
    Insofern sind Roehlers Filme immer ein Fall der Extreme: Entweder man vergöttert sie oder man verachtet sie.

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