SCHLÖNDORFFS "DER NEUNTE TAG"
Der Untergeher
Gutmensch und Überzeugungstäter: Ulrich Matthes und August Diehl brillieren als verbale Duellanten in Volker Schlöndorffs Holocaust-Drama "Der neunte Tag", in dem ein Priester zwischen seinem Gewissen und dem Überleben wählen muss.

Von Oliver Hüttmann


Judas war ein frommer Mann. Ohne Judas hätte es keine Erfüllung des göttlichen Willens gegeben. Also auch kein Christentum, keine Weltkirche und kein Bollwerk gegen den Bolschewismus. Es wird einem ganz schwindelig von der unverfrorenen Thesenkette des jungen SS-Offiziers Gebhardt. August Diehl spielt ihn wie einen Oberprimaner, der die Lehren seines Schulrektors verhöhnt. Fast wäre er Priester geworden, erzählt der schmierige Streber: "Als ich dann die schwarze Uniform wählte, war das mein persönlicher Aufstand gegen Gott."
Sein Gegenüber ist ein Priester. Der luxemburgische Abbé Henri Kremer (Ulrich Matthes), den Gebhardt täglich in sein Büro bestellt und in theologische Debatten verwickelt, sieht aus wie Gespenst. Abgemagert, mit tiefen Augenhöhlen, schmalen, zusammengepressten Lippen und versteinertem Gesicht, in dem die Wangenknochen hervorstechen. Als sei er von den Toten auferstanden. Kurz vorher war Kremer noch im KZ Dachau, wurde gequält im so genannten Pfarrerblock, der Hölle auf Erden.
Dann hat man ihn überraschend in die Heimat entlassen. Ein Irrtum, bedauert Gebhardt, so als habe ein Postbeamter eine Briefsendung verwechselt. Kramer sei nur beurlaubt. Für neun Tage. Bis dahin soll er den widerspenstigen Bischof Philipp (Hilmar Thate) dazu bewegen, mit den Nazis zu kooperieren. "Im Osten entscheidet sich die Zukunft der ganzen Christenheit", argumentiert Gebhardt mit eifrig-einfältigem Pathos. "Da brauchen wir Missionare, um die Heiden zu bekehren."
Dann zeigt Gebhardt ihm Fotos von Leichen in Massengräbern. Von den Russen ermordete Katholiken sollen es sein, sagt er. "Können sie sich vorstellen, dass wir eine solche Barbarei begehen würden?" Es ist 1942, der Holocaust hat längst begonnen. Kremer musste es am eigenen Leib erfahren.
Volker Schlöndorff beginnt in "Der neunte Tag" mit Szenen von abscheulichen Schikanen im Konzentrationslager. Die ausgemergelten Häftlinge werden geschlagen, getreten und als "Schweinepriester" beschimpft. Es sind erschütternde Momente, eine Abfolge sadistischer Methodik und ein Delirium, das Schlöndorff leider zu oft in Zeitlupe und mit verwackelten, verzerrten Bildern verstärkt. Vielmehr spürt man diesen Schrecken in den verängstigten Blicken der Geschundenen. Einmal müssen sie schockiert mit ansehen, wie einer ihrer Glaubensbrüder vor den Baracken an ein Holzkreuz gefesselt wird und mit einer Krone aus Stacheldraht auf dem Kopf in der Kälte verendet.
Dahin muss Kremer zurück, wenn er keinen Erfolg hat. Und sollte er fliehen, wozu er von seinem Bruder gedrängt wird, würden alle Priester in Dachau erschossen werden. So lockt Gebhardt den körperlich gebrochenen, seelisch leidenden Kremer mit mephistophelischer Durchtriebenheit. Verräter oder Märtyrer - das ist in dieser Situation keine Glaubensfrage, sondern ein Gewissenskonflikt. Es geht um Freiheit oder Tod, die eigene Existenz oder das Leben der Anderen. In den intensivsten Szenen führt "Der neunte Tag" vor, was die Erlebnisse in einem Konzentrationslager aus einem Menschen machen, wie sie nachwirken. Ungläubig verfolgen seine Schwester Marie (Bibiana Beglau) und deren Mann, wie Kremer sein Essen herunter schlingt und neben dem weichen Bett auf dem Fußboden schläft.
Die Politik der katholischen Kirche und die Umarmungsversuche der Nazis werden dabei zur Nebensache. Doch weil es das übergeordnete Thema ist und Schlöndorff nach Tagebüchern des luxemburgischen Paters Jean Bernard eine authentische Geschichte verfilmt hat, zwingt er Kremer immer wieder in die Rolle des Stellvertreters für das Dilemma der Geistlichen in den damaligen Machtverhältnissen. "Luxemburg ist kein Judasland", schreit er Gebhardt einmal an. Ulrich Matthes verkörpert Kremer mit einer schonungslosen Bravourleistung, schleppt mit seinen Schuldgefühlen aber auch die Last der ganzen Welt mit sich herum. Nie zweifelt man daran, dass er selbst lieber untergeht, als den Untergang der Menschlichkeit mit zu tragen. Schlöndorff inszeniert diesen Charakter so rein wie Weihwasser.
Faszinierender ist da letztlich August Diehl, obwohl er als Gebhardt mit zurückgekämmten Haaren auf den ersten Blick nicht dem Abziehbild des Nazis entrinnt. Doch Diehl gibt seinem Charakter nahezu unmerklich einige Kanten und Schwächen, die ihn mal als verblendeten, dann wieder verzweifelten Emporkömmling ausweisen. Mit seinem opportunistischer Ehrgeiz und seinen krausen, durchsichtigen Gedankengänge ist Gebhardt jener Typus, der die Menschheit immer schon ins Elend stürzte. Oder wie Kremer mit letzter Kraft brüllt: "Der Judas sind Sie!"

(Quelle: spiegel-online)