Ergebnis 1 bis 2 von 2

Thema: Fog of War

  1. #1
    laertes
    Gast

    Fog of War

    hier ein interessanter text von spiegel-online zu dieser dokumentation über den zeitzeugen und maßgeblichen akteur amerikanischer außenpolitik im zweiten indochinakrieg robert s mcnamara:


    Geschichtsstunde mit Dr. Seltsam
    Zweiter Weltkrieg, Vietnam, Kuba-Krise: Der ehemalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara ist ein charismatischer Zeitzeuge der Weltpolitik. Regisseur Erroll Morris ließ den 88-Jährigen in seiner Oscar-prämierten Dokumentation "Fog Of War" ausgiebig zu Wort kommen - und wurde von ihm ausgetrickst.

    Von David Kleingers


    "Fog of War" wurde von der amerikanischen Kritik überschwänglich gefeiert - man meinte den Atem der Geschichte zu spüren, so intensiv wie selten zuvor. Tatsächlich rückt die Oscar-prämierte Dokumentation von Errol Morris mit dem ehemaligen, heute 88-jährigen US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara eine Persönlichkeit in den öffentlichen Blick, deren Lebenslauf durchaus historische Dimensionen hat. Dem versucht Morris laut Untertitel seines Films mit "eleven lessons" gerecht zu werden. Elf Lektionen aus dem Leben eines Mannes, der lange und zielstrebig auf den Korridoren der Macht wandelte und nun das Publikum hinter die Kulissen blicken lässt.

    Buchhalter der Macht

    So weit das Versprechen dieser zum brisanten Politikum hoch gepushten Plauderstunde, die letztlich jedoch nur das Scheitern ihres investigativen Ansatzes vorführt. Denn das von Morris früher so erfolgreich angewandte Verfahren einer suggestiven Annäherung an den Gegenstand Geschichte stößt hier nicht nur empfindlich an seine Grenzen. Vielmehr fährt sein formal zweifelsohne eleganter Dokumentarismus angesichts eines mediengeschulten Protagonisten wie McNamara sehenden Kamera-Auges gegen die Wand.
    In mehr als 100 Minuten darf sich der einstige kalte Krieger warm reden und eindrucksvoll über seine Rolle in Amerikas Schicksalsmomenten monologisieren. Ganz im Sinne des Titels sind es dabei Kriege, die McNamaras biografischen Rückblick strukturieren: Geboren während des Ersten Weltkriegs und geprägt durch die Große Depression landet der junge Mann mit dem wortwörtlich seltsamen Zweitnamen "Strange" über das Philosophie- und Ökonomiestudium in Berkeley und Harvard als Statistiker bei der US Air Force. Dort ist er mitverantwortlich für die Planung der Luftangriffe auf den Kriegsgegner Japan, darunter der verheerende Brandbombenabwurf auf Tokio.
    Morris leitet McNamaras Erinnerungen an die infernalische Generalprobe zum Atomangriff auf Nagasaki und Hiroshima mit der Zwischenüberschrift "Lektion vier: Effizienz steigern" ein. Dann lässt der weitgehend unsichtbare und unhörbare Regisseur Archivaufnahmen aus der Frontberichterstattung folgen, mit denen er die statische Perspektive auf den erzählenden Zeitzeugen aufbrechen will.
    Die pervers vertrauten Bilder von aufsteigenden Atompilzen und brennenden Städten ergänzt Morris mit bewährten Kunstgriffen. Konspirative Nahaufnahmen von Tonbandgeräten, schlaglichtartig eingeblendete Zeitungs- und Zahlenschnipsel sowie der allgegenwärtige Score seines Hauskomponisten Philip Glass künden stetig von anstehenden Enthüllungen und erschreckenden Sinnzusammenhängen. All dies erscheint wie die Ouvertüre für eine überwältigende Wahrheit, die sich aber nicht einstellen will. Stattdessen gibt es immer mehr Anekdoten aus dem Leben eines gewieften Technokraten, der sich als humanistischer Mahner genauso gut gefällt wie als emotionsloser Buchhalter der Macht.
    So folgt Morris seinem Protagonisten über dessen privatwirtschaftliche Karriere als Präsident des Ford-Konzerns hin zur Berufung ins Pentagon durch John F. Kennedy und damit zum nächsten Krieg. Plastisch schildert McNamara die Dramatik der Kubakrise von 1962, kokettiert mit der Willkür politischer Entscheidungsfindung und kämpft gegen die Tränen, als er von der Grabsuche für den ermordeten Präsidenten erzählt. Was danach kam, nämlich die Eskalation des Vietnam-Kriegs unter Lyndon B. Johnson, ist gemäß Morris' Dramaturgie die Nagelprobe für McNamara.

    Dokumentarist im Nebel

    Aber das moralische, gesellschaftliche und geopolitische Fanal, für das dieser Konflikt bis heute im US-amerikanischen Bewusstsein steht, verkommt zu einer "TimeLife"-tauglichen Geschichtsstunde. Leichtes Spiel für McNamara, der selbstverständlich sein Bedauern über die vielen Opfer äußert, ja sogar großzügig Fehler eingesteht. Denn seine selbst erfüllende Philosophie aus realpolitischem Pragmatismus, "Viel Feind viel Ehr"-Nostalgie und menschelnder Weltbürgerattitüde übersteht auch dieses Blutbad unbefleckt. "Beantworte nie die Fragen, die dir gestellt werden. Beantworte stattdessen Fragen, die du gerne gestellt bekommen hättest." Mit dieser immerhin offenherzigen Aussage dankt McNamara indirekt Morris, der ihm eine prominente Plattform für seine Selbstentschuldung bereitgestellt hat. Wie gut, dass McNamaras spätere Tätigkeit bei der Weltbank erst gar nicht zur Sprache kommt.
    Bleibt zu klären, was so viele Kritiker an dieser Apologie eines Paradevertreters des militärisch-industriellen Komplexes begeistert. Vielleicht die zwiespältige Faszination für die ideologisch simplen Domino-Theorien des Kalten Kriegs. Oder die schlichte Begeisterung für einen redegewandten Politiker, der ohne Teleprompter auskommt. Errol Morris, der 1988 mit "The Thin Blue Line" einen der wichtigsten Dokumentarfilme der letzten 30 Jahre drehte und damit der Wahrheitssuche im Kino neuen Auftrieb gab, ist jedenfalls gescheitert. Stand er bis dato für einen klugen Gegenentwurf zu Michael Moores hemdsärmeliger Agit-Prop, so ist er nun dem Irrglauben erlegen, ein professioneller Nebelwerfer wie Robert "Strange" McNamara ließe sich ohne Zwang ans Licht zerren. Im Dunstkreis des gefälligen Revisionismus wurde ein Oscar, aber keine Erkenntnis gewonnen.

    (Quelle: spiegel-online)

  2. #2
    Admin Avatar von Matt
    Registriert seit
    19.05.2001
    Beiträge
    21.728

    Re: Fog of War

    Nur mal so gefragt: aber list DU den Spiegel?
    If it can be written, or thought, it can be filmed. (Stanley Kubrick)

Ähnliche Themen

  1. Lord of War (Lord of War - Händler des Todes)
    Von beastmaster im Forum Filme
    Antworten: 36
    Letzter Beitrag: 09.04.2012, 12:44
  2. D-War
    Von CallMeDude im Forum Filme
    Antworten: 6
    Letzter Beitrag: 15.09.2007, 11:20
  3. House of Sand and Fog
    Von Matt im Forum Filme
    Antworten: 9
    Letzter Beitrag: 26.07.2007, 22:48
  4. War of the Worlds
    Von SchlachtiJoe im Forum Filmkritiken
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 10.05.2006, 20:06
  5. House of Sand and Fog
    Von Marla Singer im Forum Filmkritiken
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 25.02.2005, 00:03

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36