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Thema: Dolls

  1. #1
    laertes
    Gast

    DOLLS von Takashi Kitano

    Im Tal der Puppen
    Wiedersehen macht wunderschön traurig: Takeshi Kitanos melancholisches Meisterwerk "Dolls" kommt endlich ins Kino

    von Daniel Kothenschulte


    Ein Filmfestival, das noch niemand veranstaltet hat, ist das der traurigsten Filme der Welt. Stellen wir uns das einmal vor: La Strada neben Doktor Schiwago, Agnès Vardas Vogelfrei neben Umberto D., Wenn die Kraniche ziehen neben Imitation of Life. Hollywood nennt sie tear-jerkers oder weepies, und es verhält sich mit ihnen wie mit den Schnulzen im Pop: Jeder hat sofort eine parat, die er für unfehlbar hält, und natürlich ist es immer eine andere.
    Traurige Filme wirken auf die unterschiedlichste Art. Dem offensiven, wirkungssicheren Heulstück wird seine Arbeit selten gedankt; die subtilere, schleichende Traurigkeit hingegen gilt zwar als wertvoller, lässt jedoch das Wiedersehen fürchten: Wer möchte Morettis Das Zimmer meines Sohnes, bei aller Liebe, noch ein zweites Mal durchstehen? Alle Aufmerksamkeit würde sich vom ersten Bild an, schon im Glücksmoment, auf die erwartete Trauer richten.
    Takeshi Kitanos Dolls ist sicher der traurigste Film, den wir in diesem Jahr zu sehen bekommen. Und für den, der ihn bereits als den herausragenden Festivalbeitrag im letzten Jahr in Venedig erlebt hat, ist es ein schön trauriges Wiedersehen. Dennoch muss man kein Masochist sein, um dieses Drama um den Todestrieb von Liebenden immer wieder sehen zu wollen. Angezogen von der betörenden Schönheit dieses Films, finden wir uns in seinem Bann wie Fliegen, die ihr Leben gegen allen guten Rat in duftendem Rotwein aushauchen. Kann man es ihnen verübeln?
    Die Liebesbeziehung mit diesem einzigartigen Film beginnt mit dem Plakat. Ein Paar streift, abwesend und der Welt entrückt, durch einen Herbstwald wie aus einem japanischen Traum: Tiefrote Blätter unter ihren Füßen, scheinen die beiden blind für die überwirkliche Schönheit ringsherum, aber auch für den ihr innewohnenden Schrecken. Es ist ein blutiger Rausch, den die Natur vor ihrem winterlichen Rückzug angezettelt hat, und blutrot ist auch die verbindende Kordel, die das Paar zwischen sich her zieht. Rot ist schließlich auch das Kostüm der Frau, ein edler Lumpen, den stilvoller Weise kein geringerer als Yamamoto entworfen hat. Warum mögen sie nur so fest aneinander gebunden sein, wie es im Song von Velvet Underground heißt: "I'm sticking with you/ 'Cause I'm made out of glue."
    Takeshi Kitano will ein solches Paar einmal gesehen haben: wunderliche Bettler, die derart verbunden gewesen seien und den Passanten Rätsel aufgaben. Lange habe er überlegt, eine Geschichte zu dem Bild zu finden. Die Tragödie, die ihm schließlich einfiel, hat einen einfachen Ausgangspunkt. Als sich für den jungen Mann die Chance ergibt, die Tochter des Chefs zu heiraten, trennt er sich von seiner Verlobten, die dann einen Selbstmordversuch unternimmt. Er verlässt die Hochzeitsgesellschaft, um den Rest seines Lebens mit der apathischen Frau zu verbringen, die geistig auf dem Niveau eines traurigen Kindes verharrt.
    Für Kitano, der seinen Ruhm grausamen und zugleich beseelten Gangsterfilmen verdankt, ist dieser alles andere als blutrünstige Liebesfilm das brutalste Stück seiner Karriere: "Es sind keine Waffen, die die Protagonisten umbringen, sondern es ist das Schicksal, die Unvermeidlichkeit oder die verdichteten Gefühle, die wie eine einzelne Kugel mitten durch die Figuren schießen."
    So betrachtet, müsste es sich bei Dolls um ein klassisches Melodram handeln, doch dies ist nicht der Fall. Es gibt keine dramatische Entwicklung, nur minutiöses Ausmalen eines Zustandes, der die tragische Abhängigkeit, die den einen Teil in den Tod, den anderen in die Fürsorge treibt, mit dem romantischen (oder traditionell-buddhistischen) Ideal einer emotionalisierten Natur konfrontiert. Wie oft im japanischen Kino, etwa bei Ozu, zu erleben, bietet der Wechsel der Jahreszeiten den streng formalisierten Rahmen. Doch da ist dieses hemmungslose Moment bei Kitano, diese Lust des Hobbymalers, jedes Bild ästhetisch zu durchdringen. Eine Verwegenheit, die wenig mit traditionell-japanischer Askese zu tun hat.

    Punktgenaue Miniaturen

    Kitanos Ästhetizismus der Grausamkeit ist nicht zu verwechseln mit neonschillernden Blutlachen. Im Kino kann man sich eher an Michael Powells märchenhaft farbiges Melodram Die roten Schuhe erinnern oder natürlich an die schwelgerischen Farbfilme Kurosawas. Doch auch dieser Vergleich kann Kitano kaum treffen, der niemals das Monumentale sucht, sondern eher die punktgenaue Miniatur. Als Erzähler hat er noch zwei Parallelhandlungen in den Film gebaut, die wie die Seitenflügel eines Triptychons die Hauptstrang flankieren. Da ist einmal der sentimentale alte Gangsterboss, der in jungen Jahren seine Verlobte verließ, die trotzig versprach, ihn weiterhin sonntags mit einem Lunchpaket im Park zu erwarten. Als er viele Jahrzehnte später an den Ort zurückkehrt, sitzt dort die Frau noch immer. Und dann ist da der Fan eines Popsternchens, der sich die Augen aussticht, als er hört, dass sein Idol bei einem Unfall ihre Schönheit verliert. Nun ist der Blinde der einzige, dem sie noch eine Audienz gewährt.
    Diese traurigen Geschichten könnte man in einem Satz erzählen oder in zwei Versen einer Popballade. In der Organisation des bitter-melancholischen Stimmungsbilds, setzen sie kurioserweise noch die heitersten Akzente. Kennt man die Mode, auch im deutschen Kino, mehrere Geschichten zu einem Paketfilm zu schnüren, staunt man nicht schlecht über Kitano: Anstatt die Handlungsstränge einfach parallel zu schalten, setzt er klare Hierarchien, die seiner Haupterzählung stets ihren gebührenden Raum belassen. Ohnehin funktioniert seine emotionale Dramaturgie unabhängig von der Erzählung. Es ist tatsächlich die Abfolge der Farben und der sensible Rhythmus der Bewegungen, die sich allmählich zu dem intensiven Bild verdichten, das von diesem Film zurückbleiben wird.

    Anlehnung an traditionelle Formen

    Anders als das europäische Kino suchen japanische Filmemacher immer wieder die Nähe zu den traditionellen Theaterformen, die dann jedoch in völlig neuen Kontexten wiederkehren. So wie sich Seijun Suzuki selbst in seinen populären Gangsterfilmen die Flächigkeit des Kabukitheaters zu Nutze machte, bezieht sich Kitano direkt auf das traditionelle Puppentheater, das Bunraku. Wie dort die Puppen stets in ihrer Führung durch die Spieler, mit denen sie auf der Bühne stehen, erkennbar bleiben, agieren auch Kitanos Dolls wie von Geisterhand gelenkt.
    Für Kitano ist es allerdings vor allem eine weitere künstlerische Disziplin, der er in diesem Film fast alles unterordnet - das für gewöhnlich als sekundär betrachtete Kostümdesign. Yohji Yamamoto hat sich von Anfang an geweigert, eine realistische Perspektive einzunehmen - bis Kitano schließlich kapitulierte. So haben seine Bettler von Szene zu Szene prachtvollere Fetzen auf dem Leib; am Ende sind es allein die Kleider, die eine Beziehung der Figuren zur Außenwelt, zu Traum und Wirklichkeit herstellen. Es haben schon die größten Modeschöpfer für Hollywood gearbeitet, doch noch nie hat es im Kino einen so selbstbewussten, opernhaften Umgang mit den Möglichkeiten des Kostümdesigns gegeben.
    Es ist eine Geste herrlicher Maßlosigkeit, die in diesem großen, einfachen Film dennnoch frei und selbstverständlich wirkt. Was uns wieder zum Handwerkszeug der großen Kinomelancholiker zurückführt und unserem Festival der Traurigkeit. Wer hätte denn behauptet, dass das Elend im Kino immer elend aussehen muss? Chaplin baute lange daran, als er The Kid drehte. Und Fellini brauchte für La Strada allen Zauber von Cinecittà ...

    (Quelle: frankfurter rundschau vom 30. 10. 2003)

  2. #2
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    Re: DOLLS von Takashi Kitano

    Kann das sein, dass der Film so wenige Kopien hat, dass der in Stuttgart gar nich läuft? Oder stimmt der Starttermin nicht mit 30.10.?

  3. #3
    Admin Avatar von Matt
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    Re: DOLLS von Takashi Kitano

    Ich bin auch sehr enttäuscht, denn er läuft hier in Oberhausen und meiner alten Heimat (Essen) in keinem einzigen Kino?!
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  4. #4
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    Re: DOLLS von Takashi Kitano

    Läuft dieser Film eigentlich bei irgendwem im Kino. Auch in Hannover herscht Ebbe.
    Five-Point Palm - exploding heart technique

  5. #5
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    Re: DOLLS von Takashi Kitano

    Hier bei uns ist er auch nicht zu sehen gegenwärtig.
    Bei einem so prominenten Namen wie Kitano hätte ich das irgendwo eigentlich erwartet...

  6. #6
    Admin Avatar von Matt
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    Re: DOLLS von Takashi Kitano

    Aber in Braunschweig, hast du doch mal erzählt, ist das Programm doch immer etwas dürftig, oder?
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  7. #7
    laertes
    Gast

    Re: DOLLS von Takashi Kitano

    selbst hier in dresden läuft er nicht. ich bin schwer enttäuscht und gerade dabei, sämtliche (programm-)kinos in dresden zu kontaktieren. mal sehen. letztendlich bliebe uns allen wohl nur, nach berlin zu fahren, um ihn dort zu sehen. denn da läuft er bestimmt...

  8. #8
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    Re: DOLLS von Takashi Kitano

    Also laut http://www.cinema.de laeuft er zumindest in Berlin, München, Köln und Hamburg. Nach kleineren Staedten kann man dort gezielt suchen. Man muss also nicht unbedingt nach Berlin, wenn man ihn im Kino sehen will...
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  9. #9
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    Re: DOLLS von Takashi Kitano

    Hat wohl nur ne Handvoll Kopien. Dolls ist im Verleih von Rapid Eye Movies, und da ist das so üblich. Aber die sind so nett und geben auf der Homepage bekannt, wann die Kopien in welcher Stadt Station machen.
    http://www.rapideyemovies.de/spielplan/index.php#dolls

  10. #10
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    Re: DOLLS von Takashi Kitano

    Toll, wenn ich das so sehe, kann ich mir auch gleich die DVD bestellen...

    Warum braucht Berlin unbedingt drei (!) Kopien? Hätten's zwei da nicht auch getan? Dann hätte wenigstens eine der kleineren Städte davon profitiert...

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