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Thema: Dogville

  1. #1
    Zuschauer
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    Dogville

    Dogville gehört wohl zu den eindrucksvollsten Filmen, die ich dieses Jahr gesehen habe.

    Lars von Trier führt im Vergleich zu den Dogmafilmen das Kino noch einen Schritt weiter an seine Grenzen indem er es auf das Nötigste reduziert und von allem unnötigen befreit. Im Stil einer Theateraufführung inszeniert, entfernt er alles wirklich alles was nicht notwendig ist und reduziert die Kulissen auf das Extremste.
    Die Stadt Dogville besteht nur auf einer Bühne, auf der die Häuser mit Kreidestrichen aufgemalt ist ! Hier und da steht ein Stuhl oder ein Tisch ansonsten wird der komplette Raum der Imagination des Zuschauers überlassen. Als Folge treten die allesamt brillianten Darsteller und die Geschichte noch mehr in den Vordergrund.
    Ich kann nur sagen, dass sein Konzept aufgeht. Gerade durch den Verzicht auf Kulissen entstehen einige großartige Momente, die man so nicht kennt. Von Trier betritt wieder einmal neue Wege, provoziert und deckt dem Film völlig neue Möglichkeiten auf.

    Der Film ist der erste Teil seiner US & A Trilogie: Wieder einmal lässt Von Trier seine Protagonisten (diesmal Nicole Kidman als Grace) durch die Hölle gehen: Die gutmütige Grace flüchtet vor einer Gangsterbande in einen kleines Dorf in den Rocky Mountains. Nach anfänglichem Unwillen dringt sie zu den Leuten der kleinen Gemeinschaft vor: Sie verspricht jedem der Einwohner einmal am Tag zu helfen damit sie im Dorf bleiben darf. Obwohl eigentlich niemand Hilfer benötigt steigen die Arbeiten für Grace sehr schnell. Nachdem sie auch von der Polizei gesucht wird, fordern die Einwohner, dass sie nochmehr arbeitet, da die Gefahr nun größer sei. Ohne widerwillen lässt Grace alles über sich ergehen, doch schon bald wird sie wie eine Sklavin behandelt. Die Einwohner bahandeln sie respektlos und vergewaltigen sie sogar schließlich.
    Die Demütigung gipfelt als sie nach einem gescheitertem Fluchtversuch gezwungen wird ein Hundehalsband zu tragen an dem eine Glocke und ein schweres Rad befestigt ist, damit sie nicht fliehen kann. Schließlich kann sie sich aber von ihren Qualen befreien. Das Ende führt uns aufgrund seiner Radikalität sehr eindrucksvoll vor Augen, wie die maßlose Gier der Einwohner das Gute in Grace zerstört haben.
    Es gibt eine Menge verschiedener Deutungsmöglichkeiten, wie man den Inhalt jetzt auf das Amerikanische System projizieren könnte. Ich hoffe, dass ihn sich der eine oder andere noch anschaut. Ich kann ihn nur bedingungslos empfehlen.

  2. #2
    Regisseur
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    Re: Dogville

    Das grandiose Paradoxon an "Dogville" ist für mich, daß der Film scheinbar in vollständiger Reduktion existiert, aber darin zutiefst filmisch, graziös und äußerst stilvoll bleibt. Er ist in seinen Mitteln so "kinematographisch", daß es absurd ist, ihn - wie manche tun - als abgefilmtes Theater darzustellen.

    Kidman gibt ihre bislang feinfühligste, nuancierteste Leistung und manifestiert sich mehr und mehr als die führende amerikanische Schauspielerin unserer Tage: Eine Diva vom Format einer Bergman oder Garbo. Sie ist zum Sterben schön und zum Wahnsinnigwerden gesichterreich.


    Obwohl es nicht so wirkt, empfinde ich, daß "Dogville" alles, wofür die seltsame Persönlichkeit Lars von Trier steht, ins Extrem treibt. Wenn "Dancer In The Dark" seine Größe aus einem steten "over-the-top" der Emotionen gewann, dann zieht "Dogville" alles aus seiner Zurückhaltung. Man kann - und das ist eine gedanklich vergnügliche Parallele zu "Kill Bill" - mit den Charakteren nicht wirklich fühlen und bleibt so unweigerlich auf der Suche nach dem Bodensatz des Films oder des Kinos selbst - vereinfacht gesagt, seiner "Aussage".
    Höchst faszinierend und in vielfacher Hinsicht absolut meisterhaft.

  3. #3
    Zuschauer
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    Re: Dogville

    Na ja, teilweise habe ich schon mit Grace mitgefühlt, wenn ich z.B. an die Szene denke, in der ihre Porzellanfiguren zerstört werden.
    Aber es stimmt, dass man im Grunde immer Abstand zum gesehenen hatte und damit zur Reflektion genötigt wurde. Interessant finde ich, dass dies im Grunde stark an Brechts Gedanken zum Theater errinnert - Von Trier hat ja auch gesagt, dass ihn inhaltlich das Lied der Seeräuber Jenny aus der Dreigroschenoper entscheidend für Dogville inspirierte.

  4. #4
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    Re: Dogville

    Naya, wenn man will kann man natürlich Kidmans Spiel als Brechtsches "kommentiertes Spielen" interpretieren. Genau wie Hanna Schygulla, allerdings nenne ich sowas eher schlafwandeln als schauspielen und angeblich gab es ja sowieso nur eine einzige Schauspielerin, die Brechts Schauspielmethode wirklich verstanden hat.
    Aber ich kann weder mit Brecht noch mit von Trier viel anfangen.
    You're no good and neither am I. That's why we deserve each other.
    Out Of The Past

  5. #5
    Zuschauer
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    Re: Dogville

    Im Grunde meinte ich eher die Inszenierung und die extreme Reduktion der Kulissen, durch die man sich niemals im Film "verliert", sondern im Gegenteil den Film immer als Inszenierung im Bewußtsein hat.

  6. #6
    Admin Avatar von Matt
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    Re: Dogville

    Auch wenn ich ihn noch nicht gesehen habe: Sowas muss sich ja nicht zwangsläufig auf eine große Distanz zu den Charakteren und ihrer Geschichte auswirken. Wenn diese Reduktion der filmischen Erzählweise konsequent durchgehalten wird, und eben alles auf die Geschichte alleine reduziert wird, so kann man sich bei ausreichender Fantasie eine große Glaubhaftigkeit an den Film entwickeln. Aber ich werde es ja demnächst selbst mitansehen.
    If it can be written, or thought, it can be filmed. (Stanley Kubrick)

  7. #7
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    Re: Dogville

    Ich finde gerade die Distanz ungeheuer reizvoll.
    Für mich ist es das, was "Dogville" brillant macht...

    Ich halte "Dogville" auch nicht für "glaubhaft" oder so etwas, oder besonders handlungsfokussiert durch die fehlenden Kulissen. Ich finde einfach diesen Zustand von enormer Kühle fantastisch, der sich am Ende in mir einstellte. Ich hatte das Gefühl, dem Film ganz nahe zu sein, weil er sehr weit weg war...

  8. #8
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    Re: Dogville

    Was hat es jetzt eigentlich genau mit dieser US&A Trilogie auf sich? Wieso Trilogie? Hängen die Filme nur thematisch oder auch inhaltlich zusammen? Wie paßt von Triers nächstes Projekt Mandalay da rein? Und wieso ist Nicole Kidman da nicht mehr an Bord? Wer weiß, was es mit der Sache auf sich hat?

  9. #9
    Regisseur Moderator Avatar von Anne
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    Re: Dogville

    Ich muß mich mal über Deinen Tagebuch Eintrag bezüglich Dogville auslassen, Mooci…

    Auffälligster Punkt ist sicherlich die Inszenierung, welcher ich von Beginn an auf krampfhaft auf Kunstfilm getrimmt empfand. Zudem unterstreicht sie die spätere Aussage des Filmes keineswegs oder intensiviert irgendwelche Momente etc. Ein wenig wie Effekt haschen ohne Effekte.
    Da ist Dir aber was entgangen Mooci:
    Der Film ist in keinster Weise auf Kunstfilm „getrimmt“ – es ist ein Kunstfilm. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Von Trier bedient sich hier bewußt dem Stilmittel des Brecht’schen Theaters, welches durch den sogenannten Verfremdungs-Effekte die Theaterillusion (oder in diesem Fall, die „Filmillusion“) zerstören will. Dies hat zum Ziel, daß der Zuschauer nicht mehr in der Handlung „versinkt“, sondern sich bewußt wird, gerade etwas „Gestelltes“ zu betrachten, was ihm wiederum deutlich machen soll, daß das ganze einen tieferen Sinn, eine Aussage hat. Des weiteren schafft der Verfremdungseffekt Distanz, der einen kritischen Blick auf die handelnden Figuren ermöglicht. Auf diese Weise übermittelt Trier seine Botschaft.

    Tiefere Deutungen der Handlung blieben mir demzufolge auch verborgen, da ich diesen recht langatmigen Film dann auch ohne größeres Interesse weiterverfolgt habe.

    Womit wir bei der Botschaft des Films sind: Ich möchte mal darlegen, wie ich das ganze verstanden habe.
    Trier zeichnet uns hier ein höchst negatives Menschenbild. Und dabei leider ein vermutlich erschreckend-realistisches: Um Es plakativ zu formulieren: Die Menschen in Dogville sind schlecht. Alle. Ausnahmslos. Sie ziehen ihren Nutzen aus der Schwäche anderer, nutzen Notlagen aus, mißbrauchen ihre Macht. Und das schlimme daran, sie tun dies ohne böse Absicht. Es scheint in ihrer Natur zu liegen, so wie Hühner ein Schwächeres Tier in ihrer Gruppe picken und ausgrenzen. Ihnen ist nicht klar, daß sie moralisch verwerflich handeln, nein, es scheint für sie die logische Konsequenz, sich so zu verhalten. Und nichtmal Grace, die ja die meiste Zeit das Opfer der Einwohner ist, ist frei davon, mit dem Unterschied, daß sie sich am Ende rächt. Wieso tut sie das? Weil sie plötzlich merkt, daß sie es kann. Und weil diese kleine Stadt ihr klargemacht hat, daß Mitgefühl, ja…Gnade (Grace) hier keinen Bestand haben. Daß sie fehl am Platz sind. Diese Stadt verdient sie nicht. Sie verdient lediglich zu brennen…

    Wieso mußte Lars von Trier seine Geschichte nun mit den Mitteln erzählen, wie er es tat? Ganz einfach: die Tagline des Films lautet: „A quiet little town not far from here…

    Dogville ist jede Stadt, jedes Land, jeder Mensch. Von Trier zeigt uns die unspezifischste kleine Stadt überhaupt, und löst Dogville auf diese Weise heraus aus jeglichem kulturellen oder historischen Kontext. Dogville ist nicht nur eine Stadt, es Metapher für eine (ausgesprochen widerwärtige, aber nicht zu leugnende) Facette der menschlichen Natur. Dogville ist überall um uns herum und – und das ist das Erschreckende – in jedem von uns selbst…

    „Whether Grace left Dogville, or on the contrary Dogville had left her - and the world in general - is a question of a more artful nature that few would benefit from by asking, and even fewer by providing an answer. And nor indeed will it be answered here...”


  10. #10
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    Re: Dogville

    Zitat Zitat von Anne
    Dogville ist jede Stadt, jedes Land, jeder Mensch. Von Trier zeigt uns die unspezifischste kleine Stadt überhaupt, und löst Dogville auf diese Weise heraus aus jeglichem kulturellen oder historischen Kontext.
    das hätte ich voll unterschreiben können, wenn der abspann nicht gewesen wäre. zu david bowies "young americans" sieht man fotos aus den ghettos der usa, somit sagt von trier zum schluss für mich ganz deutlich: "es hätte überall sein können, ich meine aber damit explizit euch!" und somit ein klarer mittelfinger von trier in richtung amerika.
    was auch noch dafür spricht, ist das dogville teil eins seiner amerika trilogie ist.
    on every street there´s a nobody who dreams of being somebody.
    he´s a lonely forgotten man desperate to prove that he´s alive.

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  1. 17.06.2011, 15:59

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