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Thema: La pianiste

  1. #1
    Regisseur Moderator Avatar von Anne
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    La pianiste

    Ich kann nicht glauben, daß es zu diesem Film von Michael Haneke
    noch kein Topic gibt. Matt, such mal bitte...
    Janis kann dieses ja, im Falle eines Fundes, schließen.

    Zum Film:

    Habe "Die Klavierspielerin" gestern auf ARTE gesehen und das Ding hängt mir nach... Kann den Film schwer einordnen, und nicht feststellen, ob er mir nun gefällt (wenn man bei so einem Film von "gefallen" sprechen kann) oder mißfällt.
    Hat irgendwer von unseren "Cineasten" eine Meinung zu "La Pianiste"?

  2. #2
    Regisseur
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    Re: La Pianiste (Die Klavierspielerin)

    "La Pianiste" ist für mich Hanekes zweitbester Film (nach "Der Siebente Kontinent") und sehr viel fundierter, geschickter und beeindruckender als etwa "Funny Games".
    Deine Frage danach, ob man bei einem solchen Film von "mögen" sprechen kann, kann ich gut nachvollziehen. Ich kann nicht sagen, daß ich ihn "mag", aber ich bewundere ihn über weiteste Strecken.
    Besonders beeindruckend fand ich, wie Haneke Plakativität und jeden Anflug von Oberflächlichkeit (die ja häufig allein schon durch "Erklärungsversuche" gegeben wäre) zu umschiffen sucht, was ihm zu allermeist gelingt. Der Begriff des Masochismus (oder Sadomasochismus, wie in der Beziehung zwischen Mutter und Tochter hier) wird konsequent nicht gebraucht, denn mit ihm würde ja schon etwas erklärt und damit relativiert, sozusagen "verpsychologisiert" werden. Die Figur der "Klavierspielerin" ist komplexer und vielschichter, als daß sie sich auf einen derartigen Begriff überhaupt reduzieren ließe. Haneke tut gut daran, es nicht zu versuchen.
    Er dringt dagegen vor in die Abgründe der Seele dieser Frau und läßt diese für sich sprechen - und dies bleibt so unerklärlich wie alles Menschliche.

    Der Film ist konsequent und brachial in seiner Ehrlichkeit seinem Sujét gegenüber. Huppert überwältigt.

  3. #3
    Admin Avatar von Matt
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    Re: La Pianiste (Die Klavierspielerin)

    Ich werde es heute auf keinen Fall noch schaffen nach diesem Topic zu suchen, aber ich glaube auch nicht das überhaupt schon eines dazu existiert. Zum Film kann ich leider nichts sagen, denn trotz Hinweis konnte ich ihn leider nicht sehen. Denn wir hatten gestern eine Lesung und da sollte/wollte ich anwesend sein. - Das hat sich auf jeden Fall auch gelohnt.
    If it can be written, or thought, it can be filmed. (Stanley Kubrick)

  4. #4
    Nebendarsteller
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    Re: La Pianiste (Die Klavierspielerin)

    Liebe Moderatoren, auch wenn es ein Topic zu diesem Film gibt, anscheinend haben wenige Leute diesen drastischen, beeindruckenden Film über die Gefühlskälte des Menschen als ein Mitglied einer vordergründig freien aber verstockten Gesellschaft und dessen Sehnsucht nach der Liebe bzw. die daraus hervorgehenden sexuellen Abhängigkeiten, gesehen und obwohl ich ihn als "Tipp des Tages!" gekennzeichnet habe, befürchte ich, daß dieser Film wieder von Vielen (z.B. von Kalervo, der bekanntlich solche Art von Filmen nicht mag :wink: ) verpasst wird. Es ist ziemlich schwer für gute Filme hier Werbung zu machen, ich versuche auf "Die Klavierspielerin" mit einem Artikel aus der "Zeit" den Appetit anzuregen:

    "Komm, bleib mir fern
    Thomas Assheuer

    Das Leben als Misshandlung: Michael Haneke verfilmt Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin"

    Erika Kohut ist für das Glück verloren. Sie ist um die 40 und lebt in Wien unter dem tyrannischen Regime ihrer Mutter. Wenn sie für einige Stunden ihr Gefängnis verlassen darf, unterrichtet sie Klavier am Konservatorium. Sie quält ihre Mitmenschen ebenso wie sich selbst. Sie verstümmelt die Hand ihrer besten Schülerin mit Glasscherben. Ihren eigenen Körper zerschneidet sie mit der Rasierklinge des verstorbenen Vaters. Erika Kohut verachtet alles Zarte und hat einen männlichen Hass gegen die Geschlechter. Sie ist nicht Frau, sondern Herrin. Was sie nicht besitzen kann, muss sie zerstören, und was lebendig ist, soll untergehen. Kein Mann darf sie berühren, und wehe, wenn es doch geschieht und die Mutter Witterung aufnimmt, dann krallen sich die beiden Frauen wie Mänaden ineinander und reißen sich die Haare vom Kopf. Aber des Nachts schlafen sie wieder nebeneinander im Ehebett. Erika, flüstert die Mutter, darf sich von ihren Rivalinnen nicht unterkriegen lassen. Sie soll kämpfen, und sie wird kämpfen. Bis dass der Tod sie scheidet.

    Erika Kohut ist die Hauptfigur in Elfriede Jelineks epochemachendem Roman Die Klavierspielerin aus dem Jahr 1983. Er erzählt die Krankengeschichte einer Frau, der nach dem Tod des Vaters die Kindheit gestohlen wurde und der die Ausbildung einer weiblichen Identität versagt blieb. Erika ist ein Schicksal mit tragikomischen Zügen, und wenn sie in Pornokinos schnüffeln geht und von ihrem Liebhaber mit Peitsche und Riemen misshandelt werden möchte, erscheint ihr Unglück wie eine altösterreichische Skurrilität, die aus einer versunkenen Epoche fremd in die nachpatriachale Gegenwart hinüberragt. Dass die intime Gewalt der altbürgerlichen Verhältnisse für den heutigen Kinobesucher unglaubwürdig wirken muss, hat Haneke geahnt. Deshalb will er beweisen, dass die Kälte nicht mit dem repressiven Bürgertum untergegangen ist, sondern sich im postmodernen Subjekt fortsetzt, in den aufgeklärten Verhältnissen und kulturell aufgeschlossenen Milieus, die ihre Klavierabende mit Lachsschnittchen und Adorno-Zitaten garnieren, naturgemäß tolerant, dem Geist ergeben und gern auch dem Geld.

    Weil Haneke den Roman für die Gegenwart retten will, stellt er Erika Kohut (Isabelle Huppert) eine zweite Hauptperson zur Seite, den geschmeidigen Physikstudenten Walter Klemmer (Benoît Magimel), der plötzlich seine Hochbegabung fürs Klavier entdeckt und um die Professorin Erika Kohut wirbt. Anders als Jelinek verleiht Haneke diesem Verführer ein enormes Gewicht. Klemmer ist Repräsent der Gegenwart und als Kind der Freiheit ein Gegentyp zum alten Establishment. Doch auch in diesem charmanten Menschen, so lautet Hanekes Provokation, werden wir uns täuschen. Auch Klemmer, der so hingebungsvoll Klavier spielt, ist ein autoritärer Charakter, der sich einfügt in den Kreislauf von Entsagung und Gewalt, eine tote Seele, die wie Erika ein obszönes Bedürfnis hat nach Herrschaft und Unterwerfung. Auch er ist eine kalte Person und seine Coolness eine Maske, in der die alten Verhältnisse wiederkehren. Seine Klavierlehrerin ist für ihn vor allem eine Karrierehelferin, und wenn er sich ihr nähert, will er "etwas davon haben". Doch auch Erika betrachtet ihn nur als Instrument zur Erfüllung einer sadomasochistischen Lust, und beide fallen auf den Toiletten des Konservatoriums übereinander her wie eben noch Mutter und Tochter - wie zwei Triebschicksale, in denen sich eine alte "männliche" Gewalt nur wiederholt.

    Das Männliche bildet das ikonografische Zentrum des Films, sogar bei den Frauen. Männlich ist das hysterische Verlangen, die ganze Welt müsse sich so anfühlen wie man selbst. Männlich ist die Jovialität, mit der der gepanzerte Eishockeyspieler Klemmer zwei Schlittschuhläuferinnen von der Eisfläche vertreibt und ihre Figuren zerstört. Männlich ist die Wut, mit der Erika alles Lebendige abrichtet. Männlich die vom Ehrgeiz zerfressene Mutter (Annie Girardot), die ihre Tochter ans Klavier schleift, weil diese nicht genug übt, nur acht Stunden am Tag. "Ohne Totaleinsatz kein Lorbeer", sagt sie, denn Musik ist eine Waffe im Krieg einer Gesellschaft, die vor Reichtum platzt, sich den erotischen Genuss aber versagt. Männlich schließlich ist die Dressur, mit der Erika den Geist der Musik austreibt, ein Ohr nur für das, was sie selbst schon ist. "Hören Sie nicht die Kälte?
    Im Zentrum der Kälte gibt es nur ein Entweder-oder: entweder die reine Unmittelbarkeit der Musik oder die rohe Unmittelbarkeit der Körper, die sich zur Strecke bringen und blutig schlagen. Doch die Schamlosigkeit, mit der Haneke den Zuschauer quält, liegt nicht darin, dass der Film das verschwiegene Begehren ins Sichtbare zerrt. Die Schamlosigkeit besteht in der zeichenhaften Gewalt einer Sexualität, deren Natur nichts anderes ist als Bemächtigung und Vergeltung.

    Kein anderer Haneke-Film mobilisiert einen solchen Widerstand gegenüber seinen extremen Bildern, gegen die Kette aus Misshandlung und Gewalt. Der Widerstand kommt aus der Musik, aus Schuberts Winterreise und Beethovens Sonaten. Sind es in Jelineks Roman die Energien der Sprache, so ist es hier die ausweglos traurige Musik, die das Geschehen unterbricht und gegen den mitleidlosen Objektivismus der Kamera protestiert, wenn diese einer Vergewaltigung beiwohnt und den Zuschauer zurückwirft auf die Gewalt seines voyeuristischen Blicks. Es ist, als würde es der Musik gelingen, die Kamera Gerechtigkeit zu lehren, jedenfalls einen anderen Blick auf die Gesichter zu öffnen, die sich beim Hören verwandeln und ihre Starre verlieren. Die Musik macht die Menschen wehrlos, und wenn sie einmal zuhören, nur dieses eine Mal, dann werden sogar die Wiener Visagen von einer Regung ereilt, aus der aller Selbstzwang gewichen ist. Die lösende Macht der Musik in den Gesichtern lesbar zu machen - darin besteht die ästhetische Strategie des Films, und sie zwingt den Zuschauer, sich der einzigen Sprache zu überlassen, von der auch Erika Kohut erreicht wird. Die Frau, die nicht trauern und deshalb nicht lieben kann, wird von Klemmers Klavierspiel zu Tränen gerührt, um danach sofort in ihre herrische Unnahbarkeit zurückzufallen.

    Es gibt, so scheint es, keinen Übergang zwischen der gewaltlosen Musik und dem Handeln der Menschen. Ein Abgrund klafft zwischen der Moral der Kunst und jenen, die von ihr ergriffen werden. So stellt Haneke seine alte Frage neu: Warum sind Menschen grausam - obwohl ihre Musik von nichts anderem träumt als vom Gelingen? Am Ende sieht man das Konzerthaus, dunkel leuchtend wie ein kalter Schrein, wie ein unerfülltes Versprechen inmitten dieser tüchtigen Zivilisation. Mercedeslimousinen fahren vor, und alles geht seinen Gang. Doch an diesem Abend wird die Bürgerin Erika Kohut nicht spielen, denn sie wird die Gewalt gegen sich selbst richten. Ändern wird sich nichts."
    www.ws-avantgarde.de "Ich glaube inzwischen, dass mein Bauch nur Scheiße im Kopf hat"

  5. #5
    Statist
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    Re: La Pianiste (Die Klavierspielerin)

    Ach Erika, wie bist du alt geworden. Damals als Kameliendame warst du so begehrlich, so unnahbar, so verführerisch mit deinem transzendenten schönen Gesichtsausdruck.
    Was macht der Film die Klavierspielerin so interessant und fesselnd. Ist es der Gegensatz, dass eine so hochgebildete Frau, die sich mit dem höchsten musikalischen Kulturgut der Menschheit beschäftigt, so interessant, weil sie in Bildern gezeigt wird, die jenseits der Schmerzgrenze sind? Die Abgründe der bürgerlichen menschlichen Seele. Der Film ist auch Abbild unseres Alltags, da niemand zu sehen bekommt von wieviel Elend wir in manchen Fällen umgeben sind. Die einsame Erika. Eine überreife Frau, die einsam in der Studentenmensa hockt und die Zeit abwartet, damit sie noch nicht in die gemeinsame Wohnung mit ihrer Mutter zurück muß. Erbärmlich in ihren unerfüllten sexuellen Wünschen, die weit von der gesellschaftlichen Norm entfernt sind. Weit entfernt von der Erfüllung dieser, da sie als Professorin Haltung wahren muß.
    Der Film ist weit mehr als ein bloßes Sittengemälde. Er ist natürlich weit mehr als die Schilderung der inneren Zwiespältigkeit einer ihrer herrischen Mutter ausgelieferten Frau. Der Film liefert uns ein Psychogramm der Frau Erika. Dieses Psychogramm ist voller Härte, voller Schmerzen. Wo kann man diese Frau verstehen? Man kann sie verstehen, weil sie seit frühester Kinheit mit dem Klavier bekannt gemacht wurde und dem ehrgeizigen Verlangen der Mutter nachkommen mußte. Was muß man als Kind bringen, wenn nicht nur die Hausaufgaben gemacht werden müssen sondern auch ein mehrstündiges, tägliches Klavierüben. Wieviel masochistische Eigenarten werden einem dann schon als KInd aufgeprägt. Das masochistische Verlangen des sensiblen Menschen Erika ist wohl daher anerzogen worden, als das es natürliche Veranlagung ist. Also sind wir Menschen doch besser und schöner in unseren Empfindungen, als im Film dargestellt. Masochismus an sich ist als Sexualpraktik nicht zu verurteilen, wohl aber beim Menschen Erika. Da ihre masochistischen Anwandlungen zur Selbstverunstaltung führen.
    Wer sind die Schauspieler die uns verzaubern, die uns unterhalten; sind sie Licht und Schatten, sind sie Wahrheit, sind sie Fiktion? Ein Bild von uns allen sind sie, und sind und wissen es nicht, in uns allen.

  6. #6
    Statist
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    Re: La Pianiste (Die Klavierspielerin)

    Der richtige Film zu Weihnachten :wink:

    Für mich war es Hanekes bester Film, vor allem, weil er nicht so absehbar in der Handlung ist wie Funny Games oder so ermüdend wie Das Schloss oder Die Wolfzeit.

    Es gibt auch viele schöne Interpretationen zum Film und dem Buch

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