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Thema: Unsere im April 2017 gesehenen Filme (und Serien)

  1. #1
    Regisseur Moderator Avatar von KeyzerSoze
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    Unsere im April 2017 gesehenen Filme (und Serien)

    Gab wieder nicht so viel, aber habs endlich mal geschafft das 4. Jahr des DC Serienuniversums fertig zu schauen...

    Innerhalb der Wertung wie immer auch nochmal nach persönlichem Gefallen angeordnet.

    Filme:


    8/10


    7/10


    3/10


    Serien:

    8/10

    (Season 2)


    7/10

    (Season 1)


    6/10

    (Season 4)

  2. #2
    Regisseur Avatar von mortimer
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    AW: Unsere im April 2017 gesehenen Filme (und Serien)

    Nach langer Zeit mal wieder mehr als fünf Filme gesehen.
    Darunter viele alte Favoriten und ein paar sehenswerte Dokumentationen.

    Birdman of Alcatraz {1962 - John Frankenheimer} (10/10)
    The Train {1964 - John Frankenheimer} (10/10)
    Lawman {1971 - Michael Winner} (8/10)
    Hatari! {1962 - Howard Hawks} (10/10)
    El Dorado {1967 - Howard Hawks} (10/10)
    Le trou {1960 - Jacques Becker} (10/10)
    The Spy Who Came in from the Cold {1965 - Martin Ritt} (9/10)
    Treasure Island {1950 - Byron Haskin} (7/10)
    This Island Earth {1955 - Joseph M. Newman} (8/10)

    Michael Ballhaus - Eine Reise durch mein Leben {2008 - Vera Tschechowa} (8/10)
    Verfluchte Liebe deutscher Film {2016 - Dominik Graf, Johannes Sievert} (7/10)
    Germany {1976 - Georg Stefan Troller} (9/10)
    Der Tag, als die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen {2006 - Michael Wulfes} (9/10)

  3. #3
    Regisseur Avatar von rushmore
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    AW: Unsere im April 2017 gesehenen Filme (und Serien)

    Kino:

    Toivon tuolla puolen / Die andere Seite der Hoffnung / Aki Kaurismäki / Finnland - Deutschland 2017 / 2

    Bei der Flucht aus Aleppo landet der Syrer Khaled auf einem Kohlefrachter, der ihn nach Helsinki bringt. Nachdem die finnischen Behörden seinen Asylantrag ablehnen, beschliesst er, illegal im Land zu bleiben. Auf seinem Weg begegnen ihm die verschiedensten Menschen. Einige helfen ihm, andere bedrohen sein Leben. Als er auf Waldemar Wikström, der ein heruntergekommenes Lokal gekauft hat, trifft, scheint sich Hoffnung für sein Leben zu ergeben.
    Wie üblich bei Kaurismäki ist auch sein letzter (!) Film eine skurrile Mischung aus lakonischem Humor und fast lebloser Ernsthaftigkeit. Und wie üblich ist das wieder sehr sympathisch herausgekommen. Allerdings erscheint es auch etwas, als sei seine Geschichte politisch etwas zu korrekt geschrieben worden. Trotzdem: Ein würdiger Abgang!

    So, diesmal ein Themenmonat: Meine 70er-Jahre!
    Achtung: Spoiler-Alert!!!
    BR/DVD:

    The Conversation / Der Dialog / Francis Ford Coppola / USA 1974 / 1 +

    Harry Caul, ein 44-jähriger Abhörspezialist, erhält den Auftrag von einem Firmendirektor, eine Frau und einen Mann zu überwachen und ihr Gespräch aufzuzeichnen. Als Caul beim Schneiden der Tonbänder den Satz "Er würde uns umbringen, wenn er es könnte" hört, beginnt für ihn eine immer grössere Verstrickung in den Auftrag. Viel zu spät merkt er, dass er aus dem Dialog die völlig falschen Schlüsse gezogen hat.
    Coppolas enorm intensiver Film ist in jeder Hinsicht ein absolutes Meisterwerk, nicht nur der 70er-Jahre! Er ist hochinteressant, spannend und teilweise sogar schon unheimlich. Als ich ihn das erste Mal im Kino sah, habe ich wohl zwei Stunden lang nicht geatmet und hatte nach der Vorstellung leichte Paranoia. Gene Hackman bietet eine grandiose Leistung in der Hauptrolle. Seine komplette Einsamkeit, seine Religiosität, sein Versuch, sich von der Welt, in die er ja heimlich dringt, fernzuhalten, diese ganze Zerrissenheit spielt Hackman mit grossem Understatement. Als Hilfestellung kommt dem Charakter der Hauptperson auch die kongeniale Musik von David Shire zugute. Lediglich für Klavier komponiert, unterstreicht sie die Isoliertheit der Figur und bricht erst in der Mordszene zu gänsehauttreibenden elektronischen Klängen auf. Der vielleicht beste Verschwörungsthriller überhaupt! Schlicht und einfach, weil seine hohe Spannung aus dem Inneren kommt und der Film dadurch sehr ruhig ist. Keine Verfolgungsjagden, kaum Gewalt, dafür Schatten, langsame Bewegungen und eine unheimliche Atmosphäre.

    https://www.youtube.com/watch?v=RUsEIdHxBPk


    Being There / Willkommen, Mr. Chance / Hal Ashby / USA 1979 / 1 +

    Als Chance am Morgen aufwacht, ist der reiche Mann, bei dem er sein Leben lang als Gärtner gearbeitet hat, gestorben. Die Haushälterin, die die beiden Männer mit Essen versorgte, verlässt das Haus. Chance, der niemals einen Fuss vor das Haus gesetzt hat und dessen Bezug zum Leben einzig über das Fernsehen hergestellt wurde, muss ebenfalls das Haus verlassen, als die Nachlassverwalter aufkreuzen. Nur mit Koffer und Fernbedienung ausgerüstet, irrt er ziellos durch die Strassen Washingtons, bis er auf Eve Rand trifft, die ihn mitnimmt in das riesige Anwesen ihres viel älteren und sterbenskranken Ehemanns Benjamin Turnbull Rand, eines Grossindustriellen. Chance, geistig zurückgeblieben und unfähig zu lügen, wird bald von dem Ehepaar ins Herz geschlossen. Da er schweigt, wenn er nichts zu sagen weiss, aber durch Stichworte aus der Botanik sofort sein Fachwissen preisgibt, gehen die Menschen, denen er begegnet davon aus, dass es sich hier um einen einzigartigen und sehr weisen Menschen handelt. Was Chance auch über Pflanzen und die Jahreszeiten sagt, es wird als Metapher auf den Zustand der Wirtschaft, der Gesellschaft oder der Politik angesehen. Als der Präsident der Vereinigten Staaten auf Besuch zu Rand kommt, wird auch die Öffentlichkeit auf den geheimnisvollen Chance aufmerksam. Doch CIA und FBI finden nicht den kleinsten Hinweis auf die Herkunft des Gärtners. Als am Ende Benjamin Rand stirbt, tut er dies im friedlichen Wissen, dass sein liebgewonnener Freund Chance bei seiner Frau Eve bleiben wird. Am Schluss sieht man, wie sich Chance an der Beerdigung von den Trauernden löst und über einen See schreitet.
    Humor ist eine ganz schwierige Sache. Wie unglaublich schön, wenn man einen Film zu sehen bekommt, der über einen dermassen wunderbaren, feinen und sehr schrägen Humor verfügt. Peter Sellers, der kurze Zeit nach Beendigung des Films starb, hinterlässt mit dieser Rolle ein grosses Vermächtnis. Sein Spiel zwischen grosser Ernsthaftigkeit und sanfter Ironie ist ganz grosses Kino. Die wunderbare Shirley MacLaine eine ebenso grossartige Besetzung. Johnny Mandels an die Musik Eric Saties erinnernder Soundtrack gibt dem Film eine zwischen Leichtigkeit und Tiefe, zwischen Mysteriosität und Melancholie mäandernde Note, die einen zusätzlichen Stempel aufrückt. Die letzte Szene, in welcher Chance über den See spaziert, ist eine Wucht und hat schon fast religiöse Qualität. Ashbys Film überzeugt inhaltlich und formal zu jeder Zeit und ist im besten Sinne des Wortes verrückt.

    https://www.youtube.com/watch?v=Bow1ZJTV4L4


    The Dangerous Lives of Altar Boys / Lost Heaven / Peter Care / USA 2002 / 1

    Mitte der 70er-Jahre in der amerikanischen Kleinstadt Savannah: Vier 14-jährige Schüler einer katholischen Schule leben zwischen den strengen Anforderungen ihrer Lehrerin Schwester Assumpta, zerrütteten Familienverhältnissen und Langeweile. Francis Doyle und Tim Sullivan, die besonders gut befreundet sind, versuchen mit grosser Phantasie und verrückten Ideen Widerstand zu leisten. Francis, der sich als sehr talentierter Zeichner erweist, beginnt ein Comicbuch zu gestalten, in welchem die vier Freunde zu Superhelden werden und gegen eine Gang von teuflischen Nonnen ankämpfen. Als er sich in die psychisch labile Margie verliebt, hilft Tim ihm bei der Kontaktaufnahme, nicht ganz ohne Eigennutz, denn da er bei Mädchen keine Chance hat, möchte er von Francis wissen, wie das so ist mit dem anderen Geschlecht. Als die Klasse einen Zoobesuch macht, beschliessen Tim und Francis, den Puma aus dem Gehege zu stehlen und im Zimmer von Schwester Assumpta auszusetzen. Der Versuch endet in einem tödlichen Unfall.
    Einer der schönsten Coming of Age-Filme überhaupt. Verschiedene Themen werden einander gegenübergestellt, ohne irgendeine Seite anzuklagen. In Schwester Assumpta sind die konservativen Normen und Werte der Gesellschaft angelegt. Sie bildet sozusagen die Antithese zu den vier Freunden, da sie glaubt, nur über Beten und Lernen die Jungen auf das Leben vorbereiten zu können. Es liegt an Jodie Fosters toller Darstellung, dass Assumpta dabei für die Zuschauerschaft nicht zu der teuflischen Nonne wird, die die vier in ihr sehen. Unter ihrer harten Schale zeigt sich durchaus echte Sorge um ihre Schützlinge. Auf der anderen Seite finden wir in den Teenagern den Wunsch nach Veränderung, Selbstverwirklichung und gelebtes Leben. Themen wie Freundschaft, Toleranz und die erwachende Sexualität sorgen für Verwirrung und Streit, aber auch für neue wichtige Erfahrungen und den Beginn des Erwachsenwerdens. Eltern sind nicht anwesend oder haben ihre eigenen Probleme, so dass die Jugendlichen mit ihren Fragen selber zurechtkommen müssen. Tim sitzt vor dem Fernsehgerät, während sich seine Eltern streiten. Francis erfährt von Margie, dass sie mit ihrem Bruder geschlafen hat. In seiner Verwirrung wendet er sich an Father Casey, der den toleranten Part des Glaubens verkörpert. Doch auch dieser hat keine Antworten, denn sinnliches Begehren ist Sünde. So werden die Jungen mit ihren Fragen immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Das schmerzliche Rebellieren findet Eingang in die Comicwelt, die den Film grossartig begleitet. Obwohl Francis die eigentliche Hauptfigur der Geschichte ist, ist es eigentlich Tim, der die Story vorantreibt. Er scheint zu ahnen, wie wenig Hoffnung für ihn besteht und steigert sich vielleicht gerade deshalb in die verrücktesten und gefährlichsten Ideen. Hervorragend interpretiert von Kieran Culkin zeigt Tim aber durchaus auch Mitgefühl. Etwa in der Szene, in welcher er und Francis einen sterbenden Hund am Strassenrand finden. Es wundert mich schon, dass Peter Care nach diesem Film keinen weiteren mehr gedreht hat. Und Joshua Homme hat mit "All the Same" im Jahre 2002 einen fantastischen 70er-Songs geschrieben!

    https://www.youtube.com/watch?v=VI75vQViftk

    https://www.youtube.com/watch?v=lb8JliHH9x8


    The Offence / Sein Leben in meiner Gewalt / Sidney Lumet / Grossbritannien 1972 / 1++

    Im südenglischen Bracknell geht ein Verbrecher um, der sich an Kindern vergeht. Drei Kinder wurden bereits misshandelt. Als das vierte vermisst und von Sergeant Johnson völlig verstört in einem Gebüsch gefunden wird, startet die Polizei eine Grossaktion und setzt an jedem Winkel der Stadt Beamte ab, wo diese Vorbestrafte und Spitzel befragen. Zwei Beamte begegnen in der nächtlichen Stadt einem verwirrt wirkenden Mann namens Kenneth Baxter und nehmen ihn mit auf die Wache. Durch einen Trick gelingt es Johnson, den Verdächtigen allein zu verhören. Nach einem verbalen Duell, in welchem Baxter immer mehr verängstigt wird, erkennt dieser in seinem Peiniger dieselben unterdrückten Regungen, die er selber in sich trägt und konfrontiert ihn damit. Als Johnson daraufhin die Oberhand verliert und er den Gefangenen bittet, ihm zu verraten, wie man diese Bilder aus dem Kopf bekommt, wird er von diesem zurückgewiesen, woraufhin der Polizist Baxter dermassen zusammenschlägt, dass er im Spital seinen Verletzungen erliegt. Auch wenn Johnson hundertprozentig sicher war, dass Baxter der Gesuchte sei, es gibt keinen Beweis.
    Im Zentrum des Films stehen drei Gespräche (sofern man das so bezeichnen kann): Ein nächtliches Ehegespräch zwischen Sergeant Johnson und seiner Frau, eine Befragung von Johnson durch seinen Vorgesetzten Cartwright und das Verhör zwischen Johnson und Baxter. Alle drei Gespräche sind durch grossen Widerwillen zur Kommunikation gekennzeichnet. Nachdem Johnson unter Schock - er ist nicht sicher, ob er den Verdächtigen getötet hat - nach Hause fährt, stellt ihn seine Frau zur Rede. Obwohl er ihr sagt, dass er über diese Sachen nicht mit ihr reden will, drängt sie ihn so lange, bis er sich öffnet und ihr von den Bildern in seinem Kopf erzählt. Bilder über die Opfer, die sich in seinem 20-jährigen Dienst angesammelt haben. Als seine Frau sich ihm entzieht und sich übergeben muss, fühlt sich Johnson zurückgewiesen und demütigt sie in einem Akt tiefster Verzweiflung. Im zweiten Gespräch wird Johnson von seinem Vorgesetzten Cartwright zu dem tödlichen Vorfall befragt. Ein kurzer anfänglicher Austausch von Freundlichkeit schlägt nicht an. Cartwright wird zunehmend ungeduldiger und dominanter, bringt aber letzten Endes nicht viel aus Johnson heraus. Das intimste Gespräch findet zwischen Johnson und Baxter statt. Von einkreisenden Fragen über kurze Berührungen bis hin zur offenen Gewalt versucht Johnson alles, bis Baxter unter hohem Stress über jahrelang erlittene Erniedrigungen und aufgestaute Aggressionen erzählt. Dann wendet sich das Blatt und Baxter sieht in seinem mächtigen Gegenüber einen zutiefst verstörten Mann, der ihn schliesslich sogar um Hilfe bittet, weil er mit den Bildern in seinem Kopf nicht mehr umgehen kann. Als Johnson erkennt, dass er seine eigenen pädophilen und gewaltätigen Fantasien auf Baxter projiziert, schlägt er ihn brutal zusammen. Wir können eventuell davon ausgehen, dass Baxter unschuldig war, denn kurz vor seinem Tod sagt er zu Johnson, dass nichts, was er getan hat, so boshaft sein kann, wie die Gedanken im Kopf seines Peinigers.
    Ich hatte Sean Connery nie für einen brillanten Schauspieler gehalten. Höchstens für routiniert. Was er allerdings hier bietet, ist schlichtweg aussergewöhnlich! Im schauspielerischen Duell mit dem ebenbürtigen Ian Bannen wird hier ein Level erreicht, das man nicht oft zu sehen bekommt. Es ist nicht verwunderlich, dass Connery in "The Offence" seinen persönlichen Favoriten unter seinen Filmen erkannte. Letztlich ist der Film ein psychologischer Albtraum, der sich vor den existenziellen Dramen eines Ingmar Bergman nicht zu verstecken braucht. Das englische Bracknell ist stetig grau oder verregnet und sorgt für die stimmige Atmosphäre, die sich in den kalten Gebäuden fortsetzt. Sidney Lumet, einer der ganz grossen Filmregisseure, spielt trotz mancher Härten eher mit der Gewalt im Kopf. So werden, während Johnson nachts nach Hause fährt, in kurz aufblitzenden Szenen immer wieder Bilder gezeigt, mit denen er konfrontiert war: Ein blutverschmierter Teddybär, ein blutender Kinderarm, der aus einer Wiege heraushängt, ein nervös herumzappelnder Papagei, eine erhängte Frau in einem Wald, ein Polizeibeamter, der nachts eine verlassene Strasse hinunterrennt... und immer wieder das Mädchen, das er im Gebüsch entdeckte. Nur, dass sie in seinen Gedanken nicht mehr unter Schock steht, sondern ihn auffordernd anlächelt. Die kurzen Bilder sind grauenhaft, da sie eigene im Kopf auslösen. Die von der London Sinfonietta gespielte Musik ist eher Geräuschkulisse und setzt alledem die Krone auf. Ein in seinem tiefen Pessimismus schon fast grausamer Film, der seinen Hauptfiguren keine Katharsis gönnt und keinerlei Hoffnung zulässt. Nah am Abgrund, ungeheuer faszinierend, lässt er einen völlig ausgepumpt zurück.

    https://www.youtube.com/watch?v=FZT-x_dp4jo

    https://www.youtube.com/watch?v=3pRkGQpY8V8


    Almost Famous / Fast berühmt / Cameron Crowe / USA 2000 / 1

    Für den 15-jährigen High-School-Schüler William Miller aus San Diego eröffnet sich 1973 eine heiss ersehnte Gelegenheit, da er für den Musikjournalisten Lester Bangs einen kurzen Artikel über die Band Black Sabbath schreiben kann. Am Konzert lernt er die Vorband Stillwater und einige Groupies kennen. Vor allem fasziniert ihn die umschwärmte Penny Lane. Als das Musikmagazin Rolling Stone auf seinen Black Sabbath-Artikel aufmerksam wird, bietet ihm der Redakteur an, Stillwater auf ihrer Tournee zu begleiten und einen grossen Artikel über sie zu schreiben. William gelingt es, seine überfürsorgliche Mutter zu überzeugen und akzeptiert das Angebot. Doch die Zeit für den Artikel nimmt schliesslich nicht wenige Tage, sondern Wochen in Anspruch und William kommt nicht vom Fleck. Er taucht zwar in die Welt des Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll, bleibt aber trotzdem auf Distanz dazu. Durch seinen kindlichen Charme und sein offenes Gesicht wird er bald zum Vertrauten der Band-Mitglieder, die ihn trotz allem the Enemy nennen, ein versprochenes Interview kommt nie zustande. So wird William zum Beobachter einer faszinierenden, lebendig-wilden, herzlich-familiären und doch auch abstossenden Welt. Einzig die Freundschaft zu Penny wird vertrauter und intensiver, bleibt aber platonisch. Als Penny bei einem Pokerspiel unter den Musikern als Einsatz missbraucht wird, lernt William auch die Schattenseiten eines von Männern dominierten Business kennen. Schliesslich kehrt er nach Hause zurück. Sein Artikel erscheint nach anfänglichen Querelen doch im renommiertesten Musikmagazin, Stillwater sogar auf dem Cover. Die Band zieht weiter. Penny fliegt nach Marokko.
    Crowe bietet mit seinem wohl besten Film einen ungemein grossen Einblick in eine anziehend widersprüchliche Welt. Natürlich gibt es viele Clichés aus der Welt der Rockmusiker. Auch bietet der Film eher einen nostalgisch-wehmütigen Rückblick auf die Zeit der frühen 70er-Jahre. Trotzdem werden die negativen und unmoralischen Aspekte nicht ausser Acht gelassen: Die aufkommende Kommerzialisierung der nach Freiheit rufenden Rockmusik. Der Verrat der Musiker untereinander. Die Behandlung von Frauen als Objekte. Die Vereinnahmung durch die Industrie. Die Ablehnung der Musiker von Musikmagazinen, auf deren Titelseite sie sich trotzdem wünschen. Erwartungsdruck, Stress, Streit und Selbstlügen. All das zeigt Crowe durchaus auch, nur eben nicht so, dass es seinen Zuschauern weh tut. So bleibt ein Unterhaltungsfilm mit Tiefgang und für mich ein 162 minütiges Geschenk mit vielen wunderbaren Szenen und Songs, so dass man sich heutzutage fragen kann: Hatten wir damals wirklich so viele gute Rockbands, die so viele grandiose Songs geschrieben haben? Und unvergesslich auch die wenigen Auftritte von Philip Seymour Hoffman, der seinem Schützling die (filmische!) Wahrheit über die Rockmusik und die Uncoolen erzählt.

    https://www.youtube.com/watch?v=ldpPnxDbJ6g

    https://www.youtube.com/watch?v=WzY2pWrXB_0


    Carrie / Brian De Palma / USA 1976 / 1

    Als die sechzehnjährige Carrie White nach dem Sportunterricht unter der Dusche ihre erste Menstruation bekommt, verfällt sie in Panik, da sie über den biologischen Vorgang nichts weiss. Ein weiterer Grund für ihre Mitschülerinnen, sie zu demütigen. Während des Gesprächs mit der Sportlehrerin und dem überforderten Direktor der Schule, entdeckt die immer noch verwirrte Carrie, dass sie Gegenstände bewegen kann, ohne diese zu berühren. Zu Hause wird sie von ihrer Mutter, die in einem permanenten religiösen Wahn lebt, in eine winzige Gebetskammer gesperrt, damit sie sich von Blut und sündigen Gedanken reinigen kann. Die Sportlehrerin Miss Collins lässt die Mitschülerinnen zur Strafe extra harte Stunden bei ihr absolvieren. Chris Hargensen, die sich auflehnt, wird vom Abschlussball ausgeschlossen, wodurch sie sich an Carrie rächen will. Sue Snell leidet derweil unter schlechtem Gewissen und überredet ihren Freund Tommy Ross dazu, die ewige Aussenseiterin Carrie zum Schulball einzuladen. Diese glaubt zuerst, dass sich ihre Mitschülerinnen eine neue Erniedrigung ausgedacht haben, gilt Tommy Ross doch als umschwärmter Sportler der Schule. Erst nach einigem Drängen verspricht Carrie Tommy, ihn zum Ball zu begleiten. Ihre Mutter, bei der jegliche Körperlichkeit Ekel auslöst, versucht mit allen Mitteln, ihre Tochter abzuhalten, kann aber gegen ihre telekinetischen Kräfte nichts mehr ausrichten. Als Carrie mit Tommy schliesslich zum Schulball fährt, wird aus dem hässlichen Entchen ein schöner Schwan, der die Anwesenden bezaubert. Doch Chris Hargensen und ihr Freund Billy Nolan haben einen teuflichen Plan ausgeheckt, den sie umsetzen, als Carrie und Tommy auf der Bühne zum schönsten Paar gekrönt werden sollen. Diese erneute Demütigung Carries führt zum Tod fast aller Beteiligten.
    Kein eigentlicher Horrorfilm, obwohl mit entsprechenden Zutaten beileibe nicht gespart wurde, sondern eher ein sehr trauriges Drama. De Palma, sonst eher nicht der Mann für's Subtile, hat hier einen eher sensiblen Film über die Hölle der Jugend gemacht. Sein Blick und seine Sympathie gilt dabei, wie allgemein bei Stephen King, der die Vorlage geschrieben hat, den Ausgestossenen, denjenigen, die keine Chance haben, weil sie nicht zu den "Richtigen" gehören. Carrie (man kann sich in dieser Rolle keine andere mehr vorstellen als die wunderbare Sissy Spacek, die erst überhaupt nicht für die Rolle gedacht war) ist dabei der Prototyp einer sogenannten Loserin. Sie sitzt zuhinterst im Klassenzimmer und nimmt nicht am Unterricht teil. Wenn sie doch mal was sagt, wird sie vom Lehrer lächerlich gemacht. Im Sport ist sie eine Niete und wird von fast allen anderen verabscheut. Nicht mal zu Hause kann sie sich Wärme und Zuneigung erhoffen, da ihre Mutter (beängstigend: Piper Laurie, die nach fünfzehnjähriger Abstinenz wieder auf der Leinwand zu bewundern war) eine durchgeknallte Fanatikerin ist, die für ihre Tochter ebenfalls nur Verachtung übrig hat. Interessant ist neben den vielen sexuellen Metaphern, dass alles Gute und Böse in der Geschichte von Frauen ausgeht. Männer scheinen kaum eine Rolle zu spielen. Der Direktor der Schule ist überfordert. Tommy Ross ist ein typischer Schönling, der sich von seiner Freundin Sue zu etwas überreden lässt, was er gar nicht möchte. Der plumpe, Bier trinkende Billy (John Travolta) dient seiner Freundin Chris nur dazu, ihren teuflischen Plan umzusetzen. Intrigen, Gewalt, Demütigungen, Verbote, Strafen, Verführungen, Hass... all das geht von Frauen aus. Dies ist die Welt, der Carrie letztlich nichts entgegenzusetzen hat, ausser deren komplette Vernichtung. Filmisch ist das Ganze clever gemacht. Die Kamerafahrten und der Schnitt sind sehr ausgeklügelt. Die Zeitlupenszenen, in welcher Carrie und Tommy auf die Bühne schreiten, bis sich das Blut über Carrie ergiesst, sind nervenzerrend spannend und suchen ihresgleichen wohl auch heute noch. Der Ton dazu, wenn man nur das plätschernde Blut und den hin und her schwingenden Eimer hört, bis sich schliesslich die Stimme von Carries Mutter "They all gonna laugh at you" und das (eingebildete?) Gelächter der anderen Anwesenden einmischen, ist meisterhaft und hat auch nach über vierzig Jahren nichts von seiner Wirkung verloren. Dann: die Musik von Pino Donaggio. Sein Soundtrack ist scharf und schneidend, wenn es um die Horrorszenen geht und erinnert dabei an die Musik von Hitchcocks "Psycho". Sie ist auf der anderen Seite langsam und zärtlich, wenn sie versucht, Carries Charakter zu untermalen. Im Kino damals bin ich aber vor allem bei einer Szene fast aus dem Sessel gefallen. Nämlich als Carrie von ihrer Mutter mit dem Messer verletzt wird. Zu erwarten wären da wieder diese Staccato-Streicher gewesen. Stattdessen erklingt ein Klavier, das eine mysteriöse, fast schon kindliche Melodie spielt. Ungeheuerliche Wirkung! Und: Die letzten Minuten des Films wirken auch heute noch lange nach! "Carrie" ist und bleibt ein grosser Klassiker des 70er-Kinos!

    https://www.youtube.com/watch?v=9vZy5ujpJZE

    https://www.youtube.com/watch?v=2Qzfz0Lm5sA


    Desperate Characters / Verzweifelte Menschen / Frank D. Gilroy / USA 1971 / 1+

    Eine Wohnung in Brooklyn. Das Ehepaar Sophie und Otto Bentwood sitzt am Frühstückstisch. Otto erzählt von seinen Problemen mit seinem Partner in der Anwaltskanzlei. Sophie dreht sich um und sieht die Katze an der Tür zum Hinterhof. Als sie die Katze füttert, wird sie von ihr gebissen. Am Abend geht das Ehepaar zu einer Party von Freunden. Sophie bemerkt in einem Raum im oberen Stockwerk, dass jemand mit einem Stein das Fenster eingeworfen hat. Unten im Wohnzimmer begegnet sie Francis Early, mit dem sie einst ein Verhältnis hatte. Sie spricht kurz mit ihm, wird dabei von ihrem Mann argwöhnisch beobachtet, bis sich ihre Blicke treffen. Nachts kann Sophie nicht schlafen und sitzt im Wohnzimmer. Jemand klopft energisch an die Haustür. Es ist Charlie, Ottos Geschäftspartner und ehemaliger Freund. Da Sophie Otto nicht wecken will, geht sie mit Charlie in eine Bar und später zum Bowling. Auf einer Bank erzählt sie ihm von ihrem ausserehelichen Verhältnis. Am Morgen blickt das Ehepaar von seiner Wohnung auf die Strasse herab. Ein Mann liegt reglos auf dem Bürgersteig. Die Menschen gehen achtlos vorbei. Sophie fährt mit der U-Bahn. Ein alter Mann redet laut mit einem unsichtbaren Gegenüber. Niemand schaut ihn an. Als Sophie durch einen Skulpturenpark spaziert, sieht sie Ruth, die Frau von Charlie. Nach einem kurzen Smalltalk durch ein Gittertor steigt Ruth in ein Taxi. Sophie ruft ihr hinterher, dass sie sie anrufen werde. Ruth antwortet etwas, das im Hupen eines Autos untergeht und von Sophie als "Go away" verstanden wird. Verwirrt dreht sie sich um und steht einer alten Frau gegenüber, die sie fixiert. Später besucht Sophie ein befreundetes alterndes Ehepaar Claire und Leon. In dem scheinbar harmlosen Necken der beiden scheint eine tiefe Verletztheit und Angst vor dem Alt werden zu schlummern. Nach dem Essen besorgt Leon den Abwasch. Claire erzählt Sophie, dass sie ausser Leon nie eine Beziehung hatte und es ihr genüge, wenn sie Arm in Arm mit ihm auf dem Bett liegen würde, da ihr Sex nie etwas bedeutete. Als Leon und Claire wieder anfangen, sich zu necken, flüchtet Sophie aus der Wohnung. Sie sieht in einem Laden eine Pfanne, die sie kaufen möchte. Die Verkäuferin macht sie auf ihre blutende Hand aufmerksam und deutet an, dass sie glaubt, ihre Kundin hätte sich im Laden verletzt, worauf Sophie wütend hinausgeht. Während des Abendessens läutet es an der Tür des Ehepaars. Otto öffnet und ein junger Schwarzer drängt sich unter dem Vorwand in die Wohnung, dass er unbedingt das Telefon benützen müsse. Nach einem etwas wirren Telefongespräch sagt der Mann, ihm fehlen 10 Dollar für die Reise, woraufhin Otto ihm das Geld gibt. Die Bentwoods fahren zu ihrem Ferienhaus auf dem Land. Unterwegs bricht die Sonne durch und die Stimmung scheint sich aufzuhellen. Im Haus angekommen, stellen sie fest, dass jemand eingebrochen, die Zimmer verwüstet und in den Kamin fäkaliert hat. Sophie bricht in Tränen aus, Otto drängt sich ihr sexuell auf. Beide fahren zurück nach New York.
    Wenn ich jemals einen existentialistischen Film ausserhalb der Werke von Ingmar Bergman gesehen habe, dann ist das sicherlich "Desperate Characters". Die Menschen bewegen sich durch eine bekannte Umgebung, die ihnen völlig entfremdet ist. Sie reden miteinander, verstehen sich aber nicht. Die Welt gerät aus den Fugen und niemand hat die Kraft oder die Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen. Im Zentrum steht dabei Sophie Bentwood. Grossartig gespielt von Shirley MacLaine, die hier zeigt, dass sie nicht nur Komödien überzeugend spielen konnte. Sie führt uns durch die Geschichte. Mit ihren Augen lernen wir die Welt am Abgrund kennen. Zwar funktioniert New York noch, aber überall sind böse Vorzeichen zu finden: Sophie will sich nach dem Katzenbiss nicht behandeln lassen, weil sie Angst vor der Tetanusspritze hat. Otto hört seiner Frau nicht mehr zu und spricht fast nur noch verächtlich über seinen ehemaligen Freund und Geschäftspartner. Der Mann, der vorgibt, einen Anruf tätigen zu müssen, ist offensichtlich ein Betrüger. In der U-Bahn fahren Leute, die nur noch mit sich selbst sprechen und Leute, die dies ignorieren. In den Strassen liegen Abfälle, Exkremente und Betrunkene, die ebensogut tot sein könnten. Eingeworfene Fensterscheiben. Obszöne Anrufe. Deprimierende Besuche bei Freunden. "Desperate Characters" erscheint wie eine Art Vorausschau auf das, was New York in den 70er-Jahren durchmachen sollte: Gewalt, Rassismus, Drogen, Angst, Einsamkeit, Entfremdung, Hoffnungslosigkeit. Ein äusserst beklemmendes Werk.

    https://www.youtube.com/watch?v=AyQup0uNYp8


    Over the Edge / Wut im Bauch / Jonathan Kaplan / USA 1979 / 1

    In Colorado entsteht die Retortenstadt New Granada. Sie soll den Menschen, die vor den üblichen Problemen aus den grossen Städten geflohen sind, ein neues übersichtliches und lebenswertes Zu Hause bieten. Doch während die Erwachsenen mit sich selbst und ihrer Arbeit beschäftigt sind, gehen die Kinder und Jugendlichen vergessen. Ihr Freizeitklub besteht aus einer Wellblechhütte, in der ein Billardtisch und ein paar Möbel stehen. Abwechslung finden sie im Alkohol, in Drogen und immer gefährlicheren Streichen, durch welche sie in schwerwiegende Situationen mit der Polizei geraten. Carl, der aus gutbürgerlicher Familie kommt, freundet sich mit dem rebellischen Richie an, der in seiner Unsicherheit gegen alles aufbegehrt und nach Anerkennung sucht. Als Richie nach einer Flucht vom Polizisten Doberman erschossen wird, eskaliert die Situation. Während sich die Eltern mit den örtlichen Behörden in der Aula der Schule zur Besprechung der Lage treffen, versammeln sich die Jugendlichen vor dem Gebäude. Sie schliessen die Erwachsenen ein und beginnen alles zu zerstören, was ihnen im Weg steht. Als die Nacht des Schreckens vorbei ist, werden die meisten Jugendlichen an nächsten Tag von der Polizei abgeholt und aus der Stadt gefahren.
    Kaplan zeigt sehr ambitioniert auf, woher die grosse Unzufriedenheit und Langeweile der Jugend kommt. Die sterile Stadt konkurriert geradezu mit der trostlosen Landschaft, an die sie grenzt. Für die Erwachsenen, die sich in ihre Arbeit stürzen, mag die ausgestorbene Ruhe ein Glücksfall sein. Für eine Jugend, die das Leben sucht und Orte, an denen sie unter sich sein und sich von der Erwachsenenwelt abgrenzen kann, ist diese Heimat allerdings ein Fluch. So ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis sich die aufgestauten Gefühle nicht mehr unterdrücken lassen. Hier prallen zwei Welten aufeinander, sie sich nicht verstehen und letztlich ist die Antwort auf die aufkeimende Gewalt der Jungen die repressive Gewalt der Erwachsenen. Als am Schluss viele der Jugendlichen im Bus abtransportiert werden und Valerie Carters Version des Soulklassikers "O-o-h Child" eingespielt wird, wirkt das schon fast ironisch, wenn man die Bilder sieht und auf den Text des Songs achtet: "Ooh child, Things are gonna get easier. Ooh child, Things'll get brighter..." Doch man mag nicht lachen. Zu herzzerreißend ist das Ende. Als der Film über die verlorene Jugend der 70er-Jahre in den Kinos zur Aufführung kam, achteten die Behörden darauf, dass er nur eine limitierte Veröffentlichung bekam, da man Angst vor Aufruhr hatte. Erst später wurde "Over the Edge" zu einem Kultfilm.

    https://www.youtube.com/watch?v=In7enKVo2xo


    Zodiac / Die Spur des Killers / David Fincher / USA 2007 / 1 - 2

    Am 4. Juli 1969 wird in Vallejo (Kalifornien) ein junges Pärchen von einem Unbekannten angegriffen. Die junge Frau stirbt durch die Schüsse. Ihr Partner überlebt mit schwerer Verletzung. Die Polizei nimmt Ermittlungen auf. Dann erreichen Bekennerschreiben eines Serienmörders die Zeitungen "San Francisco Chronicle", "San Francisco Examiner" und "Vallejo Times Herald". Diese Botschaften sind als Kryptogramm verschlüsselt, in welchen sich der Absender als Mörder des Pärchens zu erkennen gibt und verlangt, dass seine Schreiben veröffentlicht werden. Der Reporter Paul Avery vom San Francisco Chronicle nimmt Recherchen auf. In einem weiteren Brief nennt sich der Mörder Zodiac. Am 27. September 1969 wird ein junges Paar am Ufer des Lake Berryessa von einem Unbekannten überfallen, gefesselt und mit einem Messer attackiert. Die Frau stirbt, der Mann überlebt schwer verletzt. Am 11. Oktober 1969 wird ein Taxifahrer in Presidio Heights, einem Stadtteil in San Francisco, von einem Fahrgast erschossen. Der Mörder schickt einen blutigen Fetzen aus dem Hemd des Taxifahrers dem "San Francisco Chronicle" und droht gleichzeitig, Schulkinder zu töten. Als im Herbst 1972 der Wohnwagen des Verdächtigen Arthur Leigh Allen ergebnislos durchsucht wird, lässt sich Inspector Bill Armstrong, der zusammen mit David Toschi die Ermittlungen gegen Zodiac leitete, versetzen. Der alkoholkranke Reporter Paul Avery stellt seine Recherchen über den Serienmörder ein, kündigt beim "San Francisco Chronicle" und zieht sich auf sein Hausboot zurück. Der ebenfalls beim "San Francisco Chronicle" beschäftigte Karikaturist Robert Graysmith verfolgte den Fall Zodiac von Beginn weg und verfügt inzwischen über eine umfangreiche Materialsammlung. 1976 beginnt Graysmith mit eigenen Nachforschungen, da er sieht, dass sich für die ungelösten Fälle niemand mehr richtig einsetzt. Auch möchte er ein Buch über Zodiac schreiben. Inspektor Toschi verweigert ihm zwar konkrete Auskünfte, gibt ihm jedoch immer wieder gute Tipps, wie er mit seinen Forschungen weiterkommen könnte. Fortan wird für Graysmith die Aufklärung des Falls zu einer wahren Obsession. Nachts erhält er Anrufe, doch wenn er abnimmt, erklingt nur schweres Atmen. 1978 erfolgt ein weiteres Schreiben an den "San Francisco Chronicle" von jemandem, der sich Zodiac nennt. Graysmiths Veracht, dass es sich bei dem Mörder um Arthur Leigh Allen handeln muss, erhärtet sich, doch Beweise bleiben aus. 1983 besucht Graysmith den Baumarkt, in welchem Arthur Leigh Allen arbeitet. Beide schauen sich lange an, bis Graysmith den Laden verlässt. 1991 werden dem Überlebenden des Vallejo-Attentats einige Passfotos von möglichen Tätern vorgelegt. Dieser zeigt auf das Foto von Arthur Leigh Allen und gibt zu Protokoll, dies sei mit hoher Gewissheit der Mann, der damals auf sie geschossen hatte.
    Man kann über Finchers Filme sagen, was man will. Sie sind einfach spannend und sauber gemacht! Nach dem Anfang mit drei happigen Mordszenen wird der Film zu einem reinen Ermittlungsthriller, der nur noch auf Diskussionen setzt und vor allem in diesen vielen Szenen mit hoher Spannung punktet. Dabei hinterlässt er neben seiner Suggestivität vor allem dadurch ein Frösteln, weil die Identität des Killers bis heute nicht definitiv ermittelt werden konnte. Das Zeitkolorit der 70er-Jahre wird grandios in die Scopebilder verpackt. Fincher ist hier ein Meister der Atmosphäre, was die Szene beweist, in welcher Graysmith glaubt, in dem Haus von Bob Vaughn in eine Falle getappt zu sein. Und die Bilder von Kameramann Harris Savides sind einfach ganz grosse Klasse. Das sind wirklich Kinobilder! Wunderbar anzusehen, wie die Szene aufgelöst wird, in welcher Arthur Leigh Allen von den drei Polizisten befragt wird. Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass Allen mit den Polizisten spielt.

    https://www.youtube.com/watch?v=5D13q-2I62w

    https://www.youtube.com/watch?v=VIy-X8-pEoU


    Alice in den Städten / Wim Wenders / Deutschland 1974 / 1

    Philip Winter, ein deutscher Journalist, soll eine mehrwöchige Auftragsreise durch die USA machen. Mit dem Artikel kommt er nicht voran, da ihn etwas blockiert. Dafür schiesst er sehr viele Fotos mit seiner Polaroid-Kamera. Mittellos und in einer Lebenskrise kommt er nach New York zurück, um von dort aus nach Deutschland zurück zu fliegen. Auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen begegnet er Lisa van Damm und ihrer neunjährigen Tochter Alice. Auch Lisa, die kaum Englisch spricht, befindet sich in einer Krise. Sie bittet Philip beim Einchecken um Hilfe, doch aufgrund eines Streiks gibt es mometan keine Flüge nach Deutschland. Sie beschliessen, am nächsten Tag nach Amsterdam zu fliegen, um von dort aus weiter zu reisen. Am nächsten Morgen findet Philip einen Zettel, in welchem Lisa ihn bittet, mit ihrer Tochter allein nach Europa zu reisen, da sie etwas Wichtiges zu erledigen hat. Sie selber werde einige Tage später nachkommen. Doch Philip und Alice warten in Amsterdam vergebens. So fahren die beiden durch Deutschland, um die Großmutter des Mädchens zu suchen, was sich als Irrfahrt herausstellt, da Alice nur ein Foto vom Haus der Grossmutter hat, aber nicht weiss, wo es steht. Zwischen Humor und Verdruss pendelnd, ergibt sich Philip in seine Rolle. Mit der Zeit entsteht eine Art Freundschaft zwischen ihm und Alice und die absurde Situation führt schliesslich dazu, dass Philip durch die Verantwortung für seinen Schützling aus seiner Krise findet.
    Einer der schönsten Filme aus den 70ern! Ruhig, charmant und elegisch. Mit einer Portion schrägem Humor, was die herrliche Szene in der Wuppertaler Eisdiele beweist, die von dem kleinen Jungen umrahmt wird, der an der Jukebox zu "On the Road again" vor sich hinsummt. Gleichzeitig zeigt der Film auch dieses Grundgefühl der Menschen damals, irgendwie stecken geblieben zu sein. Rüdiger Vogler als leidgeprüfter, aber dies meist mit grosser Nonchalance überspielender Journalist ist genauso eine Idealbesetzung wie die kleine Yella Rottländer als Alice, die es mit ihren grossen Kinderaugen und dem offenen Gesicht immer wieder schafft, Philip Winter Verantwortungsbewusstsein für sie hervor zu zaubern. Wenders hat mit "Alice in den Städten" ein Werk grosser Alltagspoesie geschaffen, das gerade für mich als ehemaligem Ruhrpottler auch noch einen hohen Nostalgiebonus bietet.

    https://www.youtube.com/watch?v=jBG8XOr-2Vs

    https://www.youtube.com/watch?v=GABYouoS7D4


    Fat City / John Huston / USA 1972 / 1

    Der total heruntergekommene ehemalige Boxer Billy Tully versucht in Stockton (Kalifornien) sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Beim Training begegnet er dem achtzehnjährigen Ernie Munger, in dem er grosses Potential entdeckt und ihn deshalb zu seinem ehemaligen Trainer Ruben schickt. Tully selbst gibt Ruben immer noch die Schuld an seinem Versagen in seinem letzten Kampf, nach dem es mit ihm bergab ging. Zwischen seinen Jobs als Zwiebelpflücker und Feldarbeiter verbringt Bill Tully seine Zeit vor allem in Bars, wo er die Säuferin Oma Lee Greer kennenlernt. Der Versuch eines Zusammenlebens mit ihr scheitert an den beiden unterschiedlichen Charakteren. Währenddem verliert Munger seine ersten Preiskämpfe. Durch die unerwartete Schwangerschaft seiner Freundin fühlt er sich zur Heirat mit ihr verpflichtet. Dadurch beginnt auch er nach Jobs zu suchen, wodurch er Billy wieder begegnet, der ihm zu einer Arbeit verhilft. Bei einem Preiskampf, den Ruben organisiert, tritt Billy gegen den mexikanischen Boxer Lucero an, der körperlich ebenso versehrt ist wie Billy selbst. Mehr durch Zufall gewinnt Tully den Kampf, beendet danach sehr enttäuscht die Beziehung zu Ruben, als dieser ihn mit 100 Dollar abspeist. Eines Abends sieht Munger, als er gerade zu seinem Auto geht, Tully sturzbetrunken auf der anderen Strassenseite. Munger versucht ungesehen wegzufahren, doch sein Auto springt nicht gleich an, so dass Billy ihn überreden kann, mit ihm in der naheliegenden Bar etwas zu trinken. Munger, dem die Situation unangenehm ist, trinkt aus und möchte wieder gehen, doch Billy sagt zu ihm, er solle doch noch bleiben und sich mit ihm unterhalten. So sitzen schliesslich beide schweigend vor ihrem Kaffee an der Bar.
    Sieben Jahre vor „Raging Bull“ entstand diese kleine Perle von Huston. Ähnlich wie in Scorseses Meisterwerk ist auch die Geschichte von „Fat City“ viel mehr an der Milieuschilderung, denn an Boxkämpfen interessiert. Nicht nur, aber besonders in den wenigen kurzen Kämpfen erscheinen die Gesichter der Menschen erschreckend stumpf und müde. Die portraitieren Menschen sind nicht schlecht, auch wenn sie manchmal so handeln. Sie versuchen in prekären Lebensverhältnissen irgendwie über die Runden zu kommen. Manchmal rappeln sie sich auf, fallen dann aber wieder, weil die Gesellschaft nichts mit ihnen anzufangen weiss. Dann flüchten sie sich in versoffene Philosophien und suchen jemanden, mit dem sie reden können. Zum Freund wird, wer gerade zuhört. Aber nach dem Rausch kommt unerbittlich die Realität wieder und stellt die nächsten Fallen parat. Stacy Keach als heruntergekommener Boxer und Susan Tyrrell als Kneipenhockerin glänzen schauspielerisch und bilden exemplarisch die ganze Geschichte ab. In ihren geschundenen, verlebten Gesichtern ist auf der einen Seite die ganze Tristesse ihrer Vergangenheit zu finden und trotzdem blinkt zwischendurch noch der Wunsch nach einem würdevollen Leben auf, was ihnen auch eine gewisse Schönheit verleiht. Die 1970er-Jahre erscheinen mir mehr denn je als das Filmjahrzehnt, welches am nächsten bei den Menschen am unteren Rand der Gesellschaft war, den sogenannten Verlierern. „Fat City“ ist ein Musterbeispiel dafür. Ganz wunderbar die zehnminütige (!) Barszene zwischen Billy und Oma Lee, ebenso wie die Schlussszene. Schade, dass man solche Filme heute kaum noch zu sehen bekommt. Es scheint, dass Armut auch aus dem Kino verdrängt wird.

    https://www.youtube.com/watch?v=3XnENCYkctg

    https://www.youtube.com/watch?v=hTVUJusk62Q


    Never Let Me Go / Alles, was wir geben mussten / Mark Romanek / Grossbritannien - USA 2010 / 1

    Im südenglischen Hailsham wachsen in den 70er-Jahren Kinder in einem Internat auf. Sie werden gefördert und regelmässig auf ihre Gesundheit hin untersucht. Im Unterricht des bildnerischen Gestaltens lernen sie ihr Innerstes auszudrücken, wobei besonders gelungene Arbeiten in einer Galerie ausgestellt werden sollen. Es ist aber vor allem die Geschichte der drei Freunde Kathy, Ruth und Tommy, die von ganz unterschiedlichem Charakter sind. Kathy ist sanft und in sich gekehrt und fühlt sich zu Tommy hingezogen, der als Aussenseiter unter Wutausbrüchen leidet. Ruth kann diese Beziehung nicht nachvollziehen, spürt aber eine instinktive Eifersucht und versucht ihrerseits, mit Tommy anzubändeln. Eines Tages werden die Kinder von der neuen Lehrerin Miss Lucy über ihre wahre Bestimmung aufgeklärt: Alle Schülerinnen und Schüler des Hailsham-Internats seien Klone, die nur zum Zweck entwickelt wurden, als Organspender zu dienen. Sie werden niemals ein normales Leben führen können. Sie werden nicht alt werden und zwischen zwanzig und dreissig ihr Leben mit der dritten Organspende beenden. Die Kinder lauschen zwar gebannt, scheinen den Sinn der Worte aber nicht zu verstehen. Kurz darauf unterrichtet Miss Lucy nicht mehr in Hailsham. In den 80er-Jahren verlassen Kathy, Ruth und Tommy das Internat. Sie sind unterdessen achtzehn Jahre alt und leben ohne tägliche Beaufsichtigung in sogenannten Cottages mit anderen Organspendern zusammen. Chrissie und Rodney, ein befreundetes Pärchen, glauben vernommen zu haben, dass ein Liebespaar die erste Spende um drei Jahre verschieben kann. Für Kathy wird die Situation zunehmend schwieriger, da Ruth und Tommy auch eine körperliche Beziehung eingegangen sind. Sie bewirbt sich als Betreuerin für Spender und verlässt das Cottage. Jahre später, in den 90er-Jahren, begegnet Kathy Ruth im Krankenhaus wieder, als diese gerade die zweite Organspende hinter sich hat. Kathy erfährt, dass Tommy und Ruth getrennt sind und auch Tommy die zweite Spende hinter sich hat. Sie beschliessen, ihren Freund zu besuchen. Als sie zusammen kommen, bereut Ruth, dass sie aufgrund ihrer Eifersucht einen Keil zwischen Kathy und Tommy getrieben hatte und übergibt ihnen die Adresse der Galeristin. Da Tommy sehr viele Bilder gemalt hat, soll er mit Kathy zusammen versuchen, eine aufschiebende Frist zu erhalten. Doch als sie tatsächlich auf die Galeristin und die ehemalige Lehrerin Miss Emily treffen, geben diese zu, dass es nie einen Aufschub gegeben hat und die künstlerischen Arbeiten der Kinder nur dazu gedient hätten herauszufinden, ob Klone eine Seele haben und menschliche Gefühle entwickeln können. Tommy bekommt auf der Rückfahrt einen Schreianfall. Ruth stirbt während ihrer dritten Spende. Kathy übernimmt die Betreuungsfunktion von Tommy und begleitet ihn zur dritten und letzten Spende. Danach bekommt auch sie Bescheid, dass aus ihr nun auch eine Spenderin werden muss.
    Komplett humor- und ironiefrei, gehört "Never let me go" bestimmt zu den traurigsten Filmen, die je gedreht wurden. Natürlich wundert man sich im Verlauf der Geschichte, warum die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die als SpenderInnen dienen, nicht einfach gegen ihr Schicksal revoltieren. Sie versuchen ja durchaus, ihr Leben um wenige Jahre zu verlängern. Die Versuche sind aber nur sehr zaghaft und führen schliesslich in eine Ergebenheit und Akzeptanz im Anblick des nahenden Todes. Ob das eine bittere Allegorie auf das Leben insgesamt ist? Interessant wird die Geschichte, wenn sie sehr unaufdringlich philosophische Fragen stellt: Ist es ethisch vertretbar, Klone, die über die gesamte Palette der menschlichen Gefühle verfügen und sich von natürlich geborenen Menschen in fast nichts unterscheiden, quasi als Ersatzteillager zu benützen? Ist es human, Klone, die über den gleichen Lebenstrieb verfügen, keine dreissig werden zu lassen, damit kranke Menschen gerettet werden können? Unheimlich wird sie, wo sie (im Sinne der Story) behauptet, dass das Klonen bereits in den 50er-Jahren gelungen sei und wir mitten in einer Zeit leben, wo diese wissenschaftliche Methode schon lang verbreitet ist, aber an der Bevölkerung vorbei praktiziert oder von dieser ignoriert wird. Die unterschiedlichen Charaktere der Hauptpersonen werden von den jungen DarstellerInnen Carey Mulligan, Andrew Garfield und Keira Knightley mit grosser Ernsthaftigkeit gespielt. Vielleicht hätte der Film sogar noch beeindruckender sein können, denn, so schön die Filmmusik von Rachel Portman für sich genommen auch ist, in manchen Szenen bekommt sie doch einen leicht aufdringlichen Charakter. Es gibt in diesem Bereich wahrlich schlimmere Beispiele, doch auch hier hätte man in ein paar wenigen Szenen die Musik komplett auslassen können. Ich bin immer wieder überrascht, dass Regisseure nicht merken, wo welche Musik eingesetzt werden sollte, um die Emotionalität einer Szene nicht zu überlasten. Das Ende des Films ist erschütternd und trostlos, in Bezug auf den Filmtitel aber schon fast wieder poetisch-schön. Ein langsamer, zurückhaltender Film, der seine Horrorgeschichte in so schöne Bilder taucht, dass er noch lange nachhallt.

    https://www.youtube.com/watch?v=vIECpiR8y04


    Jeremy / Arthur Barron / USA 1973 / 1 - 2

    Der sechzehnjährige Jeremy Jones besucht die 10. Klasse an der High School of Music and Art in Manhattan, wo er Cello spielt. Sein kluger und freundschaftlicher Privatlehrer prophezeit ihm, dass er ein guter Musiker werden, aber niemals Konzertqualität erreichen wird, da ihm Konzentration und Hingebung fehlen. Als er eines Tages in der Musikschule zufällig der gleichaltrigen Susan Rollins begegnet, die dort Ballett studiert, verliebt er sich augenblicklich in sie. Schüchtern nähert er sich ihr, was sie ebenso schüchtern erwidert. Aus einer Freundschaft wird eine zärtliche Liebesbeziehung, was beide aufblühen lässt, da sie Außenseiter sind. Als Susans Vater, der sich in New York nicht recht wohl fühlt, ein attraktives Jobangebot aus Detroit bekommt, erfährt die Beziehung von Jeremy und Susan ein jähes Ende.
    Aufmerksam auf den Film wurde ich über den Soundtrack von Lee Holdridge, den ich als LP schon seit Jahrzehnten in meiner Sammlung habe. Und obwohl ich den Streifen unterdessen schon mindestens dreimal gesehen habe, konnte ich mir immer noch keine abschliessende Meinung bilden. Der hat irgendwas, das ich nicht recht greifen kann. Wahrscheinlich wird man nur selten einen Film finden, der die Entdeckung der Liebe unter Teenagern dermassen subtil, empathisch und unspektakulär beschreibt. Auch das kurze anti-happy-ending ist recht mutig! Zu keiner Zeit wirkt die Geschichte aufgesetzt oder billig. Ist der Film kitschig? Nein! Ist er sentimental? Schon eher. Allerdings wird das Sentimentale immer wieder rechtzeitig abgewendet, da der Regisseur seine Protagonisten ernst nimmt. Technisch bietet der Film nichts Herausragendes. Offenbar wurde mit ziemlich begrenztem Budget und mit 16mm-Handkamera gearbeitet, aber vielleicht verleiht gerade das den Bildern ihre Authentizität. Zwischendurch habe ich Unsicherheiten beim Spiel von Robby Benson in der Hauptrolle entdeckt. Bei der ersten Sichtung kam er mir sogar wie ein totaler Nerd vor. Glynnis O'Connor als Susan bietet dafür eine ganz grossartige Leistung. Interessant war auch mitanzusehen, wie ernst, reif und respektvoll die beiden miteinander umgehen. Unvergesslich die Szene in der dunklen Pizzeria. Trotz kleiner Mängel ein Perle unter den zahlreichen Coming-of-age-Filmen, der in gewissen Kreisen vielleicht sogar Kultstatuts erreicht hat. Keine Ahnung, wie die heutige Jugend auf den Streifen reagieren würde. Bleibt nur noch anzufügen: Glücklich der, der in seinen jungen Jahren je einem Mädchen wie Susan Rollins begegnet ist.

    https://www.youtube.com/watch?v=mKkiJ5knF7k


    Network / Sidney Lumet / USA 1976 / 1+

    Nachdem der Nachrichtensprecher Howard Beale von seiner Kündigung beim Sender UBS erfährt, kündigt er seinen Selbstmord vor laufender Kamera an. Als er in seiner Abschiedssendung den Suizid auslässt, dafür aber über Gott und die Welt lästert, stösst das auf ein grosses Medienecho. Die neue Programmchefin Diana Christensen kann ihren Boss Frank Hackett dazu überreden, Beale eine eigene Sendung zu geben, was sich als erfolgreiches Konzept erweist. Beale erreicht mit seinen Schimpftiraden ein Millionenpublikum, entfremdet sich aber von seinem Freund Max Schumacher, der als Chef des Nachrichtenressorts im selben Konzern arbeitet. Nachdem Schumacher von Hackett entlassen wird, beginnt er eine Affäre mit Christensen, wodurch er seine Ehe aufs Spiel setzt. Unterdessen ist die Beales Show zu einem Renner geworden, die als Katalysator für den grossen Frust der Menschen über die Zustände, in denen sie leben, dient. Als der Medienkonzern CCA, Eigentümer der UBS, von einer arabischen Investorengruppe aufgekauft werden soll, fordert Beale in seiner Show die Bürger und Bürgerinnen dazu auf, dies zu verhindern, in dem sie die Regierung des Landes mit Beschwerde-Telegrammen eindecken. Arthur Jensen, der Chef von CCA, zitiert Beale daraufhin zu sich und erklärt ihm in einer Art Predigt die Philosophie des globalen Kapitalismus. Beale glaubt, Gott begegnet zu sein und verkündet die Botschaft Jensens in seiner Show. Da sein Publikum aber von diesem Opportunismus enttäuscht ist, verliert die Sendung Einschaltquoten. Christensen, die beziehungsunfähig ist und selbst im Bett mit Schumacher nur über die Fernsehwelt sprechen kann, trennt sich von ihrem älteren Liebhaber, der zu seiner Frau zurückkehrt. Nachdem die Einschaltquoten der Beales Show weiter fallen, Jensen aber nicht bereit ist, die Show abzusetzen, trifft sich Christensen mit Hackett und den übrigen Ressortchefs in einem geheimen Meeting. Da man keine andere Lösung findet, wird beschlossen, Beale von einer linksextremen Terroristengruppe vor laufender Kamera umzubringen zu lassen.
    Der Film ist über vierzig Jahre alt und wirkt so aktuell wie nie zuvor. Die Medien- und Kapitalismuskritik, die damals überspitzt gewirkt haben mag, trifft den Kern unserer heutigen Zeit mit voller Wucht. Drehbuch und Dialoge sind brillant und suchen in der aktuellen Kinowelt ihresgleichen. Allein die Szene, in welcher Beale von Jensen darüber aufgeklärt wird, dass es weder Amerika, den Westen oder die Demokratie, sondern nur noch Konzerne und Währungen gibt, lässt einen erschaudern. Das war 1976 und nicht 2016! Jahrzehnte vor Google, Facebook und Amazon! Die Schauspieler und Schauspielerinnen sind perfekt ausgewählt. Vor allem Peter Finch als Nachrichtensprecher, der aus seinem Nervenzusammenbruch eine Rolle als Messias für die von den Medien dumm gehaltene Bevölkerung kreiert, ist schlichtweg genial. Faye Dunaway als durchgeknallte, eiskalt berechnende und hysterische Programmchefin steht dem nicht nach. Wahnsinn, dass solche Filme dazumal noch Oscars abgeholt haben und für den besten Film des Jahres nominiert waren. “Network” gehört nicht nur zu den besten Filmen der 70er-Jahre, sondern zu den besten Filmen überhaupt. Bleibt die Frage: Wo sind heutzutage die Menschen, die ihr Fenster aufreissen und schreien: I am as mad as hell and I'm not going to take this anymore!

    https://www.youtube.com/watch?v=ZwMVMbmQBug

    https://www.youtube.com/watch?v=HFvT_qEZJf8

    https://www.youtube.com/watch?v=V9XeyBd_IuA

    https://www.youtube.com/watch?v=NcpWk2WKhEM


    The Ice Storm / Der Eissturm / Ang Lee / USA - Frankreich 1997 / 1+

    Im Herbst 1973 leiden die USA unter der Watergate-Affäre und dem Vietnamkrieg. Präsident Nixon erscheint auf allen Kanälen. Die benachbarten Familien Hood und Carver, die mit ihren Kindern an der Ostküste in New Canaan, Connecticut leben, sind befreundet. Elena und Ben Hood sind seit vielen Jahren verheiratet und geben nach aussen hin den Anschein einer intakten Familie. Ihr Sohn Paul besucht ein Internat und hat sich dort in die Mitschülerin Libbets Casey verliebt. Da er aber ein comiclesender Nerd ist, empfindet Libbets nur “schwesterliche” Gefühle für ihn. Die Tochter Wendy Hood ist ein für ihr Alter sehr selbstbewusstes Mädchen, welches liberale Werte vertritt und gegen Kriege und den Präsidenten aufbegehrt. Janey Carver ist eine gelangweilte, aber verführerische Ehefrau. Ihr Mann Jim ist oft auf Geschäftsreisen. Ihre beiden Söhne Mikey und Sandy sind mitten in der schwierigen Phase der Adoleszenz. Da sich Elena Wood in einer Lebenskrise befindet und für ihren Mann unnahbar wird, lässt dieser sich auf eine Affäre mit Janey Carver ein, die erotisch, aber berechnend ist. So leben die Erwachsenen zwischen ihrer Arbeit, ihren Pflichten als Ehepartner, sowie zwischen Langeweile und Parties. Ihre Kinder entdecken unterdessen ihre eigene Sexualität und experimentieren untereinander damit, was zu einigen Verunsicherungen und Kränkungen führt. Als die Hoods und Carvers eines Abends zu einer Schlüsselparty fahren, bei welcher alle Autoschlüssel in eine Schale gelegt werden und die Frauen mit demjenigen Mann nach Hause fahren müssen, dessen Schlüssel sie ziehen, braut sich ein Eissturm über dem Gebiet zusammen. Während Ben vollkommen betrunken auf der Toilette zusammenbricht, zieht seine Frau den Schlüssel von Jim Carver. Mikey Carver zieht sich unterdessen Regenkleider über und rennt nach draussen, weil ihn die Klarheit der eisigen Kälte fasziniert. Eine abgerissene Stromleitung setzt seinem jungen Leben ein Ende. Als Mikey am Morgen von Ben Hood gefunden wird, fährt dieser das tote Kind zu seinen Eltern. Später fährt die Familie Hood zum Bahnhof, um ihren Sohn Paul abzuholen, der an einem Fest von Libbets war. Als die Familie im Auto sitzt, dreht sich Ben zu seinem Sohn um, lächelt ihn an und bricht dann weinend zusammen.
    So endet also meine kleine Themenreihe mit einem meiner absoluten Lieblinge, der leider nie die Beachtung fand, die er verdient hätte. Ein meisterhaftes Kammerspiel, das die Themen der 70er-Jahre offen und ohne Anklage beleuchtet. Der Stillstand der Post-Hippie-Ära wird wunderbar symbolisch präsentiert. Die Erwachsenen spüren ihre Sinn- und Gefühlsleere, können sich aber letztlich nicht daraus befreien und aufeinander zugehen. Und während die Eltern in ihrem Verhalten teilweise wieder zu Kindern werden, erscheinen ihre Kinder viel reifer, auch wenn sie darunter leiden. Ang Lee hatte auch ein wunderbares Schauspielerensemble zur Verfügung. So war es eine Freude, die ganzen Jungstars Tobey Maguire, Christina Ricci, Elijah Wood, Katie Holmes und Adam Hann-Byrd in einem Film zu sehen. Ein zurückhaltendes Drama, trotz durchaus humorvoller Szenen letzten Endes aber deprimierend. Für das Setting und das Zeitkolorit müssen die Filmemacher besonders akribisch recherchiert haben. Der Schluss des Films gehört zum Besten, das ich je gesehen habe. Bin ansonsten ja nicht der grösste Freund der Filme Ang Lees. Für “The Ice Storm” hat er aber meinen lebenslangen Dank. Erwähnenswert ist nebenbei noch die merkwürdig mysteriöse Filmmusik von Mychael Danna, welche dem Film fernab vom üblichen hollywoodschen Musikbrei eine ganz besondere Note gibt.

    https://www.youtube.com/watch?v=40gx55oyshQ

    https://www.youtube.com/watch?v=IjXMWjoX8L4

  4. #4
    Regisseur Avatar von Kalervo
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    AW: Unsere im April 2017 gesehenen Filme (und Serien)

    Nach einer rund zweimonatigen Filmpause von Mitte Februar bis Mitte April, zieht es nun wieder etwas an...

    Kino/FFFN:

    It Stains the Sands Red {2017 - Colin Minihan} 6
    Going to Brazil {2016 - Patrick Mille} 8
    Eat Local {2016 - Jason Flemyng} 7
    El bar {2017 - Álex de la Iglesia} 7


    TV:

    X-Men: Apocalypse {2016 - Bryan Singer} 7
    Central Intelligence {2016 - Rawson Marshall Thurber} 6+
    Pets (The Secret Life of Pets) {2016 - Chris Renaud, Xarrow Cheney} 7
    The bad news is, we did an X-ray, and your body is full of a spooky skeleton man.

    Last watched movies [letzte Änderung: 04. November 2017]

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